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Klassiker der Comic-Klassiker Ihm ist ganz kannibalisch wohl: Strizz

08.10.2005 ·  Eine schöne bürgerliche Geschichte: „Strizz“ ist ein Angestellter, der sich nicht so anstellen will. Was aus Volker Reiches Serie einen Comic-Klassiker zu Lebzeiten gemacht hat.

Von Andreas Platthaus
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Der italienische Comic-Zeichner Hugo Pratt, dessen „Corto Maltese“ die Geschichte des ganzen Genres veränderte, hat in einem 1989 geführten Gespräch auf die Frage, was dem Comic für einen großen Durchbruch beim breiten Publikum fehle, geantwortet: „Es fehlt Raum in den großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen, die nicht den Mut haben, einen eigenen Comic für ihr Publikum herauszubringen. Warum veröffentlicht eine große bürgerliche Tageszeitung nicht eine schöne bürgerliche Geschichte?“ Dreizehn Jahre später erschien „Strizz“.

Es mag vermessen klingen, das eigene Produkt als Modell für die Lösung des von Pratt festgestellten Defizits anzubieten. Aber „Strizz“ ist nun einmal genau das, was er verlangt hat: ein Comic, der für eine bürgerliche Klientel gezeichnet wird; eine Serie, die in einer großen Tageszeitung reüssiert, in der es keine Comic-Tradition gegeben hatte und deren Leser eher als Skeptiker gegenüber Neuerungen, die man auch als modisch begreifen könnte, galten. „Strizz“ aber erwies sich seit seinem Start als dauerhafter Erfolg, wie nicht nur die große Zahl begeisterter Leserzuschriften beweist, sondern auch die Wirkung, die Volker Reiches Comic über die Spalten der F.A.Z. hinaus entfaltet hat. Die Serie zählt mittlerweile zu den bekanntesten ihrer Art in Deutschland.

Die Zeit in Striche fassen

Was macht „Strizz“ so besonders? Was verleiht ihm sogar Klassikerstatus? Zunächst seine Originalität. Man mag sagen, daß es schon viele Angestellten-Comics gegeben hat, angefangen von „Blondie“, den Chic Young 1930 begründet hat. Doch die männliche Hauptfigur dieser Serie, Dagwood Bumstead (auf deutsch etwas dümmlich Dankwart genannt), ist zwar tatsächlich wie Strizz Büroangestellter, doch die Serien haben darüber hinaus nur das eine gemein: die Kannibalisierung ihrer Epoche. Oder positiver mit Hegel variiert: daß sie jeweils ihre Zeit in Striche fassen.

Das allerdings ist ein hoher Anspruch. Sehen wir uns dazu zunächst Blondie selbst an, die Gattin von Dagwood Bumstead und Titelfigur von Youngs Comic strip. Entstanden ist die Serie aus einer Tradition von humoristischen Familienserien, die mit „The Family Upstairs“ von George Herriman oder „Bringing Up Father“ von George McManus - um nur zwei besonders gelungene zu nennen - bis in die Frühzeit der Zeitungs-Comics zurückreicht und die jüngeren weiblichen Akteure auf möglichst attraktive Weise ins Bild zu setzen pflegte, während die älteren Damen meist als hysterische Matronen dargestellt wurden. Diese Rollenklischees sind typisch für die Comic strips der Vorkriegszeit, die sich sowohl an Vorbildern der alten Humorzeitschriften als auch an damals aktuellen Stummfilm-Komödien orientierten - und somit an zwei Leitmedien, die nicht gerade viel Wert auf ausgefeilte Charakterzeichnungen legten.

Souveräner als die Männer

„Strizz“ dagegen hat mit Irmi, aber auch mit deren Mutter zwei ungewöhnliche Frauenfiguren. Comics haben immer schon mehr Männer als Frauen begeistert, und es gibt auch viel weniger Comic-Zeichnerinnen als -Zeichner. Beide Phänomene verstärken sich leider wechselseitig und tragen nicht dazu bei, daß es zahlreiche Identifikationsfiguren für Leserinnen gegeben hätte. Reiche hat in „Strizz“ zwei alleinstehende Frauen etabliert, die mit ihrem Leben blendend zurechtkommen, die ungleich vernünftiger und auch souveräner erscheinen als die männlichen Akteure der Serie. Eine solche Darstellung nimmt die aktuelle gesellschaftliche Debatte über die Rolle von Frauen auf, ohne daß der Comic dabei all die bloßen Floskeln wiedergeben würde, die wir gewohnt sind: In „Strizz“ handeln die Figuren zweifellos bisweilen übertrieben, aber stets glaubwürdig. Die Serie ist nicht in Zeit und Raum entrückt, sie kann nur in jener Zeit spielen, in der sie auch gezeichnet wird.

Deshalb wird auch das ungewöhnliche Phänomen goutiert, daß in „Strizz“ die Zeit vergeht. Das Personal lernt, erinnert sich, entwickelt sich vor allem fort. Bei allen Stereotypen, die eine gelungene Comic-Figur braucht und die deshalb auch das „Strizz“-Ensemble prägen, bleibt immer noch genug Platz für Überraschungen. Dazu tragen auch die zahlreichen politischen oder alltagskulturellen Anspielungen bei, die die Handlung durchziehen. Möglich sind sie nur deshalb, weil Reiche ohne jeden Vorlauf arbeitet, also jeweils tagesaktuell - ein Novum in der gesamten Comic-Geschichte. Dadurch erhalten seine Fortsetzungsfolgen neben dem Charakter einer Familienserie auch noch den von Zeitkommentaren.

Spielerischer Zugang

Sie setzen damit etwas fort, was zuvor über einen längeren Zeitraum hinweg nur zwei andere Serien geleistet haben: Walt Kellys „Pogo“, der von 1950 bis 1974 erschien, Gary Trudeaus seit 1970 erscheinender „Doonesbury“, der als Musterbeispiel eines politischen Comic strips gelten darf. Von Trudeau hat Reiche die Idee übernommen, die großen zeitgeschichtlichen Ereignisse im Spiegel eines kleinen Ensembles mit weitgehend festgelegten Eigenschaften spiegeln zu lassen. Doch gegenüber „Doonesbury“ hat er einen spielerischen Zugang gewählt, weil vor allem die politischen Kommentare meist von dem kleinen Jungen Rafael und seinem um fünf Stofftiere ergänzten philosophischen Sextett oder von dem nornengleich orakelnden und deutenden Trio aus Kater Paul, Schoßhund Müller und Hofhund Tassilo stammen. Allein der Anblick dieser wie Menschen agierenden Stoff- und Haustiere bricht den Ernst der behandelten Themen und hebt „Strizz“ weit über die Ebene einer bloßen Zeit- oder Gesellschaftskritik hinaus.

Man könnte weitere Vorläufer nennen, vor allem künstlerische, und man greift nicht zu hoch, wenn man an die „Peanuts“ von Charles M. Schulz oder an „Calvin und Hobbes“ von Bill Watterson denkt. Das sind die zwei Serien, denen „Strizz“ am meisten verdankt, aber nicht im Sinne von Anleihen, die Reiche bei seinen berühmten Kollegen getätigt hätte, sondern als Vorbilder für in sich narrativ wie ästhetisch geschlossenen Welten, in die sich beide Autoren von niemandem hineinreden ließen - wie auch Reiche sich jegliche Kontrolle über „Strizz“ vorbehält.

Auf den ersten Blick altmodisch

Und das Erscheinungsbild ist ähnlich. „Strizz“ wirkt deshalb auf den ersten Blick altmodisch, denn heute kennen wir kaum noch klassische Zeitungs-Comics, denen ein solch großzügiger Platz eingeräumt würde. Reiche sucht auch nicht nach ungewöhnlichen Figurenentwürfen, sondern er zeichnet sein Personal so einfach wie möglich, und dennoch sitzen da jeder Punkt und jeder Strich. Die prinzipielle Stärke des Comics - ein ganz individuelles Produkt zu sein, weil jedes Bild von der Handschrift des Zeichners geprägt ist, und zugleich über die Abstraktion der simplen Linienzeichnung ein Höchstmaß an Eigenbeteiligung der Leser bei der Lektüre einzufordern, einen Phantasietransfer, der all das mit Substanz füllt, was der Zeichner mit guten Gründen offengelassen hat -, diese Stärke kommt bei einem Comic wie „Strizz“ besonders gut zur Geltung, weil er nicht auf realistische, sondern auf karikatureske Figuren und Dekors setzt.

In Amerika hat man für diese Form den Begriff der „Funnies“ geprägt - als müsse bei der Bezeichnung Comic noch extra betont werden, wenn es dort lustig zugeht. Als markantes Kennzeichen des Subgenres galt bis zum Zweiten Weltkrieg die Verwendung sprechender Tiere; Micky, Maus, Felix, Donald Duck sind die berühmtesten Beispiele. Danach jedoch etablierte sich ein neues Verständnis von funnies. Mit dem stilbildenden Erfolg der „Peanuts“, deren Einfluß bei den großen Erfolgsserien der sechziger und siebziger Jahre, bei „Beetle Baily“, „Hägar“, „Magnus, der Magier“, „Hi and Lois“ oder „Broom Hilda“, in der jeweils bewußten Einfachheit ihres Strichs deutlich auszumachen ist, wurde die künstlerische Gestaltung wichtiger als die Erzählung für die Einordnung in die Welt der funnies.

Verbindung zweier Epochen

„Strizz“ ist neben „Calvin und Hobbes“ das Paradebeispiel für eine Verbindung dieser zwei Epochen. In beiden Serien gibt es sprechende Tiere (wenn auch bei Bill Watterson nie ganz klar wird, ob der zum Leben erwachte Stofftiger Hobbes nicht ein bloßes Phantasiegebilde des kleinen Calvin ist), und Watterson wie Reiche setzen auf möglichst klare Linien. Allerdings haben beide einige Jahre nach dem Start ihrer Comic strips mehr und mehr Sorgfalt auf die formale Gestaltung verwandt. Watterson widmete sich vor allem der intelligenten Variation der von ihm geliebten halbseitigen Sonntagsfolgen; Reiche wiederum brachte, indem er Schraffuren und Dekors perfektionierte, ein plastischeres Bild in seinen Werktagsfolgen zustande. Mittlerweile kann man in der Szenerie der namenlosen Stadt, in der sich „Strizz“ abspielt, etliche Straßenansichten aus dem real existierenden Frankfurt erkennen - und bisweilen auch den einen oder anderen alten Bekannten.

Das sind hübsche Apercus für Einheimische. Aber man muß sie nicht entschlüsseln, um die Serie genießen zu können. Denn „Strizz“ besitzt eine generelle Qualität, die wenige Comic-Serien aufweisen (in Deutschland nur noch „Touché“ und „Der kleine König der großen Tiere“; auch dies jeweils Eigenproduktionen anspruchsvoller Tageszeitungen): Hier wird inhaltlicher Anspruch mit graphischer Gefälligkeit verbunden. Viel zu häufig wird solch eine Kombination von Experten geringgeschätzt, aber gerade im steten Fluß der Veränderung, wie er auf den Seiten einer Tageszeitung präsentiert wird, ist das Vertraute - und das meint auch das ästhetisch Gewohnte - eines FortsetzungsComics mit dessen wiederkehrendem Personal, festen Konstellationen und der scheinbaren Unschuld der Zeichenmännchen und -frauchen ein Refugium für das Publikum. Dieser Fluchtpunkt im Privaten ist in der Tat eine bürgerliche Existenzform. Man ist versucht, sie als bestbürgerlich zu bezeichnen.

Volker Reiche: Geboren am 31. Mai 1944 in Belzig, lebt in Königstein im Taunus. Der studierte Jurist fand in den frühen siebziger Jahren zum Comic-Zeichnen, als mit den amerikanischen Underground-Heften ein neues Forum für individuellere Geschichten entstanden war, die auch in Europa großen Einfluß ausübten. Nach Arbeiten für die Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ sowie für das holländische Donald-Duck-Magazin übernahm Reiche 1984 die Gestaltung der Serie „Mecki“ für die Fernsehzeitschrift „Hörzu“. 2002 schlug er der Feuilletonredaktion dieser Zeitung einen Fortsetzungs-Comic namens „Neustadt“ vor. Aus den Entwürfen dazu entstand „Strizz“.

Strizz: Die erste Folge der Serie erschien in der F.A.Z. vom 21. Mai 2002. Dieses Debüt stellte mit dem Büroangestellten Strizz und dessen Chef Herrn Leo zwei Protagonisten vor, die zunächst einmal über einige Folgen hinweg allein agierten. Doch in den nächsten Monaten erweiterte Reiche sein Ensemble systematisch um weitere Figuren: um Rafael, den altklugen Neffen von Strizz, und dessen Stofftiere, um die junge Malerin Irmi, in die sich Strizz verliebt, um deren Hund Müller und den Kater Herrn Paul, der wiederum Herrn Leo gehört. Später sollten aus anfangs kleinen Rollen weitere wichtige Charaktere entstehen: die Mutter von Irmi, der Firmenarchivar Herr Berres, die Chefsekretärin Frau Gerhardt, die Ratten Lilo und Bernd und nicht zuletzt der haikudichtende Hofhund Tassilo.

Quelle: F.A.Z., 08.10.2005, Nr. 234 / Seite 40
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