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Über Art Spiegelmans „Breakdowns“ Die Geschichte eines Kringels

 ·  Signal des Sturzes, Ausdruck von Verwirrung, lockiges Frauenhaar: Ein Strich ist ein Strich, erst durch den Kontext, den der Comic-Künstler schafft, erlangt er seine Bedeutung. Andreas C. Knigge über das markanteste Detail in Art Spiegelmans „Breakdowns“.

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Titel haben die Angewohnheit, sich mit der Zeit zu verselbstständigen - wer denkt heute noch an einen Spiegel, wenn er den „Spiegel“ kauft, oder gar an einen Stern beim „Stern“? Nicht anders verhält es sich mit Art Spiegelmans „Breakdowns“, der schmalen Sammlung kurzer Comic-Storys aus einer fernen Zeit der Umbrüche, ein Klassiker inzwischen, der nun, frisch ummantelt von einer autobiographischen Skizze des Künstlers in Comic-Form zu Beginn und einem wortreichen Nachwort als Ausklang, als sonst unveränderte Ausgabe im Verlag S. Fischer neu vorliegt.

„Breakdowns“ kam erstmals 1978 heraus, „ohne äußeren Anlass oder gar Bedarf“, wie Spiegelman zu Beginn seiner gezeichneten Selbstbiographie anmerkt. „Ein überformatiges Deluxe-Album mit vermischten Comic-Arbeiten autobiographischer und formal experimenteller Natur, die ich zwischen 1972 und 1977 angefertigt hatte - darauf hatte nun wirklich niemand gewartet. Außer mir.“

Im Schatten der Zugabe

Wohl wahr, denn mit seiner Sammlung kurzer Comics in diesem Band hat Spiegelman damals etwas vorgeführt - inhaltlich wie formal -, das grundsätzlich neu war, geradezu revolutionär. Und obwohl längst überfällig, hatte damit wirklich niemand rechnen können! Mir erscheint es heute wie ein kleines Wunder, dass „Breakdowns“ trotzdem schon 1981 in deutscher Übersetzung erschienen ist, denn zu jener Zeit galten Comics hierzulande schlicht als „Blasenfutter für Analphabeten“, so etwas nahm man nun wirklich nicht ernst, als Ausnahme galt höchstens Asterix.

Entsprechende Bedenken muss wohl auch der Verlag Stroemfeld/Roter Stern gehabt haben, denn der steckte „Breakdowns“ in einen pechschwarzen Schuber, zusammen mit einer „Zugabe“ von Martin Langbein und Klaus Theweleit, 52 großformatige Seiten, umfangreicher als „Breakdowns“ selbst: Das, was hier vorlag, schien in höchstem Maße erklärungsbedürftig. Einschließlich des Titels, der gleich zu Beginn des Begleithefts erläutert wird: „BREAKDOWN (bräikdaun) 1. Zusammenbruch, Versagen (Maschine), Gesundheit: nervous - Nervenzusammenbruch; 2. Panne (Fahrzeugschaden, Betriebsstörung); 3. Scheitern; 4. Zerlegung, Aufgliederung, Aufschlüsselung, Verteilung, Analyse; 5. (chem.) Zersetzung, Aufspaltung, Analyse; 6. (amerikanisch) geräuschvoller Volkstanz, Kehraus. & die Bedeutung, die nicht im Lexikon steht; 'breakdowns' sagen die Comic-Zeichner zu den Entwürfen für die Comic-Seiten. Die einzelne Seite wird in Reihen von Kästchen unterteilt (panels).“

Durchs eigene Werk zu Fall gebracht?

Eine treffendere Betitelung hätte sich freilich kaum finden lassen. Die Geschichten in „Breakdowns“ dokumentieren psychische Zusammenbrüche, sie handeln von der Angst vor Pannen und dem Scheitern, sie zerlegen und analysieren, sie zersetzen und sie kehren aus, und das alles in kleinen gezeichneten Bildern - panels -, die dicht an dicht die Seiten füllen, Streifen für Streifen, Blatt für Blatt. Allerdings hat der heutige Leser zwei unschätzbare Vorteile. Zum einen, dass Art Spiegelman seit „Maus“, 1992 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, längst kein Unbekannter mehr ist, dass wir wissen, wovon er erzählt: vom Trauma seiner Eltern, Juden aus Polen, die Auschwitz und Dachau um Haaresbreite überlebt hatten, und von der eigenen Biografie, die durchwirkt ist von diesem Trauma, bis hin zum späteren Selbstmord seiner Mutter. Zum anderen wissen wir heute natürlich, dass der Comic eben nicht per se „Blasenfutter“ ist, sondern als ernsthafte Erzählform selbst ein Thema wie den Holocaust zu transzendieren vermag. Letztere Erkenntnis verdanken wir ganz wesentlich Art Spiegelman.

Somit kommt die Neuausgabe nun auch selbstbewusster daher, mit einem Cover, das nicht mehr pechschwarz ist, sondern bunt wie ein Comic. Es zeigt einen älteren Herrn, gezeichnet im Stil der alten Zeitungsstrips, die Spiegelman verehrt, seinem „Fenster nach draußen“. Der Mann befindet sich im freien Fall, ist auf etwas ausgerutscht; die Augen sind weit aufgerissen, seine Beine hängen hoch oben über seinem Gesicht in der Luft, schon in der nächsten Sekunde wird er mit dem Kopf aufschlagen. Allerdings ist es keine Bananenschale, die ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hat, sondern ein auf dem Boden liegendes Exemplar von „Breakdowns“. Der Künstler, der durch sein eigenes Werk zu Fall gebracht wird?

Melancholische Reminiszenz an den seeligen Leichtsinn

In der Tat scheint etwas Spiegelman getrieben zu haben, sich seines Standpunktes zu versichern, ihn von allen Seiten auszuleuchten - vielleicht auch als Reaktion auf die kritischen Kommentare, dass er seit Maus kein weiteres längeres, ähnlich gewichtiges Comic-Werk mehr zu Papier gebracht habe. Zuerst die gezeichnete Autobiographie aus der Rückschau als Abfolge episodischer Schlüsselszenen. Im sich daran anschließenden Nachdruck von „Breakdowns“ wirft Spiegelman dann den authentischsten Blick auf einen Moment seiner Biografie, gleichermaßen kraftvoll wie verstörend. Es folgt das Nachwort, wie eine gewaltige Fußnote dazu. Und ähnlich einem Palimpsest ganz am Ende noch eine einzelne neu hinzugefügte Comic-Seite, bestehend aus sechs Bildern und überschrieben mit dem schlichten Titel „Synopsis“, mit der Spiegelman sein Leben im extremen Zeitraffer rekapituliert.

Zunächst als krabbelndes Baby, dann als kleiner Junge. In der zweiten Bildzeile schließlich als Heranwachsender, vertieft in die Lektüre eines Comic-Hefts, sowie als junger Zeichner, wie man ihn von Fotos her kennt, mit langen Haaren und rauchend; auf beiden Bildern liegt eine Bananenschale direkt vor seinen Füßen, doch erst auf dem vorletzten Bild - hier nun hat Spiegelman das Alter des Mannes auf dem Umschlag erreicht - bringt ihn die zu Fall. Der Schluss zeigt ihn, noch älter und noch im Tod seinen Gehstock umklammernd, leblos am Boden liegend - aus der strahlenden Sonne, die am Anfang im Hintergrund aufging, ist nun eine am trüben Himmel hängende Mondsichel geworden.
Die kurze Geschichte bildet jedoch nicht nur in sechs Stationen einen Lebensweg von der Geburt bis zum Tod ab, sie erzählt auch davon, wie der junge Mensch durch seine unbeschwerte Naivität und seine Träumereien vor der Gefahr gefeit ist, dass ihn erst all die Bedenken, die mit dem Alter einkehren, aus der Bahn werfen und am Ende sein Leben aushauchen lassen - eine wunderbar melancholische Reminiszenz an die Unbefangenheit der Jugend, an den seeligen Leichtsinn.

Ein Strich ist ein Strich - zunächst einmal

Comics sind eine Zeichen-Welt, und ein Zeichen, mit dem die Neuedition von Breakdowns beginnt und endet, ist der mehrfach geschlängelte Kringel unter dem Hintern der auf dem Cover durch die Luft segelnden Figur, der die Bewegung ihres Sturzes signalisiert. Schon auf der ersten Seite von Spiegelmans gezeichneter Autobiographie am Anfang begegnen wir ihm wieder, zuerst auf einem Bild, das das Motiv des Titelbildes wiederholt - nur ist aus dem auf dem Boden liegenden Exemplar von „Breakdowns“ nun tatsächlich eine Bananenschale geworden. Dann, im nächsten Bild, anstelle von Augen, Nase und Mund auf Spiegelmans Gesicht, wo wir den Kringel als Ausdruck von Ratlosigkeit und Verwirrung interpretieren. Und in der folgenden Szene schließlich auf dem Zeichenblock des kleinen Arthur, auf dem er dann plötzlich zum lockigen Haar einer jungen Frau mutiert: Ein Strich ist ein Strich, erst durch den Kontext, den der Comic-Künstler schafft, erst durch seine Erzählung erlangt er eine Bedeutung.

War vorher dies mit ihm gemeint, verheißt er nun das. „Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen“, heißt es gegen Ende der selbstbiographischen Einleitung, wo der Kringel plötzlich wieder auftaucht, jetzt allerdings wie ein Fremdkörper wirkt, als gehöre er gar nicht in die Zeichnung. Und: „Die Kunst ist ein Mittel, das Machen einer Sache zu erleben; das Gemachte hingegen ist in der Kunst unwichtig“, zitiert Spiegelman aus Viktor Šklovskijs bahnbrechendem Aufsatz „Kunst als Verfahren“ aus dem Jahre 1917. „So kommt das Leben abhanden und verwandelt sich in nichts.“

Eine erstaunliche Reise, ein äußerst lohnendes Vergnügen

Kehren wir noch einmal zurück zu der „Synopsis“ ganz am Schluss des Buches. Im ersten Bild steigt der Kringel vom Kopf des krabbelnden Babys auf - dadada, es weiß noch von nichts, hat noch keine Gedanken. In der nächsten Szene ist er vor dem Bauch des kleinen Jungen platziert, wie ein Symbol für das flaue Gefühl bei irgendeinem ersten Mal. Schließlich auf dem Cover des Comic-Hefts in den Händen des Teenagers als Zeichen für anscheinend turbulente Aktion, und dann als aufsteigender Qualm aus Spiegelmans Zigarette. Im vorletzten Bild signalisiert der gleiche Kringel das Ausrutschen des Gealterten auf der Bananenschale und im letzten das Entschwinden der Seele aus seinem toten Körper.

Es sind die „kleinen Zeichen“ wie dieser Kringel, nichts als eine einfache, geschlängelte Linie, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen, und mit denen Spiegelman uns in seiner „immer noch glühenden Liebeserklärung an ein Medium, das ich verehre“, das Wesen und die Zeichenartistik von Bildergeschichten vorführt. Und allein schon das macht die Wiederentdeckung der in „Breakdowns“ versammelten Comics zu einem äußerst lohnenden Vergnügen, zu einer erstaunlichen Reise. Denn heute können wir die Geschichten vor einem ganz anderen Hintergrund verstehen und goutieren als bei ihrer Erstveröffentlichung, auf die damals wirklich niemand gewartet hat, mit der tatsächlich niemand gerechnet hatte.

Andreas C. Knigge, in den siebziger Jahren Gründer der Fachzeitschrift „Comixene“, war lange Zeit Chef des Carlsen-Comicverlags und ist einer der besten Kenner des internationalen Comic-Geschehens.

Quelle: F.A.Z.
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