24.11.2008 · Timothy Geithner wird neuer amerikanischer Finanzminister. Der Ökonom gilt als ideologisch unvoreingenommen. Deutschland und die übrigen Mitglieder der G 20 können sich darauf einstellen, in Geithner einen selbstbewussten, aber keineswegs arroganten Verhandlungspartner zu bekommen.
Von Claus Tigges, WashingtonDie Börsianer verloren keine Zeit: Auf die Nachricht, Timothy (genannt Tim) Geithner solle im Kabinett von Barack Obama den Posten des Finanzministers übernehmen, reagierte Wall Street mit einem Kursfeuerwerk. Es war ein weiterer Beleg dafür, dass Geithner, der Präsident der einflussreichen Federal Reserve Bank von New York, unter den Finanzmarktakteuren einen ausgezeichneten Ruf genießt. Ihn hat sich der 47 Jahre alte Währungshüter vor allem in den zurückliegenden Monaten erworben, in denen er mit unermüdlichem Einsatz gegen die Finanzkrise und einen Kollaps des amerikanischen Finanzsystems gekämpft hat.
Als Präsident der Fed von New York verantwortet Geithner die Geschäfte des Notenbanksystems am offenen Markt, mit deren Hilfe die geldpolitischen Beschlüsse umgesetzt und die Liquiditätssteuerung der Wirtschaft kontrolliert werden. Im geldpolitischen Rat der Fed, der vom Notenbankvorsitzenden Ben Bernanke geführt wird, ist Geithner seit 2003 der „zweite Mann“: Im Gegensatz zu den Präsidenten der übrigen regionalen Federal Reserve Banken ist Geithner stets stimmberechtigt und von der Rotation ausgenommen.
Ein Mann mit analytischer Schärfe
Es ist aber nicht nur diese herausgehobene Position, die dem an den Eliteuniversitäten Dartmouth und Johns Hopkins ausgebildeten Ökonomen den Ruf eingetragen hat, mit analytischer Schärfe und ideologisch unvoreingenommen an die Lösung schwierigster Probleme heranzugehen. Geithner hat eine zentrale Rolle gespielt in der Rettung der angeschlagenen Investmentbank Bear Stearns im Frühjahr dieses Jahres, und auch der Milliardenkredit der Fed an den Versicherungskonzern AIG wäre ohne sein Zutun wohl nicht zustande gekommen.
Die zupackend pragmatische Arbeitsweise des Währungshüters mag Obama besonders beeindruckt und ihn zur Entscheidung gebracht haben, Geithner zum 75. Finanzminister der Vereinigten Staaten zu nominieren. Ende Januar könnte er dann an den Ort zurückkehren, an dem in den achtziger Jahren seine steile Karriere begonnen hat. Schnell war er im Ministerium aufgestiegen und hatte zuletzt zwischen 1999 und 2001 den Finanzministern Robert Rubin und Lawrence Summers als Staatssekretär gedient, zuständig für internationale Wirtschaftspolitik. Zwei Jahre lang arbeitete Geithner dann als Direktor der politischen Abteilung des Internationalen Währungsfonds, ehe er für den Fed-Posten nominiert wurde.
Geithner kann sofort übernehmen
Kaum hoch genug kann in diesen turbulenten Zeiten geschätzt werden, dass Geithner das Ruder von Finanzminister Henry Paulson von einem Tag auf den anderen übernehmen kann und sich nicht erst zurechtfinden muss. Einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt, wird Geithner seine Qualitäten als Krisenmanager schnell beweisen können. In den ersten Wochen und Monaten wird es wohl vor allem darum gehen, die von Paulson auf den Weg gebrachte Rettung des Finanzsystems fortzusetzen. Geithner wird dann zu entscheiden haben, wie jene Milliarden, die dann aus dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket noch verblieben sein werden, am sinnvollsten ausgegeben werden sollen. Und er wird einen Plan entwerfen, wie das von Obama versprochene Konjunkturprogramm und eine zusätzliche Hilfe für die krisengeschüttelten amerikanische Autoindustrie in die Tat umgesetzt werden können.
Aber Geithner wird auch die Gelegenheit haben, die Lehren aus der Krise zu ziehen und der notwendigen Neuordnung des regulatorischen Rahmens der Finanzmärkte seinen Stempel aufzudrücken. Das gilt nicht nur mit Blick auf Veränderungen in der nationalen Marktaufsicht und auf das Schicksal der kürzlich verstaatlichten Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae, sondern auch im Zusammenhang mit Bemühungen der führenden Industrie- und Schwellenländer, ein globales Regelwerk für die Finanzmärkte zu schaffen. Deutschland und die übrigen Mitglieder der G 20 können sich darauf einstellen, in Geithner einen selbstbewussten aber keineswegs arroganten Verhandlungspartner zu bekommen. Als Währungshüter hat der Ökonom zuletzt deutlich gemacht, dass entschlossenes Handeln des Staates dann unerlässlich ist, wenn die Stabilität der gesamten Wirtschaft bedroht ist.