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Amerikas Angriff in Syrien „Wir nehmen die Dinge nun selbst in die Hand“

28.10.2008 ·  Streit über Grenzsicherung / Von Hans-Christian Rößler

Von Hans-Christian Rößler
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Wenn stimmt, was die syrische Regierung und Augenzeugen berichten, war es die erste amerikanische Militäraktion auf syrischem Staatsgebiet. Acht Kilometer weit sollen am Sonntagabend vier amerikanische Militärhubschrauber bei Abu Kamal nach Syrien vorgedrungen sein und mehrere Menschen getötet haben. Die Angaben schwanken zwischen sieben und neun Opfern, angeblich Bauarbeiter, eine Frau und mehrere Kinder. Eine offizielle Bestätigung aus Washington gab es dafür bis zum Dienstagmorgen nicht. Allerdings zitierte die Nachrichtenagentur AP einen Militärsprecher mit den Worten: „Wir nehmen die Dinge nun selbst in die Hand.“ Und verschiedene Medien berichteten unter Berufung auf einen ungenannten amerikanischen Beamten, der Einsatz habe einem ranghohen Al-Qaida-Mitglied gegolten. Abu Ghadija sei einer der wichtigsten Schleuser in der Grenzregion zum Irak gewesen und bei dem erfolgreichen Einsatz getötet worden.

Aus alldem spricht eine neue Ungeduld mit Syrien, die am Montag auch in Bagdad zu beobachten war. Von dort kamen konkrete Hinweise, worum es bei der Militäraktion wohl ging: Aus der Gegend von Abu Kamal seien Terroristen immer wieder aufgebrochen, um Ziele im Irak anzugreifen, sagte am Montag ein irakischer Regierungssprecher der Nachrichtenagentur Aswat al Irak. Er erwähnte besonders einen Anschlag, bei dem vor kurzem 13 Polizeirekruten ermordet worden waren: Vergeblich habe die irakische Regierung Damaskus darum gebeten, die Mitglieder der Gruppe festzunehmen und zu überstellen.

„Al Qaida ziemlich offen aktiv“

Der amerikanische Kommandeur in der an Syrien grenzenden irakischen Provinz Anbar, John Kelly, sprach vor wenigen Tagen zwar von Fortschritten bei der Grenzsicherung auf irakischer Seite. Zugleich lenkte er aber die Aufmerksamkeit auf Syrien: „Al-Qaida-Mitglieder und andere sind auf der syrischen Seite ziemlich offen aktiv“, bemängelte er. Immer wieder kämen sie über die Grenze.

Amerika hält Damaskus schon seit dem Einmarsch im Irak 2003 vor, dass Terroristen, Waffen und Geld weitgehend ungehindert über Syrien in den Irak gelangen. Zuletzt hatte diese Kritik aber merklich abgenommen. Der irakische Staatspräsident Talabani versicherte im September Präsident Bush, Syrien (und Iran) stellten „kein Problem“ mehr für den Irak dar. Der frühere amerikanische Oberbefehlshaber im Irak, David Petraeus, sprach vor wenigen Wochen davon, dass jeden Monat nur noch etwa 20 Kämpfer aus Syrien in den Irak kämen; zuvor seien es mehr als hundert gewesen.

Er und andere führende Militärs bemühten sich im vergangenen Jahr um eine engere militärische Zusammenarbeit mit Damaskus. Sie konnten sich aber mit dem Wunsch nach einem Austausch von Geheimdienstinformationen nicht gegenüber dem Weißen Haus durchsetzen. Syrien hatte dafür verlangt, dass Washington wieder einen Botschafter entsendet.

Vorsichtige Annäherung

Auch das amerikanische Außenministerium arbeitet an einer vorsichtigen Annäherung: Ende September traf sich Condoleezza Rice mit dem syrischen Außenminister Muallim. In Damaskus kam jedoch immer wieder Enttäuschung über Amerika zur Sprache. So hatte Muallim Amerika vergeblich um technische Unterstützung gebeten: Sein Land brauche moderne Hilfsmittel, um die gut 600 Kilometer lange Wüstengrenze zu sichern, die zu einem großen Teil nur aus einem Sandwall besteht. Diplomaten berichten, dass die eingesetzten Wehrpflichtigen wegen ihres niedrigen Solds, schlechter Ausrüstung und langer Wüsteneinsätze schon für eine Taschenlampe oder wenig Geld bereit seien, nicht so genau hinzusehen. „In Syrien leben eineinhalb Millionen (irakische) Flüchtlinge. Es ist unmöglich, die Grenze vollständig abzuriegeln“, sagt Samir al Taqi, der in Damaskus das unabhängige Zentrum für Orient-Studien leitet.

Obwohl jetzt Arabische Liga, Iran, Russland und sogar Frankreich Syrien beispringen und die Militäraktion verurteilen, ist sie für den syrischen Präsidenten Assad und seine Streitkräfte peinlich. Denn schon im September 2007 hatte die israelische Luftwaffe eine angeblich mit nordkoreanischer Hilfe errichtete Atomanlage in der syrischen Wüste zerstört. Aus amerikanischer Sicht hält der Syrien-Kenner Joshua Landis besonders den Zeitpunkt des Angriffs für auffällig. Kurz vor der Präsidentenwahl am 4. November hätten wohl manche Syrien-Gegner im Weißen Haus die Chance für einen „Abschiedsgruß“ an die Führung in Damaskus gesehen, ohne dass sie mit schlimmeren Folgen rechnen mussten. Angesichts des sich abzeichnenden Wahlsiegs des Demokraten Obama werde sich Syrien schon bald aus eigenem Interesse wieder um bessere Beziehungen bemühen.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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