18.01.2009 · Zugfahrt, Popkonzert, Vereidigung, Antrittsrede, Bälle: Fünf Tage währt das Fest zum offiziellen Einzug des 44. Präsidenten in Washington. Barack Obama tritt ein gewaltiges Amt an. Die Amtsübergabe von George W. Bush ist eine Art „Magical History Tour“. Zentrale Bezugspunkte: der Träumer Martin Luther King und der Krisenpräsident Abraham Lincoln.
Von Matthias RübAm Samstagmorgen verließ der Zug der Geschichte Philadelphia und rollte langsam auf Washington zu. Weitere Stationen auf der Eisenbahnreise vom Bahnhof an der 30. Straße in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania zur „Union Station“ in Washington im Hauptstadtdistrikt waren Wilmington in Delaware und Baltimore in Maryland. Dazu fuhr der Zug auf seiner gut 220 Kilometer langen Reise im Schneckentempo durch verschiedene kleine Bahnhöfe in Delaware und in Maryland, damit der künftige Präsident und sein Vize sowie deren Familien dem Volke zuwinken konnten. Zehntausende wurden an der Bahnstrecke erwartet. Zur zentralen Veranstaltung auf der „War Memorial Plaza“ in Baltimore, wo Barack Obama am Samstagabend eine Rede halten wollte, sollten gut 100.000 Zuhörer kommen.
Zweieinhalb Monate sind vergangen seit dem historischen Wahlsieg Obamas vom 4. November, und am Samstag begann endlich der offizielle Einzug des 44. Präsidenten in die amerikanische Hauptstadt. Fünf Tage werden die Feierlichkeiten dauern. Das ist nur recht und billig für die Übernahme eines gewählten Amtes, welches nach dem Wort des großen amerikanischen Historikers Clinton Rossiter „die Würde eines Königs mit der Macht eines Premierministers verschmilzt“. Außerdem gilt es für die Amerikaner, sich immer wieder des beispiellosen Umstands zu versichern, dass die Nachfolge in diesem einzigartigen Amt seit 220 Jahren friedlich und geordnet verläuft.
Eine Art „Magical History Tour“
Als George Washington im Jahre 1789 als erster amerikanischer Präsident die Herrschaft über die 13 ehemaligen britischen Kolonien übernahm, hatte die junge Republik kaum vier Millionen Einwohner; etwa ein Fünftel davon waren schwarze Sklaven, die ebensowenig wahlberechtigt waren wie Frauen. Am Dienstag tritt der erste Schwarze das monarchisch-republikanische Amt im Weißen Haus an, als in allgemeinen Wahlen bestimmtes Staatsoberhaupt der größten Volkswirtschaft und stärksten Militärmacht auf dem Globus mit inzwischen mehr als 305 Millionen Einwohnern.
Die Amtsübergabe von George W. Bush auf Obama ist eine Art „Magical History Tour“, und die Zugfahrt vom Samstag markiert die ersten Stationen dieser magisch-historischen Zitatreise. Es folgt an diesem Sonntag ein gewaltiges Rockkonzert mit Stevie Wonder und Bruce Springsteen, Shakira und Beyoncé, Bono und John Legend sowie vielen anderen Stars am Lincoln Memorial am westlichen Ende der Denkmals- und Museumsmeile National Mall. Dort, auf der obersten Treppenstufe, hielt der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 die vielleicht größte öffentliche Rede der amerikanischen Geschichte mit dem Titel „I have a dream“. An jener Stelle, an welcher King seine Jahrhundertrede hielt, wird an diesem Sonntagabend auch Obama reden.
Morgen dann, am jährlich begangenen Martin Luther King Day, gedenkt die Nation mit Veranstaltungen und vor allem mit gemeinnütziger Arbeit des Lebens und Wirkens des Friedensnobelpreisträgers von 1964, der 1968 in Memphis ermordet wurde. Obama und sein Vize Joe Biden werden mit ihren Familien ebenfalls gemeinnützige Arbeit leisten, gemeinsam mit Millionen Amerikanern, die dem Aufruf ihres neuen Präsidenten folgen wollen. Am Dienstag schließlich werden Biden und Obama auf den Stufen des Kapitols am östlichen Ende der National Mall vor bis zu zwei Millionen Menschen ihren Amtseid ablegen. Es folgen Obamas Antrittsrede, ein Mittagessen im Kapitol, die Parade vom Kapitol zum Weißen Haus mit Dutzenden von Musik- und Tanzgruppen, der Auszug der Bushs aus dem Weißen Haus und der Einzug der Obamas sowie am Abend Dutzende von offiziellen und inoffiziellen Bällen. Zur Einkehr und allmählich auch zum Alltag sollen der Präsident und die Nation dann am Mittwochmorgen finden, wenn Obama und Biden mit ihren Familien zum „Nationalen Gebetsgottesdienst“ in der National Cathedral in Washington kommen.
Pragmatischer und postideologischer Präsident
Die detaillierten Planungen zu den Inaugurationsfeierlichkeiten sowie die Vorbereitungen zur Amtsübernahme zeigen zwei Grundzüge Obamas, die seine Präsidentschaft prägen könnten. Der erste Pfeiler ist das ausgeprägte Bewusstsein einer tiefen historischen Verwurzelung des Amtes, in das er gewählt wurde, sowie der geschichtlichen Bedeutung seines Wahlsieges. Die zweite Säule ist die von einer schier unheimlichen, jedenfalls stets unaufgeregten Selbstgewissheit getragene Überzeugung, als pragmatischer und postideologischer Präsident die Nation in Einigkeit statt im Zwist durch eine Zeit der Prüfung führen zu müssen.
Wie gewandt sich Obama im Netz der geschichtlichen Beziehungen bewegt, wie zielsicher er die richtigen Zitate aus dem Zettelkasten der amerikanischen Präsidentengeschichte zieht, zeigt die Dramaturgie des Einzugs nach Washington und des Aufstiegs aufs Kapitol. Schon die Ausgangsstation Philadelphia ist mit Nationalgeschichte förmlich durchtränkt. In der „Stadt der brüderlichen Liebe“ hängt die „Liberty Bell“, ein weiteres Symbol der Bewegung zur Überwindung der Sklavenhalterei.
Eckpunkt des Zugs der Geschichte aber ist Abraham Lincoln (1809 bis 1865), der als 16. Präsident die Union durch ihre tiefste Krise - den amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 - führte und mit der „Emancipation Proclamation“ von 1863 zugleich deren schwersten Geburtsfehler überwinden half: die Sklaverei. Obama begann seine politische Laufbahn wie Lincoln in Illinois, und er kündigte seine Kandidatur für das Präsidentenamt vor fast zwei Jahren, am 10. Februar 2007, vor dem „Old State Capitol“ in der Hauptstadt Springfield an. Dort hielt Lincoln 1858 seine berühmte Rede vom „House Divided“, vom „zerstrittenen Haus“, das nicht stehen könne.
Wie Lincoln fährt Obama mit dem Zug nach Washington
Die Überwindung der inneren Teilung war und ist der „cantus firmus“ von Obamas maßgeblichen Reden, seit sein kometenhafter Aufstieg mit der fulminanten Grundsatzrede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten 2004 in Boston begann. In deren allererstem Satz wird sogleich Lincoln als Säulenheiligem gehuldigt. In der Wahlnacht zitierte Obama in seiner Rede in Chicago Lincolns erste Inaugurationsansprache direkt: „Wir sind nicht Feinde, sondern Freunde. Die Leidenschaft mag das Band unserer Zuneigung gedehnt haben, doch zerreißen darf sie es nicht.“ Obama wird am Dienstag beim Amtseid auf den Stufen des Kapitols seine linke Hand auf jene Bibel legen, auf welche schon Lincoln seinen Schwur geleistet hatte. Die Lincoln-Bibel ist eine Leihgabe der Kongressbibliothek und muss nach der Inauguration umgehend zurückgegeben werden.
Wie Lincoln zu seiner ersten Amtseinführung 1861 fährt Obama mit dem Zug nach Washington. Lincoln stieg am 23. Februar 1861 morgens um vier Uhr aus Sorge vor Mordanschlägen von Sympathisanten der Südstaaten-Föderierten in Maryland inkognito in Baltimore um, während seine Frau am festgelegten Fahrplan festhielt. Das brachte dem künftigen Präsidenten den Spott mancher Zeitungen ein, die über Lincolns Fahrt in der „Untergrund-Eisenbahn“ herzogen, während Frau Lincoln überirdisch und ohne Furcht vor möglichen Attentätern gereist sei. Auch Obama plant für den Samstag am „War Memorial Plaza“ neben dem Rathaus von Baltimore in aller Öffentlichkeit eine Rede.
Etwa vier Fünftel aller Amerikaner setzen große Hoffnungen in Obama
Neben Lincoln und Obama kamen noch andere Präsidenten auf dem Weg zur Amtseinführung durch Baltimore, die der künftige Präsident in der Vergangenheit als maßgebliche Bezugspunkte seiner persönlichen Präsidentengeschichte nannte. Ebenfalls im Zug reiste Woodrow Wilson (1856 bis 1924), der 1913 von Princeton aus in die Hauptstadt fuhr und die Vereinigten Staaten durch den Ersten Weltkrieg steuerte. Und Franklin D. Roosevelt (1882 bis 1945), der 1933 auf dem Weg nach Washington seinen Sohn James in der Hafenstadt an der Chesapeake Bay zusteigen ließ und Amerika während seiner zwölf Jahre im Weißen Haus nicht nur aus der Großen Depression, sondern auch zum Sieg im Zweiten Weltkrieg führte. Sogar George Washington machte auf dem Weg zur Inauguration in Baltimore Station; allerdings kam er zu Pferde und reiste in nördliche Richtung, denn seine Vereidigung fand in New York statt.
Dass Obama, wie im Wahlkampf versprochen und in der Formel vom „Wandel“ kondensiert, tatsächlich zum ersten Präsidenten der Post-Babyboomer-Generation werden könnte, zeigen schon seine überwiegend pragmatisch-zentristischen Entscheidungen bei der Besetzung von Kabinettsposten. Ihm ist nach jüngsten Umfrageergebnissen das Kunststück gelungen, dass gerade einmal zwei Monate nach der Wahl und inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkrieges etwa vier Fünftel aller Amerikaner große Hoffnungen in ihn setzen und dass sogar knapp 60 Prozent der Republikaner Vertrauen in ihn gefasst haben.
„Renewing America's Promise“
Für Obama, Jahrgang 1961, gibt es - anders als für Hillary und Bill Clinton auf der einen und George W. Bush auf der anderen Seite - ganz offenbar keinen Kulturkampf mehr, dessen allerjüngste Schlacht er schlagen oder gar mit einer Schlussoffensive gewinnen müsste. Für das Eingangsgebet bei der Inauguration hat er den konservativen evangelikalen Megapastor Rick Warren gewonnen, der gegen die Homosexuellen-Ehe kämpft - beim Konzert „We Are One“ am Lincoln Memorial hingegen spricht der offen schwule Bischof der anglikanischen Episkopalkirche Gene Robinson den Segen.
Obama hat die baldige Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo versprochen, bezeichnet die Verhörmethode des simulierten Ertrinkens (“Waterboarding“) als Folter - dem scheidenden CIA-Direktor Michael Hayden aber hat er informell versprochen, dass CIA-Mitarbeiter, die „Waterboarding“ angewandt haben, keine Strafverfolgung fürchten müssen. Am Plan für den raschen Rückzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak hält Obama fest - verspricht jedoch, dass dieser „verantwortlich“ vollzogen werde. Den Kampf gegen den Terrorismus, zumal in Afghanistan und in Pakistan, will er fortsetzen und zu Ende führen - den Kampf gegen das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit und einer langen Rezession freilich will er darüber nicht vergessen.
„Renewing America's Promise“, Amerikas Versprechen zu erneuern, lautet das Schlagwort, das Obama auf der Zugfahrt von Philadelphia nach Washington vor sich hertragen und bis zur Vereidigung am Dienstag noch oft beschwören wird. Danach sicher auch, aber dann wird es ernst. Kein anderes Land lebt so sehr von der Kraft der hochfliegenden Idee. Von Mittwoch an wird zu besichtigen sein, was geschieht, wenn sie sich an der harten Realität stößt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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