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Hoppes Wettbüro 6 Die schnellste Wahl

04.11.2008 ·  Dixville Notch, New Hampshire, fünfundsiebzig Einwohner, hat die pünktlichsten Wähler Amerikas: Midnightvoting seit 1960. Klein ist Dixville, groß das Signal, denn die Legende will es, dass man hier selten aufs falsche Pferd setzt.

Von Felicitas Hoppe
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Ab sofort zählt jede Sekunde. Gut möglich, dass wir es doch nicht mehr schaffen. Tocqueville schläft, und ich fahre schneller. Kurz vor Mitternacht erreichen wir Dixville Notch, New Hampshire. Fünfundsiebzig Einwohner. Schön wie die Schweiz. Schlag zwölf mache ich Halt vor „Balsams Grand Resort Hotel“. Und in der kalten Nacht von Montag auf Dienstag öffnet sich die Tür zum Tanzsaal.

Großer Auftritt der Wähler von Dixville. Alle siebzehn auf einmal. Tocqueville und ich sind nicht die einzigen Gäste. Die ganze Welt will dabei sein, wenn am Fuß der weißen Berge, zwanzig Meilen vor Kanada, die pünktlichsten Wähler der freien Welt auf einen Schlag ihre Stimme abgeben - Midnightvoting seit 1960. Klein ist Dixville, groß das Signal, denn die Legende will es, dass man hier selten aufs falsche Pferd setzt. Minuten später ist die Wahl getroffen, das Ergebnis der Welt bekannt, und Dixville darf wieder schlafen gehen. Für die nächsten vier Jahre.

Hart's Location, achtzig Meilen von hier, die allerkleinste Stadt in New Hampshire, behauptet sogar, die Mitternachtswahl erfunden zu haben und betreibt sie seit 1948, nur weiß davon niemand, weil in Dixville die Uhren schneller gehen, dort ist Mitternacht schon um drei vor zwölf: Wer schneller wählt, ist eben früher der Sieger! (Siehe: Video: Obama gewinnt in Dixville Notch)

Video: Obama gewinnt in Dixville Notch

Den Rest der Nacht verbringen Tocqueville und ich auf der Straße.

Ich fahre, er schreibt:

„Die demokratischen Völker sind . . . nachdem sie alle verschiedenen Wahlsysteme versucht haben, ohne eines zu finden, das ihnen zusagt, sehr erstaunt und suchen weiter; als ob der Mangel, den sie feststellen, nicht eher auf der Verfassung des Landes beruhte als auf der Verfassung der Wählerschaft.“

Es wird hell. Sobald wir im nächsten Bundesstaat sind, schmieren wir Schnitten. Für die Wähler, die keinen Tanzsaal haben und vor den Wahlbüros Schlange stehen, um kurz vor Mittwoch endlich doch noch zu wählen. Für den Fall, dass es kalt wird: Whiskey. Für den Fall, dass die Kälte länger anhält: 2012 ist Hoppes Wettbüro wieder offen.

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe, Jahrgang 1960, ist zurzeit Poetikdozentin an der Georgetown University in Washington, wo sie bis zur Präsidentenwahl ein literarisches Wettbüro unterhält.

Quelle: F.A.Z.
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