14.10.2008 · Überdimensioniert und jetzt auch ramponiert: Der amerikanische Traum in Form riesiger Luxusvillen ist in Nevada ausgeträumt: In keinem anderen Bundesstaat gibt es derzeit so viele Zwangsversteigerungen. Wo die Blase am größten war, muss sie auch am lautesten platzen.
Von Matthias RübDa steht er, der amerikanische Traum. Hier in der toskanischen Fassung, überdimensioniert und jetzt auch ramponiert, jedenfalls binnen eines Jahres im Wert halbiert. Die Adresse lautet Cerchio Alto 2, das Haus befindet sich in einer stillen malerischen Sackgasse. Weiter unten an der Strada Principale liegen Cerchio Basso und Cerchio Centrale. Das klingt so italienisch - und soll es auch.
Denn hier, gut 25 Kilometer östlich von Las Vegas, sollte nach dem Willen visionärer und milliardenschwerer Investoren aus den neunziger Jahren mitten in der Wüste von Nevada eine Replik der Gegend um den italienischen Comer See entstehen - mit Loggias und Kopfsteinpflastergassen, mit Golfplätzen und eben einem See. Und so geschah es. Nach gut sieben Milliarden Dollar Investitionen und vier Millionen Kubikmetern Geröll für eine Staumauer gibt es den Lake Las Vegas. Der künstliche See gibt auch der noblen Wohngegend mit Resorts und Hotels und Luxusgeschäften in der Stadt Henderson ihren Namen.
Die Goldgräberstimmung bricht ein
Noch vor zwei Jahren war Henderson die am schnellsten wachsende Stadt in den Vereinigten Staaten: Weil der Tourismus und alles andere in Las Vegas boomten, schnellte die Einwohnerzahl von 175.000 im Jahre 2000 auf jetzt gut 250.000 empor. In den Landkreis Clark, zu dem der Großraum Las Vegas sowie die Vorstädte Henderson und Paradise gehören, zogen vor zwei Jahren noch jeden Monat durchschnittlich 4000 neue Einwohner. Es war wieder einmal Goldgräberstimmung in Nevada. Die Jobs waren gut bezahlt, der Staat erhob keine Einkommen- und Unternehmensteuer, die Städte bauten neue Schulen und gute Straßen, und für die steigenden Immobilienpreise war nur der hohe Himmel über der Wüste die Grenze.
Jetzt stehen Henderson, Las Vegas und Nevada wieder an der Spitze. Seit 20 Monaten gibt es in keinem anderen Bundesstaat so viele Zwangsversteigerungen von Häusern und Wohnungen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Haushalte wie in Nevada: Wo die Blase am größten war, muss sie auch mit dem lautesten Knall platzen. Im September lag die Zwangsversteigerungsrate in Nevada bei 78 von 1000 Haushalten, in der traurigen Statistik folgen Arizona, Florida und Kalifornien auf den vorderen Plätzen. Im Landesdurchschnitt verloren 8,6 von 1000 Haushalten wegen ausstehender Hypothekenzahlungen die eigenen vier Wände, bis zum Jahresende rechnet man mit insgesamt mehr als einer Million zwangsversteigerter Häuser und Wohnungen.
Verlassene Bauruinen statt Traumhäusern
Die ehemaligen Besitzer des Hauses Cerchio Alto 2 im noblen Stadtteil Lake Las Vegas von Henderson gehören dazu. Sie sind schon ausgezogen, mit unbekanntem Ziel. Im Oktober 2007 wurde ihr schmuckes Haus im „Toscana-Stil“ mit drei Schlafzimmern und drei Bädern von den Immobilienmaklern noch auf einen Wert von 841.000 Dollar geschätzt; jetzt hat der mit der Versteigerung beauftragte Makler das Mindestgebot auf 423.000 Dollar festgelegt. Ein Käufer hat sich dennoch bisher nicht gefunden. Denn Lake Las Vegas ist dieser Tage keine so begehrte Wohngegend mehr. Sogar das 2003 eröffnete Ritz-Carlton-Hotel mit 350 Zimmern musste im April Gläubigerschutz beantragen, um wegen ausstehender Ratenzahlungen für einen 103-Millionen-Dollar-Kredit nicht gleich in Konkurs zu gehen.
Auch der „Southshore Golf Club“ direkt am See ist in finanzieller Schieflage. Die voll erschlossenen Bauplätze am Cerchio Basso und am Cerchio Centrale in Lake Las Vegas mochten vor zwei oder drei Jahren und mit ein bisschen Phantasie noch als Nobelgrundstücke für bald ocker- oder erdfarben erstrahlende Villen mit Terracotta-Terrassen und Swimmingpool erschienen sein. Heute schauen sie aus wie verlassene Bauruinen. Und während bei den Präsidentenwahlen 2000 und 2004 der Republikaner George W. Bush mit knappem Stimmenvorsprung vor Al Gore und John Kerry die fünf Wahlmännerstimmen im boomenden Nevada gewann, ist für die Wahl im Krisenjahr 2008 der demokratische Kandidat Barack Obama der Favorit vor seinem Gegner John McCain.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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