25.03.2008 · In der Mega-Kirche von Barack Obamas umstrittenem Pastor Wright wurden in der Karfreitagsliturgie viele Parallelen gezogen: von der Passion Christi zum Leidensweg amerikanischer Schwarzer. Eine Bischöfin verglich Obamas Ehefrau Michelle mit der Gottesmutter Maria.
Von Matthias Rüb, ChicagoWelch ein Ansturm auf Golgatha! Das mag bei Christen, die sich zum Karfreitags- und Ostergottesdienst in der Kirche versammeln, nicht ungewöhnlich sein. Schließlich gilt es, des Opfertodes des Erlösers zu gedenken und am dritten Tage dessen Auferstehung zu feiern. Ungewöhnlich mochte dem Besucher der Gottesdienst in der „Trinity United Church of Christ“ an der 95. Straße in der South Side von Chicago dennoch erscheinen. Denn mehr noch als vom Messias und dessen Märtyrertod vor mehr als 2000 Jahren war von dessen Nachfahren in unseren Zeiten und Breiten die Rede, denen es heute genauso ergehe wie dem Zimmermannssohn aus Bethlehem bei dessen Kreuzigung in Jerusalem.
Gewiss, das war in den sieben Karfreitagspredigten von sieben verschiedenen Pfarrern zu den sieben letzten Worten Jesu Christi am Kreuz nur gleichnishaft gemeint. Doch wenn man während des vierstündigen Gottesdienstes in der vollbesetzten Kirche für kurze Augenblicke nicht umhinkonnte, die in den feurigen und überaus lautstark vorgetragenen Predigten beschworenen Nachfolger Christi aus dem amerikanischen Bundesstaat Illinois vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, so gewahrte man einen nicht enden wollenden Zug von Menschen, die mit ihren Kreuzen, welche sie die Via Dolorosa ihres Lebens hinaufschleppten, auf der historischen Schädelstätte nie und nimmer Platz gefunden hätten.
Die Kirche liegt in keiner feinen Gegend
Die „Trinity United Church of Christ“ von Chicago ist die Kirche Barack Obamas, und deren „Senior Pastor“ ist seit 36 Jahren jener Reverend Dr. Jeremiah A. Wright Jr., dessen umstrittene Predigtauszüge dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch den Weg ins Weiße Haus verstellen könnten. Die Kirche liegt in keiner feinen Gegend. Gerade jetzt, nach dem Winter, der sich über Ostern mit Schnee und Kälte noch einmal unbarmherzig gemeldet hat, sind die Straßen voller tiefer Schlaglöcher.
Auf manche Laternenpfähle entlang der Einkaufsstraßen sind Überwachungskameras der Polizei von Chicago montiert, an denen ein blaues Licht blinkt, wahrscheinlich zur zusätzlichen Abschreckung. Beim Friseurladen „Hair Werks“ bekommt man auch ohne vorherige Anmeldung einen Sofortschnitt für 25 Dollar. Auf Werbeplakaten wird Hilfe bei drohender Zwangsversteigerung des überschuldeten Eigenheims angeboten oder auch der Umstand erläutert, es könne „tödlich sein, ein Baby zu schütteln“.
Ein Getto schwarzer Armut ist die Gegend um die 95. Straße, die auf dem Abschnitt vor der „Trinity United Church of Christ“ den offiziellen Beinamen „Reverend Dr. Jeremiah A. Wright Jr. Street“ trägt, aber auch nicht. In den Nebenstraßen der Kirche, die ihre Gläubigen aus einem beträchtlichen Einzugsgebiet anzieht, gibt es einstöckige Häuser mit liebevoll gepflegten Vorgärten. Ein paar Blocks weiter mag ein verlassenes Haus mit zugenagelten Fenstern neben einem schmucken zweistöckigen Neubau stehen, vor dem die Flagge mit den Farben und Zeichen des traditionsreichen Footballclubs „Chicago Bears“ im Wind flattert.
„Ohne Scham schwarz und ohne Ausflüchte christlich“
Der erstaunliche Erfolg von „Trinity“ ist das Lebenswerk von Reverend Wright, der im März 1972 eine Kirche von 87 Seelen übernahm und sie in beharrlicher Gemeindearbeit und mit seinen fulminanten Predigten zu einer der bekanntesten schwarzen Megakirchen des Landes mit heute mehr als 6000 Mitgliedern und 70 Abteilungen, mit Dutzenden Pastoren und Sozialarbeitern ausbaute.
Zu den prominenten Besuchern des schmucklosen Kirchengebäudes, mehr Amphitheater als Hallenkirche, gehören neben Obama und der Talkshowmoderatorin Oprah Winfrey auch bekannte Anwälte, Ärzte und Hochschullehrer. „Trinity“ bietet heute von der Jugendbetreuung und Altenpflege über Tanz-, Yoga- und Musikkurse bis zur Hilfe für Gefangene, Alkoholiker und Aids-Kranke eine breite Palette von geistlichen und sozialen Diensten an. Das Motto der Kirche, das auf einer Messingplakette am Empfangspult prangt, lautet: „Unashamedly Black and Unapologetically Christian“, was etwa „Ohne Scham schwarz und ohne Ausflüchte christlich“ heißt.
Eine fast 100 Prozent schwarze Gemeinde
Über das von der „Trinity Nation“ - so nennt man sich hier gerne - praktizierte und hier gepredigte Christentum lässt sich so trefflich streiten wie bei jeder anderen Denomination oder Konfession, und tatsächlich streitet sich Amerika seit Wochen so heftig über den Reverend Wright und sein schamlos schwarzes Christentum ohne Ausflüchte, dass das „politisch unkorrekte“ Thema Rassismus im Wahljahr 2008 noch wichtiger werden könnte als die Wirtschaftskrise oder der Irak-Krieg. Nicht streiten kann man sich über die Hautfarbe der Gottesdienstbesucher von „Trinity“ am Karfreitag: Außer einem der sieben Prediger gibt es allenfalls eine Handvoll Weiße unter der enthusiasmierten Gläubigenschar, die es immer wieder von den Bänken reißt, wenn eine Predigt auf einen Klimax zusteuert oder wenn Rhythmus und Melodie von Chor und Band direkt in die Beine fahren.
Zwar sind die landesweit etwa 1,2 Millionen Mitglieder der politisch linksliberal orientierten evangelisch-reformierten Denomination „United Church of Christ“ zu mehr als 90 Prozent Weiße, aber „Trinity“ ist eine fast 100 Prozent schwarze Gemeinde in einer schwarzen Gegend im Süden von Chicago. Es bleibt eine Tatsache des religiösen Lebens in den Vereinigten Staaten von Amerika, die so stark wie kein anderes westliches Land von der Religion geprägt sind, dass die Rassen und Ethnien in den Bänken der Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel weitgehend getrennt bleiben.
„Gott verdamme Amerika!“
Das weiß man nicht erst, seit der Streit um einige Predigtauszüge von Reverend Wright das Thema Rassismus in den Vordergrund der politischen Debatte gespült haben. Wright hatte unter anderem seinen geistlichen Schützling Obama, den er vor gut zwei Jahrzehnten nach einem Gottesdienst bei „Trinity“ dazu bewogen hatte, sich zum Christentum zu bekennen, mit Jesus verglichen: So wie dieser unter römischer Fremdherrschaft aufgewachsen sei, wisse „Barack, was es bedeutet, in einem Land und einer Kultur aufzuwachsen, wo reiche weiße Leute die Kontrolle haben“.
Hillary Clinton, Obamas innerparteiliche Konkurrentin um die Präsidentschaftskandidatur, sei „nie Nigger genannt worden“, und Hillarys Mann Bill „hat mit uns (Schwarzen) getan, was er mit Monica Lewinsky getan hat“. Zudem hatte Wright der (weißen) amerikanischen Regierung vorgeworfen, die Immunschwächekrankheit Aids „erfunden“ und über die Schwarzen gebracht zu haben, immerzu größere Gefängnisse für die vielen schwarzen Gefangenen zu bauen sowie durch ihre imperialistische Politik und etwa den Einsatz von Atombomben im Zweiten Weltkrieg die Terroranschläge vom 11. September 2001 mitverursacht zu haben. Deshalb müsse man singen „Gott verdamme Amerika!“ und nicht „Gott segne Amerika!“ - und das Kürzel USA mit jenem des weißen rassistischen Ku-Klux-Klans zu USKKKA ergänzen.
Brückenbauer zwischen den Rassen und Ethnien
Nachdem Obama sich zunächst überrascht gezeigt hatte von den Tiraden seines Seelsorgers, der ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten geistlich betreut, ihn und seine Frau Michelle getraut sowie die beiden Mädchen der Obamas getauft hat, verurteilte Obama diese Äußerungen dann ausdrücklich und sah sich schließlich vor einer Woche dazu veranlasst, dem Thema Rassismus eine programmatische Rede zu widmen. Die Grundsatzrede von Philadelphia ist von Obamas linken Anhängern erwartungsgemäß enthusiastisch aufgenommen worden, weil er das gewöhnlich unter den Teppich gekehrte Thema des Rassismus angesprochen und sich als Brückenbauer über die Gräben zwischen den Rassen und Ethnien hinweg gezeigt habe.
Seine rechten Kritiker sahen sich dagegen in ihrer Ansicht bestätigt, dass der als eine Art Heilsbringer des Wandels gepriesene Obama ein ganz gewöhnlicher Politiker der Linken sei, der mindestens ebenso opportunistisch sei wie seine innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton und sich „vor eigenem Publikum“ der schwarzen Opferideologie andiene, sich von dieser aber auch umstandslos wieder distanziere, um die Weißen nicht zu sehr zu erschrecken.
„Die Bösen“ von heute
Bei „Trinity“ jedenfalls und in vielen anderen schwarzen Kirchen des Landes haben die als ungerecht empfundenen Angriffe gegen Pastor Wright einen Sturm der Entrüstung verursacht, der an Karfreitag und Ostern donnernd von den Kanzeln wehte. Reverend Otis Moss, der bei „Trinity“ vom 66 Jahre alten Wright zu seinem Nachfolger auserkoren wurde, hatte an Karfreitag sieben Weggefährten und Schüler Wrights eingeladen, um über die sieben letzten Worte Christi am Kreuz zu predigen. Es war ein Hochamt des Opferkults, bei dem gar nicht genug Vergleiche mit dem Leidensweg Christi angestellt werden konnten - und alle heraufbeschworenen Leidensmänner und -frauen schwarzer Hautfarbe waren.
Pfarrer Eugene Robinson aus Memphis in Tennessee nahm das erste Wort Christi am Kreuz (“Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) zum Anlass, mit Jesus zu streiten: Denn „die Bösen“ von heute - genannt wurden in erster Linie die Nachrichtensender FoxNews und CNN - wüssten sehr wohl, was sie täten, weil „sie nicht sehen wollen, was wir durchgemacht haben“. Pastor Lance Watson aus Richmond in Virginia setzte das Imperium Rom mit dem Imperium der Vereinigten Staaten sowie die Sklavenplantagen mit den Gefängnissen von heute gleich und tröstete die wieder einmal von ihren Sitzen aufgesprungenen Gläubigen von „Trinity“ mit dem Paradiesversprechen aus dem zweiten Wort Christi.
Verdammt sei, wer sich „mit dem Gesalbten anlegt“
Bischöfin Vashti McKenzie verglich Barack Obamas Ehefrau Michelle mit der Gottesmutter Maria, die am Kreuz steht, und dann ließ sie die Gemeinde den unvergänglichen Gospel „Stand By Me“ singen. Der katholische Priester Michael Pfleger von der St.-Sabina-Gemeinde von Süd-Chicago, der einzige Weiße unter den Pfarrern, überschrie mit seiner Philippika zum vierten Wort („Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) alle anderen und geißelte eine verkommene Regierung, die „ein Labor im All reparieren lassen kann, aber nicht die Deiche von New Orleans“.
Lester McCorn aus Atlanta (Georgia) nannte in seiner Predigt zum fünften Wort („Mich dürstet!“) in einem Atemzug den dürstenden Christus am Kreuz, den legendären Basketballer Michael Jordan, der trotz einer Fiebererkrankung ein Finale für die „Chicago Bulls“ noch herumzureißen vermochte, sowie den Pastor Wright und den Politiker Obama, die ebenfalls nach einer Durststrecke „wieder im Spiel“ sein würden.
Die Predigten von Dewey Smith aus Decatur (Georgia) und Rudy McKissick aus Jacksonville (Florida) zu den Worten „Es ist vollbracht“ und „In deine Hände, Vater“ endeten schließlich in schrillen Schreien, nachdem sie die „Trinity Church“ mit Christus gleichgesetzt hatten, der die Stunde seines Endes letztlich selbst zu bestimmen vermochte. Und sie stießen die Warnung aus, dass verdammt sei, wer sich „mit dem Gesalbten anlegt“.
Rhetorischer Genuss
Stefanie Neubert (contactsteff)
- 27.03.2008, 13:44 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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