30.12.2008 · Deutschland war allen anderen Ländern voraus, als hier die erste fremdsprachige Ausgabe von Art Spiegelmans „Breakdowns“ erschien. Wie es zu dieser Pioniertat kam, hat Martin Jurgeit, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Comixene“, in Gesprächen mit den damals Beteiligten rekonstruiert.
Von Martin JurgeitNicht wenige Leser - mich selbst eingeschlossen - hat es sicherlich überrascht, in Niklas Benders Beitrag „Die Krönung des Künstlers als junger Mann” vor einigen Tagen zu lesen, dass „Breakdowns“ in seiner Urfassung zwar bereits Anfang der achtziger Jahre auf Deutsch veröffentlicht wurde, aber damals nicht einmal eine französische Ausgabe zustande kam. Dass sich Comic-Deutschland tatsächlich einmal in einer Pionierrolle wiederfand, hängt mit einem Mann zusammen - dem als Filmemacher bekannt gewordenen Heinz Emigholz.
Collective for Living Cinema
Der 1948 in Achim bei Bremen geboren Emigholz lebt heute in Berlin, wo er der Produktionsgesellschaft Pym Films vorsteht. In wenigen Wochen wird sein neuer Film „Sense of Architecture“ auf der Berlinale 2009 uraufgeführt. Gern erinnert sich Emigholz an die Anfänge seines künstlerischen Schaffens, als er bereits in jungen Jahren erste experimentelle Filme drehte, die ihn unter anderem zur documenta 6 und auf Hamburger Filmschauen führten. Auf einem der Festivals in der Hansestadt wurde der amerikanische Filmemacher Larry Gottheim auf Emigholz aufmerksam und lud ihn nach New York ein. Das kam Emigholz mehr als zupass: „Ich wollte schon als Teenager aus Deutschland weg - aus dem Gefühl heraus, dass hier wesentliche Teile von Kultur ausgelöscht waren.“
Gottheim gehörte in New York zu den Gründern des „Collective for Living Cinema“ - genauso wie Ken Jacobs, dem Art Spiegelman in seiner neuen „Breakdowns“-Einleitung einen großen Auftritt verschafft. Gottheim und Jacobs lehrten am Cinema Department des Harpur College in Binghamton, nördlich von New York. Dort sammelte sich ein Kreis von Studenten oder Ex-Studenten wie Jim Hoberman, David Marc oder Marcia Bronstein um sie, der in Lower Manhattan das „Collective“ bildete, zu dem auch Emigholz stieß.
„Für die amerikanischen Freunde war ich wohl zuerst ein Exot“, sieht er dies rückblickend, „man kannte sonst einfach keine jungen Deutschen, die wie sie Kunst unter schwierigen Bedingungen machten.“ Emigholz wusste aber auch, dass er aufgrund seiner Herkunft in dieser - nicht zuletzt von jüdischen Intellektuellen geprägten - Szene eine Sonderrolle einnahm: „Ken Jacobs hat mir damals irgendwann mal gesagt, dass er sich, ohne die Erfahrung des Vietnam-Krieges im eigenen Lande gemacht zu haben, mit keinem Deutschen unterhalten würde. In der Tat wurde meine Anwesenheit vor manchen Eltern und Großeltern verborgen, was ich verstehen konnte.“
Aus den MailBooks entsteht „RAW“
Unter den Freunden ging es aber vornehmlich ums Zeichnen und Filmemachen.Hierüber hat man sich verständigt. Und als Art Spiegelman, der auch Schüler von Jacobs gewesen war, aus San Francisco nach New York zurückkehrte, war er sofort wieder Teil dieses Kreises, in dem er auch auf Emigholz stieß, der in New York seit 1974 an seiner Zeichenserie „Die Basis des Make-Up” arbeitete. Im Katalogband zur gleichnamigen Ausstellung in Berlin vor einem Jahr schildert Spiegelman den Beginn ihrer Zusammenarbeit: „Françoise (Spiegelmans Frau) begann mit dem Druck und der Herausgabe der so genannten 'MailBooks', kleinen achtseitigen Büchlein mit sieben Seiten thematisch oder erzählerisch verwandten Zeichnungen und einer letzten Seite, die wie die Rückseite einer Postkarte aussah. Als Heinz in unser 'Wohnzimmer' kam, die Druckerpresse und die MailBooks sah, war er sofort Feuer und Flamme. Er zeigte uns die Zeichnungen in seinen Notizbüchern und bevor wir uns versahen, hatte er mit Françoise schon zwei MailBooks produziert: 'The Basis of Make-Up' und 'The Chinese Landscape'. Vielleicht war es das erste Mal, dass etwas von diesem Bilderfluss veröffentlicht wurde. Die Büchlein sahen nett aus, wir waren stolz auf sie, aber dreißig Jahre später muss ich widerstrebend zugeben, dass wir von diesen beiden vermutlich weniger Exemplare verkauften als von den anderen bewusst nichtkommerziellen MailBooks dieser Reihe.“
Als 1980 aus den MailBooks die revolutionäre Comic-Zeitschrift „RAW“ hervorging, war Emigholz in den Ausgaben 1 und 3 mit Beiträgen vertreten. Mit „RAW“ strebte Art Spiegelman nämlich auch ganz gezielt „die Überbrückung der Empfindsamkeiten zwischen unseren künstlerischsten Filmemacher-Freunden und den nervöseren Comic-Zeichnern“ an, über die Spiegelman in demselben Katalogbeitrag schreibt, dass es zwischen ihnen eigentlich „so gut wie keine Gemeinsamkeiten“ gab.
„Breakdowns“ für Deutschland
Zumindest der Filmmensch Emigholz mit seinen zeichnerischen Ambitionen war aber auch ein Comic-Kenner und schätzte die Arbeiten Spiegelmans, die er schon länger aus den von ihm gesammelten Magazinen „Short Order Comix“ und „Arcade“ kannte: „Was mich an Arts Arbeiten faszinierte, war sein medienanalytischer Ansatz. Da gab es eine Verwandtschaft mit meiner Filmarbeit“. Genau verfolgte Emigholz, welche Probleme Spiegelman beim Vertrieb seines Buchs „Breakdowns“ in Amerika hatte. Umso mehr erstaunt es, dass er es sich zur Aufgabe machte, den Band in Deutschland veröffentlicht zu sehen.
Sein „Komplize“ bei diesem Unterfangen wurde der Literaturwissenschaftler Martin Langbein, der in Freiburg im Breisgau studiert hatte. Während dieser Zeit organisierte er Filmaufführungen, unter anderem auch mit Werken von Heinz Emigholz. Zudem gehörte er zu den Organisatoren der letzten Hamburger Filmschau von 1976. Zeit seinen Lebens - Martin Langbein starb vor drei Jahren - hat er mit dem Soziologen und Publizisten Klaus Theweleit zusammengearbeitet, der Ende der siebziger Jahre mit den „Männerphantasien“ einen veritablen Bestseller bei Stroemfeld/Roter Stern hatte, was seiner Stimme Gewicht bei dem Verlag der Achtundsechziger-Ikone KD Wolff eintrug.
Emigholz überzeugte also Langbein von „Breakdowns“, der wiederum seinen Kumpel Theweleit und dieser schließlich KD Wolff. Wobei der Verleger vom „Breakdowns“-Projekt wohl doch nicht ganz überzeugt war, denn er stellte die Bedingung, dass Langbein und Theweleit ein Begleitheft gestalten sollten, das der deutschen Leserschaft die Arbeiten von Art Spiegelman erläutert - und am besten den Comic im Allgemeinen gleich mit.
Die Zugabe „Bruch“
Im Nachhinein ist diese „Bruch“ genannte Zugabe ein einziger Glücksfall. Denn in seinem aktuellen Nachwort der Neuausgabe schreibt Spiegelman: „Wenn ich heute noch einmal durch dieses dünne Buch blättere, bekomme ich kaum noch den Kontext zusammen - oder vielmehr den fehlenden Kontext -, in dem dieser junge Mann zum ersten Mal die Potenziale des Comic auslotete.“ Bei der Vorbereitung der ersten deutschen Ausgabe aber lag das Entstehen keiner der Kurzgeschichten länger als acht Jahre zurück. Spiegelmans Erinnerung war noch ungetrübt, und seine Schubladen quollen über von dem benutzten Referenzmaterial. Wir sehen in „Bruch“ also unter anderem die Splashpage der „Fingers of Fear!“ - jener Horror-Geschichte, die ihn zu „Wahrer Traum - Ein Hand-Job“ inspirierte. Ja, sogar das pornografische Originalfoto der Doggy-Szene, die „Kleine Anzeichen von Leidenschaft“ einleitet, wird abgedruckt. Und lange Spiegelman-Textstrecken, die in „Bruch“ quasi im O-Ton zum Abdruck kamen, kann man jetzt in einer Eins-zu-Eins-Umsetzung in der Einführung zur neuen Ausgabe als Comic (nach-)lesen.
Vor allem aber erläutert „Bruch“, das immerhin 52 großformatige Seiten umfasst, die unzähligen mehr oder weniger deutlichen Verweise auf die vornehmlich amerikanische Historie der Comics und der populären Massenmedien im Allgemeinen. Langbein und Theweleit konnten dabei direkt auf die umfangreichen Vorarbeiten und Recherchen von Heinz Emigholz zurückgreifen, die dieser mit Art Spiegelman für die Übersetzung zusammengetragen hatte.
Aus heutiger Sicht belustigt es ein wenig, wenn sich zum Beispiel lang und breit mit der Bedeutung der „Soap Opera“ auseinandergesetzt wird. Aber welcher Leser weiß selbst in diesen Tagen etwas mit Reuben „Rube“ Goldberg und seinen ausgetüftelten Maschinen anzufangen oder erkennt im Titel „Zip a Tunes und Moire Melodien“ eine Anspielung auf die populäre Comic-Heftserie „Looney Tunes and Merrie Melodies“ mit Bugs Bunny und Schweinchen Dick? Unzählige solcher Zusammenhänge aufzuzeigen, hierin liegt noch heute das große Verdienst des Begleitheftes, das sich 1981 zusammen mit dem „Breakdowns“-Hardcover in einem schwarzen Pappschuber befand.
Fast perfekt
Abschließend wurden auf der Rückseite von „Bruch“ sogar noch Korrekturanweisungen von Heinz Emigholz gebracht, die damals in „Breakdowns“ nicht mehr berücksichtigt werden konnten. Zur Geschichte „Wahrer Traum - Ein Hand-Job“ lesen wir etwa: „Schwarzplatten-Kollision im fünftletzten Panel, SCHEISSE und SHIT sind übereinandergedruckt, unleserlich.“ Dieser Fehler wurde offensichtlich bei der Vorbereitung der deutschen Neuausgabe bemerkt. Allerdings folgte man nicht dem Hinweis des ursprünglichen Übersetzers, denn aus dem harten „Scheiße!“ wurde jetzt nur noch „Mist!“. Ganz unberücksichtigt blieb folgender Korrekturhinweis an gleicher Stelle zur „Ass Loch“-Geschichte: „Auf der sechsten Seite unten links heißt es leider immer noch KARTOFFELGESCHICHTE, statt KARTOFFELKOPFGESCHICHTE.“
Dennoch kann man mit Fug und Recht behaupten, dass schon die erste Ausgabe von „Breakdowns“ zu den am sorgfältigsten edierten Comics in deutscher Sprache überhaupt zählt. Dazu trägt auch das außerordentlich gelungene Lettering von Dieter Kerl bei, das wir in der Neuausgabe in dem quasi als Faksimile übernommenen Teil 2 immer noch bewundern können. Kerl bearbeitete seinerzeit für Zweitausendeins auch Crumbs „Fritz the Cat“ oder „Ein Vertrag mit Gott“ von Will Eisner, trat dann aber leider nicht mehr als Letterer in Erscheinung. Die neuen Titeltypographien - bei denen etwa aus „Cracking Jokes“ das deutsche „Witze reißen“ wurde - zeichnete Art Spiegelman dagegen höchstselbst. Auch bei der Entstehung der deutschen Textfassung war Spiegelman intensiv beteiligt. „Wir haben uns zusammengesetzt und alle Zusammenhänge, Anspielungen und Wortspiele et cetera durchgearbeitet“, erinnert sich Heinz Emigholz.
Comics müssen nicht komisch sein
Bei der Pressearbeit für den Band ließ Emigholz abermals seine Kontakte spielen. Der mit ihm befreundete Journalist Dieter Brehde konnte zum Erscheinen von „Breakdowns“ einen großen, mehrseitigen Artikel im „Stern“ veröffentlichen. Unter dem Titel „Hölle in kleinen Boxen“ las das deutsche Publikum so bereits 1981 eine außerordentlich kenntnisreiche Einführung in das Werk von Art Spiegelman in dem damals auflagenstärksten Nachrichtenmagazin des Landes. Bereits der Leadtext konstatierte: „Comics müssen nicht immer komisch sein. Der New Yorker Künstler Art Spiegelman zeichnet Bilder ganz besonderer Art: Zusammenbrüche von Menschen und ihrer Umgebung. Jetzt gibt es seine Comic-Kultur auch auf deutsch.“ Das zeigte Wirkung - einige Wochen später zogen unter anderem „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ nach, wobei die jeweiligen Headlines den Fokus endgültig auf den Beitrag „Maus“ richteten, von dessen langer Version bereits 75 von 250 Seiten fertig seien, wie der „Stern“ mitgeteilt hatte. Mit „Comic strips über Auschwitz” betitelte nun „Der Spiegel“ seinen Beitrag auf der Szene-Seite.
Und in der „Zeit“ fragt unter der etwas reißerischen Überschrift „KZ im Comic“ der Autor Reinhold Kimmel, ob „man über Faschismus, Folter, Sadismus, Mord in Bilder-Geschichten sprechen und - lachen“ kann. Hier wurden im Grunde schon die gleichen Fragen aufgeworfen, die einige Jahre später auch die Diskussionen um die „Maus“-Bücher dominieren sollten. Kimmel kam damals übrigens bereits zu dem Ergebnis, dass „das Gleichnishafte der Tierfiguren nicht abschreckt; die Identifikation mit der von Spiegelman angebotenen Distanz macht es möglich, sich darauf einzulassen“. Und später schreibt er in dem Beitrag: „Art Spiegelmans Methode ist kompliziert. Er denkt nicht nur über die Kunst nach, die er in seinen Techniken spiegelt, sondern auch über die Kunst, sich zu spiegeln. Darin ist ein verblüffender Narzißmus zu finden, eine seltene Kunst in Deutschland. Der gespiegelte 'Art' wird wie die gespiegelte Kunst zum Destrukteur des Albtraums.“
Sehr bemerkenswerte Einsichten, die man rückblickend so in der deutschen Presselandschaft von 1981 zu einem Comic-Band nicht unbedingt erwartet hätte und die unterstreichen, dass „Breakdowns“ schon damals eine beachtliche Resonanz fand, die aber ohne das Engagement von Heinz Emigholz nicht vorstellbar gewesen wäre.