05.02.2008 · Hillary „Robespierre“ Clinton und die Wiederkehr des Radikalismus der sechziger Jahre als pragmatischer Apfelkuchen: Eine Anwärterin auf die Präsidentschaftskandidatur ist zu loben.
Von Dietmar DathOb es sie wirklich gibt und Amerika sie nicht einfach geträumt hat, als strenge, zuchtmeisterliche Mutterimago fürs neue Jahrtausend, kompakt verdichtet aus den Tagesresten des erfreulicherweise gleichfalls immer matriarchalischer werdenden Medienalltags: Ganz sicher sollte sich da keiner sein.
Hillary Rodham Clinton ist so ehrgeizig wie Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“, so wild auf wasserdichte Argumente wie Dana Scully aus „Akte X“, von spröder, ein bisschen stierer Herzlichkeit wie Leela aus „Futurama“ und könnte jederzeit die oberste Schlichterin eines Buchclubs spielen, in dem Susan Sarandon, Meryl Streep, Sigourney Weaver und Glenn Close sich um den Primat bei der richtigen Auslegung etwaiger dunkler Stellen im Werk von Isabel Allende prügeln. Nur eine Rolle fehlt noch: Geena Davis als Präsidentin der Vereinigten Staaten in „Welcome, Mrs. President“ (der deutsche Serientitel) beziehungsweise „Commander In Chief“ (wie die Show, erheblich hillarystischer, rodhamoider und clintonesker, im Original heißt).
Strikt nach Stundenplan
Wenn sie's wird, muss sie ihren Vorgänger eigentlich abklatschen wie beim Ping-Pong oder beim Profi-Wrestling, vielleicht mit dem Ausruf: „Schorsch, der Kampf geht weiter!“ Denn George W. Bush hat während seiner reichlich ruckeligen Amtszeit die selbstgefälligeren Segmente der Funktioneseliten der Vereinigten Staaten herber inkommodiert und ihre Ideologie vom „Manifest Destiny“ für „God's own country“ gründlicher demoliert als irgendjemand oder irgendetwas seit Richard Milhouse Nixon. Hillary Rodham Clinton wird diesen Leuten und ihrem unzeitgemäßen Humbug, so fürchten deren klügste Parteigänger, wahrscheinlich den Rest geben.
Allerdings wird sie dabei ganz anders als Bush zu Werke gehen. Der verfuhr beim Mythenzertrümmern sozusagen nach der Methode Eulenspiegel: Unilaterale Übererfüllung der Mission führte zu deren Blamage. Hillary käme, wenn sie denn Gelegenheit dazu erhielte, von der anderen Seite: Die gründlichste Zersetzung eines Auserwähltheitsglaubens ist stets denen gelungen, die vordergründig an ihn appellieren, während sie in Wahrheit ein bis ins Kleinste ausgetüfteltes, komplett unsentimentales, restlos pragmatisches Programm durchziehen. Am Persischen Golf, im Kaspischen Meer, im Nilbecken, im Südchinesischen Ozean und wo immer der Gang der Geschichte es krachen lassen will, wird es auch unter Hillary Clinton krachen, Dienst ist Dienst und Imperialismus ist Imperialismus. Aber zuhause geht es vom Wahlsieg an, wenn er denn kommt, strikt nach Stundenplan.
Finstere Bedrohung
Schon im April 1999, als es um ihre Kandidatur für den Senat ging, schrieb ein verzweifelter Leser an die lustige stockkonservative Zeitschrift „National Review“, man solle „bitte, bitte“ dem scharfsinnigen und rhetorisch hochbegabten Gründer dieses Organs William F. Buckley „schmeicheln, ihn locken und tun, was immer nötig ist, damit er gegen Hillary antritt“. Buckley versuchte, sich mit einem für seine Verhältnisse eher hemdsärmeligen Praktikantinnenwitz aus der Affäre zu ziehen. Aber auf den Abdruck dieser ersten Bitte folgten mehrere weitere, alle im Tenor: Hier geht es nur noch um den nackten, erbarmungslosen Intellekt, wenn Buckley es nicht macht, sind wir geliefert, denn Personal wie Ronald Reagan, Bush Senior und all die andern, denen Buckley so lange den Rücken gestärkt und intellektuelle Munition geliefert hatte, reicht gegen diese finstere Bedrohung nicht mehr aus. Wenn Hillary Clinton Präsidentin wird, schrieb dem Blatt ein ehemaliger Captain der Marine, dann werde er zur Flasche greifen.
Buckley antwortete mit der Prophezeiung, ein solches unvorstellbares Ereignis müsse nicht nur für den Alkoholverkauf, sondern auch fürs Drogengeschäft, ja für das medizinische Narkosebusiness ein Aufschwungssignal sein. Was da nach Trost verlangte, war nicht die Gesinnung, sondern das Gemüt, die Seele. Seit der Französischen Revolution gibt es den Vorwurf kluger Reaktionäre an die Linke, sie sei wurzellos, kalt, von abstrakten, blutleeren Ideen zwischen Erziehungsdiktatur und Planwirtschaft besessen. Das Klischeebild dazu in der gegenrevolutionären Propaganda hieß damals „calculateur patriotique“.
Aus robespierreschem Holz
Alle großen Rosinen, die Hillary Clinton im Kopf spazieren trägt und für die jeder altmodische Vernunftmensch, Aufklärer, Hegelianer, Bonapartist, Illuminat und „New Deal“-Nostalgiker, kurz alle, die auf Strategie, Taktik und langfristige Steuerung des nationalen wie globalen Geschicks setzen, sie einfach lieben müssen, sind aus robespierreschem Holz geschnitzt: gesteigerte staatliche Einflussnahme aufs Schul- und Erziehungswesen, öffentliche Wohlfahrt, alles bitte flächendeckend und auf Punkt und Komma genau kalkuliert.
Sie ist die berechnendste Figur der ganzen jüngeren amerikanischen Politkgeschichte, genau das macht ihr der Feind zum Vorwurf, und eben deshalb, welch schöne Dialektik, ist sie zugleich die unberechenbarste, weil man nie weiß, wozu sie jetzt schon wieder bereit ist, um ihren Fahrplan einhalten zu können. Dass sie ihrem inneren Computer seit Jahren eine Kuschelkur nach der anderen verschreibt und im Bedarfsfall den Zuckerguss gleich tonnenweise appliziert - seht her, ich sitze im Frauenbibelkreis, ich drücke mein Töchterchen, ich schüttle über meinen törichten Ehemann den Pallas-Athene-Kopf -, ist dazu nur der fliederfarbene Komplementärschatten.
An der Grenze zur Tortur
Das Doppelgängerinnenstrategem „die zweite Hillary“, Losung: „Ich kann auch lieb sein“ wird daher, wie jedes andere, auf das sie je verfallen ist, durchgeknüppelt bis hart an die Grenze zur Tortur. Es gibt überhaupt nur einen einzigen Menschen in der Geschichte des Universums, der ebenfalls glaubt, was Hillary Clinton glaubt, nämlich dass man, wenn man schon die führende Frau in der Branche ist, mit Gewalt und schonungsloser Härte gegen sich selbst außer toll, stark, klug, überlegen und genial auch noch recht freundlich sein kann: Madonna Ciccone.
Das permanent operationalisierte Zweck-Mittel-Verhältnisdenken als solches, die brachiale utilitaristische Zerebralität, mit der Hillary Clinton mal an der Börse spekuliert („Hog Futures Trading“, buchstäbliches Schweinegeld also), mal das Gesundheitswesen generalüberholen will und dann wieder den Lewinskyskandal begrenzt, so gut es geht, ist das von rechter Gegnerseite so oft bemühte „Radikale“ an ihrer politischen Persona; die Inhalte sind demgegenüber fast nachrangig. Geradezu rührend linkisch mutet deshalb der Versuch rechtspopulistischer Meinungslenker zwischen Ann Coulter und Rush Limbaugh an, dieser Frau nachzuweisen, sie sei in ihrem innersten Wesen immer eine Vorkämpferin der Ideen von 1968 geblieben.
Büffeln, büffeln, büffeln
Tatsächlich findet man in den Schriften des „radical's radical“ Saul Alinsky, der während der wilden Zeit ein Vorbild für sie war und zu den Bekannten sowohl Martin Luther Kings wie des kalifornischen Farmarbeiterhelden Cesar Chavez gehörte, weniger inhaltliche als strategische Maßgaben, denen sie bis heute die Treue gehalten zu haben scheint. Da ist die Rede davon, radikale Aktivisten sollten „ihren kleinbürgerlichen Hintergrund, wenn sie denn einen haben, nicht herunterspielen“, sondern vielmehr zum Imagenutzen gebrauchen, und Alinsky-Sprüche wie „Wann immer es geht, greif den Feind auf Gebieten an, auf denen ihm die Erfahrung fehlt“ wird sich Barack Obama, selbst wenn er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, in Zukunft hinter den Spiegel stecken.
Hillary Clinton hat ihrem Mann beim Aufrollen des Schicksals lange genug zusehen müssen. Womit hat er es geschafft? Mit Charisma, viel unverdientem Glück und dieser Frau. Ihr Ansatz ist ein im Prinzip überlegener: büffeln, büffeln, büffeln. Wenn die Bürger der Vereinigten Staaten ihre Hausaufgaben ebenso gewissenhaft gemacht haben, werden sie vernünftig zu wählen wissen.
Was für eine seichte Wahlkampflobhuddelei für Shrillary
Hans Mast (hans781)
- 04.02.2008, 22:25 Uhr
Der SiegerIn steht doch eh schon fest
A. Malliki (a.malliki)
- 05.02.2008, 00:21 Uhr
unerträglich
Erwin Steinhauer (hauer2)
- 05.02.2008, 09:39 Uhr
@Hans Mast:
Robin Banks (Tanz_Formel_Tanz)
- 05.02.2008, 11:23 Uhr
Politische Gestaltungswille vs. Gottes Wille und Kapitalinteressen
thomas schulz (peanutbutter)
- 05.02.2008, 12:54 Uhr