21.10.2008 · In Kalifornien wird nicht nur die Wahl des Präsidenten entschieden. Auch über die „Proposition 8“ wird abgestimmt, die die Eheschließung Homosexueller verbieten soll. Dafür kämpft eine bizarre Koalition.
Von Matthias Rüb, Los AngelesZum erhofften Boom ist es schon gekommen, nur weiß niemand, wie lange er anhalten wird. Schon am 5. November könnte vorbei sein, was am 17. Juni begonnen hat. Da trat das Urteil des Obersten Gerichts von Kalifornien in Kraft, dass es gegen die Verfassung des Bundesstaates verstoße, homosexuellen Paaren das Recht auf Heirat vorzuenthalten.
Dann begann in Kalifornien das große Heiraten von Schwulen und Lesben aus allen Bundesstaaten. Vor allem nach San Francisco und nach West Hollywood in Los Angeles strömten die Heiratswilligen: Fast 16.000 homosexuelle Paare haben bis Mitte Oktober im „Golden State“ den Bund fürs Leben geschlossen.
Das ist schön für die örtliche Fremdenverkehrsindustrie. Allein in West Hollywood, einem Stadtteil von Los Angeles, von dessen 37.000 Einwohnern mehr als 40 Prozent homosexuelle Männer sind, bieten gleich 14 Hotels besondere „Heirats- und Flitterwochenpakete“ für gleichgeschlechtliche Paare an. Es ist aber auch ein Zeichen von Torschlusspanik. Denn am 4. November befinden die Wähler im bevölkerungsreichsten Bundesstaat nicht nur über den neuen Präsidenten und über ihre Abgeordneten im Repräsentantenhaus, sondern auch über die „Proposition 8“. Das ist ein von Gegnern der Homosexuellenehe erzwungenes Referendum über einen Verfassungszusatz, wonach künftig „in Kalifornien nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gültig und anerkannt ist“. Sollte das Volksbegehren angenommen werden, tritt es schon am 5. November in Kraft, und dann wäre es aus mit dem einträglichen Heiratstourismus.
Umfragen deuten Stimmungswandel an
Weil in Kalifornien der Ausgang der Präsidentenwahl und die Vergabe der 55 Wahlmännerstimmen längst klar sind - der Demokrat Barack Obama kann kaum verlieren -, ist der Streit über die Homosexuellenehe in den Vordergrund gerückt. 2004 entschieden sich die Wähler bei Volksabstimmungen in 13 Bundesstaaten gegen die Homosexuellenehe, 2006 in weiteren sieben Staaten. Inzwischen gibt es in 27 der 50 Staaten Verfassungsbestimmungen, wonach eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden kann.
Im Sommer schien es noch so, als ob Kalifornien seinem Ruf als liberaler Vorreiter gerecht werden könnte und „Proposition 8“ zurückgewiesen würde. Doch die jüngsten Umfragen lassen auf einen Stimmungswandel schließen: 47 Prozent der kalifornischen Wähler befürworten jetzt den Verfassungsbann der Homosexuellenehe, 42 Prozent sind dagegen.
Eine bizarre Koalition
Mehr als 25 Millionen Dollar haben konservative, vor allem christliche Interessengruppen gespendet, um für die Verfassungsänderung zu werben. Auch Mitglieder der Mormonenkirche griffen dafür tief ins Portemonnaie. Die Gegner des Referendums brachten 15 Millionen Dollar zusammen, wobei Hollywood-Größen wie Steven Spielberg und Brad Pitt sowie die lesbische Talkmasterin Ellen de Generes jeweils 100.000 Dollar beisteuerten. Jeffrey Prang, Bürgermeister von West Hollywood, selbst schwul und ein bekannter Vorkämpfer für die Rechte Homosexueller und Transsexueller, gibt sich trotz der jüngsten Umfragen weiter „vorsichtig optimistisch“, dass „Proposition 8“ abgelehnt wird.
Doch ausgerechnet die erwartete hohe Wahlbeteiligung unter Schwarzen und Latinos in Kalifornien könnte die Homosexuellenehe zu Fall bringen. Für die Präsidentenwahlen werden die Stammwähler der Demokraten Obama Stimmen bringen, die dieser in Kalifornien gar nicht dringend braucht. Im Streit über ethisch-moralische Fragen, auch über die Abtreibung, sind die Angehörigen der größten Minderheiten aber wesentlich konservativer als die liberalen Weißen. Eine bizarre Koalition von Evangelikalen und Mormonen, baptistischen Schwarzen und katholischen Latinos könnte „Proposition 8“ zum Sieg verhelfen.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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