26.11.2008 · Die Judenverfolgung als Katz- und Maus-Spiel? Sobald man Art Spiegelmans „Maus“ aufschlägt, erkennt man, dass der Kunstgriff, mit dem er die Geschichte zu verniedlichen scheint, sie in Wahrheit vor jeder Verharmlosung bewahrt. Ein Überblick über den Nationalsozialismus im Comic.
Von Patrick BahnersDie Idee erscheint blasphemisch. Werden nach Auschwitz auch längst wieder Gedichte geschrieben, so scheinen Comics über Auschwitz doch ein Ding der Unmöglichkeit. Darf man das Grauen, das jede Vorstellungskraft übersteigt, mit klaren Linien umreißen, in Bildern festhalten, diese Bilder gar in viereckige Kästchen zwängen? Niemand würde die Comics heute noch mit dem Jargon der fünfziger Jahre als Schundliteratur schmähen, doch hat alle Ideologiekritik den Befund nicht wegwischen können, dass die meisten in der Sprechblasenliteratur erzählten Geschichten trivial sind: Der Zeichenstift teilt die Welt fein säuberlich in Weiß und Schwarz, das Personal in Gut und Böse. Die Geschichte der Judenvernichtung, in der Weiß und Schwarz tatsächlich so rein geschieden sind wie niemals sonst in unserer Geschichte, muss, so scheint es, verharmlost werden, wenn man sie als Bildergeschichte erzählt.
Art Spiegelman ist einer der bekanntesten Vertreter der Underground-Comics, kurz U-Comics, deren Zeichner in den sechziger Jahren die Revolte der Jugendkultur auf die Massenzeichenware Comic zu übertragen versuchten. Wo sich bisher das lustige Getier aus dem Hause Disney getummelt hatte, da brachen plötzlich die Hippies ein, die die Drogen mitbrachten und den Sex. Soziale Missstände rückten in ein grelles Scheinwerferlicht, und nirgendwo war mehr ein Superman, der sie mit einem Faustschlag hätte beseitigen können. Wie alle Revolteure reproduzierten auch die Zeichner der U-Comics die Muster, die zu beseitigen sie angetreten waren. Die Illusion der heilen Welt versuchten sie gerade dadurch zu entlarven, dass sie die Trivialisierung auf die Spitze trieben, jede Fiktion von Sinn in anarchistischer Albernheit ertränkten. Wie aber soll der vom Unheil erzählen, der kein Gegenbild des Heilen anerkennt, sondern der Unterscheidung von Heil und Unheil nur Gelächter entgegensetzt?
Beklemmende Eindringlichkeit
Auf den ersten Blick bestätigt Spiegelmans „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“, die Geschichte seines Vaters Wladek Spiegelman, das Misstrauen: Auf dem Titelbild sieht man zwei zusammengekauerte Mäuse im Trenchcoat, hinter denen bedrohlich ein Hakenkreuz leuchtet, worin Hitlers Gesicht als Katzenkopf erscheint. Die Judenverfolgung als Katz- und Maus-Spiel? Sobald man das Buch aufschlägt, erkennt man, dass der Kunstgriff, mit dem Spiegelman die Geschichte zu verniedlichen scheint, sie in Wahrheit vor jeder Verharmlosung bewahrt. Spiegelmans Mäuse gleichen auch nicht von ferne den Figuren Walt Disneys, deren Physiognomien genau dem Kindchenschema entsprechen und so an die fürsorglichen Instinkte des Lesers appellieren. Diese Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine und die Amerikaner als Hunde darstellt, legt er die Menschlichkeit frei, die sie verbindet. Ihm gelingt dies durch eine geniale Bilderfindung: Wenn er davon erzählt, wie Juden sich als Polen ausgaben, zeichnet er Mäuse, die eine Schweinemaske vor dem Gesicht tragen.
Das Plädoyer, jeden Menschen als Menschen, also in seiner Eigenart anzuerkennen, lässt sich ästhetisch nur schwer eindrucksvoll umsetzen, gerade weil es ethisch unbedingt gültig ist. Beklemmende Eindringlichkeit gewinnt das Plädoyer aber in einem Bild, das Wladek und Anna Spiegelman zeigt, die 1944 auf der Flucht vor der Gestapo durch ihre Heimatstadt irren. Anna zieht einen langen Schwanz hinter sich her.
Ungeeigneter Realismus
Der Zeichner Paul Gillon und der Texter Patrick Cothias kommen aus einer anderen großen Tradition des zeitgenössischen Comics, aus der realistischen Schule der französischen bande dessinée. Geradlinig erzählte Geschichten kennzeichnen diese Schule, die die Gegenwart spiegeln wie ein film policier oder ihr als Science-fiction sogar vorauseilen. Gillons und Cothias' zweibändige Umsetzung der Autobiographie Martin Grays, der als Jugendlicher im Warschauer Ghetto Martin Grajewski hieß, ist als erster Comic auf die Empfehlungsliste zum Gustav-Heinemann-Friedenspreis gesetzt worden. Die Geschichte des Vierzehnjährigen, dem Hitler seine Jugend stiehlt, ist temporeich erzählt. Durch rasche Schnitte gelingt es Gillon, in nur vier Bildern, die an albtraumhaft gesteigerte Wochenschauaufnahmen erinnern, die Niederwerfung Polens am Leser vorbeiziehen zu lassen. Er arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten, lässt Großaufnahmen und Nahansichten in raschem Wechsel aufeinander folgen.
Gillons Realismus, der sich in fotografischer Akkuratesse erschöpft, kann der Realität des Schreckens indes nicht gerecht werden. Immer wieder drängt sich dem Leser die Frage auf, ob alles eigentlich noch viel schlimmer gewesen ist. Die Demonstration des Schrecklichen am Einzelschicksal droht das Schreckliche zu verkleinern. Gewiss erleichtert sie die Identifikation, doch der Leser von Gillons und Cothias' Geschichte identifiziert sich nicht mit dem Leidenden, sondern mit dem jugendlichen Helden, der mit jenen Zügen ausgestattet ist, die wir als edel zu erkennen gewohnt sind. In den Physiognomien der SS-Leute lesen wir dagegen Grausamkeit und Menschenverachtung. Es wäre ungerecht, Gillon vorzuwerfen, er habe die Stereotypen des Rassismus lediglich umgekehrt. Dass er sie zu kopieren scheint, zeigt aber, dass die Ästhetik des Abenteuer-Comics, ja der Abenteuerliteratur, die dem Rassismus kein Gegenbild entgegensetzen kann, bei der Darstellung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft versagt.
Offenheit des Gesprächs
Der Vergleich mit einem Realismus, der seinem eigenen Anspruch untreu wird, rückt die Genialität von Spiegelmans Verfremdungstechnik ins Licht. Wladek Spiegelman, der Mensch mit den Mäuseohren, den zwei Punkten und zwei Strichen im Gesicht, steht für Millionen Opfer Hitlers. Dieser Überlebende fordert von uns nicht jenes Mitleid, das der sich leicht leisten kann, der selbst nicht gelitten hat, sondern das Verständnis. Er lehrt uns begreifen, warum einer, dem jede Menschlichkeit verweigert wird, an der eigenen Menschlichkeit irre wird, warum einer, der als andersartig verfolgt worden ist, nie einer von uns werden kann. Art Spiegelman erhebt nicht den Anspruch, das Schicksal seines Vaters so darzustellen, wie es eigentlich gewesen ist. Im Gegenteil ist diese Geschichte eines Überlebenden eine Geschichte von den Schwierigkeiten, die ein Überlebender damit hat, seine Geschichte zu erzählen. Viele Täter durften schweigen, viel mehr Opfer mussten schweigen, brauchten Jahrzehnte, bis sie sprechen konnten. Spiegelmans Comic erzählt die Geschichte seiner eigenen Entstehung: Er ist das gezeichnete Protokoll von Gesprächen Art Spiegelmans mit seinem Vater.
Bruno Bettelheim hat das Schweigen vieler Überlebender mit der Furcht erklärt, dass von ihrem Leid zu erzählen hieße, mit ihm zu Ende zu kommen. Art Spiegelmans Mutter hat das Schweigen ihres Mannes nicht ertragen und sich 1968 das Leben genommen. Art Spiegelman klagt seinen Vater nicht an, eher schon sich selbst, der er seinen Vater zwingt, sich zu erinnern, um selber leben zu können. Indem er der Geschichte, die er erzählt, die Offenheit des Gesprächs belässt, macht er anschaulich, dass es keine Schuldlosigkeit geben kann in einer Welt, die ein Mann durch seine Schuld ins Unheil gestürzt hat, der in „Maus“ nur als Vignette auf dem Titelbild sichtbar und doch auf jeder Seite gegenwärtig ist.
Überleben in Bildern
Friedemann Bedürftig und Dieter Kalenbach bleiben in ihrer zweibändigen Comic-Biographie Adolf Hitlers wie Spiegelman standhaft gegenüber der Versuchung, ein komplexes Geschehen auf jene gerade Linie zu reduzieren, die zu ziehen das Medium so einfach macht. Während sich aber Spiegelman noch an der klassischen Aufteilung der Comic-Seite in acht Bilder orientiert, ja gerade durch die Einfachheit der Mittel den stärksten Eindruck erzeugt, hat dieses Schema in Kalenbachs seitenfüllenden Buntstiftzeichnungen gar keine Spuren mehr hinterlassen. Collagenartig schiebt Kalenbach Hitlers Taten und die Ereignisse seiner Zeit ineinander, macht augenfällig, wie Hitlers Lebensgeschichte und die Geschichte Deutschlands dann der Welt einander auf fatale Weise durchdrangen, bis sie schließlich identisch schienen, wie die nationalistische Propaganda es gepredigt hatte.
Obgleich Kalenbach mit den Ikonen dieser Propaganda als Versatzstücken arbeiten muss, besteht nie die Gefahr eines postumen Siegers der Propaganda: Sie wird im Gegenteil Seite für Seite widerlegt. Indem Kalenbach bekanntes Bildmaterial umsetzt, entgeht er der Verlockung einer falschen Authentizität, der der Film, dem Comic in so vielem verwandt, immer dann erliegt, wenn ein Schauspieler sich als Hitler kostümiert. Trotz der biographischen Form lassen sich die Autoren nicht von den Konventionen realistischen Erzählens fesseln. Das Grauen der Vernichtungslager wird in Symbolen sichtbar, die selbst zu sagen scheinen, dass da eigentlich Schreckliche nicht sichtbar gemacht werden kann. Insofern Bedürftig und Kalenbach eine bekannte Geschichte mit bekannten Bildern erzählen, kann ihre Biographie Hitlers als Kunstwerk nicht mit Spiegelmans Geschichte von Hitlers Opfer konkurrieren; diese Bilder zu einem Leben zu erwecken, das nicht verdeckt, dass sie vom Tod handeln, ist gleichwohl eine große Leistung.
Art Spiegelmann arbeitet seit drei Jahren an einer Fortsetzung der Geschichte seines Vaters. „Maus“ endet mit der Verschleppung Wladek Spiegelmans nach Auschwitz; der folgende Band soll das zeigen, was in „Maus“ nur angedeutet wird. Für viele Häftlinge, die in Todesangst verstummten, waren Zeichnungen die einzige Möglichkeit, ihr Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren. Einige gab es, die überlebten, indem sie in Bildern die Geschichte erzählten, die sie in Worte nicht fassen konnten. Viele andere überlebten nur in ihren Bildern. Wer darüber nicht schweigen will, wovon er nicht sprechen kann, der muss es zeigen, indem er es zeichnet.