16.03.2008 · Fünfeinhalb Wochen sind es bis zur nächsten Vorwahl in Amerika. Sie könnten zu einer Schlammschlacht werden, wie sie das Land noch nicht erlebt hat. Die Selbstzerfleischung der Demokraten liefert den Republikanern schon jetzt Wahlkampfmunition - und das sogar gratis.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerFünfeinhalb Wochen sind es bis zur nächsten Vorwahl in den Vereinigten Staaten. Im Vergleich zu der vom Wahlkalender mitdiktierten Hektik und Aufregung der vergangenen zwei Monate könnte diese Phase zur strategischen Konzentration, zum Kräftesammeln und zur Beantwortung von Fragen dienen, die mit der Auswahl der Delegierten zusammenhängen – sie könnte aber auch, auf der Seite der Demokraten, in eine Schlammschlacht abgleiten, wie sie das Land noch nicht erlebt hat.
Die Matadore Clinton und Obama werden sich Dinge um die Ohren hauen, dass es der Partei ein Graus sein wird – die ersten Kostproben, Bauernopfer und geheuchelte Entschuldigungen inklusive, waren bereits „vielversprechend“. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain wird daran seine helle Freude haben. Seine Leute brauchen nur zu sammeln, für wie unreif und unerfahren, korrupt und verbraucht, spaltend oder verlogen sich die beiden demokratischen Bewerber halten, um derlei Urteile dann im Hauptkampf gegen den Sieger (oder die Siegerin) im demokratischen Vorentscheid einzusetzen.
Wahlkampfmunition gratis
Das ist eine Gratislieferung exzellenter Wahlkampfmunition. Und mit jeder Woche, die vergeht, in der die Kandidatenfrage nicht entschieden wird – und es sieht immer weniger so aus, als könne sie überhaupt während der Vorwahlperiode entschieden werden –, hellt sich die Lage für die Republikaner auf. Nicht nur das: Sie werden immer zuversichtlicher, was zumindest die Behauptung des Weißen Hauses anbelangt. Wer hätte das vor zwei, drei Monaten gedacht!
Zu Beginn der Vorwahlen wurden, auch unter dem Eindruck der Mobilisierung demokratischer Wähler, bereits Nachrufe auf die republikanischen Bewerber verfasst und das Ende der „republikanischen Ära“ in Washington ausgerufen. Und es stimmte ja: Der Republikanischen Partei liefen die Wähler davon, ihr Ansehen war dramatisch gesunken, das des Präsidenten Bush war im Keller. Darüber hinaus schien die Partei die Auflösung ihrer Wählerkoalition in ihre politischen Bestandteile nicht stoppen zu können.
Diese Zersplitterung fand ihren Ausdruck in den Bewerbungen zahlreicher Möchtegernpräsidenten sowie darin, dass ihre Resonanz begrenzt war: Fiskalkonservative, Sozialkonservative, Libertäre, religiöse Rechte, Verteidigungskonservative – einen Kandidaten, der die verschiedenen sozialen, ökonomischen und regionalen Wählergruppen zusammenführen könnte, den gab es nicht: Und ein zweiter Ronald Reagan ist auch der Senator John McCain nicht; er wird es auch nicht mehr werden.
Die Selbstzerfleischung der Demokraten
Aber weil er früh die Sache zu seinen Gunsten entschieden hat – „Authentizität“ war der starke Trumpf des 71 Jahre alten Vietnamkriegsveteranen –, kann er jetzt seine Ressourcen gezielt in den Versuch investieren, sich mit der stramm konservativen Parteibasis zu versöhnen, die ihm sein unorthodoxes, gemeinsame Initiativen mit Senator Kennedy einschließendes Gebaren und seine Bush-Kritik übelnimmt. Die Selbstzerfleischung der Demokraten wirkt auf diesen Versöhnungsversuch wie Sauerstoff.
Aber ob Barack Obama und Hillary Clinton einander nun an die Gurgel gehen (oder das ihren Leuten fürs Grobe überlassen) oder nicht die Nerven verlieren und so die Leute beeindrucken - es ist doch bemerkenswert, welchen soziologischen Frontverlauf die demokratische Bewerberauslese bisher zutage gebracht hat. Und das ausgerechnet in einem Jahr, da ein Bewerber, Obama, geradezu mit Heils- und Versöhnungserwartungen überhäuft worden ist.
Aber so wie Frau Clinton „ihre“ Wähler hat – ältere weiße Frauen, Latinos und Leute mit eher geringerem Bildungsniveau, die mit ihrer Hände Arbeit ihr Geld verdienen –, so hat auch Obama seine Gefolgschaft: Schwarze aller Einkommensklassen, junge Leute und solche mit höherem Einkommen und höherem Bildungsniveau. Zu den ökonomischen und demographischen Kategorien, welche die Wähler der beiden Kandidaten bisher voneinander unterschieden, kommen die spezifischen kulturellen Milieus hinzu.
Schon wieder Florida?
Bei den Demokraten ist diese kulturelle Differenz nicht neu; der Topos von weintrinkenden Linksliberalen und biertrinkenden „einfachen“ Leuten, die eigentlich demokratisch wählen, aber 1980 zu Reagan wechselten, ist schon mehrere Jahrzehnte alt. Aber auch diesmal trennen Obama-Wähler und Clinton-Wähler ökonomische und alltagskulturelle Welten, deren Distanz allenfalls vom Hass auf Bush und von einem rechten wie linken Antiglobalismus überbrückt wird. Wer immer als Sieger aus den Vorwahlen hervortritt oder gar erst auf dem Wahlparteitag obsiegt, wird in den Monaten bis zur Wahl Anfang November nicht zuletzt als innerparteilicher Rotkreuzhelfer wirken müssen.
Bis dahin wird auch längst geklärt sein, was als eine der Kuriositäten der Vorwahlsaison einigen Wirbel entfacht hat. Die beiden Staaten Florida und Michigan, genauer: die dort zu vergebenden Delegierten – sind nämlich von der demokratischen Kandidatenkür bislang ausgeschlossen worden als Strafe dafür, dass die Parteiführungen den Wahltermin gegen den Willen der Bundespartei nach vorne gelegt hatten. Jetzt wird darüber nachgedacht, wie die Delegierten doch noch auf dem Nominierungsparteitag Ende August in Denver gezählt werden können.
Vor allem Hillary Clinton will das unbedingt, weil es möglicherweise die einzige Möglichkeit ist, Obamas Vorsprung bei den Delegiertenstimmen einzuholen, weil sie bei den „nicht gezählten“ Delegierten aus diesen Staaten die Mehrheit hatte und weil sie sich bei einer regulären Wahl im Vorteil wähnt, nicht zuletzt im bevölkerungsreichen Florida, dessen Wählerstruktur ihrem Profil nahekommt. Man wird sehen, welches Verfahren sich die Parteigranden einfallen lassen werden, zumal sie sich nicht ausgerechnet in diesem Jahr, da es knapper nicht ausgehen könnte, dem Vorwurf aussetzen wollen, sie entzögen den Wählern in zwei Bundesstaaten faktisch das Wahlrecht.
Apropos Florida: Dass dieser Staat noch einmal eine solche prominente Rolle spielen könnte, das war nicht zu erwarten. Vor acht Jahren waren unleserliche oder gar nicht ausgeteilte Wahlkarten der Grund dafür, dass die Präsidentenwahl erst nach langen, quälenden Wochen vom Obersten Gericht der Vereinigten Staaten entschieden wurde. Man muss die Luft anhalten, ob nicht auch in diesem Jahr die Präsidentenwahl zu einem Drama wird, in dem der Name Florida eine unrühmliche Bedeutung erlangt. Aber wer hat je gesagt, Präsidentenwahlen dürften nicht spannend sein?
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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