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Ralf König über „Breakdowns“ Kunst, Avantgarde und naturgemäß starker Tobak

02.12.2008 ·  Selbst in den experimentierfreudigen siebziger Jahren wollte keiner dieses Buch drucken: Comiczeichner Ralf König über Art Spiegelmans „Breakdowns“, das Comicwerk, in dem alles auseinanderflog.

Von Ralf König
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Es gibt in wohl jeder künstlerischen Zunft früher oder später denjenigen, der auf die Plattform tritt, um den Rahmen zu sprengen. Warum er diesen Drang verspürt, weiß er meist selbst nicht. Sind es Langeweile, Entdeckergeist, jugendliche Lust auf Anarchie? In der Malerei findet die Zersetzung des Gegenstands schon lange statt, und mittlerweile sind wir in den Galerien bei der Zersetzung der Zersetzung oder womöglich darüber hinaus bei der Zersetzung der Zersetzung der Zersetzung.

Es ist kein Zufall, dass auf dem Backcover von Art Spiegelmans „Breakdowns'“ das Porträt einer blauhäutigen Dame von Picasso prangt, deren Züge in ihre Einzelheiten zerlegt sind, und der Spiegelman die Sprechblase „Scheiße! ... Ich werde beschattet!“ über die Stirn setzt.

Er wagte es, sich einen Künstler zu nennen

Art Spiegelman schreibt in seinem Nachwort über den jungen Mann, der er war, als er „Breakdowns“ in Angriff nahm: „Wenn ich heute noch einmal durch dieses dünne Buch blättere, bekomme ich kaum den Kontext zusammen - oder vielmehr den fehlenden Kontext -, in dem dieser junge Mann zum ersten Mal die Potentiale des Comics auslotete: jenes Mediums, dass er so innig liebte.“ Und weiter: „Er wagte es, sich einen Künstler zu nennen und sein Medium eine Kunstform.“ Die Zeit dieses Durchbruchs: die siebziger Jahre, mal wieder.

Die Grundvoraussetzung für das, was Spiegelman dann auf die Spitze trieb, erledigten vorher bereits andere Zeichner: Es war die große Zeit der Underground-Comix in den Vereinigten Staaten. Erwachsene Zeichner entrissen das Medium der Kinderabteilung, und dieses Beben war früher oder später global für jeden spürbar, der sich für Comics interessierte, auch wenn er selbst noch Kind war. Die entscheidenden Zeichner hießen Robert Crumb, S. Clay Wilson und Vaughn Bode und waren keinesfalls jugendfrei.

Die Möglichkeit, das Unerträgliche in Bilder zu fassen

Art Spiegelman erzählt im ersten Teil von „Breakdowns“ von seinem Erweckungserlebnis: Es ist das bizarre Cover eines „Mad“-Heftes, dass ihn mit magischer Wucht in den Bann zieht, als er an der Hand seiner Mutter durch ein Kaufhaus läuft. Später bringt ihm der Vater gebrauchte Comics zum Schnäppchenpreis mit nach Hause, in Papiertüten, ahnungslos über die zweifelhaften Inhalte, denn Comics standen nun mal unhinterfragt in dem Ruf, infantil und immer für Kinder gemacht zu sein.

Fortan will der kleine Art Comiczeichner werden, und er hat von Anfang an keine Berührungsängste, die Panels mit seinen eigenen intimen Lebenserfahrungen zu füllen. Schlüsselfigur ist immer wieder die Mutter, die ihm, ohne zu ahnen, was sie damit in Gang setzt, eben jene ersten „Mad“- Hefte kauft, die er, wie er schreibt, studiert hat „wie andere Kinder den Talmud“. Die Mutter ist es auch, die am Küchentisch spielerisch die Phantasie ihres Sohns und dessen zeichnerisches Geschick fördert, indem sie abstrakte Kringel aufs Papier setzt, aus denen der kleine Art Enten und Gesichter zaubert. Später wird sich die Mutter, ohne einen Brief oder überhaupt eine Begründung zu hinterlassen, plötzlich umbringen. Das Trauma dieses Selbstmords verfolgt Art Spiegelman bis ins Erwachsenenalter, und seine Kunst, die Comics, liefern ihm ein Ventil, die Möglichkeit, das Unerträgliche in Bilder zu fassen.

Als ob dieses Trauma nicht reicht, nimmt er sich auch der Geschichte des Vaters an, dieses alten, ihm irgendwie immer fremd gebliebenen und doch fürsorglichen Mannes, der den Holocaust überlebt hat und irgendwann bereit sein wird, dem Sohn seine entsetzliche Lebensgeschichte zu erzählen. Und Spiegelman nimmt den Stift und macht die deutschen Nazischergen zu Katzen und die jüdischen KZ- Insassen zu Mäusen, und das in einem Medium, in dem Katzen und Mäuse bisher Tom und Jerry hießen! „Maus“ machte den Zeichner später berühmt, weil er darin das Unbeschreibliche zur Fabel wandelte, ohne es zu banalisieren und weil der Geschichte spürbar die Betroffenheit des Vaters inne lag. „Maus'“ verfolgt Spiegelman aber auch - als überlebensgroßer Schatten ebenjenes Vaters, dem er nicht mehr entfliehen kann.

Naturgemäß starker Tobak

Die ersten Zeitgenossen, denen er seine düsteren Blätter zeigt, reagieren verständnislos, „Auschwitz war 1971 noch kein Thema“, schreibt Spiegelman, und schon gar nicht im Comic. Kurios die Szene, in der im Verlag zwei Witzzeichner die Seiten begutachten. Sie selbst zeichnen Cartoons mit Texten wie: „Oh, Miss Smith, meine Banane würde perfekt zu ihren Melonen passen!“ Irritiert und überfordert fällt ihnen zu Spiegelmans Comic nur der Kommentar ein: „Mäuse kann er richtig gut!“ Die Episode erinnert an Woody Allens Film „Stadtneurotiker“, in dem der Komiker Allen in einem Agenturbüro genötigt wird, den Vorträgen eines Stand-up-Comedians zu lauschen, der Mario-Barth-artige Zoten reißt. Der Intellektuelle auf seinem Stuhl leidet, sein höfliches Lächeln gefriert zu einer entsetzten Dauermaske, hier trifft die Zukunft des Humors auf seine steinzeitliche Vergangenheit.
„Breakdowns“ ist nicht weniger als solch ein Aufbruch.

Ist der erste Teil noch autobiographisch und in strenge, gleichmäßig gesetzte quadratische Panels gefasst, geht es Spiegelman im Folgenden bereits darum, die Form des Comics selbst zu zerlegen. Alles - Zeichnungen, Texte, logische Abfolgen, der ganze bisher geordnete Kosmos - muss auseinanderfliegen! Spiegelmann kritzelt, schmiert, schabt, wagt Depression und Hässlichkeit, wirft mit Farben um sich, streut Pornographisches ein, psychologisiert und philosophiert über die Regeln des Humors. Das ist Kunst, Avantgarde, und darum naturgemäß starker Tobak, grundehrlich und wenig kommerziell. Keiner wollte das Buch drucken, selbst in den experimentierfreudigen siebziger Jahren nicht, aber der Crumb-Verleger Jeff Rund sprang dem jungen Zeichner bei: „Von dem Zeug in dem Buch verstehe ich nicht mal die Hälfte“, zitiert ihn Spiegelman, „aber wer so was wie diesen 'Maus'-Strip hinkriegt und die Sache mit dem Selbstmord seiner Mutter, der hat's verdient, dass man ihm aus der Patsche hilft.“

Ein weises Werk, das vor Jugend nur so strotzt

„Breakdowns“ ist nun als Wiederveröffentlichung erschienen, mit dem Untertitel „Porträt des Künstlers als junger %@§*!“ Und es ist tatsächlich das Dokument einer amerikanischen Comiczeichner-Jugend: hemmungslos, aufmüpfig, manchmal auch naiv, doch meist erstaunlich reflektierend und philosophierend den ordentlichen Rahmen demontierend, und das aus einem unbewussten Antrieb heraus, der der Jugend wohl eigen ist.

Der Zeichner, inzwischen im fortgeschrittenen Alter, scheint im Rückblick selbst überrascht über diesen frühen Ausbruch seines Schaffens. Und kurios auch das: Wie in weiser Voraussicht zitierte er in „Breakdowns“ - diesem Werk, dass vor Jugend nur so strotzt - einen Spruch von Aldous Huxley: „Mit 25 kann jeder Talent haben. Mit 50 Talent zu haben, darauf kommt es an!“

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