14.12.2007 · Abtreibungen bezeichnete er als „Holocaust“, HIV-Infizierte will er zum Schutz der Öffentlichkeit in Quarantäne nehmen. Der baptistische Prediger Mike Huckabee ist vor der ersten Vorwahl in Iowa zum aussichtsreichsten Kandidaten der amerikanischen Republikaner geworden.
Von Matthias Rüb, WashingtonDer Aufstieg vom Geheimfavoriten zum Favoriten kam zwar nicht überraschend, aber überraschend schnell. In den jüngsten Umfragen im Bundesstaat Iowa, wo am 3. Januar die Vorwahlen zu den amerikanischen Präsidentenwahlen beginnen, liegt Mike Huckabee, der 52 Jahre alte ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Arkansas, unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten inzwischen deutlich vor dem wochenlang führenden Mitt Romney.
Bei der letzten Fernsehdebatte vor den Wahlen am Mittwochabend präsentierte sich Huckabee als Einiger in einer von extremer Feindseligkeit geprägten politischen Landschaft. „Wir leben derzeit in einem sehr polarisierten Land“, beklagte er, „und das hat zu einer gelähmten Regierung geführt. Demokraten kämpfen gegen Republikaner, Liberale gegen Konservative, die Linke bekämpft die Rechte. Und wer kämpft wieder für dieses Land?“ – Applaus.
Wahlkampf mit der Bassgitarre
Schon bei der ersten Probeabstimmung, dem informellen „straw poll“ unter potentiellen republikanischen Wählern in der Universitätsstadt Ames im August war der damals noch weithin unbekannte Huckabee mit 18 Prozent der Stimmen auf den zweiten Platz gekommen. Auf den Sieger Romney, der nach Schätzungen in Iowa vor der Probeabstimmung etwa 2,4 Millionen Dollar für seinen Wahlkampf ausgegeben hatte, waren 32 Prozent entfallen. (Siehe auch: Vorwahlen in Iowa: Strohhalm im Präriewind) Doch laut einer Umfrage des Nachrichtenmagazins „Newsweek“ in der vergangenen Woche geben nun 39 Prozent der Wähler, die an der Vorwahl am 3. Januar teilnehmen wollen, Huckabee als erste Wahl an. Für Romney wollen laut der Umfrage nur noch 17 Prozent stimmen. Andere Bewerber wie Fred Thompson, früherer Senator aus Tennessee, und New Yorks einstiger Bürgermeister Rudy Giuliani sind mit zehn beziehungsweise neun Prozent schon abgeschlagen.
Tatsächlich scheint ein Sieg des Baptisten-Predigers Huckabee in Iowa inzwischen wahrscheinlich, obwohl Romney nach Medienberichten bisher zwanzigmal so viel für seinen Wahlkampf in Iowa ausgegeben hat. Während Romney schon im August und jetzt wieder im Dezember in Iowa die Radio- und Fernsehstationen mit Wahlwerbung überflutete, ließ Huckabee, dessen Wahlkampf chronisch unterfinanziert ist, zum „straw poll“ im August 200 Wassermelonen aus seinem Heimatstaat Arkansas herbeifahren.
Huckabee präsentierte sich als David gegen den Goliath Romney, griff zur Bassgitarre, gab unter freiem Himmel ein Rock-Konzert mit seiner Band „Capitol Offense“ und hielt anschließend eine Rede im Sportstadion zu Ames. Romney dagegen gab sich als erfolgreicher und schwerreicher Unternehmer, als gewiefter Krisenmanager der Olympischen Winterspiele von Salt Lake City im Jahre 2002, als zu Kompromissen fähiger Gouverneur von Massachusetts, der mit einer demokratischen Mehrheit im Parlament in Boston erfolgreich zu regieren vermochte, wie der geborene Präsidentschaftskandidat.
Für Waffen und die „Heiligkeit des Lebens“
Huckabee hat die Sympathien der konservativen evangelikalen Christen in dem Agrarstaat des Mittleren Westens, die dem baptistischen Prediger aus dem Süden vertrauen, während sie tiefe, wenn auch uneingestandene Vorbehalte gegen den von vielen als Kult betrachteten Mormonen-Glauben Romneys hegen. Anders als Romney, der als Gouverneur von Massachusetts Abtreibungen faktisch zuließ und sich erst später zum Abtreibungsgegner bekehrte, verweist Huckabee darauf, dass seine konservativen sozial-ethischen Grundüberzeugungen unverrückbar seien: Seit je hat er die „Heiligkeit des Lebens“ – gerade des ungeborenen – verteidigt; schon immer war er gegen die Homosexuellen-Ehe und Pornographie; stets hat er unbeirrt das Recht jedes Individuums auf Waffenbesitz verteidigt.
Die mehreren Millionen Abtreibungen seit dem von Huckabee heftig kritisierten Grundsatzurteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 1973 zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs hat er als „Holocaust“ bezeichnet. Zu seinem Vorschlag vom Beginn der neunziger Jahren, Aids-Kranke und HIV-Infizierte zum Schutz der Öffentlichkeit in Quarantäne zu nehmen, steht er bis heute, verteidigt ihn jedenfalls als damals rationalen Plan zur Eindämmung der Epidemie. Dass er die Idee, alles irdische Leben sei von Gott nach einem Plan geschaffen worden, für mindestens so plausibel hält wie die Evolutionstheorie, schadet ihm im weithin gottesfürchtigen Amerika und zumal im konservativen Iowa keineswegs.
Dazu versteht er es, geschickt mit der Tatsache zu spielen, dass er wie sein berühmter Vorgänger im Amt des Gouverneurs von Arkansas, Bill Clinton, aus dem Städtchen Hope stammt, dessen Name auf deutsch „Hoffnung“ heißt. Gerade für die evangelikalen Christen, die bei den Präsidentenwahlen von 2000 und 2004 zu den Siegen von George W. Bush die entscheidenden Stimmen beitrugen, ist der Demokrat Bill Clinton, der im Weißen Haus mit einer Praktikantin Ehebruch beging und diesen vor den Augen der Weltöffentlichkeit auch noch wahrheitswidrig abstritt, der Inbegriff des vom rechten Weg abgefallenen, moralisch korrumpierten und obszönen Machtpolitikers. „Give Hope a Second Chance“ – „Gebt (der) Hoffnung eine zweite Chance“ – lautet deshalb der Schlachtruf Huckabees, denn er verspricht, als möglicher zweiter Präsident aus Hope die Ehre des Städtchens wiederherzustellen.
Hart und mitfühlend
In der Immigrationsdebatte, die in den jüngsten Debatten der republikanischen Präsidentschaftskandidaten ins Zentrum der Auseinandersetzung trat, nimmt Huckabee eine zugleich harte und mitfühlende Haltung ein. Er ist für eine bessere Sicherung der Grenze zu Mexiko – die gesamte Grenze soll nach seinem Plan bis Mitte 2010 durch einen hohen Stahldraht-Zaun gesichert werden – und für die Abschiebung illegaler Einwanderer. Doch als Gouverneur von Arkansas setzte er die Vergabe von Stipendien an begabte Kinder illegaler Einwanderer durch, was ihm seine Konkurrenten – vor allem Romney – heute als inkonsequente Haltung vorwerfen. Huckabee pflegt dem zu entgegnen, man dürfe in Amerika nicht so hartherzig sein und Kinder für die Fehler ihrer Eltern bestrafen.
Seine Glaubwürdigkeit als „mitfühlender Konservativer“ stellte Huckabee zudem unter Beweis, als Arkansas nach dem Hurrikan „Katrina“ vom August 2005 Unterkunft und Hilfe für 70.000 Hochwasseropfer aus New Orleans und anderen Orten an der Golfküste Louisianas zur Verfügung stellte.
Und schließlich hat Huckabee Humor. Auf die Frage bei einer der letzten Debatten, was wohl sein moralisch-politischer Lehrmeister Jesus Christus zur Todesstrafe sagen würde – Huckabee befürwortet sie –, erwiderte er: „Jesus war viel zu klug, um sich jemals um ein gewähltes Amt zu bewerben.“ Mit dieser Formel gewann Huckabee die Lacher des Abends - und die gesamte Kandidatendebatte.
Ahnungslos in der Außenpolitik
Huckabee ist der jüngste Kandidat der Republikaner und steht daher für den von vielen Wählern auf beiden Seiten des politischen Spektrums ersehnten Generationswechsel. Seine Schwäche ist freilich die Ahnungslosigkeit in vielen außen- und sicherheitspolitischen Fragen. Damit ähnelt er dem für die Vorwahlen in Iowa bei den Demokraten favorisierten Senator Barack Obama, der 46 Jahre alt ist und seinerseits mit der Parole von der „Verwegenheit der Hoffnung“ den Aufbruch aus den Zeiten des lähmenden erbitterten Parteienkampfes der Clinton-Bush-Ära verspricht.
Sollte Huckabee wie erwartet am 3. Januar in Iowa gewinnen, muss er bei den Vorwahlen in New Hampshire am 8. Januar die vielleicht schwerste Prüfung bestehen. Dort liegt Romney deutlich in Führung, weil man ihn als Gouverneur des Nachbarstaates Massachusetts gut kennt und – anders als in Iowa – seine liberale Haltung schätzt. Doch die Botschaft der auf Gott vertrauenden Zuversicht statt der säkularisierten Verzagtheit könnte Huckabee nach einem Sieg in Iowa noch weit tragen.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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