10.11.2008 · Es war die Botschaft der Hoffnung, gepaart mit dem Versprechen des Wandels, die Barack Obamas langen Weg ins Weiße Haus öffnete und begleitete. Die Hoffnung bleibt - darauf, dass große Prüfungen auch einen großen politischen Führer hervorbringen.
Von Matthias RübIn Amerika kursiert dieser Tage der Witz, die Präsidentenwahlen von 2008 seien die einzigen in der Geschichte, nach welchen der Sieger und nicht der Unterlegene eine Neuauszählung der Stimmen fordern werde: Nach genauer Betrachtung der Pflichten im Weißen Haus wolle Barack Obama diesen Posten nun doch nicht haben.
Tatsächlich wird der 44. Präsident der Vereinigten Staaten am 20. Januar ein Land übernehmen, das sich mitten in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet und in eine Epoche der inneren und äußeren Prüfung eintritt. Als Obama am Wochenende erstmals seit seinem Wahlsieg vor die Presse trat, ließ er fast zwei Dutzend seiner engsten Mitarbeiter und Berater mit auf die Bühne kommen: Er kann jede Rückenstärkung gebrauchen. Die jüngsten Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt, wonach seit Jahresbeginn weit mehr als eine Million Stellen verlorengingen und die Arbeitslosenrate so hoch ist wie seit 14 Jahren nicht, dazu weitere Hiobsbotschaften von der Agonie der amerikanischen Autoindustrie und auch vom Einzelhandel zeigen, dass die seit Monaten schwärende Krise auf dem Finanz- und Immobilienmarkt nur der Vorbote für eine möglicherweise tiefe und lange Rezession war.
Dank Globalisierung kann Amerika seine Wirtschaft nicht allein kurieren
Ob dieser mit wiederentdeckten wirtschaftspolitischen Konzepten des Keynesianismus und sozialpolitischen Umverteilungsideen wie zu Zeiten der „Great Society“ nach dem Geschichtstrauma der Großen Depression vor einem Dreivierteljahrhundert beizukommen ist, steht dahin. Ein gewaltiges Budgetdefizit und die riesige Staatsverschuldung schränken den fiskalpolitischen Handlungsspielraum ein.
Zudem ist der Gedanke einer amerikanischen Volkswirtschaft, die man in der Hauptstadt Washington zur Reparatur in die Werkstatt schieben könnte, um sie hernach wieder auf Weltenfahrt zu schicken, im Zeitalter von Globalisierung und China-Verschuldung längst obsolet. Beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der G-20-Staaten in Washington wird der künftige Präsident als Gast beim Dinner mehr als nur einen Vorgeschmack darauf bekommen, was von den politischen Führern der wirtschaftsstärksten Länder im Krisenjahr 2009 und darüber hinaus gefordert ist.
Die ideologischen Gräben sind noch nicht überwunden
Man kann nicht sagen, dass die Vereinigten Staaten geeint in diese Phase der Prüfung gingen. Der Wahlsieg der Demokraten kann den Umstand nicht verdecken, dass die linken Eliten an der Ost- und Westküste, die in „ihrem“ Präsidenten Obama auch eine Art Racheengel für die Demütigungen der Bush-Ära sehen, noch immer Welten vom kleinstädtischen „Mittelamerika“ getrennt sind, dessen weltanschauliches Herz weiterhin rechts von der Mitte schlägt. Das haben die Referenden zum Verbot der Homosexuellenehe in mittlerweile fast vier Fünfteln der 50 Bundesstaaten gezeigt, am eindrucksvollsten zuletzt in Kalifornien.
Die Konservativen, zumal die Evangelikalen, sehen dagegen ihre seit Jahrzehnten verfolgten Hoffnungen schwinden, durch einen einzigen weiteren rechten Richter am Obersten Gericht die Revision des Urteils zur Legalisierung der Abtreibung von 1973 zu erreichen. Die von Obama so wirksam verkündete Botschaft von der Überwindung der ideologischen Gräben in den - nicht umsonst eben genau so genannten - Vereinigten Staaten von Amerika ist eine Verheißung, aber noch keine Wirklichkeit.
Die Kluft zwischen Schwarz und Weiß ist immer noch groß
Das Gleiche gilt für die Beziehungen von Schwarzen und Weißen sowie aller Volksgruppen zueinander. Das Versprechen einer „farbenblinden“, postethnischen Gesellschaft ist mit der Wahl Obamas überzeugend bekräftigt worden, eingelöst ist es noch nicht. Gewiss, in Amerika ist alles möglich, wie Obama in seiner zivilreligiösen Erweckungspredigt in der Wahlnacht in die Welt hinausrief und damit Millionen Menschen aller Hautfarben zu Tränen rührte. Wirklichkeit in Amerika ist aber auch, dass 55 Prozent der Insassen amerikanischer Bundesgefängnisse Schwarze sind, obwohl diese nur gut 13 Prozent der Bevölkerung stellen; dass es zwar eine wachsende schwarze Mittelklasse gibt, dass aber die Kluft im Ausbildungsniveau zwischen Schwarzen und Weißen weiter wächst; dass mehr als zwei Drittel der schwarzen Kinder ohne Väter aufwachsen, während etwa die Angehörigen der asiatischen Minderheit auf dem festen Grund stabiler Familien das Potential der unbegrenzten Aufstiegsmöglichkeiten Amerikas viel besser zu nutzen wissen.
Schließlich hallt der innere Streit um die Rolle Amerikas in der Welt und um die richtige Strategie im „Krieg gegen den Terrorismus“ und bei der Befriedung des Iraks durchs Land. Obama steht bei seinen Anhängern, die den Einmarsch im Zweistromland ebenso entschieden abgelehnt haben, wie er es seit je getan hat, mit seinem Versprechen in der Pflicht, die amerikanischen Truppen binnen 16 Monaten nach seinem Amtsantritt aus dem Irak abzuziehen.
Es war die Botschaft der Hoffnung, gepaart mit dem Versprechen des Wandels, die Barack Obamas langen Weg ins Weiße Haus öffnete und begleitete. Die Hoffnung als Begleiter brauchen das Land und sein künftiger Präsident auch weiterhin: darauf, dass große Prüfungen große politische Führer hervorbringen.
Amerikas Hoffnung
Mathis Ebeling (mathise)
- 10.11.2008, 19:45 Uhr
Obama-aufgebauschtes medien produkt
anke richter (Pimlico)
- 11.11.2008, 01:25 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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