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Über Art Spiegelmans Comic „Breakdowns“ als Symptom einer internationalen Tendenz

 ·  Im Rückblick ist Art Spiegelmans erste Buchveröffentlichung „Breakdowns“ aus dem Jahr 1978 gar nicht mal so ungewöhnlich: Volker Hamann, Herausgeber der anspruchvollsten deutschen Comic-Zeitschrift „Reddition“, über „Breakdowns“ und europäische Pendants.

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Im Rückblick ist Art Spiegelmans erste Buchveröffentlichung „Breakdowns“ aus dem Jahr 1978 gar nicht mal so ungewöhnlich: In einem etwas überformatigen Band werden eine Reihe mehr oder weniger ausgereifte Comic-Geschichten unterschiedlicher formaler Ausgestaltung präsentiert. Da finden sich neben konventionell umgesetzten Ideen auch einige experimentelle Geschichten, und „Kleine Zeichen von Leidenschaft“ oder auch „Die Kurpfuscher Suite“ verdienen sogar die Bezeichnung „mutig“. Oder es lassen sich, wie Spiegelman es in seinem Nachwort zur nun vorliegenden Neuauflage des Buches selbst formuliert, „jene mühsam abgerungenen Seiten, die dieser eingebildete kleine Fatzke in 'Breakdowns' versammelte, als die ersten Schritte auf einem langen Weg verstehen.“

So verständlich diese Selbstkritik mit dem Blick des versierten Spiegelman-Kenners und begeisterten Lesers von „Maus“ von heute auch sein mag, so darf man nicht vergessen, wann und vor allem unter welchen Voraussetzungen „Breakdowns“ entstanden war.
Buchausgaben ihrer zuvor in comic books veröffentlichten, und damit nur im Heftformat und meist auf billigem Papier gedruckten, Geschichten hatten nur ganz wenige der in der Mitte der siebziger Jahre bekannten Comic-Zeichner vorzuweisen. Etwa Bernie Wrightson, dessen zahlreiche für diverse Fanzines entstandene Horrorstorys in oftmals schlecht produzierten Paperbacks nachgedruckt worden waren. Oder natürlich Will Eisner, der mit seinem Band „A Contract With God“ (deutsch „Ein Vertrag mit Gott“) nicht nur eine wunderschöne Sammlung ausdrucksstarker Comics vorlegte, sondern mit diesem im Oktober 1978 publizierten Band auch den Begriff graphic novel etablierte.

Enormes Glück

Spiegelman als nahezu unbekannter und dem Underground zugeneigter Zeichner dagegen hatte enormes Glück, dass sein „Breakdowns“-Band durch die Initiative und den Enthusiasmus des Verlegers Woody Gelman auf den Weg gebracht wurde. Gelman war creative director bei Topps und damit einer der Verantwortlichen für die Vergabe von Aufträgen, mit denen auch Spiegelman seinen Lebensunterhalt verdiente. 1970 hatte Gelman den Verlag Nostalgia Press gegründet und bediente seit einigen Jahren die wachsende Comic-Sammler-Szene in den Vereinigten Staaten mit hochwertigen Neuausgaben klassischer Comics wie „Prinz Eisenherz“ oder „Flash Gordon“, vergleichbar mit den gleichzeitigen Aktivitäten seines deutschen Kollegen Abi Melzer.

Als sich Gelman bei dem Projekt eines Elvis-Presley-Posterbooks, das kurz nach dem Tod des Sängers erscheinen sollte, verkalkulierte, strich er Mitte 1977 die Segel und gab neben Spiegelmans Buch auch weitere Nostalgie-Nachdrucke auf. Die Gelegenheit, dass Jeff Rund die bereits gedruckte Auflage von „Breakdowns“ daraufhin übernahm und in seinem Verlag Belier Press vertrieb, darf als weiterer Glücksfall gewertet werden. Es zeigt, mit was für einer kreativen Kraft die sogenannten unabhängigen Verlage für frischen Wind auf dem noch jungen Buchmarkt für Comics sorgten, der erst Anfang der achtziger Jahre vom Mainstream - und damit sind die noch heute umsatzstarken amerikanischen Verlage Marvel und DC gemeint - mit der Veröffentlichung von großformatigen oder seitenstarken Sammelausgaben entdeckt wurde.

Andere Situation in Europa

In Europa war die Situation zur Zeit der Publikation von „Breakdowns“ dagegen eine ganz andere. Gerade in Frankreich war durch die Gründung unabhängiger und dem Underground verpflichteter Magazine wie „L'Echo des Savanes“ (von 1972 an) oder „Métal Hurlant“ (von 1975 an) eine kreative Comic-Szene entstanden, die sich vom bis dahin üblichen Seriencharakter der Comics abwandte und mit Kurzgeschichten oder Illustrationen experimentierte, die den von Spiegelman in „Breakdowns“ versammelten Arbeiten sehr nahe standen.

Auch die Form der Publikationen änderte sich, da Comics nicht länger in Serien erscheinen mussten, sondern durchaus in Anthologien zu ausgesuchten Themen oder von einem bestimmten Künstler gesammelt herausgebracht werden konnten. Außerdem hatte es in Frankreich mit den Comic-Veröffentlichungen des Surrealisten-Verlegers Eric Losfeld bereits in den sechziger Jahren experimentelle Bücher ( so etwa „Barbarella“, „Lone Sloane“ oder „Saga de Xam“) gegeben, die auch in bibliophiler Hinsicht Neuland betraten.

Feuerwerk an Experimenten

Ein dem Charakter von „Breakdowns“ sehr ähnlicher Band ist „Captivant“ von Yves Chaland und Luc Cornillon, den „Métal Hurlant“-Herausgeber Les Humanoides Associés im November 1979 in der Collection Pied Jaloux vorlegte. Von April 1978 an gehörten die Arbeiten von Chaland und seinem Freund Cornillon zum regelmäßigen Repertoire von „Métal Hurlant“, und beide überraschten die Leser immer wieder aufs Neue mit einem wahren Feuerwerk an Stilen und Experimenten. Dabei reichte die Bandbreite der imitierten Zeichen- und Erzählstile aus der Welt der Comics - im Gegensatz zu den von Art Spiegelman verwendeten Anleihen bei der bildenden Kunst - über frühe Arbeiten eines Hergés aus den dreißiger Jahren bis hin zu den Valhardis, Buck Dannys oder Spirous der Sechziger.

Und nicht nur die europäische Schule musste sich den Ideen der beiden jungen Zeichner unterordnen, auch amerikanische Serien, Zeichner und Einflüsse wurden verwendet; wie zum Beispiel in der Geschichte „Les 2 vies de Basil Wolverton“ mit deutlichen Anleihen bei den Arbeiten Bernie Wrightsons und Alex Raymonds, die darüber hinaus sogar im Titel eine Reminiszenz an den bekannten amerikanischen Zeichner Basil Wolverton enthält und damit eine weitere Verbindung zu Spiegelmans „Breakdowns“ aufzeigt: Wolverton beeindruckte eine ganze Generation von Zeichnern mit seinen unkonventionellen graphischen Ideen und war 1954 für die Gestaltung der beeindruckenden Cover-Schönheit „Lena Hyena“ auf dem Umschlag des elften Hefts von „Mad“ verantwortlich, die für Spiegelman (und auch Crumb) so weitreichende Bedeutung hatte.

Ein fiktives Comic-Magazin

Um der chaotischen Veröffentlichungsreihenfolge ihrer Episoden aus „Métal Hurlant“ Herr zu werden, beschlossen die Autoren Chaland und Cornillon gemeinsam mit ihrem Herausgeber Pierre Dionnet, dem Sammelband eine titelgebende Klammer zu verpassen, und sie konzipierten ein fiktives Comic-Magazin - fertig war das Coffee-Table-Book „Captivant“, das später als „Manifest der Neuen Klaren Linie“ gefeiert wurde und bei zahlreichen europäischen Zeichnern und Autoren eine Rückbesinnung auf klassische Zeichenstile der fünfziger Jahre einleitete.

Ähnlich wie Spiegelman und Chaland erging es dem niederländischen Graphikdesigner Joost Swarte, der seine Hingabe zum Comic mit der Gestaltung zahlreicher Kurzgeschichten auslebte, und diese waren - ebenso wie Spiegelmans Episoden aus „Breakdowns“ - seit Anfang der siebziger Jahre in einer unübersichtlichen Anzahl von Fanzines und Undergroundmagazinen abgedruckt worden. Swarte fand in dem kleinen Amsterdamer Verlag Real Free Press Foundation erst 1980 einen geeigneten Herausgeber für sein ehrgeiziges Projekt zur Sammlung dieser Geschichten in einem Buch mit dem Titel „Modern Art“.

Ganz genaue Vorstellungen

Er hatte wie sein amerikanischer Kollege ganz genaue Vorstellungen von der Aufmachung seines ersten Buches: ein noch nie gesehenes Bindesystem, bei dem der Buchblock (also die fertig gebundenen Innenseiten) von zwei jeweils ebenso starken Deckeln eingefasst wird, die von einem schwarzen Klebestreifen gehalten werden. Es war ein den stilistischen Vorlieben des Niederländers mit seinen Anleihen an De Stijl würdiges Buch!

Parallel zur niederländischen Erstausgabe, die kurioserweise nur in englischer Sprache erschien, gab es von „Modern Art“ auch eine französische und eine deutsche Ausgabe, und damit schließt sich ein weiteres Mal der Kreis zu „Breakdowns“, das der politisch engagierte Kleinverlag Roter Stern ebenfalls 1980 in deutscher Sprache vorgelegt hatte.

Volker Hamann gibt in Hamburg die anspruchvollste deutsche Comic-Zeitschrift heraus, die „Reddition“. Er ist zudem einer der besten Kenner des französischsprachigen Comics. In Frankreich gab es parallel zu „Breakdowns“ ein ähnlich faszinierendes und ambitioniertes Projekt: „Captivant“ von Yves Chaland und Luc Cornillon.

Quelle: FAZ.NET
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