29.11.2008 · Art Spiegelman ist gehetzt - Normalzustand im Leben des Comic-Zeichners. Diesmal droht eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, auf der er „Breakdowns“ vorstellen will, sein jüngstes Buch. Also erreichen wir ihn nur per Telefon.
Von Andreas PlatthausArt Spiegelman ist gehetzt - Normalzustand im Leben des Comic-Zeichners. Diesmal droht eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, auf der er „Breakdowns“ vorstellen will, sein jüngstes Buch. Also erreichen wir ihn nur per Telefon.
Was hat Sie an der Neuausgabe von „Breakdowns“ gereizt, einem Buch, das immerhin dreißig Jahre alt ist?
Mein vorheriges Buch hat mich dazu geführt. Das war „Im Schatten zweier Türme“, meine Stellungnahme zu den Attentaten vom 11. September 2001. Als es herauskam, habe ich mich in Gesprächen öfters auf jenen Teil meines Werks bezogen, der vor „Maus“ lag. Und als ich immer wieder davon sprach, fragte mich meine Lektorin irgendwann: „Was ist das eigentlich, dieses ,Breakdowns', von dem du dauernd sprichst? Das würden wir gerne neu herausgeben.“ Ich sagte ihr: „Großartig. Aber dann muss ich eine ordentliche Einführung dazu machen.“ Tja, und die hat mich dann mehr als zwei Jahre lang beschäftigt.
Ahnte das der Verlag?
Nein. Die dachten, man druckt das Buch nach, und fertig. Ich habe dann ein ganz neues Werk darum herum gezeichnet. Das war mir aber die zwei Jahre wert.
Allemal, denn es ist die schönste Einleitung herausgekommen, die ich kenne. Und dadurch deckt „Breakdowns“ in der Neuausgabe Ihre ganze Karriere, also beinahe vierzig Schaffensjahre, ab. Nach welchen Kriterien hatten Sie das Buch 1978 zusammengestellt? Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie ja schon mehr aufzubieten als nur diese knapp vierzig Seiten.
Man beschreibt hier bei uns das Leben gerne mit der Metapher der High School. Als ich in den sechziger Jahren nach San Francisco kam, war ich ein freshman, ein Neuling, und alle meine Freunde waren juniors und seniors, also schon fortgeschritten. Also sagte ich mir: Oh, die zeichnen Gewaltcomics? Das mache ich jetzt auch. Sexuelle Darstellungen? O ja, ich auch! So dauerte es eine gewisse Zeit, bis ich meine eigene Stimme gefunden hatte. Vorher war alles Kinderkram.
Und wie haben Sie die schließlich ausgewählten Comics dann angeordnet? Am Anfang weist das Buch eine chronologische Folge auf, beginnend mit der ersten, nur dreiseitigen Version von „Maus“, aber später springen die Entstehungsdaten munter durcheinander. Steht ein Konzept dahinter?
Das ist eine interessante Frage. Am Anfang kommen die autobiographischen Arbeiten und später jene Sachen, für die ich keinen rechten Namen habe - konzeptionelle und formale Experimente eben. Ich hatte schon immer Spaß daran, mein eigener Herausgeber zu sein, mir zu überlegen, wie die Dramaturgie eines Buchs aussehen sollte, was beim Umblättern der Seiten Überraschendes passieren könnte, ob ein Comic besser auf der rechten oder linken Seite beginnt. Deshalb gibt es so viele freie Seiten in diesem relativ schmalen Buch: Es war eine Art Orchestrierung, die ich da vorgenommen habe.
Als ein graphisches Leitmotiv der neuen Teile von „Breakdowns“ figuriert eine Spirallinie, die schon prominent auf dem Cover zu sehen ist, dann in der Einleitung immer wieder auftaucht und schließlich als bestimmendes Element der letzten Seite figuriert. Warum just dieses Symbol?
Keine Ahnung. Es ist ein ikonisches Gekritzel. Gleich in der ersten Episode der autobiographischen Einleitung machen Arts Mutter und er ein Zeichnungsspiel, und da taucht die Spirale erstmals auf. Comic-historisch ist das die Linie, die aus Käpt'n Haddocks Kopf kommt, wenn er verwirrt ist.
Aber Sie benutzen sie nicht nur als Symbol für diesen Vorgang. Sie spielen damit und lassen sie unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Ja, sie taucht sogar im neuen Untertitel auf.
Wie spricht man das eigentlich aus: „Porträt des Künstlers als junger %@*!“?
Das fragen mich alle. Besonders meine Lektorin in Amerika war sehr besorgt, weil sie fürchtete, es würde die Leser überfordern, in Buchläden danach zu fragen. Ich spreche es einfach „Blankity Blank“ aus, da kann sich jeder die Verwünschung dazu ausdenken, die er für mich als passend empfindet.
Ist die Warnung „Nur für Erwachsene“, die den Umschlag ziert, von Ihnen ernst gemeint?
Sehr sogar! Ich lebe in einer Gesellschaft, die wilde Umschwünge erlebt hat, und immer wieder schlagen dabei die puritanischen Wurzeln durch. Ich musste ja zu meinem Erschrecken schon feststellen, dass Zwölf- oder Dreizehnjährige „Maus“ lesen, und für diese Zielgruppe ist „Breakdowns“ nicht gemacht. Deshalb wollte ich die Sache schon auf dem Umschlag klargestellt haben, denn ich möchte keine von den Eltern dieser Zwölfjährigen durchgeführten Bücherverbrennungen erleben.
Also war das kein Vermarktungsschachzug, um die Verkäufe hochzutreiben?
Nein, das klappt doch ohnehin nur bei Halbwüchsigen, und die kaufen lieber indizierte Videos. Aber mal ernsthaft: Erwachsensein bedeutet ja nicht nur, Pornographie kaufen zu dürfen, sondern viel mehr. Wir leben aber derzeit in einer Welt, in der keiner erwachsen sein will. Dieser Comic ist wirklich für Erwachsene gemacht: für Menschen, die denken, nachdenken, verstehen, informiert sind. Das ist das Publikum, auf das ich hoffe.
Noch vor der jetzt gerade erschienenen amerikanischen und deutschen Neuausgabe von „Breakdowns“ kam in diesem Frühjahr schon die französische Übersetzung heraus. Wie wurde sie aufgenommen?
Mein Französisch ist nicht gut genug, um all die Besprechungen zu lesen. Meine Frau Françoise ist Französin und schaut sich ein paar an. Aber es ist auch nicht so, dass ich meine Frau dauernd bitten wollte: Hey, lies das und erzähl mir, wie großartig ich bin! Aber nach allem, was ich mitbekomme, wird das Buch in Frankreich sehr gut aufgenommen.
Erwarten Sie eine ähnliche Resonanz in den Vereinigten Staaten?
Nicht im Geringsten! Deshalb bin ich auch so unglücklich, dass ich jetzt auf eine fast fünfwöchige Lesereise gehen muss. Es gibt in Frankreich eine ganz andere Empfänglichkeit für Comics als hier. Obwohl sich viel gebessert hat. Es ist heute viel leichter, über Comics zu sprechen im Hinblick auf ... - na, ausgerechnet jetzt fällt es mir plötzlich schwer, darüber zu reden. Sagen wir es so: „Breakdowns“ ist ein Buch, das eine gewisse ästhetische Aufnahmebereitschaft erfordert, denn der Inhalt erschließt sich nicht so einfach. Was ich aber feststelle, während wir jetzt darüber reden, ist dies: „Breakdowns“ ist mein persönlichstes Buch. Gerade auch durch die neue Einleitung. Aber nicht wegen der Anekdoten darin, sondern weil man daraus lernen kann, wie ich denke. Nicht, was ich denke, sondern wie ich Dinge verarbeite und auf sie reagiere. Die ganze Einleitung könnte sich aber trotz des Titels „Portrait of the Artist as a Young %@*!“ auch um etwas völlig anderes drehen. Sie hat nicht primär mit mir zu tun, sondern damit, wie Gedanken und Erinnerungen miteinander verbunden sind. Gut, es sind meine Erinnerungen, sonst könnte ich damit ja auch gar nicht arbeiten, aber es geht viel mehr um die Form als um den Inhalt. Und das ist einem meist inhaltsfixierten Publikum schwer zu vermitteln.
In welche Teile des Landes wird Sie Ihre Lesereise führen?
Sie lassen mich nicht aus der blauen Zone raus, also aus den Bundesstaaten, in denen mehrheitlich demokratisch gewählt wird. Na ja, nach Texas komme ich auch - aber nicht in die Nähe von Crawford, wo Bush lebt.
Um noch einmal auf die neue Einleitung zu kommen: Am Schluss geht sie in eine theoretische Erörterung über, und das ist natürlich ideal zur Vorbereitung des dann folgenden eigentlichen Buchs „Breakdowns“. War das zu Beginn Ihrer Arbeit schon so geplant?
Ja und nein. Ich schätze den Satz von Picasso, den ich auch im Buch zitiere: „Man muss eine Idee davon haben, was man vorhat, aber es sollte eine vage Idee sein.“ Die meisten Comic-Leser erwarten eine klare Geschichte, und dieser von „Breakdowns“ enttäuschten Erwartung habe ich eher mit „Maus“ entsprochen. Aber all die früheren formalen Entdeckungen aus „Breakdowns“ sind darin eingeflossen. Und für die neue Einleitung habe ich eben auch ein altes Experiment benutzt, das ich schon in „Breakdowns“ vorführte: die Zusammenstellung der Bilder erst beim Zeichnen. Ich habe alle Panels gleich groß gestaltet und kann sie also beliebig untereinander vertauschen. Man ist somit nie festgelegt durch das, was schon gezeichnet ist, alles bleibt beweglich. Es ist wie beim Schneiden eines Films: Sie können aufgrund des ganzen Materials den Rhythmus Ihrer Geschichte bestimmen und Akzente verteilen. Nicht die Seite, sondern das Einzelbild ist hier die Grundeinheit des Ganzen. Das war der formale Aspekt an der Einleitung, der mich gereizt hat. Mein inhaltlicher Ansatz war, dass ich mich nur mit Erinnerungen beschäftigen wollte, die bereits anekdotisch geformt waren. Also nicht mit Erinnerungen an Brotgeruch im Alter von zwei Jahren. Kein Madeleine-Erlebnis.
Also auch kein spezifisch europäisches Suchen nach der verlorenen Zeit.
Nein, ich wollte wirkliche Geschichten erzählen, die ich auch mir selbst, meinen Liebsten, meinem Psychoanalytiker erzähle. Und es sollten Erinnerungen sein, die mit „Breakdowns“ zu tun haben oder sich bei der Wiederbeschäftigung mit „Breakdowns“ nach so vielen Jahren aufgedrängt haben. Während der Arbeit an der Einleitung habe ich mehrfach neue Anordnungen vorgenommen, weil weitere Erinnerungen dazukamen, die eine andere Abfolge erforderten, und das war irgendwann ziemlich verwirrend. Manchmal wusste ich kaum, was ich gerade tat. Als ich einmal einen Satz Ausdrucke mit nach Hause zu meiner Frau Françoise brachte und ihr zu lesen gab, gratulierte sie mir und meinte, es sei phantastisch, nun wäre ich ja wohl endlich fertig. Ich wurde richtig wütend: „Bist du verrückt? Nichts ist fertig!“ Aber eine Woche später wurde mir klar, dass sie recht gehabt hatte. All das, woran ich noch arbeitete, war gar nicht mehr notwendig. Plötzlich leuchtete mir die ganze Abfolge ein. So hatte ich die Einleitung fertiggestellt, ohne es zu bemerken.
Wie sehen Ihre nächsten Vorhaben aus?
Es ist noch zu früh, um von Vorhaben zu sprechen. Ich arbeite an etwas, das mir gut gefällt, aber eines meiner Probleme war immer, auf langen Strecken einheitlich zu bleiben. Dreizehn Jahre an „Maus“ zu zeichnen, ohne den Stil wechseln zu dürfen, war schmerzhaft. Das war bei der Einleitung zu „Breakdowns“ ganz anders. Da konnte ich immer den Stil benutzen, der mir aktuell gefiel. Deshalb gibt es darin eine Menge unterschiedlicher Versionen von mir. Und nur einige davon verstehen etwas vom Zeichnen.
Es macht aber Riesenspaß, sich die unterschiedlichen Zeichenstile anzuschauen, die Sie benutzen. Sie stehen stets in Übereinstimmung mit der Zeit, an die Sie sich jeweils erinnern. Anekdoten aus den Siebzigern kommen eher karikaturesk daher, solche aus den Achtzigern als Ligne Claire. So liefern sie nebenbei eine ästhetische Geschichte des Genres.
Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne als Herausgeber von Comic-Anthologien tätig bin: Es gibt so viele Stile, in denen ich selbst nicht zeichnen kann.
Aber in der Einleitung beherrschen Sie doch alles wunderbar.
Ich habe mich gezwungen, und in einigen Fällen war es leicht, manchmal aber auch quälend. Besonders die Sequenz, in der ich mit meinen Eltern eine Fernsehshow anschaue. Dazu wollte ich einen Cartoon-Stil zeichnen, der ein bisschen schräg wirkt. Das war grässlich kompliziert.
Dafür ist das Ergebnis perfekt: die scheinbar leichthändige Zeichnung und dazu das grässliche Erlebnis der Nachricht vom Tod eines nahen Verwandten.
Ja, es sind nur ein paar Bilder, aber eine der dichtesten Episoden. Warum brauche ich so lange zum Zeichnen? Das liegt am Prozess der Destillation, bis man die richtige Darstellung hat. Und noch viel länger brauchen die Erlebnisse selbst, um eine Form zu finden.
Art Spiegelman
wird am 15. Februar 1948 in Stockholm als Kind von Überlebenden der Schoa geboren. Noch in seinem Geburtsjahr übersiedeln die Eltern nach New York.
Seine ersten Erfahrungen als Comic-Zeichner sammelt Spiegelman in den sechziger Jahren in der kalifornischen Underground-Szene. Er wird einer ihrer aktivsten Protagonisten.
1986 erscheint der erste Band von „Maus“, der Geschichte seines Vaters Vladek Spiegelman. Nach dem Abschluss mit Band 2 erhält Spiegelman dafür 1992 den Pulitzer-Preis.
Gerade ist im S. Fischer Verlag die Neuausgabe von „Breakdowns“ erschienen, Spiegelmans erster Buchpublikation, die 1978 herauskam. Nun ist der Band um eine umfangreiche Einleitung erweitert worden, in der Spiegelman sein Leben als Comic-Zeichner Revue passieren lässt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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