Das Wort „historisch“ ist in den vergangenen Tagen so häufig gebraucht worden, dass man ihm eine Pause gönnen sollte. Dabei wirkt es eigentlich zu schwach, um das zu bezeichnen, was sich in der Nacht zum Mittwoch in den Vereinigten Staaten von Amerika zugetragen hat und was in Wellen rund um den Erdball getragen wurde. Es wurde nicht nur zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte ein Schwarzer zum Präsidenten des Landes gewählt, ein Ereignis, das genug politische und gesellschaftliche Wucht hat, um als epochaler Einschnitt zu taugen. Diese Wahl hatte die Aura einer Wahl, mit der alle Wahlen zu einem Ende kommen. Ein Hauch von Erlösung lag in der Luft, und jede weitere Wahl müsste wie eine Profanierung wirken.
Natürlich war diese Wahl außergewöhnlich, weil ein Afroamerikaner namens Barack Hussein Obama, der von einem kenianischen Vater und einer weißen amerikanischen Mutter abstammt, der selbst in Hawaii und Indonesien aufgewachsen ist und dessen Halbbrüder in Kenia leben, ins Weiße Haus getragen wurde. Für manche, Weiße wie Schwarze, fand am 4. November 2008 der wegen der Sklaverei geführte blutige Bürgerkrieg nach nunmehr 147 Jahren endlich ein Ende, war eine jahrhundertealte Schuld des weißen Amerika abgetragen und das große Gründungsversprechen dieser Nation eingelöst, dass niemand wegen seiner Rasse, seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner politischen Überzeugungen benachteiligt werden dürfe.
Moralische Wucht des Triumphes
Die Ergriffenheit der Menschen, die im Chicagoer Grant Park die Bühne umlagerten, auf der der 44. Präsident der Vereinigten Staaten zu ihnen sprach, war auch Ausdruck dieser Erleichterung, den Schandfleck getilgt zu haben. In der Beschreibung reichten vielen nur religiös aufgeladene Begriffe wie „nationale Katharsis“, um die moralische Wucht des Triumphes von Obama zu beschreiben.
Dieser Triumph ist vielleicht nicht in voller Lautstärke bis in alle Ecken und Enden der Welt gedrungen - ohne politisches Echo wird er nicht bleiben. Denn diese Wahl wird auch die Grenzen des Sagbaren über Amerika hinaus neu ziehen. Minderheiten werden durch Obamas Sieg in ganz anderen gesellschaftlichen Verhandlungspositionen sein. Zwar werden rassistische Vorurteile nicht verschwinden, ihr ideologisches Fundament ist aber durch diese politische Entscheidung der Weltführungsmacht Amerika schmal und bröckelig geworden.
Über der Begeisterung für Obamas Wahlsieg darf indes nicht vergessen werden, dass sein Sieg alles andere als erdrutschartig war. Immerhin konnte sein republikanischer Widersacher John McCain trotz aller politischen Schwächen und zum Teil auch erratischen Verhaltensweisen noch 46 Prozent der Wähler hinter sich scharen - ein Indiz dafür, dass bei aller Wechsel- und Aufbruchsrhetorik Amerika nach wie vor ein stark konservativ geprägtes Land bleibt.
Und es sollte bei Obamas Sieg und dem Ausbau der demokratischen Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses nicht vergessen werden, dass der nicht minder charismatische Demokrat Bill Clinton einen ähnlichen Sieg im Jahre 1992 einfahren konnte - und zwei Jahre später unter den Druck der von Newt Gingrich angeführten Republikanischen Revolution im Kongress geriet.
Ende neokonservativen Alleingänge
Dennoch: Obamas Sieg und sein ruhiger, ja erhabener Auftritt am Wahlabend - der unterlegene McCain stand dem zukünftigen Präsidenten in staatsmännischer Würde und Integrität in nichts nach, als er seine Niederlage eingestand - erneuert den Anspruch Amerikas, eine führende Rolle in der Welt zu spielen. Nach den neokonservativen Alleingängen der Bush-Administration wie etwa im Irak, die nicht nur das Ansehen dieses Präsidenten, sondern das Ansehen Amerikas verheert haben, wird Obama einen Weg suchen, andere weltpolitische Akteure stärker einzubinden bei der Lösung internationaler Aufgaben wie der von ihm benannte Kampf gegen den Terrorismus, der Klimawandel und die Finanzmarktkrise - dass Obama dabei stets mit Macht die Interessen Amerikas vertreten wird, darüber sollte sich aber niemand täuschen. So hat er ja kein Hehl daraus gemacht, dass er in Afghanistan ein stärkeres Engagement der Europäer wünscht. Der Messias wird kein Friedensengel sein.
Das hierzulande als befremdlich empfunden wird, die charismatische, stark religiös aufgeladene Politik durch den Glauben der Amerikaner an ihr Auserwähltsein unter den Völkern - sie geht zurück bis auf die puritanischen Siedler und das Bild einer leuchtenden Stadt auf dem Hügel -, könnte nun die Grundlage einer Erneuerung der Beziehungen Amerikas zum Rest der Welt werden. Bush und die monomanischen Neokonservativen haben die Welt als Modelliermasse begriffen und sich um Anerkennung durch die Weltöffentlichkeit nie geschert. Obama hat die Zweischneidigkeit des Auserwähltseins erkannt, das Anerkennung braucht, wenn es nicht zum selbstzerstörerischen Sektierertum werden soll.
Politik der kleinen Schritte
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 09.11.2008, 18:05 Uhr
Nix Auserwähltsein!
Alex Merck (AlexM3)
- 09.11.2008, 18:11 Uhr
Obamania
Norbert Czech (nczech)
- 09.11.2008, 18:14 Uhr
Keine Spartakus-Revolution!
Josef Bujtor (Mramorak)
- 11.11.2008, 11:08 Uhr
