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Antrittsrede Obamas Was der Chef noch zu sagen hätte

20.01.2009 ·  Barack Obama hat Amerika längst auf allen Medienkanälen in ein Gespräch verwickelt. Kann er sich bei seiner Rede zur Amtseinführung noch selbst übertreffen? Die Latte liegt hoch, denn er will, wie er sagt, unser aktuelles Heute historisch definieren.

Von Jordan Mejias, New York
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Gerade erst hat Barack Obama mir wieder eine E-Mail geschickt. Weil er einige aufregende Neuigkeiten mitzuteilen habe, schreibt er. Und offenbar will er damit nicht bis zu seiner Amtseinführung warten. Er hat also ein Video angehängt, in dem er eine brandneue Initiative ankündigt. „Organizing for America“ heißt sie, und ihr Ziel besteht darin, die Bürger des Landes anzuregen, in ihrer unmittelbaren Umgebung weiter für „change“, für den Wandel zu kämpfen. „Wir können das nicht ohne dich tun“, versichert Obama mir, und den schriftlichen Teil seiner E-Mail beschließt er gar mit den Worten, er freue sich, in den kommenden Monaten und Jahren Seite an Seite mit mir zu arbeiten und dabei mehr und mehr Leute in den politischen Prozess miteinzubeziehen. Wie immer zeichnet er: „Thanks, Barack.“

Auch mit Michelle Obama stehe ich per E-Mail in Verbindung. Letzthin erzählte sie mir von einem „National Day of Service“, den Barack und sie und, wie sie hofft, auch ich am Montag vor der Inauguration, dem Martin Luther King Day, aktiv im Dienste und zum Wohle der Nation verbringen sollten. Das Motto ihrer Initiative: „Renew America Together“.

Noble Versprechungen und exklusive Ankündigungen

Eine Woche zuvor hatte Michelle mich eingeladen, an einer Lotterie teilzunehmen und vielleicht eine Reise nach Washington zur Amtseinführung zu gewinnen. Aussicht auf ein „Ticket to History“ hätte ich schon ab einem Einsatz von fünf Dollar gehabt, aber da war ich bereits etwas ermattet von all den Spendenanfragen, die mir während des Wahlkampfs und auch danach David Plouffe und Jon Carson, inzwischen allseits bekannte Mitstreiter Obamas, zukommen ließen. Sicher, eingekleidet waren auch diese E-Mails in noble Versprechungen, exklusive Ankündigungen und freimütige Aufrufe, die gemeinsame nationale Sache voranzutreiben. Im Dauergetrommel des Fundraising verging aber manchem manchmal die Lust darauf.

Andererseits: Ohne die Überweisungen der dreizehn Millionen Internetnutzer, die wie ich auf Obamas E-Mail-Liste stehen, erhöbe nun wohl ein anderer die Hand zum Amtsschwur vor dem Kapitol. Arianna Huffington, die mit dem Nachrichtenportal „Huffington Post“ Internetgeschichte schrieb, ist sich sogar sicher, dass Obama es ohne das Internet nicht einmal zum Präsidentschaftskandidaten gebracht hätte. Fünfundzwanzig Prozent aller Wähler, die ihre Stimme Obama gaben, sollen direkt mit ihm verbandelt gewesen sein, durch Handys, E-Mail und soziale Netzwerke wie Facebook und, noch präziser gezielt, MyBO. Den direkten Draht zu seinen Fans will Obama auch als Präsident nicht aufgeben. Noch sind die Auswirkungen einer derart revolutionären, elektronischen Bürgernähe auf seinen Regierungsstil und das Kräftespiel mit dem Kongress ebenso wenig abzusehen wie die Folgen des finanziellen Engagements, mit dem mehr Amerikaner als je zuvor sich ganz tatkräftig auf die Seite eines Politikers schlugen.

Neu muss es sein

Offenbar aber trübt der Einsatz neuester Kommunikationstechniken nicht Obamas Blick zurück aufs historische Modell. Kein Wunder angesichts einer phänomenalen Karriere, die nicht zuletzt der Doppelbegabung entspringt, traditionelle Arien und die Rezitativformen, wie sie sich im allerneuesten Digitalgeplauder herausgebildet haben, gleichermaßen zu beherrschen. Ob er bei Lincoln, einem seiner Leitbilder, für die Bravourarie der Inaugural Address fündig geworden ist, wird sich an diesem Dienstag herausstellen. Aber das „Gespräch mit der amerikanischen Öffentlichkeit“, als das er Franklin D. Roosevelts kommunikative Revolution versteht und schätzt, setzt er bereits fort, elektronisch transformiert und intensiviert.

In der medialen Allgegenwart, die er sich soeben mit einer endlosen Kette von Interviews, Reden und Pressekonferenzen selbst beschert hat, erweist sich der künftige Präsident als glänzender Ideenhändler. Die Medien danken es ihm mit beispiellosem Einsatz. Auf allen Ebenen sind sie unermüdlich zugange, versprechen uns für den Inaugurationstag eine Rundumberichterstattung, die dem Klatsch nicht weniger gewogen ist als der geschichtsphilosophisch angehauchten Analyse. MTV peppt die Party für die Jugend auf, C-Span rechnet mit dem Interesse der hartgesottenen Politikfreaks, BET bedient eine vorwiegend schwarze Fernsehgemeinde, QVC verbindet das Ereignis mit Kaufgelegenheiten, HBO entdeckt in ihm den Unterhaltungswert.

Eingebettet in Obamas Dauergespräch mit Amerika, mag die Rede nun ein paar Probleme aufwerfen. Schließlich hat er weder im Wahlkampf noch nachher verschwiegen, was er demnächst als Präsident zu tun gedenkt, und so gibt es über seine Ansichten zu Guantánamo und der Beendigung des Irakkriegs, zur Finanzkrise und Gesundheitsversorgung, Energiepolitik und Wiederbelebung des amerikanischen Gemeinschaftssinns nicht mehr allzu viel zu rätseln. Aber sein Publikum, ob in Washington, in Amerika oder der restlichen Welt, will Neues erfahren.

Und überraschend auch

Denn das Versprechen, Neues in Angriff zu nehmen, verbindet die Inaugurationsansprachen, die gelungenen und denkwürdigen wie die der Vergessenheit gnädig anheimgefallenen. Kennedy peilte neue Aufgaben und ein neues Streben nach Frieden an, Carter einen Neubeginn, neue Regierungsanstrengungen und einen neuen Geist im Lande, Clinton, stilistisch nicht unbedingt mustergültig, eine neue Jahreszeit der amerikanischen Erneuerung. Ein halbes Jahrhundert zuvor wollte Roosevelt ein neues Kapitel in Amerikas Buch des Selbstregierens aufschlagen. Ähnlich innovationsfreudig, hat Obama die Feierlichkeiten unter die Devise „Eine Neugeburt der Freiheit“ gestellt, was wiederum von Lincolns Gettysburg Address abgelauscht war.

Nicht nur neu, sondern überraschend wäre die Rede, wenn sie wirklich thematische, substantielle Überraschungen enthielte. Damit ist eher nicht zu rechnen. Gleichwohl könnten die Erwartungen nicht höher gespannt sein. Von Obama wird nichts weniger erwartet, als dass er sich selbst übertrifft.

Der Wundermann der Politik müsste sich mittlerweile daran gewöhnt haben. Ihm gegenüber sind nur die extravagantesten historischen Vergleiche noch salonfähig. In der „New York Review of Books“ vergleicht der Schriftsteller Darryl Pinckney die Wahl Obamas mit dem weltverwandelnden Fall der Berliner Mauer. Wie schnell jedoch die Liebe in bittere Enttäuschung umschlagen kann, hat einst Norman Mailer vorgeführt. Seine Begeisterung über den Hipster im Weißen Haus, als der ihm Kennedy erschienen war, wich bald der ernüchternden Einsicht, dass unter der Haut dieses vermeintlichen Hipsters das Herz eines berechnenden Politikers schlug. Ansatzweise hat auch Obama schon einen solchen Liebesentzug zu spüren bekommen, als er Veteranen aus Washingtoner Schlachten in sein Team holte und einen Prediger einlud, der die Homoehe ablehnt.

Obamas dramaturgisches Gespür

Die Rede wird die erste Inaugural Address sein, die als garantierter Hit in der Endlosschleife von YouTube weiterleben wird. Obama dürfte sich deswegen nicht dazu hinreißen lassen, sein Manuskript beiseitezulegen und, vom Augenblick überwältigt, Martin Luther King zu folgen, der das letzte Drittel seines „I Have a Dream“-Sprachkonzerts extemporierte. Das Neue an Obamas Rede braucht am Ende freilich nicht nur die Verpackung zu sein. Mit der könnte zwar ein rhetorischer Großmeister wie er für Aufregung genug sorgen, aber er hat eingestanden, dass er mehr will. Er will unser aktuelles Heute, unseren Augenblick historisch definieren. All die formelhaften Beschwörungen uramerikanischer Ideale bis hin zur Hoffnung und Gewissheit, Herausforderungen auch in schweren Zeiten zu meistern, werden kaum fehlen.

Wie aber wird Obama sie in unsere Befindlichkeit verweben? Wie den Augenblick im weltgeschichtlichen Raum nachhallen lassen? Obama versteht es immer noch, Spannung zu erzeugen, auch nach all den Jahren, in denen Mikrofone und Kameras die Geheimnisse des Redners zu lüften suchten. Sein dramaturgisches Gespür ist nicht zu unterschätzen. Darum ist es kein Zufall, dass in der spektakulären, sich über zweiundfünfzig Seiten erstreckenden Porträtserie, mit der das „New York Times Magazine“ zur Amtseinführung die Protagonisten der Regierung Obama feiert, allein der Chef fehlt. Er hat sich geweigert, dem Fotografen Nadav Kander für ein offizielles Porträt zur Verfügung zu stehen. Auf den Stufen des Kapitols wird er sich nicht mehr so leicht verbergen können.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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