Home
http://www.faz.net/-gd1-10qs9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Country Joe McDonald Obamas Vorsänger

24.10.2008 ·  Beim Woodstock-Festival 1969 war Country Joe McDonald eine der lautesten Stimmen gegen den Vietnam-Krieg. Heute unterstützt der Protestsänger Barack Obama. Doch dem dürfte das gar nicht so recht sein.

Von Jan Wiele
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Auf dem Obamania-Musiksampler „Yes We Can“ ist er nicht vertreten. Dabei hätte der Folksänger Country Joe McDonald wohl besser als jeder andere zum CD-Untertitel „Voices of a Grassroots Movement“ gepasst. Mit dem legendären „Fish Cheer“ und dem darauf folgenden „I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die Rag“ brachte er 1969 beim Woodstock-Festival die Massen zum Ausruf eines bekannten englischen Vierbuchstabenworts und bündelte die Stimmen gegen den Vietnam-Krieg.

Dieses Musikstück hat der heute Sechsundsechzigjährige und immer noch rührige Bürgerrechtler aus Berkeley, Kalifornien, nun umgewidmet zum „I’m-Fixin’-to-Vote-for-Obama Rag“, so dass es jetzt heißt: „Give me an O! Give me a B!“ und so weiter. Erstaunlich ist dabei vor allem die Wandlung vom zutiefst ironischen Protestsong zur unumwundenen und etwas hölzernen Wahlpropaganda: Die seinerzeit Anstoß erregende Zeile „Be the first one on your block to have your boy come home in a box“ verliert jede Brisanz und endet nun „to put your X in the box“; aus dem höhnischen Schlachtruf „Whoopee, we’re all gonna die!“ wird einfach „Obama is the guy“.

Weichgespülter Wandel

Das ist zwar bestimmt gut gemeint, deutet jedoch Ideenbündnisse an, die Barack Obama und dessen Strategen nicht in den Plan passen dürften. Trotz offensichtlicher Übereinstimmungen in Sachen Rhetorik des Wechsels ist für die Obama-Kampagne die Identifikation mit der Protestbewegung der sechziger Jahre wohl ein zu heißes Eisen. So findet man auf der Wahlwerbe-CD auch weder Bob Dylans Graswurzel-Klassiker „The Times They Are A-Changin’“ noch „We Shall Overcome“, sondern nur diffuse Titel wie „Make It Better“ oder „Love and Hope“. Das klingt weichgespült, ist aber wahlkampftechnisch klug, wenn man nicht in den Ruch der Radikalität kommen will, den die Republikaner Obama bereits anzuheften versuchten.

Country Joe McDonald war und ist in vielerlei Hinsicht radikal – ob es nun um die Legalisierung von Marihuana oder die Rettung der Wale geht. Unter seinen mehr als zwanzig Alben ist etwa ein Soundtrack zum Film „Stille Tage in Clichy“ nach Henry Miller (1970). Auf seiner Homepage (http://www.countryjoe.com/) bietet er ein Forum für differenzierte Meinungen zum Irak-Krieg, hat aber jüngst auch ein Benefizkonzert für einen nach Kanada geflohenen Deserteur dieses Krieges gegeben. Da „Country Joe“ in Amerika auch ein Spitzname für Josef Stalin ist, wäre es nach McCains Pleite mit der Galionsfigur „Plumber Joe“ den Demokraten kaum zu empfehlen, die Unterstützung des Liedermachers in Anspruch zu nehmen. Das ist am Ende auch besser so, denn echter Folkmusik gebührt die Rolle der gewissermaßen außerparlamentarischen Opposition.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen