10.02.2008 · Er hat das Momentum mit den jüngsten Vorwahlsiegen wieder auf seiner Seite. Was erklärt den Erfolg des Barack Obama? Sein Wahlkampf ist zu einer Bewegung geworden, die mitreißt, elektrisiert, berauscht. Und die Kommentatoren nicht kalt lässt: „Das ist größer als Kennedy, das ist das Neue Testament.“
Von Sascha LehnartzAm Freitag bekam ich eine E-Mail von Barack Obama. In der Betreffzeile stand: „Worauf wir gewartet haben.“ Er sprach mich mit meinem Vornamen an und sagte, wir hätten die Zyniker gemeinsam besiegt. „Thank you. Barack“. Das gefiel mir. Es störte mich nicht, dass das, worauf Barack wartet, mein Geld ist - die E-Mail enthielt die Bitte um eine Wahlkampfspende. Jeder, der sich auf Barack Obamas Internetseite barackobama.com tummelt, erhält dieses Schreiben. „Wir sind der Wandel, den wir wollen“, schmeichelte mir der Präsidentschaftskandidat. Da hätte ich fast gespendet. Die Obamanie hat mich erfasst, wie so viele.
Erstmals seit Jahrzehnten scheint eine politische Bewegung zu entstehen, die mitreißt - und die man wenigstens siegen sehen will, wenn man schon nicht mitmachen darf. Das Ziel bleibt vage, klingt aber super: „change“. Kann ja nur besser werden. Eine Umfrage des „Stern“ behauptet, 43 Prozent der Deutschen wollten Obama wählen, nur 39 Prozent die ungleich bekanntere Hillary Clinton. Wie viele Menschen in Europa sonst noch am frühen Mittwochmorgen die Ergebnisse des „Super-Tuesday“ im Internet nachlasen und noch im Schlafanzug eine „Yes“-Faust ballten, hat niemand gezählt. Aber man frage einfach mal informierte junge Leute aus muslimischen Ländern oder aus Afrika, welchen Kandidaten sie wählen würden, wenn sie über den Führer der Weltmacht mitbestimmen dürften . . . Es könnte sein, dass wir gerade die aufregendste politische Entwicklung seit Jahrzehnten erleben, weil da ein Politiker am Horizont erscheint, der auch Realisten und Zynikern - und das sind längst die meisten - wieder ermöglicht, auf eine bessere Welt wenigstens kurz hoffen zu dürfen.
„Das ist das Neue Testament“
Selbst abgebrühte Beobachter des politischen Geschäfts in den Vereinigten Staaten zeigen sich beeindruckt: Chris Matthews, der die zünftige politische Streitshow „Hardball“ moderiert, behauptet: „Das ist größer als Kennedy. Obama kommt und hat auf alles eine Antwort. Das ist das Neue Testament.“ Der Unterschied zwischen Hillary Clinton und Obama sei wie der zwischen Salieri und Mozart. Sie sei beeindruckend, aber nicht inspirierend. Hillary sei wie der Hofkomponist, der sein Handwerk beherrsche, Obama aber sei „ein Genie“. Hendrik Hertzberg stößt im „New Yorker“ in ein ähnliches Horn: Obama verbreite einen politischen Zauber, den man seit den Kennedy-Brüdern nicht mehr gesehen habe: „Er hat etwas von Jacks vorausweisender ironischer Coolness und zugleich etwas von Bobbys ernstem, inspirierendem Eifer.“
Und Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, der fünf amerikanische Präsidenten kennengelernt und für drei von ihnen gearbeitet hat, hält Barack Obama gar für den einzigen Politiker, den man mit Kennedy vergleichen könne. Blumenthal, der Kennedy beriet und als Finanzminister unter Jimmy Carter im Oval Office ein und aus ging, sagt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Was ein Präsident brauche, seien Urteilskraft, Mut, politische Intelligenz und die Fähigkeit, Menschen zu inspirieren. Kennedy habe das geschafft, als er seinen Mitbürgern einst zurief, sie sollten nicht fragen, was ihr Land für sie tun könne, sondern was sie für ihr Land tun könnten. Obama habe genau dieselbe „Ausstrahlungskraft“, sagt Blumenthal auf Deutsch.
Obama berauscht die Reporter
Um zu verstehen, was er damit meint, genügt es, sich die Videos mit Obamas Wahlkampfreden auf „YouTube“ anzusehen oder aber die Berichte zu lesen, die berauschte Reporter über dessen Auftritte verfassen. In den vergangenen Tagen kamen in Boise im Staat Idaho 14.000, in Denver/Colorado 18.000, in Wilmington/Delaware 20.000 und in Hartford/Connecticut 17.000 Menschen in Stadien zusammen, um Obamas frohe Botschaft zu hören. Die besteht im Kern aus drei Worten: „Yes, we can.“ Man möge ihn ruhig auslachen, schrieb der Reporter des „Hartford Courant“, der ältesten amerikanischen Tageszeitung, aber der Tag werde kommen, an dem die Leute erzählen „Ich war damals dabei an jenem verschneiten Abend in Hartford im Jahr 2008, als Obama uns sagte: ,Amerika ist zurück'.“
Selbst Andrew Rosenthal, der Chef der Meinungsseite der „New York Times“ (die kurz zuvor eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton abgegeben hatte), notierte nach dem Besuch jener Kundgebung in Los Angeles am vergangenen Samstag, bei der Obamas Ehefrau Michelle sowie Oprah Winfrey, Caroline Kennedy und Maria Shriver gemeinsam in die Arena gestiegen waren, die vier Frauen hätten „die beste Wahlkampfveranstaltung auf die Beine gestellt, die ich in den zwanzig Jahren, in denen ich über Präsidentenwahlen schreibe, gesehen habe“.
Kraft aus scheinbarer Schlichtheit
Zur Einstimmung zeigte Michelle Obama bei diesem Happening ein Video, das der Musiker will.i.am von den „Black Eyed Peas“ produziert hat - angeblich in Eigeninitiative und nicht im Auftrag der Obama-Kampagne. will.i.am. unterlegte Fragmente der Rede, die Barack Obama nach seiner Niederlage bei der Vorwahl in New Hampshire hielt, mit einer eingängigen Gitarrenmelodie. Dann ließ er ein paar Bekannte, darunter die Schauspielerin Scarlett Johansson, den ehemaligen Basketball-Star Kareem Abdul-Jabbar und den Musiker Herbie Hancock, den Refrain singen: „Yes, we can“. Herausgekommen ist ein Stück politischer Propaganda (www.yeswecansong.com), das seine Kraft aus der scheinbaren Schlichtheit gewinnt.
Wenn man Scarlett Johansson singen hört „heal this nation / repair this world“, ist man bereit zu glauben, dass Obama genau das kann. Einen Politiker, der derart im Gleichklang ist mit dem popkulturellen Lässigkeitscodex seiner Zeit, hat es seit Kennedy (für den Sinatra einst „High Hopes“ sang) nicht mehr gegeben. Das Video entfaltet die gleiche Wirkung wie Obama selbst. Dessen größte Stärke besteht darin, Glauben zu wecken. Den Glauben an die Möglichkeit positiver politischer Veränderungen, den mindestens eine bis zwei Generationen verloren hatten. Obama ist eine Projektionsfläche, Hillary Clinton bloß eine Politikerin. Von Hillary kann man sich regieren lassen, mit Barack darf man träumen.
Das Ende einer als verlogen entlarvten Rhetorik?
Obama ist der Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin aus Kansas. Vom Vater früh verlassen, wuchs er in Indonesien und auf Hawaii auf, bevor er in Harvard Jura studierte und in Chicago als Sozialarbeiter tätig war. Diese Lebensgeschichte klingt, als hätten sie sich zwei bekiffte Multikulti-Enthusiasten nachts bei einem transkontinentalen Skype-Telefonat ausgedacht. Sie weckt gerade unter den gebildet träumenden Schichten die Hoffnung, dass Klassen-, Rassen- und Geschlechterdifferenzen überwindbar sind, und dass das einzig denkbare Verhältnis zwischen verschiedenen Kulturen nicht „Kampf“ sein muss.
Was Obama außerdem verspricht, ist das Ende einer seit langem als verlogen entlarvten politischen Rhetorik. Ob das ausreicht, um in den verbleibenden Vorwahlen auch noch ältere Frauen und Latinos mitzureißen - also jene beiden Wählergruppen, die sich bislang als nicht visionsanfällig erwiesen und mehrheitlich Clinton wählten -, und ob sich Obamas Graswurzel-Bewegung tatsächlich gegen das von den Clintons dominierte Partei-Establishment der Demokraten durchsetzen kann, wird sich zeigen.
Wenn es nicht klappt, war es ein kurzer, schöner Traum. „Obama ist ein Symbol für das, was verlockend und gut ist an Amerika“, befindet Michael Blumenthal. Durch seine Biographie repräsentiere Obama das 21. Jahrhundert. Seine Wahl zum Präsidenten könne das Ansehen Amerikas in der Welt schlagartig wieder heben, glaubt Blumenthal: „Vielleicht beginnen dann auch in Deutschland, wo es wohl noch etwas dauern wird, bis man sich einen türkischstämmigen Kanzler vorstellen kann, junge Leute wieder das Gute an Amerika zu sehen, und werden sich fragen: ,Warum können wir so einen nicht haben?'“
Kritiker werfen ihm fehlende Inhalte und Naivität vor
Mit einer gewissen Verzweiflung monieren Hillarys Anhänger derweil, Obamas Wahlkämpfer sprächen fast nie über konkrete politische Vorschläge ihres Kandidaten, sondern fast nur darüber, wie sie selbst zu Obama gefunden hätten. Der Mann sei aber nicht Jesus. Der Kolumnist Joe Klein nörgelte im Magazin „Time“, im Obama-Wahlkampf gehe es vor allem darum, wie toll der Obama-Wahlkampf sei. Häufig kommt auch der Vorwurf, Obamas Vorstellung, die politischen Grabenkämpfe des Washingtoner Establishments mit runden Tischen überwinden zu können, sei schlichtweg naiv. Andere bemängeln, die Rhetorik der Hoffnung sei nur ein taktisches Mittel, um Wähler aus beiden Lagern zu gewinnen, die die immer gleichen Parteienkonflikte satthätten. Wenn das aber Taktik sei, dann sei Obama vielleicht doch nicht so authentisch, wie er tue.
Der Schriftsteller Michael Chabon antwortete darauf in der „Washington Post“ mit einem schönen Text, der mit dem Satz beginnt, es gebe viele Gründe, Barack Obamas Kandidatur nicht zu unterstützen - aber jeder einzelne sei aus demselben Grund schlecht. Es seien nur Vorwände, welche die Angst vor Enttäuschungen verbergen wollten. Das Risiko müsse man aber eingehen, wenn man versuche, ein Ideal zu verwirklichen. Obama zu unterstützen, heißt für Chabon, sich zu gestatten, wieder an Ideale zu glauben. „Und wenn wir dann am 5. November 2008 aufwachen und feststellen, dass wir Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht haben“ - dann sei die Welt ihrer wahren Natur wieder ein Stück näher gekommen, schreibt Chabon. „Wir können das schaffen. Habt keine Angst.“
Das Obama-Momentum
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 10.02.2008, 19:43 Uhr
Das Video
David Christoffer (nervous1)
- 10.02.2008, 19:55 Uhr
Woher kommen die Spenden Obamas? Einen Hinweis erlaubt ...
Martin Fischer (marfi)
- 11.02.2008, 12:11 Uhr
Obama: Kaiser ohne Kleider zwischen visonären Illusionen und Wortblasen
joachim bovier (jbovier)
- 12.02.2008, 16:58 Uhr
An die Zyniker: Schön, daß die Frage nach der Beschaffenheit der Gesellschaft,
Johannes Warda (Setzkasten)
- 14.02.2008, 21:00 Uhr