18.08.2008 · In Presidio wollte niemand die Mauer mit Mexiko haben. Die Leute hier, von denen fast 95 Prozent Latinos sind, sagen, keine Mauer und kein Zaun könnten die weltweit längste Grenze zwischen einem Land der Ersten und der Zweiten Welt versiegeln.
Von Matthias RübWahlkampf in Amerika: Anfang November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten - den Nachfolger von George W. Bush. Der Wahlkampf zwischen dem designierten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, gewinnt an Schärfe. Wo wird die Wahl entschieden? F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb reist quer durch das Land und zeichnet ein Stimmungsbild.
In Presidio wollte sowieso niemand die Mauer haben. Bürgermeisterin Cynthia Clarke nicht, die meisten der knapp 4200 Einwohner nicht und auch das texanische Amt für Naturparks und Wildschutzgebiete nicht. Dass die Ausschreibung zum Bau der etwa zehn Kilometer langen Grenzmauer entlang des Flusses Rio Grande in Presidio gründlich danebenging, weil alle beim Heimatschutzministerium in Washington eingereichten Kostenvoranschläge weit über den bereitgestellten Budgetmitteln lagen, erfüllt viele hier mit Schadenfreude.
Presidio ist seit Menschengedenken mit der mexikanischen Schwesterstadt Ojinaga am Südufer des Rio Grande verwachsen, wo etwa viermal so viele Menschen leben wie in Presidio. Über die internationale Brücke fließt der Auto- und Lastwagenverkehr rund um die Uhr. Tausende Fußgänger und Radfahrer überqueren zudem täglich den Grenzfluss Rio Grande. Hier wie fast überall entlang der knapp 3200 Kilometer langen amerikanisch-mexikanischen Grenze heißt es, in Washington habe man keine Ahnung davon, dass die Grenze im Süden des Landes die Menschen hüben und drüben miteinander verbinde und nicht voneinander trenne. Die Leute in Presidio, von denen fast 95 Prozent Latinos sind, sowie anderswo an der Grenze sagen, keine Mauer und kein Zaun könnten die weltweit längste Grenze zwischen einem Land der Ersten und der Zweiten Welt versiegeln.
Im Juni 2007 waren die Bemühungen des Weißen Hauses gescheitert, im Kongress eine umfassende Reform der Einwanderungspolitik durchzusetzen: Zu dieser hätten sowohl eine bessere Sicherung der Grenzen als auch eine schrittweise Integration der rund zwölf Millionen illegalen Einwanderer im Land gehören sollen. Doch vom Gesetzespaket blieb nur ein Rumpfprojekt übrig: der Beschluss zur Errichtung eines Grenzzaunes und zur Verstärkung der Grenzpolizei. Bis Ende dieses Jahres sollen auf einer Länge von zunächst knapp 600 Kilometern Länge die Grenzzäune und Mauern fertig sein. Zuerst wird in den Städten und in deren Umgebung gebaut, weitere Grenzabschnitte in den Wüstengebieten sollen später ebenfalls mit Sicherungsanlagen versehen werden. Zudem wurde die Zahl der Grenzpolizisten verdoppelt. Nicht nur an der Grenze selbst gibt es mehr Patrouillen, auf allen Straßen in Grenznähe wurden Kontrollstellen eingerichtet. Zudem gehen die Behörden verstärkt gegen Arbeitgeber vor, die illegale Einwanderer beschäftigen.
Eine dieser Tage vorgelegte Studie des konservativen „Center for Immigration Studies“ will herausgefunden haben, dass seit der Verabschiedung des Rumpfgesetzes zur Immigrationsreform im Juni 2007 die Zahl der illegalen Einwanderer um 1,3 Millionen gesunken sei: Weniger schlüpften über die jetzt besser gesicherte Grenze ins Land, andere kehrten aus Sorge vor Festnahme, Bestrafung und Abschiebung in ihre Heimatländer zurück. Der angebliche Rückgang sei aber keine Folge verschärfter Kontrollen, sondern der Wirtschaftskrise, sagen Kritiker der Studie. Im Bausektor, von der Hypothekenkrise besonders schwer getroffen, hätten Zehntausende illegaler Immigranten ihre Jobs verloren und seien in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Dort spreche sich rasch herum, dass es beim großen Nachbarn im Norden derzeit weniger Jobs gebe als ehedem. Wer es dennoch wage, illegal die Grenze zu überqueren, müsse den Schleppern noch mehr Geld bezahlen als früher.
Das mexikanische Parlament hat kürzlich ermittelt, dass allein in der ersten Hälfte dieses Jahres 290 Mexikaner in der Wüste verdurstet oder bei Bootsunfällen ertrunken sind. Im ganzen Jahr 2007 bezahlten 520 Menschen den Versuch des illegalen Grenzübertritts mit dem Leben. In Presidio sieht man in diesen Zahlen kein Argument für den Bau einer Grenzmauer am Rio Grande.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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