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Freitag, 17. Februar 2012
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Klassiker der Comic-Literatur Amerikas wichtigster Zeichner: Will Eisner

26.11.2005 ·  Er ist der wichtigste Zeichner des amerikanischen Comics: Will Eisner, der den geheimnisvollen Detektiv „The Spirit“ erfand, hat mit seinen Comic-Romanen eine ganz neue Form geschaffen.

Von Andreas Platthaus
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Das wirklich wichtige Jahr in Will Eisners Karriere war nicht 1940, und die wirklich wichtige Entscheidung war demnach auch nicht die, seine Serie „The Spirit“ zu entwickeln, die ihm für zwölf Jahre den Platz auf dem Thron der amerikanischen Comic-Zeichner sicherte. Nein, die wirklich wichtige Entscheidung wurde ganz beiläufig 1972 getroffen.

Eisner war damals Eigentümer eines Schulbuchverlags in Florida, zeichnete nur noch gelegentlich Illustrationen für dessen Produkte und hatte das Comic-Metier längst hinter sich gelassen. Eines Tages, erinnerte er sich 2004, kündigte ihm seine Sekretärin den Anruf eines gewissen Phil Seuling an, von dem Eisner noch nie zuvor gehört hatte. Wie sich herausstellte, richtete Seuling in New York eine Comic-Messe aus - eine jener winzigen lokalen Veranstaltungen, auf denen sich ein paar hundert Afficionados gegenseitig ihrer Liebe zu den Superhelden versicherten, Hefte tauschten und deren abseits dieser Fankreise weitgehend unbekannten Autoren feierten. Seuling glaubte, daß auch Eisner Spaß daran finden könnte, sich ein wenig umjubeln zu lassen.

Waren Sie einmal Comic-Zeichner?

Daß der so Umworbene als hinreichend unbekannt gelten konnte, erwies schon die fassungslose Frage seiner Sekretärin: „Waren Sie wirklich einmal Comic-Zeichner?“ Ihr Chef mußte von Seuling überredet werden, aber was er dann auf der Messe erlebte, versöhnte ihn mit der Anreise: „Zu meinem Erstaunen liefen da Kerle herum, die Hefte aus der Serie mit sich herumtrugen, die ich vor zwanzig Jahren beendet hatte. 1952 war der letzte ,Spirit' erschienen, und jetzt schrieben wir 1972, und diese kleinen dicken Knaben mit pickligen Gesichtern, heraushängenden Bäuchen und Brillengläsern, die wie der Boden einer Colaflasche aussahen - diese Knaben trugen meine Comics bei sich. Und dann traf ich dort natürlich Denis Kitchen, Art Spiegelman und Spain Rodriguez und all diese Underground-Hippies mit langen Haaren und glasigen Augen und einem ziemlich seltsamen Geruch um sich herum.“

Doch das Treffen mit diesen typischen „Geeks“, wie die kompromißlosen Verehrer der Populärkultur heute genannt werden, hatte für Eisner gravierende Folgen. Die drei Herren, die er namentlich nannte, mochten zwar auch etwas seltsam riechen, aber sie zählten schon damals zu den wichtigsten Comic-Schaffenden in Amerika. Denis Kitchen sollte ein Jahr später Eisners Verleger werden, Art Spiegelman ihn in seinen Comic-Vorlesungen zum großen Modernisten des Genres erklären, und die Arbeiten von Spain Rodriguez überzeugten Eisner, daß es immer noch Pioniere unter den Comic-Zeichnern gab. Plötzlich nahm er wieder Anteil an einer Branche, in der er fast zwanzig Jahre lang tätig gewesen war - um dann zwanzig Jahre auszusetzen. Und wie es der Zufall wollte, wurde er ein paar Tage später gefragt, ob er seinen Verlag nicht verkaufen wollte. Eisner sagte ja und begann seine zweite Comic-Karriere.

Er füllte den „missing link“

Zunächst hatte er gar nicht vor, sich noch einmal selbst an neuen Geschichten, geschweige denn Erzählformen zu versuchen. Denis Kitchen sorgte mit seinem Verlag „Kitchen Sink“ für Neuausgaben der „Spirit“-Geschichten, die nicht nur von Spiegelman, sondern auch von anderen Comic-Historikern wie Les Daniels oder Bill Blackbeard als Vorläufer all der graphischen und erzählerischen Errungenschaften gefeiert wurden, die gemeinhin erst den Superhelden-Comics der sechziger Jahre zugeschrieben wurden. Eisner füllte die Stelle des „missing link“ zwischen Zeitungscomic und Comic-Heften aus, weil das von ihm 1940 entwickelte Supplement, in dem unter anderem auch „The Spirit“ zum Abdruck gekommen war, Zeitungen beilag, aber wie ein Comic-Heft aufgebaut war.

Die Zielgruppe Eisners waren damals Erwachsene, und in der Ära des großen Erfolgs der Underground-Comics, die Robert Crumb - dem wir den vorletzten Band unserer Comic-Klassiker widmen werden - 1967 mit seinem Magazin „Zap Comix“ begründet hatte, wurde der Anspruch, für ein älteres Publikum zu erzählen, als Ausweis von Avanciertheit angesehen. Eisner war für die junge Generation von Comic-Zeichnern somit mit einem Male eine legendäre Gestalt - ein Mann, der ihnen Jahrzehnte voraus gewesen war. Dementsprechend gut ließ sich die Neuausgabe des „Spirit“ an.

Das Geschäft schien rätselhaft

Aber Eisner hatte schon immer mehr Freude am eigenen Zeichnen als an redaktionellen Aufgaben gefunden. Im Laufe seiner Verlegerjahre hatte die Verwaltungsarbeit überhand genommen. Das Comic-Geschäft jener Zeit schien ihm aber ohnehin rätselhaft angesichts all der neuen Superhelden und der Beschränkungen, die der Comic-Code von 1954 mit sich gebracht hatte - eine Bestimmung, mit der sich die Verlage strikten inhaltlichen Restriktionen unterwarfen. Das war der explizite Grund, aus dem Eisner seinem Metier scheinbar endgültig Lebewohl gesagt hatte.

Doch ein anderer wird deutlich in einem Gespräch, das Frank Miller, der zur Zeit berühmteste amerikanische Comic-Zeichner, mit Eisner kurz vor dessen Tod geführt hat. In einem kurzen Temperamentsausbruch des denkbar höflichen Eisner zeigte sich sein Anspruch an das eigene Gewerbe: „Was ich Ihre Generation fragen will, ist folgendes: Wohin geht ihr? Meine Generation wußte nicht, wohin sie ging. Also marschierte ich herum und sagte: ,Auf geht's! Laßt uns den Hügel da vorne stürmen!' Aber Ihre Generation scheint kein solches Ziel zu haben. Als Sie anfingen, war ich bereits etabliert, ich war über die Revolution hinausgegangen, hatte einen Pfahl eingeschlagen und gesagt: ,Hierhin, denke ich, sollten wir gehen' oder ,Hierhin müssen wir gehen'. Ich wußte nicht, ob mir dabei jemand folgen würde. Aber dann haben es einige gemacht, Spiegelman und andere. Niemand in Ihrer Generation, den ich kennte, hat irgendeine Vorstellung von der Zukunft. Sie wollen nicht irgendwohin mit der Sache, Sie wollen nur tun, was Sie schon immer getan haben, lediglich besser.“ Millers Antwort bestand darin, daß er aufstand und einen Schritt zurücktrat: „So gehen wir in die Zukunft!“

Dem Genre neue Wege öffnen

Dieser Bescheidenheitsgestus und die Verehrung, die darin gegenüber ihm selbst zum Ausdruck kam, machten Eisner nur traurig. Er wollte nicht als Referenz für kommende Generationen dienen, sondern dem Genre neue Wege öffnen, die dann andere erforschen könnten. Deshalb sah er die Neuausgabe des „Spirit“ als Musealisierung einer längst abgeschlossenen Periode. Dafür wollte er keine Zeit verschwenden. Aber eines war ihm angesichts der Erfolgs seiner alten Comics klargeworden: Der Markt hatte sich gewandelt. Die Hefte wurden nun vor allem von Spezialanbietern verkauft statt, wie früher üblich, an den Kiosken. Und in diese Comic-Läden kam auch ein neues Publikum: Leser, denen man auch anderes als die tausendfach bewährten Rezepte anbieten konnte.

Eisner versuchte sich deshalb an einer völlig neuen Erzählweise: einer Geschichte, die sich nicht den üblichen Vorgaben betreffs Umfang und Format unterwarf. Er zeichnete nun im etwas kleineren Buchformat, und er zeichnete so lange, bis er erzählt hatte, was ihm wichtig war. Heraus kam „Ein Vertrag mit Gott“, eine vierteilige Reminiszenz an das jüdische Mietshausmilieu seiner Jugendzeit, eine Art „Recherche de l'image perdue“. Ein bislang nicht mit Comics befaßter Verlag namens Baronet Books brachte den Band heraus, mit einer Auflage von nur 1500 Exemplaren, die je zur Hälfte gebunden und broschiert produziert wurden.

Eine lächerliche Menge

Wenn man bedenkt, daß der bislang meistverkaufte Comic, die von Jim Lee 1992 neukonzipierten „X-Men“, acht Millionen Male verkauft wurde, kann man ermessen, was für eine lächerliche Menge die 1500 Bücher darstellten. Doch ihre Wirkung war ungleich größer. Schon die Genrebezeichnung, die Eisner unter den Titel setzen ließ, erhob einen Anspruch, der alle Kritiker der Comics aufs höchste alarmieren mußte: „A Graphic Novel“ - ein gezeichneter Roman. Eisner löste ein, was diese neuerfundene Gattungsbezeichnung versprach (wenn es sich auch eher um eine Novellensammlung als um einen Roman handelte).

Der Begriff machte deshalb Furore, weil das Buch so grandios, auch so erstaunlich anders als übliche Comics war. Da war nicht nur das ungewöhnlich kleine Format. Es war auch das Schwarzweiß, das man bislang bei Comic-Büchern nur aus den Publikationen der Underground-Szene kannte. Dementsprechend wohlgestimmt waren die avancierten Leser. Zudem gab Eisner das Prinzip der Bildumrahmung fast völlig auf. Seine Zeichnungen verschachtelten sich ineinander, statt wiederkehrender Hintergründe inszenierte er geradezu Kulissenkunst, indem er einige Elemente der Dekors einbaute und für alles Fehlende auf die Phantasie des Lesers setzte. Das erfreute das Herz der theoretisch versierten Leser. Und schließlich erzählte er nicht von einer Phantasiewelt mit übermenschlichen Heroen, sondern vom New York der dreißiger Jahre und von dessen ganz normalen, deshalb indes nicht weniger faszinierenden Bewohnern. Das fesselte die breite Masse der Leser - sofern man davon bei anderthalbtausend Büchern reden kann.

Der Pfahl war eingeschlagen

Die jedoch waren schnell verkauft, und heute gilt der seitdem permanent neuaufgelegte „Vertrag mit Gott“ als Meilenstein der Comic-Geschichte. Arbeiten wie Art Spiegelmans „Maus“, die unmittelbar danach begonnen wurde (das erste Kapitel erschien 1980), die Serie „Love and Rockets“ der Brüder Hernandez, die neueren Arbeiten der kanadischen Schule um Seth und Chester Brown, ja selbst die dreihundertteilige Heftreihe „Cerebus“ von Dave Sim sind ohne Eisners Pionierarbeit undenkbar. Er hatte eingelöst, was er als Ideal beschrieben hatte: einen Pfahl einschlagen und dann abwarten, wer dahin folgt und wohin es von dort an weitergeht.

Eisner selbst lotete fortan die Grenzen seines narrativen Claims aus. Zwei Themen entdeckte er für sich: die Geschichte seines eigenen Lebens, die schon in „Ein Vertrag mit Gott“ wichtige Elemente vorgegeben hatte, und der gleichfalls dort schon implizit angesprochene Antisemitismus. Mit seiner Version von Charles Dickens' Figur Fagin aus „Oliver Twist“ hat Eisner diese Frage später in einem echten Comic-Roman umfassend behandelt; sein Sachcomic über die „Protokolle der Weisen von Zion“ hat schließlich sogar noch die historiographische Sicht auf das Problem mit ins Spiel gebracht.

Beide großen Sujets aber kommen zur perfekten Deckung in dem 1992 erschienenen Buch „Zum Herzen des Sturms“. In unserem Band ist die fast zweihundert Seiten umfassende Geschichte komplett enthalten - eine der längsten, die Eisner gezeichnet hat. Hier läßt er, ausgehend von seinen Erinnerungen auf der Fahrt zur militärischen Ausbildung 1942, die gesamte bisherige Familiengeschichte Revue passieren: die Auswanderung seines Vaters, die Elendsgeschichte der rumänischstämmigen Familie seiner Mutter und die eigenen Gehversuche als Comic-Zeichner in der Depressionszeit - alles wider die auch in Amerika seinerzeit weitverbreitete Annahme, Juden könnten nur als Schmarotzer reüssieren. „Zum Herzen des Sturms“ ist die Vollendung dessen, was 1972 im Kreise meist infantiler Bewunderer begonnen hatte: die Rückkehr des Will Eisner auf den amerikanischen Comic-Thron.

Will Eisner: Geboren am 6. März 1917 in Brooklyn, New York, gestorben am 3. Januar 2005 in Tamarac, Florida. Bereits mit achtzehn Jahren gründete er gemeinsam mit Jerry Iger ein eigenes Studio, in dem die beiden Inhaber mit mehreren Angestellten (darunter auch „Batman“-Zeichner Bob Kane und „Fantastische Vier“-Zeichner Jack Kirby) Comics in Auftragsarbeit herstellten. 1940 trennte Eisner sich von Iger, um auf eigene Rechnung ein Comic-Supplement für Tageszeitungen zu entwickeln, das dann jene Serie enthalten sollte, die ihn berühmt machte: „The Spirit“, die Geschichte des für tot gehaltenen Privatdetektivs Danny Colt. Eisner produzierte dieses Supplement zwölf Jahre lang, dann löste er sein Studio auf und arbeitete fortan vor allem für die amerikanischen Streitkräfte, deren Instruktionsmaterial er illustrierte, und für Schulbuchverlage.

1978 erschien „A Contract With God“, die erste von Eisner so getaufte „graphic novel“. In diesem Comic-Roman erweckte Eisner das Brooklyn seiner Kindheit zum Leben, und er blieb dem Autobiographischen auch weiterhin treu. Bis zu seinem letzten großen Buch, dem 2005 postum veröffentlichten „The Plot“ (auf deutsch „Das Komplott“), einem Sachcomic über die Entstehungsgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“ (siehe auch: Eisner, Will: Das Komplott) erschienen insgesamt siebzehn „graphic novels“ aus Eisners Feder, aus denen sich sein ganzes Leben und sein humanistisches Ideal rekonstruieren läßt. 1985 und 1996 publizierte Eisner in zwei Büchern seine gezeichneten ästhetischen Analysen des Comics. Zu seinen Ehren trägt die wichtigste amerikanische Comic-Auszeichnung seit 1988 den Namen „Eisner Award“.

Quelle: F.A.Z., 19.11.2005, Nr. 270 / Seite 38
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