06.02.2008 · Die Begeisterungs-Demokratie der Vereinigten Staaten hat sich selbst einen aufregenden „Super Tuesday“ beschert. Unbestrittener Star der Nacht war der gewaltige Touchscreen im Studio von CNN: Die Vorwahlen als deutsches Fernsehereignis.
Von Jochen HieberIn den guten Augenblicken ihrer Geschichte sind die Vereinigten Staaten eine Begeisterungs-Demokratie. Die Amerikaner begeistern sich dann an sich selbst und vermögen es zugleich, ihren Enthusiasmus auf eine ansteckende, also keineswegs selbstbezogene Weise zu exportieren. Die Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidaturen der Demokraten und Republikaner bieten allemal beste Voraussetzungen für eine periodisch wiederkehrende Verjüngungskur dieser freudigen Amerika-Emotion. Schon gar in diesem Jahr.
Das Land hat schwierige Zeiten hinter sich, leichte stehen ihm gewiss nicht bevor. Und doch: Seit in Iowa und New Hampshire zu Jahresbeginn die Serie von Vorwahl und Caucus begann, kann man auch aus der Ferne förmlich spüren, dass das Engagement für alle auch nur einigermaßen aussichtsreichen Kandidaten beider Parteien den aktiven Teil der Bevölkerung nachgerade elektrisiert. „Reichere Reserven menschlichen guten Willens als in Amerika“, hat Golo Mann vor über einem halben Jahrhundert notiert, „gibt es auf Erden nicht.“ Am „Super Tuesday“ des Jahres 2008 wurde diese nicht unvernünftige Gefühlsdiagnose aufs Neue bestätigt, auch wenn ihr die reale Politik keineswegs immer folgt.
Heroische Simultandolmetscher
Wenn man live dabei sein wollte, als Hillary Clinton, Barack Obama, John McCain, Mitt Romney und Mike Huckabee an diesem 5. Februar noch während der Urnengänge mögliche Wähler zu mobilisieren suchten, wenn man die ersten Prognosen aus den vierundzwanzig Bundesstaaten, das Eintreffen erster Resultate und schließlich die oft knappen Endergebnisse miterleben wollte, war man hierzulande fast ausschließlich auf fremdsprachige Fernsehsender angewiesen, auf BBC-World und Sky News aus London also und, naturgemäß, auf den amerikanischen Nachrichtenriesen CNN.
Nach ihren jeweiligen Nachtjournalen, eine halbe Stunde nach Mitternacht mithin, verabschiedeten sich jedenfalls sowohl ARD und ZDF als auch RTL und die privaten Nachrichtensender n-tv und N24 aus der aktuellen Berichterstattung, um sie erst fünf, sechs Stunden später wieder aufzunehmen. Einzig der öffentlich-rechtliche Politik- und Parlamentskanal Phoenix blieb uns erhalten - immerhin mit einem Moderator (Michael Kolz) und einem Experten, dem Kölner Politikwissenschaftler Thomas Jäger, im Studio. Übernommen wurde ansonsten die Live-Sendung von MSNBC, Amerikas drittgrößtem Nachrichtenkanal: Heroische Medienarbeit verrichteten in Deutschland deshalb einzig die Simultandolmetscher von Phoenix.
Abgeschlagen aber unverdrossen
Der erste Sieger des „Super Tuesday“ stand schon in den frühen amerikanischen Nachmittagsstunden fest. Es war der republikanische Außenseiter Mike Huckabee, der auf einem regionalen Parteitag in West Virginia gewann und dabei achtzehn Delegiertenstimmen für seine Nominierung sammelte. Es gehe nicht darum, warnte man bei CNN sogleich, einzelne Staaten zu gewinnen, sondern eben Delegierte - und deren achtzehn seien ja nun nicht eben berauschend. Diese durchaus richtige Analyse sollte im weiteren Verlauf eine Art leitmotivisches Paradoxon erzeugen: Sowohl bei den Prognosen gleich nach der Schließung der Wahllokale als auch bei den dann einlaufenden Einzelergebnissen war man auf die Zählgeschwindigkeit im jeweiligen Bundesstaat angewiesen, musste aber immer wieder betonen, dass es für eine definitive Aussage über den Wert der gewonnenen Stimmen noch entschieden zu früh sei.
Huckabee, der von allen Kandidaten am fröhlichsten wirkte, focht solche Relativierung die ganze Wahlnacht über nicht an. Er holte sich weitere Achtungserfolge in Arkansas, Alabama, Georgia und Tennessee, kam damit zwar nur auf 142 Delegiertenstimmen, gab als Erster der Kandidaten aber auf allen Kanälen Interviews und rief seinen jubelnden Anhängern unverdrossen zu, er werde der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein.
Seitenblicke auf Jack Nicholson und Maharishi Yogi
Im Aufwärmprogramm des Vorabends hatten BBC World, Sky News und CNN noch Zeit für Seitenblicke auf das beiläufige Wahlgeschehen. So erfuhren wir, dass sechs Millionen Amerikaner im Ausland leben, und nahmen teil am Urnengang in der Londoner Porchester Hall. Das Thema ging alsbald verloren. Jack Nicholson habe sich in die prominente Unterstützerschar von Hillary Clinton eingereiht, die ihrerseits jedoch vom Wind der Veränderung bedroht werde, den Barack Obama im ganzen Land entfacht habe.
Auch Weltnachrichten kamen zunächst noch vor, wobei die Brandkatastrophe in Ludwigshafen und die dramatischen Bilder, die sie lieferte, im Mittelpunkt standen. Abgelöst wurden sie dann von den Wirbelstürmen, die am Abend Tennessee und Arkansas heimsuchten. Für die Meldung vom Tod des Maharishi Yogi, des einstigen Gurus der Beatles, blieb später nur eine durchlaufende Nachrichtenzeile.
„Sehr kompliziert, aber auch sehr faszinierend“
Das Schließen der Wahllokale inszenierte CNN jeweils mit einem sekundengenau dramatischen Countdown, um dann Wolf Blitzer, den dauerhaftesten Anchorman der Wahlnacht, die Vorhersage des Ausgangs verkünden zu lassen - oder eben den Verzicht auf eine Prognose, weil die Kandidaten bei der Nachfrage des Senders außerhalb der Wahllokale zu dicht beieinander waren. Gelassene Professionalität herrschte im großen Nachrichtenstudio, als die Auszählung Staat für Staat fortschritt, auch die sofortigen Einschätzungen der wechselnden Kommentatorenrunden blieben bei aller pointensüchtigen Formulierfreudigkeit in der Sache stets vorsichtig und zurückhaltend: „Es ist alles sehr kompliziert, aber auch sehr faszinierend“, lautete der Refrain der journalistischen Wahlanalytiker.
Wandel gegen Erfahrung, beide im Lichte jener moralischen Werte, die es zu bewahren oder wiederzugewinnen gelte: Das waren, wie schon in den Wochen zuvor, die Leitbegriffe des politischen Diskurses. Der Republikaner Mitt Romney war nach Huckabee der zweite Kandidat, der die Kameras suchte: Nach seinem Sieg beim Heimspiel im Massachusetts verkündete auch er, gewiss Amerikas nächster Präsident zu werden. Romney, lautete sarkastisch ein CNN-Kommentar, habe zumindest eine ständig funktionierende Geldmaschine in seiner Hosentasche. Inzwischen hatte Obama zwar mehr Staaten als seine demokratische Rivalin gewonnen, Hillary Clinton aber hatte in New York triumphiert - und, atmosphärisch zumindest ebenso wichtig, in Massachusetts, der Heimat der Kennedys, die sich vehement für ihren demokratischen Gegner eingesetzt hatten.
Warten auf Kalifornien
Alle Akteure warteten nun auf Kalifornien, wo die Wahllokale am Mittwoch um fünf Uhr früh deutscher Zeit schlossen. Aber weder Hillary Clinton noch Barack Obama wollten es riskieren, ihren Auftritt vor den Anhängern solange zu verschieben, bis dort ein klarer Trend zu erkennen war. Zuallerletzt präsentierte sich John McCain der Öffentlichkeit - und er, wenn es denn einen gab, war der Sieger des „Super Tuesday“. 1191 Delegierte muss er mindestens hinter sich bringen, um republikanischer Präsidentschaftskandidat zu werden, mehr als 600 Stimmen hat er bereits sicher. Bei den Demokraten führt Clinton knapp vor Obama (Siehe auch: Ergebnisse der Vorwahlen in Amerika).
„Amerika ist das einzige Land“, hat Oscar Wilde schon vor mehr als hundert Jahren geschrieben, „das den direkten Weg von der Barbarei zur Dekadenz gegangen ist - und zwar ohne den Umweg über die Zivilisation.“ Ohne ganz falsch zu sein, stimmt an diesem Satz nicht einmal die Übertreibung. Jedenfalls hat sich die Begeisterungs-Demokratie der Vereinigten Staaten selbst einen aufregenden „Super Tuesday“ beschert. Unbestrittener Star des Abends und der Nacht war übrigens der gewaltige Touchscreen im Studio von CNN, der auch Wunderdinge der Genauigkeit bewerkstelligen konnte, von denen man bisher noch gar nicht wusste, dass sie überhaupt existieren.