Home
http://www.faz.net/-gd1-1005t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Joe Biden Obamas Veteran für die Balance

23.08.2008 ·  Der Kandidat für die Vizepräsidentschaft gilt bisweilen als etwas redselig: Doch mit dem außenpolitisch erfahrenen Veteran Joe Biden will Barack Obama Lücken in seinem eigenen Lebenslauf kompensieren - auch wenn der Demokrat damit seine Botschaft vom „Wandel“ relativiert.

Von Bertram Eisenhauer
Artikel Bilder (1) Video (1) Lesermeinungen (2)

Man muss es Joe Biden lassen: Er weiß um seine eigenen Schwächen. Als er, den Barack Obama am Samstag offiziell zu seinem Kandidaten für die Vizepräsidentschaft machte, noch selbst Präsident werden wollte, wurde er in einer Fernsehdebatte der damals noch acht demokratischen Bewerber gefragt, ob er nicht zu berüchtigt für rhetorische Ausrutscher sei, um auf der Weltbühne zu bestehen.

Könne er seinen Wählern versprechen, dass er über genügend Selbstdisziplin verfüge? Biden darauf trocken: „Yes.“ Das Publikum fing an zu lachen, als klar wurde: Mehr sagt er nicht. Der Moderator wartete das Ausperlen des Gelächters ab und sagte: „Danke, Senator Biden.“

Verliebt in die eigene Stimme...

Dass er in den Klang seiner eigenen Stimme sehr verliebt ist und ihn dies gelegentlich in Schwierigkeiten bringt, würde Biden selbst als einer der ersten zugeben. 1987 kam heraus, dass er Teile einer Rede über seine Herkunft – er stammt aus Pennsylvannia, sein Vater war Autoverkäufer – bei Labour-Führer Neil Kinnock abgeschrieben hatte.

2007 erklärte er seine Kandidatur für die Wahl 2008 und musste sich noch am selben Tag entschuldigen, weil er Mitbewerber Obama den „den ersten Afro-Amerikaner, der redegewandt, klug, sauber und ein gutaussehender Kerl ist“ nannte – was nicht wenige als zumindest herablassend ansahen. Beide Fehltritte sorgten dafür, dass Bidens zwei eigene Anläufe zur Präsidentschaftskandidatur sehr früh endeten.

... aber mit einer einer gewissen Erdenschwere

Dass Obama ihn nun trotzdem ausgesucht hat, hängt sicher damit zusammen, dass der studierte Jurist Biden gedanklich alert ist, eine gewisse Erdenschwere mitbringt und weiß, wovon er redet, besonders in der Außenpolitik. Biden ist seit 1972 ein moderat linker Senator für das kleine, aber wohlhabende Delaware. Als Veteran des Politikgeschäfts und langjähriger Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses hat er genau die Art Erfahrung, mit der Obama Lücken in seinem eigenen Lebenslauf kompensieren will – auch wenn er damit seine Botschaft vom „Wandel“ zugunsten einer vorsichtigen, sicheren Wahl relativiert.

Obama mag auch gefallen, dass ein 65 Jahre alter Vizepräsident seine Agenda kaum durch Ambitionen auf eine eigene Amtszeit im Oval Office stören dürfte. Hinzu kommt: Biden versteht sich auf den Kontakt zum Volk. Bis heute pendelt er täglich per Zug zwischen Washington und seinem Haus in Delaware, 80 Minuten in jede Richtung; die Besatzungen der Amtrak-Züge lädt er jedes Jahr zum Weihnachtsessen ein.

Er ist die Art Politiker, mit der man ein Bier trinken würde – solange er seine Gewitzheit dabei gegen andere richtet. Denn diese Rolle wird er für Obama auch spielen, und sicher sehr geschickt: den Kampfhund. Vergangenes Jahr, als er mit Obama noch um die Kandidatur rivalisierte, sagte er, der Kollege sei für die Präsidentschaft „noch nicht reif“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Verantwortlich für das Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge