25.11.2008 · Vom Erweckungserlebnis durch ein „Mad“-Cover über die Experimente der sechziger Jahre bis zur neuen Einleitung von „Breakdowns“: Art Spiegelman sprengt Grundprinzipien des Comics, um sie zu bekräftigen. Der verunsicherte Leser soll neuen Sinn stiften.
Von Andreas PlatthausDas ist das entscheidende Stichwort für jede Beschäftigung mit Spiegelmans Kunst: Erinnerung. Nach „Maus“, dessen Erfolg (von Bestsellerplazierungen in Amerika bis zum Pulitzerpreis des Jahres 1992, als der abschließende zweite Band erschien) den Zeichner beinahe hätte verstummen lassen, kam als nächstes Hauptwerk „Im Schatten zweier Türme“ heraus - jener überformatige Comic, den Spiegelman für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ gestaltet hat und der sich den Ereignissen vom 11. September 2001 widmet, die der in Manhattan lebende Spiegelman und dessen Familie selbst miterlebt haben. Und nun hat er für die Neuausgabe von „Breakdowns“ eine gezeichnete Einleitung gestaltet, die sich in mehr als zweijähriger Arbeit zur zweitumfangreichsten Erzählung seiner Karriere entwickelt hat. In ihr legt Spiegelman Rechenschaft über zwei Dinge ab: seine Faszination für Comics und die eigene Persönlichkeitsausbildung.
Beides hängt, wie man in der Einleitung lesen kann, unmittelbar zusammen, und in den Comics fand schon der junge Art die einzige Möglichkeit, sich nicht nur auszudrücken, sondern auch seine durch die Erwartungen und Erfahrungen der traumatisierten Eltern geprägte Weltsicht abgebildet zu sehen - im surrealistischen Humor und Zeichenstil der Zeichner des 1952 begründeten Comic-Magazins „Mad“ zum Beispiel. Der Knabe entdeckte es als Siebenjähriger für sich, und zwar genau wegen jenes Titelbilds einer parodistisch-kubistisch gestalteten Frau, das auch der fünf Jahre ältere Comic-Zeichner Robert Crumb als Initialzündung seines Interesses für „Mad“ genannt hat. Spiegelman beschreibt seine damaligen Empfindungen in der Einleitung zu „Breakdowns“ so: „Sie war das Covergirl eines Magazins, und sie duftete so sehr nach Verbotenem, dass sie mich magisch anzog ...“
Provokation durch Form
Aus der Vielfalt der in „Mad“ vertretenen Zeichner und unter dem späteren Einfluss der im selben Verlag erscheinenden Horror-Comics, die zwar durch die Zensurrichtlinien des sogenannten Comics Code von 1953 längst aus dem Handel verschwunden waren, aber von Spiegelmans an Bildergeschichten völlig uninteressiertem Vater dem Sohn antiquarisch gekauft wurden, weil sie billig waren, entwickelte sich Spiegelmans synkretistisches Interesse am Genre. Als junger Zeichner kam er in den sechziger Jahren gerade rechtzeitig, um sich der Underground-Bewegung anzuschließen, die abseits der etablierten Verlage nach neuen Möglichkeiten suchte, persönlichere Geschichten zu erzählen. In „Breakdowns“ sind allerdings keine Beispiele für die ersten Comic-Publikationen Art Spiegelmans enthalten; als sähe auch er die Geburtsstunde seiner selbst als Künstler erst in der Arbeit an „Maus“, ist die dreiseitige erste Version dieses Stoffs Auftakt und auch früheste Probe seines Könnens in dem Sammelband.
Dagegen fehlen die psychedelischen Comics der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, obwohl sie bereits die große Faszination für die frühe Comic-Geschichte erkennen lassen, die bestimmend für Spiegelmans formale Experimente werden sollte. Die Vorliebe für kurze Erzählungen, die sich auch in „Breakdowns“ in den zahlreichen Einseitern artikuliert, fand etwa in dem Comic-Strip „Jolly Jack Jack-Off“ ein schönes Beispiel. In Anlehnung an Winsor McCays Sonntagsserie „Dreams of the Rarebit Fiend“, die 1904 debütierte, trug Spiegelmans Strip den Zusatz „The Masturbating Fiend“, und entsprechend sahen die Inhalte auch aus. Als der Zeichner zehn Jahre später die Auswahl für „Breakdowns“ traf, wählte er jedoch bewusst nur solche Arbeiten aus, die nicht durch den Inhalt provozierten, sondern durch die Form.
Deshalb ist Volker Reiches leiser Spott darüber, dass Spiegelman „sogar mal schüchtern 'n Porno-Bildchen“ gewagt habe, einerseits unangebracht, weil es kaum jemanden gibt, der drastischere Tabuverletzungen begangen hat, andererseits aber auch verständlich, denn gerade in „Breakdowns“ artikuliert sich dieser prägende Zug des jungen Zeichners nicht mehr. Es ist eine bereinigte Werkschau, die hier geboten wird, und das wird im umfangreichen Nachwort, das die Neuausgabe beschließt, damit begründet, dass Spiegelman selbst den Stab über seine Arbeiten der späten sechziger Jahre gebrochen hat: „ungeile Erotik-Comics und witzlose Versuche in grenzüberschreitendem Witz, aber auch grotesk unbeholfene Tabubrüche inklusive Vatermord, Nekrophilie und anderer grandioser Gewaltexzesse auf Papier“. Kein Bild also davon in „Breakdowns“.
Staunen über die Vorgänge auf dem Papier
Stattdessen Ausflüge in eine strukturalistische Analyse von Comics wie in „Kleine Zeichen von Leidenschaft“, in dem sich die von Reiche erwähnten „Porno-Bildchen“ finden. Diese Geschichte erzählt aber eigentlich vom Erzählen: Sie bietet auf drei Seiten die Verschränkung eines kurzen Prosatextes im Stil der Schwarzen Serie mit Auszügen aus einem Schreibratgeber von 1933, so dass Praxis und Theorie sich wechselseitig beleuchten.
Doch Spiegelman begnügt sich nicht damit, sondern variiert in seinen Bildern die sich insgesamt dreimal wiederholende Prosahandlung, indem er die Texte durch Verschiebung in andere Panels in immer wieder neue Zusammenhänge setzt. Das Grundprinzip des Comics, die unlösliche Verbindung von Bild und Text, wird hier aufgehoben zugunsten der Möglichkeit eines beliebigen Arrangements, doch dadurch bekräftigt Spiegelman erst das Prinzip, denn als Leser bemüht man sich jedes Mal neu, die verlorengegangene Verbindung neu herzustellen, um Sinn zu generieren. Das Verfahren des Zeichners gleicht surrealistischen Experimenten, die dazu dienen sollen, dem Betrachter die Sicherheit seiner ästhetischen Erfahrungen zu nehmen. Aber das Spiel mit den Leseerwartungen ist nicht frivol, sondern zielt durch das Staunen über die Vorgänge auf dem Papier in Platons Sinne auf die Erkenntnis dessen, was den Comic definiert.
>> weiter mit: „Breakdowns“-Einführung - Teil 4
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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