07.10.2008 · Im Kampf gegen den Klimawandel muss Amerika endlich wieder ein globales Vorbild werden, will es weiterhin als Führungsmacht geachtet werden. Das haben auch Obama und McCain kapiert. Und sagen wie alle anderen, dass zu einem neuen amerikanischen Energiemix auch die Kernenergie gehört.
Von Matthias RübGanz Amerika redet im Wahljahr von der Notwendigkeit der Energiewende - aus Gründen des Umweltschutzes daheim, wegen des Klimawandels und um der nationalen Sicherheit willen. Man könne nicht Jahr um Jahr 700 Milliarden Dollar für Erdölimporte aus Staaten wie Iran, Venezuela oder auch Saudi-Arabien ausgeben, die Amerika unfreundlich gesinnt seien oder dessen demokratische Überzeugungen nicht teilten, sagen die Sicherheitspolitiker.
Auf dem Parteitag der Demokraten in Denver prägte der Gouverneur von Montana, der einstige Rancher Brian Schweitzer, die energie-nationalistische Formel: „Niemals werden die Petro-Diktatoren Amerikas Wind und Sonnenschein besitzen!“ Da tobten die Delegierten. Die neue Pastorengeneration der einflussreichen evangelikalen Christen hat den Umweltschutz und das Energiesparen längst als Christenpflicht zur Bewahrung der Schöpfung erkannt. Die Amerikaner müssten wieder ein vorbildlicher Mitbürger der Staatengemeinschaft im Kampf gegen den Klimawandel werden, wenn die Menschen im globalen Dorf die Vereinigten Staaten als Führungsmacht achten sollen, argumentieren schließlich die Multilateralisten.
McCain will 45 zusätzliche Atomreaktoren
Und fast alle sagen, dass zu einem neuen amerikanischen Energiemix, der deutlich weniger Treibhausgase freisetzen soll, nicht nur mehr Wasser-, Wind- und Sonnenkraft gehören müsse, sondern auch die verstärkte Nutzung der Kernenergie als zuverlässiger, kostengünstiger und umweltfreundlicher Energiequelle. Der republikanische Präsidentschaftskandidat McCain will bis zum Jahr 2030 45 zusätzliche Reaktoren bauen lassen. Insgesamt brauchten die Vereinigten Staaten mehr als 100 neue Kernkraftwerke als „saubere und sichere Alternative“ zu fossilen Energieträgern, fordert McCain.
Auch der Demokrat Obama ist für den Ausbau der Kernenergie, macht aber vorerst keine konkreten Aussagen über die Zahl der benötigten Reaktoren. Gegenwärtig decken die 104 Atomreaktoren etwa 20 Prozent des Elektrizitätsbedarfs der Vereinigten Staaten. Seit fast 30 Jahren, seit dem letztlich glimpflich verlaufenen Reaktorunglück im Kraftwerk „Three Mile Island“ bei Harrisburg 1979, wurden jedoch keine neuen Reaktoren mehr gebaut.
Obama ist dagegen, weiß aber auch keine Alternative
Dem nationalen Ruf nach mehr Atomenergie schallt aus Nevada jedoch „Nimby!“ entgegen. Das ist das Akronym für „Not In My Back Yard!“ und bedeutet, dass die etwa 2,5 Millionen Einwohner des Wüstenstaates im Südwesten den Atommüll der Nation nicht „in ihrem Garten“ vergraben sehen wollen. In und um Nevada gibt es nämlich weit und breit kein Atomkraftwerk, aber im Gestein des Yucca Mountain, etwa zwei Autostunden nördlich von Las Vegas gelegen, sollen von etwa 2020 an mehr als 70.000 Tonnen hochradioaktives Material gelagert werden. Und zwar für eine Dauer von 10.000 bis 300.000 oder gar eine Million Jahre. Das hat die Amerikanische Akademie der Wissenschaften errechnet. Gegenwärtig liegen 56.000 Tonnen amerikanischen Atommülls in 126 Zwischenlagern, oft in den Atomkraftwerken selbst, und jedes Jahr kommen 2000 Tonnen hinzu. John McCain ist für die Inbetriebnahme des Endlagers im Yucca Mountain, Barack Obama ist dagegen, weiß aber auch keine Alternative für die Endlagerung.
Jedenfalls hofft Obama, die fünf Wahlmännerstimmen aus Nevada bei Präsidentenwahlen endlich wieder einmal für die Demokraten zu erobern; 2000 und 2004 gewann hier jeweils George W. Bush. Dabei weiß Obama den mächtigen Seniorsenator Nevadas, Harry Reid, hinter sich, den Mehrheitsführer der Demokraten im Senat zu Washington - nicht zuletzt mit entschiedener Gegnerschaft zum atomaren Endlager, dessen Inbetriebnahme Bush 2002 genehmigt hatte. „Ich werde niemals zulassen, dass Nevada zum atomaren Müllabladeplatz unserer Nation wird“, verkündet Reid. Aber auch der Juniorsenator und der Gouverneur des Staates, die Republikaner John Ensign und Jim Gibbons, sowie die drei Abgeordneten im Repräsentantenhaus sind parteiübergreifend gegen den Atommüll im Yucca Mountain. Der Streit um den „strahlenden Berg“ Yucca Mountain wird noch andauern, wenn Barack Obama oder John McCain aus dem Weißen Haus längst wieder ausgezogen sein werden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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