20.01.2009 · Banken brechen zusammen, Firmen gehen unter, Millionen Menschen verlieren ihre Stellung. Amerika verzweifelt an sich selbst. Der neue Präsident hat nur eine Chance: Er muss den alten Zauber beleben und den Kapitalismus neu erfinden.
Von Rainer Hank und Lisa NienhausEs sind die kurzen, scheinbar harmlosen Sätze, die den Ernst der Lage am treffendsten beschreiben. "Die Weltwirtschaft steckt im Schlamassel", sagt der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff und fragt: "Hat Amerika seine Zauberkraft verloren?" Rogoff bringt auf den Punkt, was sein Land zutiefst beunruhigt: Die amerikanische Finanzkrise hat die Wirtschaft der gesamten Welt heruntergerissen - und trotz gigantischer Care-Pakete in Form von Hunderten Milliarden Dollar will das System einfach nicht wieder in Gang kommen, will der alte Zauber einfach nicht zurückkehren.
Wenn der neue Präsident Barack Obama an diesem Dienstag sein Amt antritt, steckt sein Land zwar (noch) nicht in der zweiten Großen Depression, doch es ist in einer Angststarre gefangen, die mit warmen Worten vom "Change" allein nicht gelöst werden kann. Die Zahlen sind deutlich. 2,5 Millionen Arbeitsplätze sind im Jahr 2008 in den Vereinigten Staaten verlorengegangen - mehr als jemals zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 1,9 Millionen davon wurden allein in den letzten vier Monaten des Jahres 2008 gestrichen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 7,2 Prozent auf dem höchsten Stand seit 16 Jahren. Selbst wer einen Job ergattert hat, kann davon nicht unbedingt leben. 2,8 Millionen Amerikaner, die eigentlich eine Vollzeitstelle suchen, müssen sich damit begnügen, Teilzeit zu arbeiten.
Das Land steht an einem Wendepunkt
Besserung ist nicht in Sicht. Denn nicht nur die vielen Banken, die ohne Staatsgelder längst pleite wären, entlassen weiter Tausende Angestellte. Auch in der Industrie sieht es traurig aus. Viele Bänder stehen still, die Industrieproduktion hat den tiefsten Stand seit 28 Jahren erreicht. Die amerikanische Wirtschaft schrumpft. Bankvolkswirte befürchten schon, dass es im letzten Quartal 2008 den schwersten Konjunktureinbruch seit Anfang der achtziger Jahre gegeben hat. Erste offizielle Zahlen dazu gibt es allerdings erst Ende Januar.
Es sind düstere Zeiten, in denen Barack Obama seinen Amtseid schwören wird. Sein Land steht an einem Wendepunkt. Jetzt entscheidet sich, ob Amerika an Bedeutung, Reichtum und Einfluss verliert - oder ob es sich aus seiner Angststarre befreien kann und sich neu erfindet.
Obama beschwört die glorreiche Vergangenheit seines Landes, wenn er von dem Jahr spricht, das vor ihm liegt. "Quer durch die amerikanische Geschichte gab es Jahre, die einfach ins nächste übergingen, ohne große Beachtung, ohne Fanfare", sagte er in einer Rede zur wirtschaftlichen Lage. "Und dann gab es die Jahre, die einmal in einer Generation auftauchten, die einen klaren Bruch mit einer beunruhigenden Vergangenheit darstellten, die unsere Nation in eine neue Richtung lenkten. Dies ist eines jener Jahre."
Viele Ökonomen haben ihre Überzeugungen geändert
Was es im Jahr 2009 zu verhindern gilt, ist offensichtlich: eine zweite Große Depression. Genau das ist es, was viele jetzt aber befürchten: die Wiederkehr der schrecklichen dreißiger Jahre. Auf der Jahrestagung der amerikanischen Ökonomen Anfang Januar sagte Frederic Mishkin von der Columbia-Universität sogar: "Der Schock, der aus dem Finanzsystem kommt, ist in dieser Krise größer als in der Großen Depression." Der Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb in der "New York Times": "Lasst uns kein Blatt vor den Mund nehmen. Es sieht zur Zeit ziemlich stark nach dem Beginn einer zweiten Großen Depression aus."
Wie groß die Angst der Ökonomen vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft ist, sieht man daran, wie viele von ihnen ihre früheren Überzeugungen auf einmal hinter sich gelassen und ihre Meinung geändert haben. Vor einem Jahr war es noch umstritten, ob man frei nach Keynes große Konjunkturprogramme auflegen und Konsumschecks verteilen solle. Auf einmal ist alles anders. "Selbst der rechte Flügel in den Vereinigten Staaten hat sich dem keynesianischen Lager mit ungezügelter Begeisterung und in einem Maße angeschlossen, das früher wahrhaft unvorstellbar gewesen wäre", triumphiert der linke Ökonom Joseph Stiglitz. Und auf der Jahrestagung der amerikanischen Ökonomen war man sich einig: Der Staat muss nun schnell viel, viel Geld in die Hand nehmen. Nur was er genau damit tun soll, blieb umstritten.
Den richtigen Weg zu finden, ist nun Barack Obamas Aufgabe. Er hat seinen Plan, mehr als 700 Milliarden Dollar für ein Konjunkturprogramm auszugeben, längst vorgestellt. Er will die Steuern senken und gleichzeitig viel mehr ausgeben für Straßen, Brücken, Bildung. Das soll der Wirtschaft den entscheidenden Schub geben.
Obama wirft all sein Pathos in die Waagschale
Obama versprüht Optimismus - und das zu Recht. Denn es ist keinesfalls ausgemacht, dass die Vereinigten Staaten durch die Krise auf Jahre geschwächt bleiben. Der amerikanische Kapitalismus hat sich noch immer neu erfunden - gerade in Zeiten seiner schlimmsten Krisen. „Zügeln Sie Ihre Schadenfreude“, ruft Clive Crook, Kolumnist der Zeitschrift „Atlantic Monthly“, all jenen Skeptikern zu, die Amerika prophezeien, dass das Land bald in die Mittelmäßigkeit absteigt. Meldungen über das Ableben des einstigen Helden seien verfrüht: „Unsere Arbeitsmoral bleibt ungebrochen, das Selbstvertrauen und die Abenteuerlust nicht minder.“ Und Obama wirft all sein Pathos in die Waagschale, um dieser Hoffnung Gewicht zu geben.
Wendepunkte der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte waren immer mit dem Namen eines großen Präsidenten verbunden: Franklin D. Roosevelt rief 1933 den „New Deal“ aus, inmitten der schwersten Depression des Landes. Ronald Reagan befreite 1980 die Märkte von den Fesseln des Staates, was zu Jahren wirtschaftlicher Blüte führte. Und Barack Obama versucht nun, mit der Rhetorik eines neuen New Deal die Krise zu überwinden und dem „working man“, dem Arbeiter, seinen Stolz wiederzugeben.
Dabei muss man sich den Ronald Reagan des Jahres 1980, einen Konservativen, als Außenseiter vorstellen - so wie auch der Demokrat Obama im Jahr 2008 ein Außenseiter war. Reagan war ein kalifornischer Filmschauspieler, der freie Märkte pries, wie man das zuletzt in den Jahren vor dem New Deal gehört hatte. „Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt“ lautete das Motto der Reaganschen Wende. „It's time for a change“, heißt das Echo bei Obama.
„Wir haben geglaubt, wir könnten den Konjunkturzyklus bezwingen“
Roosevelt, Reagan, Obama: Die Namen zeigen, dass immer schon eine Vielfalt marktwirtschaftlicher Spielarten im Mutterland des Kapitalismus möglich war. Mal setzte Amerika stärker auf den Markt, mal auf den Staat. Protestantische Arbeitsethik und Abenteuerlust, Asketen und Spekulanten passten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schon immer gut zusammen. Mal gewann der Asket die Oberhand, mal der Spekulant. Es ist, als versuchten die Vereinigten Staaten immer wieder des einen Fehlers mit Hilfe des jeweils anderen auszubügeln.
Dieses Mal ist es der Traum der „Great Moderation“, der zerbrochen ist - der Traum jener Jahre zwischen 1980 und 2008, die einmal wie der letztgültige Triumph des amerikanischen Kapitalismus wirkten: „Wir haben alle geglaubt, wir könnten den Konjunkturzyklus bezwingen durch neue Technologien, bessere Methoden der Kommunikation und die Feinsteuerung der Lagerhaltung“, sagt Daron Acemoglu, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ein goldenes Jahrhundert schien angebrochen, in dem die Inflation besiegt und das Wachstum für immer ungebremst schien.
Das waren sichere Jahre. Und gerade darin steckte ihre größte Gefahr. Denn Sicherheit führt dazu, dass Menschen Risiken falsch einschätzen und der Verführung durch das große Geld verfallen. Das makroökonomische Credo der Reaganschen Revolution übersetzte sich in ein rauschhaftes Lebensgefühl. In einem Zustand von Euphorie genoss die Finanzelite ihre teuren Appartements mit dem Blick über den Central Park. Manhattan wurde zum Zentrum der Welt der „Great Moderation“.
Obama verspricht, zu Maß und Mitte zurückfinden
Damals hat kaum einer erkannt, dass die Innovationen der Internet- und der Finanzindustrie die Welt auch für Krisen anfälliger machten. Dieselben ökonomischen Veränderungen, die den Menschen mehr Sicherheit verliehen, seien auch dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft viel stärker verflochten wurde, sagt Acemoglu: „Das macht uns jetzt besonders verletzlich bei großen Schocks.“ Und er sagt auch: „Wir sind dem Missverständnis aufgesessen, dass freie Märkte unregulierte Märkte sind.“ Kein Wunder, dass die „Great Moderation“ der Generation Obama nur noch als die Zeit der „Großen Unmäßigkeit“ erscheint.
Barack Obama verspricht der Nation, man werde wieder zu Maß und Mitte zurückfinden. Dass die Garantie staatlicher Macht und die Aufsicht über die wirtschaftliche Ordnung auch einmal ein Projekt der Demokraten waren, ja, dass die Demokraten einmal eine Law-and-Order-Partei waren, ist in Vergessenheit geraten. Obama erinnert seine Leute daran - und hat damit die Mittelschichten des Landes für die Demokraten zurückerobert. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat eine schlimme Rezession, deren Wirkung noch während des Wahlkampfes sichtbar wurde, einem Demokraten nicht geschadet, sondern genützt.
Jetzt muss Barack Obama handeln. Harvard-Ökonom Rogoff ist überzeugt, dass das Schlimmste noch zu verhindern ist. „Die amerikanische Wirtschaft mag einen erheblichen Teil ihrer Zauberkraft eingebüßt haben“, sagt er. „Doch sind noch sehr viel Pech und politische Fehler nötig, um eine zweite weltweite Große Depression herbeizuführen.“
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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