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„Breakdowns“ in Frankreich Die Krönung des Künstlers als junger Mann

12.12.2008 ·  Ausgerechnet in Frankreich blieb Art Spiegelmans Comic-Manifest „Breakdowns“ bei der Erstveröffentlichung unbeachtet. Jetzt feiert das ganze Land die Neuausgabe, denn plötzlich sieht man, dass der Amerikaner alles vorgedacht hatte, was dann in Frankreich mit den Comics geschah.

Von Niklas Bender
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In Frankreich findet man dieser Tage keine Artikel zur Neuauflage von Art Spiegelmans „Breakdowns“. Grund für das Schweigen ist nicht etwa, dass der Band in einem Land, das den Comic zur „Neunten Kunst“ geadelt hat, nicht interessieren würde: „Breakdowns“ ist einfach schon im Frühjahr bei Casterman erschienen, anlässlich des „Salon du Livre“, der Pariser Buchmesse im März. Freilich trügt der Schein, denn das Comic-Entwicklungsland Deutschland war dem Nachbarn voraus, und zwar um viele Jahre - „Breakdowns“ war bisher nicht ins Französische übersetzt worden und erscheint 2008, anders als in Deutschland, zum ersten Mal.

Eine bedauerliche Verspätung, das hat die französische Verlags- und Medienszene begriffen, entsprechend nachdrücklich wurden Band und Autor im Frühjahr gefeiert. „Le Monde“ etwa interviewte Spiegelman ausführlich und widmete ihm einen ganzseitigen Artikel (am 15.3.2008). Auch „Le Figaro“ betonte gern Spiegelmans Verbindung zu Frankreich über seine Ehe mit der Französin Françoise Mouly, die ja nicht nur Gattin, sondern durch die Zusammenarbeit beim „New Yorker“ (von 1993 bis 2002) und die gemeinsame Herausgabe der Zeitschrift „Raw“ auch Künstlerkollegin ist. Über diese biographische Brücke hinaus verweist man auf europäische Einflüsse - und durch diese Sichtweise erklärt sich vielleicht auch die späte Rezeption von Art Spiegelman in Frankreich.

Erst mit „Maus“ fand er in Frankreich Beachtung

Auf den ersten Blick jedenfalls ist nicht zu verstehen, warum sich in einer ausführlichen Bibliographie von 1984 („La Bande dessinée à l'université... et ailleurs“) kein Eintrag zu Art Spiegelman findet, während zu dem etwa gleich alten Jacques Tardi zwei eng beschriebene Seiten Literaturangaben dokumentiert sind. Französische Zeitungen und Zeitschriften publizierten zwar hie und da Comics des Künstlers. Aber erst zwei, drei Jahre später ändert sich die Lage durch das Erscheinen und die französische Übersetzung von „Maus“.

Ein Dossier zu Spiegelman erscheint in der Fachzeitschrift „Le Collectionneur de Bandes Dessinées“ (Nr. 49 und 50, 1986); im Jahr 1993 krönt die Jury des Festivals von Angoulême den zweiten Teil von „Maus“ als besten ausländischen Comic. Heutzutage gibt es hochinteressante Veröffentlichungen zu Spiegelman in französischer Sprache, so etwa die „Maus“-Interpretation von Pierre Alban Delannoy, die das Werk (anders als viele amerikanische Publikationen) nicht nur als Holocaust-Erzählung, sondern auch als Comic ernst nimmt.

Was also hat „Maus“ verändert? Sicher nicht die Haltung des Publikums zum Comiczeichner: Ernst genommen werden Comicautoren in Frankreich ja zum Glück so oder so, anders als in Deutschland muss keine Reifeprüfung im Fach Ernsthaftigkeit bestanden werden. Warum wird „Breakdowns“ aber dann erst jetzt in Frankreich wirklich rezipiert?

Mit Lesezeichen zu lesen

Der Titel des Albums bietet einen Hinweis. Er enthält eine schöne Doppeldeutigkeit: Die „Breakdowns“ meinen in erster Linie natürlich „nervous breakdowns“, Nervenzusammenbrüche, denen die fiktionalen Pendants des Autors ausgesetzt sind. Sei es der Suizid der Mutter oder die väterliche Erinnerung an den Holocaust, die auf dem jungen Künstler lasten, sei es die Stimmung von Brooklyn (durch Kakerlakengewimmel illustriert), sei es das nackte Weiß eines Blattes Papier - es gibt genügend Gründe für eine tiefe Depression. Aber es ist ja bekannt, dass psychische Labilität in der Kunst nicht immer von Schaden ist: „Breakdowns“ meint demnach auch das fruchtbare Einreißen der Comic-, ja sogar das der alternativen Comixtradition, die Zerstörung, die Teil jeder Neuschöpfung ist.

Nach „funnies“ und Disney, nach Abenteuergeschichten und Superheldencomics, auch nach all den Experimenten des „Underground“ der Sechziger und Siebziger, an denen Spiegelman selbst aktiv teilgenommen hat, beginnt er jetzt, ein neues Comicverständnis zu prägen. Comic ist Kunst - diesen einfachen, aber im Kontext der Zeit revolutionären Anspruch verteidigt Spiegelman mit „Breakdowns“ und seinen späteren Werken, wie er im Interview mit „Le Monde“ erneut betont: „Ich wollte Comics machen, die man mit Lesezeichen liest, nicht auf den Toiletten.“

Ein entscheidendes Charakteristikum moderner Kunst

Die Emanzipation findet auf mehreren Ebenen statt. Zunächst zeichnet Spiegelman selbstreflexive Geschichten, die immer auch die Vergangenheit des Genres und den Prozess des Darstellens selbst zum Gegenstand haben. Die künstlerische Präsentation des Nachdenkens über das, was man als Künstler gerade tut, ist ein entscheidendes Charakteristikum moderner Kunst - Spiegelman hat wohl besser als jeder andere gezeigt, dass ein Comic diese Nachdenklichkeit auf brillante Weise zu leisten vermag. Man sehe sich die Einleitung von „Breakdowns“ an, in der die Comicsprache sich der Entwicklung des Helden anpasst: Genau das hat James Joyce durch die Nachahmung von Kindersprache auch getan, in „A Portrait of the Artist as a Young Man“ - ein Roman, auf den Spiegelman schon mit dem Untertitel von „Breakdowns“ anspielt. Diese Selbstreflexion benötigt zudem Platz, der Comic ist eine räumliche Kunst, womit der zweite Punkt, die ästhetische Gestaltung, ins Spiel kommt. Die Bände sollen den Leser auch sinnlich ansprechen, Farbe, Format und Bindung müssen in jeder Hinsicht überzeugen.

Damit aber lässt Spiegelman die „Fanzine“- und auch die Untergrundkultur billig gedruckter, schnell vergänglicher Comicblätter hinter sich (von der Bahnhofstraditionslinie einmal ganz zu schweigen). Dass diese anspruchsvolle Ästhetik auch in schwarzweißem Minimalismus bestehen kann, wird in „Breakdowns“ nur angedeutet, als eine von mehreren Versuchsreihen. Drittens kommt Spiegelman, und das ist zunächst ein rein persönlicher Faktor, nur über einen starken autobiographischen Bezug zur nötigen Ernsthaftigkeit. Erst in der Aufarbeitung der tragischen individuellen und familiären Vergangenheit wird das ästhetische Reflexionsspiel sinnvoll verankert - im Frühwerk ist diese elementare Tatsache nicht so deutlich markiert wie in „Maus“, aber sie ist bereits nicht mehr zu übersehen.

In den achtziger Jahren war ein Impuls von außen bitter nötig

Die Innovationen deuten an, warum Spiegelman in Frankreich nicht einschlägt wie eine Bombe: Sie werden nur bedingt als Neuerungen gesehen. Das Albumformat in relativ guter Druckqualität zum Beispiel ist in der frankobelgischen Comictradition längst Standard (seit „Tim und Struppi“), die Nähe zum Medium Buch wurde viel früher gesucht als in Amerika. Dort hat der Comic erst mit der großflächigen Verbreitung der „graphic novel“, die sich Spiegelmans „Maus“-Erfolg zu einem Gutteil verdankt, wirklich Buchformat (und Hausrecht in Buchhandlungen) bekommen. In dieser Hinsicht wurde und wird Spiegelman in Frankreich als Teil einer „Europäisierung des Comics“ gesehen (Jean-Paul Gabilliet). Im Jahre 1978 jedenfalls wurde das ästhetische Potential vielleicht als solches erkannt, aber als weniger radikal bewertet. Was die selbstreflexiven zeichnerischen Zitate und Experimente angeht: Die gibt es in Frankreich dank der avantgardistischen Entwicklung der Zeitschrift „Pilote“ (1959 gegründet) ebenfalls. Die Gemeinsamkeiten sind wohl auch Spiegelman aufgefallen, der im gleichfalls avantgardistischen Magazin „Raw“, das er von 1980 bis 1991 herausgab, die besten Zeichner von beiden Seiten des Atlantiks versammelt, darunter Tardi, Jacques de Loustal und Baru. Zeitgleich lassen sich im französischen Kontext ähnlich innovative Zeitschriften ausmachen, z.B. „Métal Hurlant“ oder „Hara-Kiri“.

Wirklich große Bedeutung bekommt Spiegelman für die „BD française“ aber erst durch die Innovationen von „Maus“. Dass diese als solche wahrgenommen werden - daran ist die Geschichte schuld. In den achtziger Jahren geraten die avantgardistischen Zeitschriften in Frankreich in Schwierigkeiten, sie müssen oft eingestellt werden oder fristen ein Nischendasein. Der große Markt zeigt sich phantasielos und uniform, man fabriziert fast nur noch Serien von kommerziell vorformatierten Comicalben: Farbdruck, 48 Seiten, Standardgröße. Ein Impuls von außen ist bitter nötig. Den gibt „Maus“ gleich in mehrfacher Hinsicht: Die Bände demonstrieren Kunstwillen, das Thema an sich und die selbstreflexive Behandlungsweise - die Erinnerung des Vaters wird als vermittelt dargestellt, die Vater-Sohn-Problematik ist wesentlicher Teil der Erzählung - sprechen für sich. Aber auch der karge schwarzweiße Stil, vom deutschen Expressionismus inspiriert, und das seitenstarke, aber relativ kleine Buchformat lassen keinen Zweifel am Anspruch des Autors.

Ausbruch aus dem Ghetto der Konsumware

Der scheinbare Widerstand gegen den Massenmarkt („Maus“ wird schließlich ein Verkaufsschlager der Comicgeschichte) inspiriert die Gründungsmitglieder von „L'Association“, ein Verlagskollektiv, das in den neunziger Jahren die französische Comiclandschaft revolutioniert: Sie wollen aus dem Ghetto der Konsumware ausbrechen, der Comic soll seine künstlerische Würde erneuern und an die Experimente der Avantgarde anknüpfen. Die genannten Charakteristika von „Maus“ - Schwarzweißästhetik, Autobiographie, Buchformat - sowie die variierbare Länge der Bände faszinieren die Zeichner, weil dieses Vorgehen mit dem Herkömmlichen bricht und eine Rückkehr zu ästhetischer Seriosität verspricht. Das Format soll nicht den Vorgaben von Handel und Vertrieb, sondern dem künstlerischen Ausdrucksbedürfnis entsprechen und zeichnerische Innovationen ermöglichen. Nicht zufällig beruft sich Jean-Christophe Menu in „Plates-bandes“ (2005), einem militanten Resümee der Errungenschaften von „L'Association“, in diesen Punkten auf Spiegelman: Er ist zwar nicht der einzige Autor, der die besagten innovativen Ansätze nutzt, aber er hat ihnen zum Durchbruch verholfen.
Eine reflektierte autobiographische Erzählung in schwarzweißem (Buch-)Format: Diese Charakterisierung trifft auf viele Arbeiten aus dem Umfeld von „L'Association“ zu, deren Stil und Format längst den Mainstream prägen.

Tatsächlich kann man sich Marjane Satrapis „Persépolis“, die lebensgeschichtlichen Berichte eines David B., die Delirien von Patrice Killoffer oder die Selbstdarstellung von Lewis Trondheim als zeichnende Ente ohne Spiegelmans Patenschaft nicht recht vorstellen; sein expressiver Zeichenstil freilich wird durch die wieder in Mode gekommene „ligne claire“ geläutert, so viel Klassizismus muss doch sein. Diese Innovationswelle jedenfalls, die von „L'Association“ ausgelöst die französische Comiclandschaft umgewälzt hat, muss man im Hinterkopf haben, um zu verstehen, warum sich die Franzosen so spät dem Autor von „Breakdowns“ zuwenden - erst mit „Maus“ hat Art Spiegelman die Koordinaten ihrer Comicwelt grundlegend verändert.

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