Home
http://www.faz.net/-gcx-10zq5
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Einführung - Teil 4 Erschütternde Wirkung der Umbrüche

25.11.2008 ·  Das Terrain für Spiegelmans erstes Meisterwerk „Maus“ wurde durch die Originalausgabe von „Breakdowns“ bereitet. Durch die Zugabe seiner gezeichneten Biographie hat Art Spiegelman diese Bedeutung jetzt noch erhöht. Spiegelman hat sein zweites Hauptwerk geschaffen - paradoxerweise mit seinem Debüt.

Von Andreas Platthaus
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Spiegelman lotete also die Möglichkeiten aus, in Bildern zu erzählen, und das könnte man an jedem der in „Breakdowns“ enthaltenen Comics erläutern. Der dreiseitige Vorläufer zu „Maus“ etwa bezieht sich auf die Tradition der Disney-Comics, und nicht umsonst fand diese Geschichte ihren ersten Abdruck in einem Underground-Comic-Heft, das den Titel „Funny Aminals“ trug - also auch in der Benennung ein Spiel mit den Erwartungen trieb, aber durch die Vertauschung von zwei Konsonanten schon andeutete, dass man sich hier nicht auf den sicheren Boden eines etablierten Genres begeben würde.

Das ursprüngliche Titelbild von „Breakdowns“ funktionierte ähnlich: Der sich selbst mit Tusche betrinkende Künstler vor dem Zeichenbrett wird in Anlehnung an die verschiedenen Druckphasen des lithographischen Prozesses mehrfach als Motiv wiederholt. Damit ist sowohl das Prinzip der Panel-Abfolge zitiert, das Comics konstituiert, als auch der Bruch mit ebenjenen Konventionen, denn außer einer ständigen Verschiebung und Überlagerung von Farben passiert nichts in der Abfolge. Für die aktuelle Ausgabe hat Spiegelman darauf bestanden, dass nach dem neugezeichneten Vorwort das ursprüngliche Titelbild im Inneren auf glanzfolienkaschiertem dicken Karton eingebunden wird, so dass der Eindruck einer Faksimile-Wiedergabe von „Breakdowns“ entsteht. Die Wirkung, die das Original 1978 auf die Leser gehabt haben muss, ist so zumindest noch nachvollziehbar.

Meisterschaft des Arrangements

Aus der ersten deutschen Ausgabe von 1980, der einzigen Übersetzung des Bandes damals, hat S. Fischer erfreulicherweise den Text unverändert in die Neuausgabe übernommen. Dadurch wurde allerdings auch der Titel „Breakdowns“ beibehalten, obwohl die deutsche Sprache den gleichfalls mehrfach semantisch besetzten Begriff „Umbrüche“ bereithält, der Spiegelmans Wortspiel perfekt aufgenommen hätte. Mehr als das: Er hätte auch genau der Bedeutung des Buches namens „Breakdowns“ in Spiegelmans Karriere entsprochen, denn nach der amerikanischen Publikation begann die sich über fast anderthalb Jahrzehnte hinstreckende Arbeit an „Maus“, neben der kaum noch weitere Comics entstanden.

Über die Atmosphäre jener Zeit in Spiegelmans Studio in der Greene Street hat Tomas Bunk in seinem 2008 für die F.A.Z. entstandenen Comic-Strip „Ein Berliner in New York“ Auskunft gegeben: Illustrationsaufträge finanzierten die Freiräume für „Maus“, die formalen Experimente traten zurück zugunsten einer inhaltlichen Revolution, die zwar auf der Etablierung des autobiographischen Erzählens im Comic, die sich vor allem Robert Crumb und Will Eisner verdankte, beruhte, aber weit über das hinausging, was man bislang für möglich gehalten hatte. Doch die ersten Spuren dessen, was die Sensation an „Maus“ ausmachen sollte, fanden sich bereits in „Breakdowns“ - und nicht nur, weil darin die noch ungleich konventioneller gestaltete Keimzelle des Konzentrationslager-Stoffs zu finden war.

Im ersten „Wahren Traum“ etwa, der in „Breakdowns“ enthalten ist, findet sich schon das grundlegende Gestaltungsprinzip von „Maus“: die an Chester Goulds Comic-Strip „Dick Tracy“ wie an der grafischen Strenge eines Frans Masereel geschulte Tuschetechnik, die durch Schraffurvariation und massiven Einsatz von Schwarzflächen die Panels sowohl bedrückend wirken lässt als auch wie aus der Zeit gefallen. Spiegelman führt durch seine ästhetischen Reminiszenzen an Gould und Masereel den typischen Stil der zwanziger und dreißiger Jahre in seine Comics ein und bereitet damit das Terrain für „Maus“, weil damit zur Handlungszeit der dreißiger und vierziger Jahre eine zeitgenössische Darstellungsform tritt. Doch dieser Kunstgriff ist eben nicht die eigentliche Leistung von „Maus“, weil dieser Prozess schon vorher abgeschlossen war. Die Besonderheit der großen Erzählung liegt doch viel eher in der Meisterschaft, mit der Spiegelman das biographische Material aus dem Leben seines Vaters ausbreitet und arrangiert.

Man spürt den Ernst des Inhalts

Das verblüffte das Publikum derart, dass der von Volker Reiche in seinem Comic-Essay über die Lektüre von „Breakdowns“ erhobene Vorwurf (der bezeichnenderweise dem vorlauten Kater Herrn Paul als Advocatus Diaboli in die Schnauze gelegt wird), die Darstellung von Juden als Mäuse und Deutschen als Katzen stifte nur Verwirrung, weil damit doch - als „heillose Identifikation mit dem Rassenwahn der Nazis“, wie Herr Paul sich ausdrückt - eine Unterscheidung zwischen Juden und Deutschen nach Arten, nicht aber nach Religionszugehörigkeit getroffen werde, gar nicht aufkam. Zu evident war aus der Geschichte der Comics die antagonistische Struktur von Katz-und-Maus-Spielen, als dass jemand es tatsächlich buchstäblich genommen hätte.

Im ersten „Maus“-Entwurf von 1972 war dieser Antagonismus noch einer zwischen Juden und dem ganzen Rest der Welt. Von Deutschen ist hier gar keine Rede; es handelt sich bei den Feinden generell nur um „Katzen“, und auch die Polen werden darunter subsumiert, wie man am Fall des Verräters sieht, der erst von Vladek und Anja Spiegelman Geld nimmt, um sie aus dem Land zu schmuggeln, sie dann aber ausliefert. Nicht einmal Polen selbst wird genannt; das Ganze spielt in einem Ort, der nur als „alte Heimat“ bezeichnet wird, und Auschwitz firmiert noch in einem brillanten, aber gleichwohl anstößigen Wortspiel als „Mauschwitz“. All diese Schwächen hat Spiegelman später in der langen Version von „Maus“ beseitigt, indem er sich ganz auf den formalen Aspekt der Umsetzung der verschiedenen Nationalitäten in nun auch jeweils unterschiedliche Tiere verließ und ansonsten streng nacherzählte, was sein Vater erlebt hat. Erst dadurch erhält „Maus“ seine erschütternde Wirkung: Man spürt den Ernst des Inhalts, und deshalb steht die Form gar nicht mehr in Frage.

Doch das Terrain dazu wurde durch „Breakdowns“ bereitet. Schon das macht den Band zu einem der interessantesten der Comic-Geschichte. Durch die Zugabe der gezeichneten Autobiographie hat Art Spiegelman diese Bedeutung aber noch erhöht. Denn daran kann man nicht nur ablesen, wie dieser Künstler wurde, was er ist, sondern auch, was für eine gewaltige Entwicklung er hinter sich gebracht hat. Denn gegen die meisterhaften Bildfindungen der neuen Einleitung verblasst sogar die Leistung von „Maus“. Spiegelman hat sein zweites Hauptwerk geschaffen - paradoxerweise mit seinem Debüt. Ein Endpunkt aber ist das gewiss nicht.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel