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Amerikas Wahlkampf Ohne Samthandschuhe in den Schlamm

07.10.2008 ·  John McCain und Barack Obama wühlen in der Vergangenheit des jeweils anderen. Es fallen die Namen Bill Ayers, Jeremiah Wright und Charles Keating. Doch die Taktik, den Gegner zu diskreditieren, ist riskant.

Von Matthias Rüb, Washington
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Wenn es wirklich böswillig zugeht in der Wahlwerbung und bei Wahlkampfveranstaltungen, dann weiß man, dass die heiße Phase im Kampf ums Weiße Haus begonnen hat.

Dieser Augenblick ist nun erreicht - rechtzeitig zur zweiten Debatte der Kandidaten John McCain und Barack Obama an diesem Dienstag an der Belmont-Universität in Nashville im Bundesstaat Tennessee. Wie es ihrer Rolle als oberstem „Beißhund“ des Wahlkampfteams von McCain zukommt, hat Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin am Wochenende den Anfang gemacht.

„Abscheuliche Taten“

Seit Tagen hämmert sie nun dem amerikanischen Volk ein, dass Obama in den neunziger Jahren mit dem einstigen linksradikalen Polit-Aktivisten Bill Ayers in Chicago in engerer Verbindung stand, als dieser sogar nach Ansicht der linksliberalen Tageszeitung „New York Times“ zugeben will.

Das Wahlkampfteam Obamas teilte am Montag mit, als Obama 1995 die Einladung Ayers' zu einer Veranstaltung zu Obamas Ehren und zur Vorstellung des neuen Sterns am politischen Himmel Chicagos annahm, habe Obama nicht von dessen linksradikaler politischer Vergangenheit gewusst. Obama sagt heute, er verurteile entschieden Ayers' „abscheuliche Taten, die dieser vor vierzig Jahren begangen hat“ - zu einem Zeitpunkt mithin, wie Obama nicht müde wird zu betonen, da „ich selbst acht Jahre alt war“.

Palin in weißem „Unschuldskostüm“

Sarah Palin befleißigt sich seit Tagen der Formulierung, Obama habe „sich mit Terroristen angefreundet, die ihr eigenes Land angreifen“. Sie erwähnt in jeder Rede Bill Ayers, um nach eigener Aussage „dem amerikanischen Volk klarzumachen, mit welchen Leuten Obama zu tun hat“. Zudem wird sie nicht müde, daran zu erinnern, „solche Leute“ wie Obama und Ayers seien der Ansicht, „dass höhere Steuern patriotisch sind“, womit sich deren Weltsicht radikal von jener des amerikanischen Durchschnittsmenschen wie ihr und ihrer naturgemäß begeisterten Zuhörerschaft unterscheide.

In die gleiche Kerbe haute ein am Montag erstmals ausgestrahlter Wahlwerbespot McCains, in welchem ein Zitat Obamas aus einer Rede vom August 2007 vorgeführt wird, wonach die amerikanischen Truppen in Afghanistan „nur Dörfer aus der Luft angreifen und Zivilisten töten“. Auch Sarah Palin - in ein weißes „Unschuldskostüm“ mit amerikanischer Flagge am Revers gewandet - bemühte das Zitat am Montag bei einem Wahlkampfauftritt in Clearwater im Bundesstaat Florida. Nachdem die Zuschauer ordnungsgemäß gebuht hatten, hielt Frau Palin dieser Einschätzung Obamas ihre eigene entgegen, wonach „unsere Männer und Frauen in Uniform in Afghanistan gegen Terroristen kämpfen und unsere Freiheit und unsere Werte verteidigen“.

Die Samthandschuhe ausziehen

Hinter den Angriffen auf Obama steckt die Strategie McCains, seinen Herausforderer als „unpatriotisch und gefährlich“ und mithin als Risiko für die nationale Sicherheit hinzustellen. Damit soll vom zuletzt bestimmenden Thema des Wahlkampfes abgelenkt werden: von der Wirtschafts- und Finanzkrise. Denn eine Mehrheit der Amerikaner traut laut Umfragen eher dem demokratischen Kandidaten Obama als dem Republikaner McCain zu, die amerikanische Volkswirtschaft aus der Krise zu führen; und deshalb konnte sich Obama binnen etwa einer Woche in fast allen Umfragen um bis zu sechs Prozentpunkte absetzen.

Im Lager der Republikaner weiß man, dass es rasch zu einem Stimmungswechsel mittels Themenwechsel kommen muss, um diesen bedrohlichen Trend noch umzukehren. Schon wird die Forderung lauter, die letztlich wahlentscheidenden, noch unentschlossenen Wechselwähler in der politischen Mitte auch wieder an Obamas ehemaligen Pastor Jeremiah Wright zu erinnern, in dessen Chicagoer Kirche Obama über zwei Jahrzehnte hinweg manchen Ausbruch des pastoralen Zorns auf Amerikas Unzulänglichkeiten vernehmen konnte. „Die Samthandschuhe ausziehen!“ lautet deshalb die Empfehlung Sarah Palins an John McCain, welche die Gouverneurin von Alaska in einem Telefoninterview mit dem konservativen Publizisten Bill Kristol vom Sonntag äußerte.

Angriff als Ablenkungsmanöver

Eine solche Strategie kann für McCain durchaus wirksam sein - ganz nach dem Vorbild George W. Bushs vor vier Jahren gegen John Kerry, der sich ähnlichen Angriffen auf seinen Charakter und seinen Patriotismus durch eine Gruppe von sogenannten „Swift Boat Veterans“ aus dem Vietnam-Krieg ausgesetzt sah. Diese Strategie birgt aber auch das Risiko, dass McCain als „zorniger alter Mann“ dasteht, der einen „Charakterkrieg“ beginnt, weil ihm die Sachthemen ausgegangen sind.

In einer prompten Reaktion wiesen Obama und sein Wahlkampfteam am Montag denn auch die jüngste Welle der persönlichen Angriff als Ablenkungsmanöver zurück: Das amerikanische Volk „verdient Besseres in den letzten vier Wochen des Wahlkampfs“, sagte Obama und erinnerte an die Wirtschaftskrise, an verlorene Jobs, an sinkende Aktienkurse als die wirklichen Probleme, denen es zu begegnen gelte.

„Größter Fehler meines Lebens“

Zugleich rief sein Wahlkampfteam mit einem 13 Minuten langen Videobericht, der am Montag im Internet veröffentlicht wurde, den Finanzskandal um die sogenannten „Keating Fünf“ ins Gedächtnis, in welchen John McCain Ende der achtziger Jahre verwickelt war. McCain bezeichnet seine Unterstützung für den später wegen Betrugs verurteilten Banker, Freund und republikanischen Parteispender Charles Keating als „größten Fehler meines Lebens“ - und McCain wurde für seine Rolle in dem Skandal vom Ethikausschuss des Senats seinerzeit gemaßregelt.

Zudem wird in einem neuen Wahlwerbespot Obamas das Verhalten von dessen Herausforderer McCain als zumal „in Krisensituationen rätselhaft“ beschrieben - eine Anspielung auf McCains sprunghaften Charakter und womöglich auch auf eine einsetzende Senilität des 72 Jahre alte Senators. Längst haben beide Seiten die Samt- mit den Boxhandschuhen vertauscht und zielen bevorzugt dorthin, wo man nach den Regeln des Anstands eigentlich nicht treffen darf.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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