19.01.2009 · Wenn Barack Obama ins Weiße Haus einzieht, bringt er Millionen Datensätze mit. Sie werden helfen, seine Unterstützer auch in Zukunft schnell und gezielt zu mobilisieren - und die klassischen Medien auszuspielen.
Von Stefan TomikWenn Barack Obama an diesem Dienstag ins Weiße Haus einzieht, hat der neue Präsident auch mehrere Millionen Datensätze im Gepäck: Namen, Handynummern und E-Mail-Adressen von Unterstützern aus dem ganzen Land. Es ist wahrscheinlich, dass er diese Daten nutzen wird, um seine Botschaften auch in Zukunft direkt an den Wähler zu bringen. Die zentrale Rolle, die das Internet in Obamas Wahlkampf spielte, soll es in seiner Amtszeit behalten. Manche sehen in Obama schon Amerikas ersten „Internet-Präsidenten“.
Auf alle Fälle wird er der erste Präsident sein, der einen Blog schreibt und seinen Wählern in „Internet-Kamingesprächen“ seine Politik erläutert. Gleich mit mehreren Initiativen für mehr Transparenz will er sich von der Regierung Bush abheben: Alle Ausgaben der Regierung sollen im Netz dokumentiert werden, Gesetzentwürfe mehrere Tage online sein, bevor der Präsident sie unterschreibt. Alle Amerikaner sind aufgerufen, über das Internet Vorschläge für die Präsidentschaft einzureichen. Vor allem aber könnte Obama mit Hilfe seiner Datenbank ohne Weiteres Millionen Unterstützer mobilisieren. Die Daten dafür stammen noch aus der Plattform www.mybarackobama.com, einem mächtigen Werkzeug, das ihm schon im Vorwahlkampf half, gegen Hillary Clinton zu bestehen, die alle klassischen Machtressourcen der Demokratischen Partei hinter sich hatte.
Hunderttausend Helfer in Texas
Auf „MyBO“, wie Obamas Helfer die Plattform liebevoll nennen, tauschten Unterstützer Fotos und Filme aus und organisierten Aktionen zur Wählermobilisierung. Adressdaten konnten jederzeit nach kleinsten geografischen Einheiten oder auch nach Berufen gefiltert werden. So konnte das Heer von Freiwilligen in jene Wahlkreise dirigiert werden, in denen es am dringendsten gebraucht wurde. In Texas soll Hillary Clinton 20.000 Helfer gehabt haben. Obamas Mannschaft lief mit 104.000 Freiwilligen auf.
Aus der Kampagne ist längst eine Bewegung geworden. Deren Organisationsstruktur bis hinunter zu den Wahlkreisen „spiegelt die bekannte Pyramide der Orts-, Bezirks- und Landesverbände deutscher Parteien“, sagt Christoph Bieber von der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Zwar wird das Internet schon lange im Wahlkampf eingesetzt. Obama hat aber eine neue Entwicklung aufgegriffen und alle Mittel des Web 2.0 für sich genutzt.“
Genau dieses „Web 2.0“, das Internet zum Mitmachen, hatte sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Viele Internetseiten, die im Wahlkampf eine große Rolle spielten, existierten vor vier Jahren noch gar nicht – wie das Videoportal Youtube – oder erreichten nur wenige Nutzer – wie die Internetgemeinschaft Facebook. Allein dort scharte Obama fast vier Millionen Unterstützer um sich. Aus dem Daten-Pool kann der neue Präsident nach Belieben schöpfen. Zielgenau und kostengünstig lassen sich über das Internet etwa alleinerziehende Mütter oder Feuerwehrleute ansprechen. Selbst wenn nur ein Bruchteil der Unterstützer aktiv wird – mit ihren E-Mails und Anrufen ließen sich gewiss die Büros vieler Senatoren oder Abgeordneten lahmlegen.
Jeder Fehltritt bleibt
Neue Mittel der Kommunikation hat Obama nicht erfunden, aber die bekannten kombiniert er so geschickt wie kein Kandidat vor ihm. Den weitaus größten Teil seiner Spenden – mehr als eine halbe Milliarde Dollar – sammelte Obama im Netz. Mit dem Geld finanzierte er ein Trommelfeuer klassischer Fernsehspots in den entscheidenden Schlachtfeldstaaten. Viele Filmchen wurden gar nicht erst für das Fernsehen, sondern gleich fürs Internet gedreht. Material gab es genug: Vier Jahre lang ließ Chefberater David Axelrod Obama mit der Kamera begleiten. Böse Zungen behaupten, dass es Tage gab, an denen mehr Kameraleute um Obama herumtänzelten als Fans anwesend waren.
Studien zeigen, dass das Fernsehen als politische Informationsquelle seit der Wahl 2004 nochmals leicht an Bedeutung verloren hat, während das Internet stark zulegte. Wie zu erwarten, sind es vor allem junge Wähler, die sich im Netz informieren, also genau die Zielgruppe von Obamas „Change“-Kampagne. John McCains Generation nutzt das Internet deutlich seltener. McCain hatte sich einmal in einem Fernsehinterview als einen „Analphabeten“ im Umgang mit Computern bezeichnet und zugegeben, dass seine Frau ihm dabei helfen muss, sie zu bedienen.
Doch hat Obama auch die Nachteile des Internets zu spüren bekommen. Jeder Fehltritt, jede Äußerung bleibt für immer abrufbar. Gerüchte, Obama sei als Senator auf den Koran vereidigt worden, hielten sich im Netz hartnäckig. Seine Bemerkung gegenüber „Joe, dem Klempner“, er wolle „den Wohlstand verteilen“, kursiert als Film. Im Netz sind auch Reden seines damaligen Pastors Jeremiah Wright abrufbar, die Obamas Wahlkampf fast vorzeitig beendet hätten. Das Netz vergisst nichts.
Skeptiker sehen in Obamas Internet-Initiative auch Gefahren. Wer Millionen Amerikanern suggeriere, sie könnten geradezu mitregieren, wecke Erwartungen. Unklar ist, wer all die Eingaben sichten und bearbeiten soll. Kann Obama die Hoffnungen auf Teilhabe nicht erfüllen, könnten dieselben Netzwerke von Unterstützern, die ihn ins Amt getragen haben, sich gegen ihn wenden.
Stefan Tomik Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge