05.09.2008 · Mit einer Kampfansage an das Washingtoner Establishment hat der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain die heiße Phase seines Wahlkampfes eröffnet. In seiner Antrittsrede als Spitzenbewerber präsentierte sich McCain am Donnerstagabend als erfahrener Beschützer Amerikas - und als Reformer.
Von Matthias Rüb, St. PaulDas Motto des letzten Tages der Parteiversammlung zur Nominierung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten lautete „Frieden“, und keiner beherzigte es so ehrlich wie die Hauptperson des Tages und der gesamten dreitägigen Veranstaltung: John McCain - jedenfalls meistens während seiner knapp einstündigen Rede, mit welcher er offiziell und „in Dankbarkeit, Demut und Zuversicht“ die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner annahm und in groben Zügen sein Regierungsprogramm für die kommenden vier Jahre vorstellte.
In erster Linie aber sagte McCain, der selbst 1982 zuerst ins Repräsentantenhaus und vier Jahre später in den Senat gewählt worden war, dem Washingtoner Klüngel den Kampf an. Und er drohte der Hauptstadt an, er werde auch seine Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin bald von Alaska nach Washington bringen.
Versöhnlicher als Sarah „Barracuda“
Was das bedeuten solle, wurde am Schluss mit musikalischen Mitteln bekräftigt: Vom Tonband dröhnte der Rocksong „Barracuda“. Diesen Spitznamen hatte sich Sarah Palin vor Jahr und Tag wegen ihrer aggressiven Spielweise als Basketballspielerin verdient.
Anders als seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, die in ihrer Rede am Vorabend den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten Barack Obama heftig und auch persönlich angegriffen hatte, gab sich McCain am späten Donnerstagabend im Ganzen versöhnlich. Die Rede Palins hatten am Mittwochabend mehr als 37 Millionen Fernsehzuschauer verfolgt - fast so viele wie die Rede Obamas in Denver eine Woche zuvor, als gut 38 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen dabei waren.
„Es kommt ein Wandel“
Seinem Herausforderer Obama versetzte John McCain gleichsam nur im Vorübergehen einige Seitenhiebe - nicht ohne ihm vorher zu dessen historischer Leistung gratuliert zu haben. Als bekennender Außenseiter des politischen Systems, als lebenslanger Rebell gegen das politische Establishment der Hauptstadt warf McCain der „alten Garde in Washington“ vor, diese habe die Staatsausgaben in die Höhe getrieben, erfülle ihre gesetzgeberischen Aufgaben nicht, setze sich selbst an die erste und das Land an die zweite Stelle. „Lasst mich eine Vorauswarnung an die alte Horde in Washington richten, die groß im Ausgeben ist, nichts tut, zuerst an selbst denkt und erst als zweites an das Land: Es kommt ein Wandel“. Er werde nach seiner Wahl ins Weiße Haus Washington buchstäblich ausmisten von Politikern, die „nur für sich selbst und nicht für euch arbeiten“. Er werde „bis zum letzten Atemzug“ für sein Land kämpfen, versprach McCain.
Über die Regierungsarbeit der vergangenen acht Jahre zog er eine selbstkritische Bilanz: „Wir haben das Vertrauen der Amerikaner verloren. Wir waren gewählt worden, um Washington zu ändern, doch Washington hat uns geändert.“ McCains strenge Worte ließen es einen Moment ganz still im Saal werden, in dem eigens für ihn eine neue Bühne aufgebaut worden war, eine laufstegartige Plattform mitten unter den Delegierten.
In der Gefangenschaft in sein Land verliebt
Im eindringlichsten Teil seiner Rede erinnerte der einstige Kriegsheld an seine fünf Jahre in nordvietnamesischer Gefangenschaft. Er schilderte vor den rund 2400 gebannt lauschenden Parteitagsdelegierten, wie er in dieser schwierigen Zeit beinahe gebrochen wurde, aber aus dieser Erfahrung und dem Zusammenhalt mit anderen amerikanischen Kriegsgefangenen Stärke zog. „Ich verliebte mich in mein Land, als ich Gefangener in einem anderen Land war. (...) Ich gehörte nicht mehr mir selbst, ich gehörte meinem Land.“
Programmatisch gab McCain ein kraftvolles konservatives Bekenntnis zu den Kräften des Marktes und des Wettbewerbs auf allen Politikfeldern ab: von der Bildungspolitik über die Gesundheitsversorgung bis zur Wirtschaftspolitik. Weniger Reglementierung und weniger Steuern lautete sein Credo. Nur so könne die gegenwärtige Krise auf dem Immobilienmarkt überwunden werden, nur so könnten neue Arbeitsplätze entstehen. Um die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern zu überwinden, müsse Amerika zuerst im eigenen Boden und in den eigenen Küstengewässern nach Öl und Gas bohren, dazu die Kernkraft mit neuen Atomkraftwerken nutzen und schließlich erneuerbare Energiequellen wie Wind, Sonne und Wasserkraft nutzen.
„Ich hasse Krieg“
McCain versprach zudem, nach seiner Wahl zum Präsidenten die politische Sacharbeit über die Parteizugehörigkeit zu stellen, um so den lähmenden Parteienzank zu überwinden: „Ich werde die Hand von jedem ergreifen, der mir hilft, dieses Land voranzubringen“, sagte McCain. Er habe als Senator in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass er mit Vertretern der gegnerischen Partei zusammenarbeiten könne. „Senator Obama hat das nicht getan“, sagte McCain.
Im außen- und sicherheitspolitischen Abschnitt seiner Rede bekräftigte McCain seine Abscheu vor jedem Waffengang: „Ich hasse Krieg.“ Wie zuvor die anderen Redner des letzten Tages der Parteiversammlung versicherte McCain, dass ein Sieg im Irak dank der von ihm seit langem geforderten Truppenaufstockung möglich und in greifbarer Nähe sei. Er habe die umstrittene Truppenverstärkung im Irak schon zu einem Zeitpunkt gefordert, als dies noch höchst unpopulär gewesen sei, sagte McCain. Aber für ihn sei es stets wichtiger gewesen, einen Krieg zu gewinnen als eine Wahl.
Das „Gute“ vom „Bösen“ unterscheiden
McCain versprach, sich als Präsident für gute Beziehungen zu Russland einzusetzen, warf der russischen Regierung aber vor, die „demokratischen Ideale verworfen“ zu haben, mit ihrem Energiereichtum den Staaten in der Nachbarschaft ihren Willen aufdrängen und „das Russische Reich wiederherstellen“ zu wollen, nicht zuletzt mit dem Einmarsch in Georgien. „Ich weiß, wie die Welt funktioniert“, sagte McCain, und er wisse zudem „das Gute vom Bösen zu unterscheiden“.
McCains Wirken war vor seinem Auftritt in Video gewürdigt worden. Mehrere Gegner des amerikanischen Krieges im Irak störten McCains Rede kurz nach deren Beginn, wurden aber von Sicherheitskräften rasch aus dem Saal geschafft. Die Protestrufe der Demonstranten erwiderten die Delegierten mit „USA! USA!“-Rufen. Mit einem Schlachtruf verabschiedete sich der alte Krieger von seinem Parteitag: „Steht auf und kämpft mit mir!“ Die Delegierten bedankten sich mit stehenden Ovationen und dem lautesten Beifall des Abends.
Bei weiteren Protesten gegen den Parteitag wurden im Lauf des Abends in St. Paul etwa 200 Demonstranten festgenommen. In jüngsten Umfragen liegt McCain hinter Obama.
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Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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