Home
http://www.faz.net/-gcz-11f1f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Porträt Art Spiegelman

01.12.2008 ·  Als Sohn zweier Auschwitz-Überlebender in Stockholm geboren, wurde Art Spiegelmans Leben früh vom Zeichnen und vor allem von Comics bestimmt. Mit „Breakdowns“ trat er auf die Bühne, „Maus“ machte ihn berühmt. Dann zog er sich vom Comic-Zeichnen zurück. Bis der 11. September 2001 kam.

Von Andreas Platthaus
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Als Art Spiegelman am 15. Februar 1948 in Stockholm geboren wurde, war er der zweite Sohn seiner Eltern. Doch der erste war gestorben - in einem polnischen Ghetto, dessen jüdische Bewohner sich und ihren Kindern lieber selbst den Tod gaben, als die Deutschen mit den Deportationen begannen. Die Eltern, Anna und Vladek Spiegelman, hatten ihren Sohn dorthin zu Verwandten gegeben, um ihn besser schützen zu können. Sie selbst wurden festgenommen und nach Auschwitz gebracht, wo beide überlebten.

Aus Polen wollte das Ehepaar in die Vereinigten Staaten auswandern, doch zunächst strandeten die Spiegelmans in Stockholm. Kurz nach der Geburt von Art aber gelang die Überfahrt, und die Familie ließ sich in New York nieder. Die Schatten der Vergangenheit aber wurde sie nicht los: Anna Spiegelman brachte sich 1968 um, weil sie die Erinnerung an die Schoa nicht verkraftete. Diese Geschichte seiner Familie erzählt Art Spiegelman in seinem Comic „Maus“, der 1992 abgeschlossen wurde.

Kontroverse Cover für den „New Yorker“

„Maus“ machte Spiegelman zu einem der berühmtesten Comic-Zeichner unserer Zeit. Doch zuvor hatte er sich bereits einen Namen als experimenteller Künstler gemacht, der sein Genre auf ganz neue erzählerische Wege führte. In „Breakdowns“, seiner ersten eigenen Buchpublikation, die 1978 erschien und jetzt in wesentlich erweiterter Form wieder aufgelegt worden ist (deutsch bei S. Fischer), versammelte er Arbeiten von 1972 bis 1977 - einer Phase, als sich Art Spiegelman auch als einer der wichtigsten Comic-Theoretiker und -Historiker etablierte. Seine Neugier auf die Möglichkeiten der Bildergeschichte in all ihren Formen ist unersättlich. Deshalb wirkte er auch als Herausgeber mehrerer Magazine, in denen er die von ihm bewunderten Zeichner publizieren ließ. Das bekannteste davon ist zweifellos „Raw“, ein Heft, das von 1982 bis 1992 erschien und unter anderem auch dem Vorabdruck von „Maus“ diente, aber daneben Arbeiten von Gary Panter, Jacques Tardi, Ever Meulen, Lorenzo Mattotti, Ben Katchor, Joost Swarte und vielen anderen Berühmtheiten mehr enthielt - und auch die ersten aufsehenerregenden Publikationen von heutigen Illustratoren-Stars wie Chris Ware und Richard McGuire.

Nach dem Erfolg von „Maus“ aber zog sich Spiegelman für Jahre vom eigenen Comic-Zeichnen zurück. Es entstanden expressionistisch inspirierte Illustrationen zu dem 1928 entstandenen Prosagedicht „The Wild Party“ von Joseph Moncure Marsh und das Kinderbuch „Open Me, I'm a Dog“. Vor allem aber wirkte Spiegelman als Titelblatt-Zeichner des „New Yorker“, wo seine Frau Francoise Mouly als Art Directorin arbeitete. Für die Zeitschrift schuf er einige der kontroversesten Cover in deren Geschichte: den Kuss einer junge schwarzen Frau mit einem orthodoxen Juden, einen pinkelnden Weihnachtsmann oder - nach einem berüchtigten Polizeieinsatz mit Todesfolge - einen lustvollen New Yorker Polizisten vor einer Schießbude. Erst mit der Anthologie-Reihe „Little Lit“ und in einigen Comic-Reportagen für den „New Yorker“ fand Spiegelman wieder langsam zu seinem eigentlichen Metier.

Meilenstein der Comic-Geschichte

Die Anschläge vom 11. September 2001 erlebte er in Manhattan mit und stand große Ängste um seine Tochter und seinen Sohn aus, die in der Nähe des World Trade Center zur Schule gingen. Dieses Erlebnis und die politischen Folgen der Attentate wurden Grundlage des Comics „Im Schatten keiner Türme“, der im Auftrag der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ entstand und 2004 in Amerika als Buch erschien.

Spiegelman entdeckte bei seiner Arbeit daran (und an den Schwierigkeiten, in den Vereinigten Staaten Zeitungen zu finden, die einen Abdruck von „Im Schatten keiner Türme“ riskierten) für sich die spezifischen erzählerischen Chancen des Comics neu. Er reduzierte also seine Tätigkeit als Illustrator für den „New Yorker“ und ging als nächstes Vorhaben an die Neuausgabe von „Breakdowns“, in der ein gezeichnetes Vorwort Platz finden sollte. Das wuchs sich in mehr als zweijähriger Arbeit zu einer umfangreichen Autobiographie aus, die über Spiegelmans Weg zum Comic-Künstler ebenso Auskunft gibt wie über das schwere familiäre Erbe, das der nationalsozialistische Rassenwahn den Spiegelmans aufgebürdet hat. Als „Breakdowns“ im Frühjahr 2008 in seiner neuen erweiterten Gestalt in Frankreich erschien, wurde der Band dort als ein weiterer Meilenstein der Comic-Geschichte gefeiert. In den Vereinigten Staaten und Deutschland ist das Buch jeweils im November herausgekommen. Mit ihm hat Spiegelman seinen Ruf als einfluss- wie einfallsreichster Erzähler im Comic abermals gefestigt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

Jüngste Beiträge