26.11.2008 · Mit seinem Comic „Maus“, der die Shoa-Vergangenheit seines Vaters verarbeitet, zeigte Spiegelman 1986, was das Genre erzählerisch zu leisten vermag. Sofort setzte eine Debatte über die Zulässigkeit dieses Ansatzes ein, wobei die Kritik jeder Grundlage entbehrte.
Von Andreas PlatthausWas der Comic erzählerisch zu leisten vermag, das hat tatsächlich keiner mehr ins Bewusstsein des Publikums gebracht als Art Spiegelman. Als er 1986 den ersten Band von „Maus“ publizierte, setzte zwar sofort eine Debatte darüber ein, ob es zulässig sei, die Schoa zum Thema eines Comics zu machen, doch es waren nur zwei Aspekte, die Spiegelmans Kritiker gegen dessen Arbeit anführen konnten - und davon hatte wiederum nur einer konkret mit seiner Bildergeschichte zu tun: Man verübelte dem Zeichner die Darstellung der Figuren als sprechende Tiere (siehe auch: Holocaust und Hitler im Comic: Katz und Maus). Die Juden traten als Mäuse auf, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine (um nur die drei wichtigsten Gruppen zu nennen, die in „Maus“ auftreten). Doch mehr noch als diese konsequente Nutzung einer allgemein als besonders comictypisch empfundenen Erzählkonvention war es das gewählte Genre selbst, das für Irritation sorgte: Dessen Name - Comic - hat sowohl im Englischen wie im Deutschen den Beiklang des Komischen. Wie aber kann man es wagen, das Thema des deutschen Mords an den Juden komisch abzuhandeln?
Auf diesen Vorwurf hat Spiegelman nie reagiert, weil er erkennbar jeder Grundlage entbehrt. Erkennbar insofern, als man sich „Maus“ nur ansehen, das Buch nicht einmal lesen muss, um sofort die Unhaltbarkeit des Einwands festzustellen. Denn da ist nichts komisch. Spiegelman hat seinen Comic vielmehr im Stil expressionistischer Grafik gestaltet - streng schwarzweiß, mit kräftigen Linien und groben Schraffuren - und kleinformatig veröffentlicht. Der Verzicht auf Farbe entspricht unseren Vorstellungen von Bildquellen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die expressive Präsentation nimmt das Ungeheuerliche des Geschehens auf, und gerade Format und elaborierte Schlichtheit - Spiegelman zeichnete mehr als dreizehn Jahre an den 270 Seiten von „Maus“ - erwecken den Eindruck eines Kassibers, einer Botschaft aus den Konzentrationslagern selbst (siehe auch: „Maus II“: Ein Meisterwerk der Comicliteratur).
Jeder Eindruck von Frivolität wird vermieden
Es gibt auch keine grotesken Darstellungen in den Bildern, wie es bei den meisten sonstigen Comics mit sprechenden Tieren der Fall ist, also keine übersteigerte Gestik oder Verfälschung der Körperproportionen zum Zwecke der individuellen Ausdruckssteigerung einer Figur. Spiegelman benutzt auch - mit einer bezeichnenden Ausnahme - keine Lautmalereien oder in die Bilder integrierten Symbole, die ansonsten ein für Comics konstitutives Element sind. Man könnte sagen, dass er sich bemüht hat, das Genre wieder auf dessen Kern zurückzuführen: Bilderzählung und Sprechblasen, um jeglichem Eindruck von Frivolität zu entgehen.
Denn dass dieser Vorwurf erhoben würde, das wusste er, und er wollte zumindest werkimmanent diejenigen beschämen, die ihn äußerten. Zumal in „Maus“ die Geschichte von Spiegelmans Vater Vladek erzählt wird, der zwar wie die Mutter Anja die Konzentrationslager überlebte, aber danach ein Leben lang ein Gezeichneter blieb: Der erste Sohn der Spiegelmans starb, als er zur Sicherheit von seinen Eltern getrennt in einem anderen Getto lebte, das von den Deutschen geräumt wurde; in den Lagern musste Vladek sich Verhaltensweisen angewöhnen, die er nach der Befreiung zum Leid seiner Umgebung geradezu manisch beibehielt: Misstrauen, Aufbewahrung jedes irgendwie brauchbaren Objekts, Angst; und schließlich brachte sich Anja Spiegelman unter der Last der Erinnerung um - mehr als zwanzig Jahre nach dem Krieg, 1968, als ihr einziges lebendes Kind Art zwanzig war. All das berichtet Spiegelman in „Maus“, und er tut es mit einem Respekt für die Person seines Vaters, die bei allem deutlich herausgestellten Unverständnis für dessen Verhaltensweisen in der Nachkriegszeit doch eine Hommage an dessen Leben und Überleben ist. Eine Liebeserklärung an den Vater, der 1982 starb, als das erste Kapitel von „Maus“ gerade erschienen war.
Traum der Erinnerung
Der Fundamentalkritik am Comic als einer per se ungeeigneten Erzählform für ernste Stoffe hat Spiegelman von Beginn an keine Aufmerksamkeit geschenkt. Für ihn ist die Bezeichnung „Comic“ längst ihrer etymologischen Herkunft entwachsen: Schon zehn Jahre nach der Etablierung des jungen Genres in den amerikanischen Zeitungen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts gab es Comics, die nicht mehr komisch waren. „Little Nemo in Slumberland“ von Winsor McCay ist dafür ein Beispiel, das man gegebenenfalls noch skurril nennen könnte, aber auch das nur, wenn man bereit wäre, ganz vom Anspruch McCays abzusehen, eine neue Möglichkeit für die Darstellung von Träumen zu finden.
Comics eignen sich durch ihren synthetischen Charakter (Bilder und Text sind untrennbar verbunden) besonders für die Wiedergabe komplexer (oder im Falle von Träumen unrealistischer) Handlungen und Stimmungen, und es ist kein Zufall, dass Spiegelman in „Breakdowns“ auch mehrere Traumprotokolle aufzeichnete.
Bezeichnenderweise tragen sie die paradox anmutende Bezeichnung „Wahrer Traum“ (im Original „Real Dream“), die jedoch nichts anderes sagen will, als dass die Träume nunmehr wirklich werden, nachdem sie ihren Weg aufs Papier gefunden haben. Volker Reiche hat in seinem Comic-Essay zu Spiegelmans Buch genau - man ist versucht zu sagen: traumwandlerisch sicher - erkannt, dass hier ein Kern des Spiegelmanschen Verständnisses seines Mediums liegt und dieses Verfahren anhand eines eigenen Traumes erprobt, den er zur Illustration seines eigenen Umgangs mit Erinnerung einsetzt.
>> weiter mit: „Breakdowns“-Einführung, Teil 3
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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