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Hausbesuch bei Art Spiegelman Dieser %6ð*! - das soll ich sein!

14.04.2007 ·  Art Spiegelman ist einer der berühmtesten Comiczeichner der Welt - dank „Maus“, der Geschichte seines Vaters, der Auschwitz überlebte. Nun ist Spiegelman ein neues Vorhaben angegangen: über seine Jugend im Amerika der fünfziger und sechziger Jahre. Ein Besuch in New York.

Von Andreas Platthaus
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Nein, für ihn ist es keine Lust, im einundzwanzigsten Jahrhundert zu leben. „Wie auch? Das war ja nach etwas mehr als acht Monaten schon wieder vorbei.“ Zumindest in New York, wo Art Spiegelman lebt. Als ich ihn zum ersten Mal in seinem Atelier besuchte, war der 11. September gerade ein paar Wochen her. Es war ein strahlender Herbsttag, doch über Spiegelman schien sich eine düstere Wolke zusammenzuziehen - als hätte sich hier der Rauch, der damals immer noch aus Ground Zero aufstieg, konzentriert.

Je länger er mir vom Tag des Attentats erzählte, von der dramatischen Aktion, mit der seine Frau und er die Kinder aus deren Schule in der Nähe des World Trade Center abgeholt hatten, von seinem Zorn auf das restliche stockkonservative Amerika, das dem liberalen New York diese Katastrophe gegönnt habe, von seinen Selbstzweifeln an der Fähigkeit, das Erlebte in Bilder zu fassen, und dann der befreienden Idee für sein längst legendäres Titelbild der Zeitschrift „New Yorker“, die in der Woche nach dem Anschlag mit einem schwarzen Cover erschien, in das schwarz auf schwarz die Zwillingstürme eingeprägt waren - je länger Spiegelman sich derart wieder ins normale Leben zu reden versuchte, desto intensiver packte ihn die Paranoia. Tief in seinen dunklen Mantel vergraben, unrasiert und kleiner als erwartet, wirkte der große Comiczeichner wie ein Eremit. Seine Frau hatte ihn erst vor ein paar Tagen ins Atelier verbannt, weil sie seine Launen nicht mehr ertrug.

Ein fröhlich gestimmter Apokalyptiker

Das ist lange her, aber mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert hat sich Spiegelman bis heute nicht arrangiert. Wir stehen nun wieder vor dem Haus, in dem er sein Atelier hat: „Sehen Sie sich die Greene Street an! Wissen Sie noch, wie sie damals aussah? Nach dem 11. September hieß es, New York werde sich von diesem Schlag nicht erholen - und tatsächlich sind all die kleinen Galerien und all die Künstler hier verschwunden. Aber warum? Weil seitdem eine Boutique nach der anderen geöffnet hat. Alles für den Massentourismus. Niemand kann sich sonst noch die Mietpreise leisten. Ich bleibe nur hier, weil ich mich an den Ort gewöhnt habe. Er liegt nahe bei meiner Wohnung. Außerdem brauche ich ein Atelier, denn woanders darf ich ja nicht mehr rauchen.“ So beginnt unser Wiedersehen.

Und doch ist aus dem Misanthropen vom Herbst 2001 nun ein fröhlich gestimmter Apokalyptiker geworden. Als er an der Ecke zur Greene Street aufgetaucht ist, trägt er wieder einen dunklen Mantel, aber er ist etwas füllig geworden, die einst asketischen Züge sind durch Lachfalten gemildert, und Art Spiegelman fühlt sich wieder auf der Höhe seiner Kunst. In dem 2002 für „Die Zeit“ begonnenen Fortsetzungscomic „Im Schatten zweier Türme“ hat er seine Erinnerungen an den 11. September festgehalten und zugleich den Entschluss eingelöst, den er mir damals verkündet hatte: „Ich will jetzt wieder Comics zeichnen, gerade nach dem ,New Yorker'-Titelbild, das von allen gefeiert wurde. Denn der Comic kann alles, und es ist eine viel größere Herausforderung, Geschichten zu erzählen, als einzelne Bilder zu zeichnen.“

Diesem Grundsatz ist Spiegelman seitdem treu geblieben, und trotzdem sind keine neuen Bücher mit Comics von ihm erschienen - mit Ausnahme der gesammelten zehn Folgen von „Im Schatten zweier Türme“. Und schon für die hatte er mehr als ein Jahr gebraucht, denn die Komposition der jeweils zeitungsseitengroßen Folgen verlangte ihm, der zuvor vor allem kleinformatige Comics gezeichnet hatte, alles ab, was er an Wissen über die Architektur einer Bildgeschichte besitzt.

Selbstquälerischen Rahmenhandlung

Das ist allerdings mehr, als irgendjemand sonst wüsste. Spiegelman hielt in den siebziger und achtziger Jahren Vorlesungen über Comicgeschichte an der New Yorker School of Visual Arts ab, und in seinen beiden Anthologiereihen „Arcade“ (1975 bis 1977) und „Raw“ (1980 bis 1991) versammelte er Comiczeichner aus aller Welt, die den Anspruch hatten, ihre Bilderzählungen auf ganz neue Art zu gestalten. Heute sind sie große Stars: Gary Panter, Charles Burns, Chris Ware oder Richard McGuire aus den Vereinigten Staaten, oder aus Europa Joost Swarte, Baru, Ever Meulen, Lorenzo Mattotti und Jacques Tardi.

Immer noch steht auf dem Klingelschild von Spiegelmans Atelier nur „Raw“. Die Zeitschrift ist auch sechzehn Jahre nach ihrem Ende fast so bekannt wie ihr Herausgeber. Beider Ruhm ging Hand in Hand: Denn in „Raw“ wurde vor allem jener Comic vorabgedruckt, der Spiegelman zur Sensation der Comicszene machen sollte: „Maus“, die Geschichte von Spiegelmans Vater Vladek, der als polnischer Jude gemeinsam mit seiner Frau Auschwitz überlebte. Die zwei Bände machten den Comic mehr als salonfähig, sie zeigten auch, was er besser konnte als andere Erzählformen. Dennoch tat man sich schwer mit dem Genre: Als „Maus“ auf die Roman-Bestsellerliste der „New York Times“ kam, protestierte Spiegelman dagegen, weil er doch ein Sachbuch gezeichnet habe.

Er hat recht, und doch war die Unsicherheit der Leser zu begreifen. Die akribische Rekonstruktion des Getto- und Lagerlebens, die so weit ging, dass Art Spiegelman einzelne Szenen auf zwei Weisen zeichnete, wenn sich die Erinnerungen seines Vaters und die Ergebnisse der historischen Forschung widersprachen, sprach für ein Sachbuch. Das provozierende Prinzip, alle Akteure nach alter Comictradition als Tiere zu gestalten - Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen -, dagegen ließ Fiktion vermuten. Doch beides macht gar nicht den Rang dieser fast dreihundertseitigen Geschichte aus. Er verdankt sich der selbstquälerischen Rahmenhandlung, in der Spiegelman vom Verhältnis zu seinem Vater erzählt - und von dessen lagerbedingten Marotten wie Geiz, absoluter Pünktlichkeit, der Unfähigkeit, irgendetwas wegzuwerfen, und dem Misstrauen gegenüber jedermann. Spiegelmans Mutter hatte sich 1968 das Leben genommen. Da war das einzige lebende Kind des Paars - der ältere Bruder starb im Getto - zwanzig Jahre alt.

Nie wieder Zugeständnisse

An „Maus“, für den er 1992 den Pulitzerpreis erhielt, wird Spiegelman sein Leben lang gemessen werden, und das weiß er. Deshalb nahm er nach dessen Abschluss das Angebot des „New Yorker“ an, als Titelbildzeichner für das Magazin zu arbeiten. An Comics entstanden nur noch kurze Arbeiten: Reportagen oder Kindergeschichten. Mit „Maus“ hatte Spiegelman erzählt, was es für ihn zu erzählen gab. Bis am 11. September 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center flogen.

So kam er zurück zu den Comics. Für den „New Yorker“, das Aushängeschild der amerikanischen Illustratoren, arbeitet er heute nur noch sporadisch. Der Abschied fällt ihm nicht schwer. Als er der Zeitschrift anbot, „Im Schatten keiner Türme“ abzudrucken, hatte der Chefredakteur angesichts einiger amerikakritischer Bilder Bedenken. Spiegelman aber lehnte jede Änderung ab und gab seine Geschichte lieber an die linksorientierte jüdische Wochenzeitung „Forward“. Kaum jemand kannte das Blatt, aber hier genoss er publizistisch sämtliche Freiheiten. Aus dieser Erfahrung heraus nahm der Zeichner sich vor, nie wieder Zugeständnisse an bedeutende Blätter zu machen.

Auch diesem Vorsatz ist Spiegelman treu geblieben, und er ist stolz darauf. Denn vor etwas mehr als einem Jahr hatte er etwas anzubieten, nach dem sich jede Zeitschrift der Welt die Finger geleckt hätte: einen neuen autobiographischen Comic. „Es war reiner Zufall“, sagt Spiegelman, als er mir eine Mappe mit etwa fünfzehn fertigen und ebenso vielen skizzierten Seiten auf den Tisch legt. „Das in Amerika seit langem vergriffene Buch ,Breakdowns' mit meinen frühen Comics sollte neu aufgelegt werden. Und weil der neue Verleger ein kleines Extra bieten wollte und ohnehin Angst hatte, dass der wilde Stil dieser Arbeiten jene Leser verschrecken könnte, die mich nur von ,Maus' her kennen, bat er mich um eine neue Geschichte, und ich sagte ihm: ,Gut, ich zeichne eine Einleitung, in der ich erkläre, wie ich die Comics lieben lernte.' Sie können sich denken, was passiert ist: Diese Liebe konnte ich nicht in den eigentlich vorgesehenen vier Seiten abhandeln. Also habe ich weiter und weiter gezeichnet, und derzeit schätze ich, das es um die sechzig Seiten werden, mehr also als der ganze Rest von ,Breakdowns'.“ Pech für den Verleger, denn Spiegelman ist ein langsamer Arbeiter geblieben. Auf die Neuausgabe von „Breakdowns“ wird Amerika noch lange warten müssen.

Ohne Rücksicht auf sich selbst

Wir schlagen die Mappe auf. Die Seiten haben wieder das bewährte Kleinformat von „Maus“, streng fügt sich ein quadratisches Bild ans andere. Nur bisweilen gibt es ein größeres Panel, dessen Fläche dann die von vier Einzelbildern einnimmt. Dieses Prinzip hat Spiegelman von seinem italienischen Freund Mattotti übernommen, der seine Comics seit langem so zeichnet, dass man die Bilder gemäß allen gängigen Seitenlayouts umarrangieren kann: quer- und hochformatig, quadratisch, zwei-, drei- oder vierreihig. So kann die neue Geschichte auf großen Zeitungsseiten genauso abgedruckt werden wie in kleinen Magazinen. Für einen Mann wie Spiegelman, dessen Arbeiten weltweit vertrieben werden, ist das ein wichtiger Faktor.

Doch für die neue Arbeit hat er sich zu Hause wieder ein neues unerwartetes Forum ausgesucht. „Es hat ja keinen Zweck, bei meinem Tempo auf die Fertigstellung des ganzen Konvoluts zu warten, also veröffentliche ich schon einmal einzelne Episoden daraus in einer Kulturzeitschrift namens ,Virginia Quarterly Review'. Kennen Sie die? Kaum jemand kennt sie, dabei besteht sie seit 82 Jahren und ist exzellent. Da fühle ich mich wohl. Das Magazin wendet sich an ein literarisch interessiertes Publikum, und die Herausgeber machen mir keinen Druck. Ob ich fünf oder nur zwei Seiten abliefere, ist ihnen egal. Die vierteljährliche Erscheinungsweise lässt mir genug Zeit, um überhaupt etwas fertigzubekommen.“

„Portrait of the Artist as a Young %6ð*!“ lautet der Titel der Geschichte (die Sonderzeichen, die hier druckbedingt nur ansatzweise den Spiegelmanschen Symbolen ähneln, drücken eine wüste Beschimpfung aus). Spiegelman erzählt darin über seine Jugend - wieder ohne jede Rücksicht auf sich selbst. 1948 wurde er in Stockholm geboren, wo die Eltern auf die Überfahrt nach Amerika warteten. Aufgewachsen ist er im New Yorker Stadtteil Rego Park: als Einzelgänger, auf den der Vater sein Misstrauen gegen die Menschheit zu übertragen versuchte. Zuflucht boten dem Jungen die Comics, erst Disney-Geschichten, doch dann jene Hefte, die das ganze Genre in den fünfziger Jahren in der amerikanischen Öffentlichkeit in Verruf gebracht hatten: Horror- und Verbrechergeschichten, also Sex and Crime.

„Es ist eine gute Zeit für Comics“

Art Spiegelman las sie als Zwölfjähriger. Da waren diese Comics durch eine Selbstverpflichtung der Verlage von 1954 längst der Branchenzensur zum Opfer gefallen. Doch der sparsame Vater hatte seinem Sohn Hefte aus Ramschkisten mitgebracht, weil man da sechs Stück für einen Quarter bekam, während neue Ausgaben jeweils zehn Cent kosteten. Für den Inhalt interessierte Vladek Spiegelman sich nicht; für den in ordentlichen europäischen Verhältnissen aufgewachsenen Mann sahen alle Comics gleich aus.

So eröffnete sich für den jungen Art Spiegelman die ganze Bandbreite dieser Erzählform, und er hat sein Erweckungserlebnis auf zwei Seiten geschildert, deren letzte wir auf dem Titel dieser Ausgabe von „Bilder und Zeiten“ abbilden. Den Einschnitt, den die Lektüre der wilden Zeichenwelt für den Zwölfjährigen bedeutete, macht er dadurch deutlich, dass Spiegelman sich selbst im vorletzten Panel als Halbstarken im Rocker-Outfit und mit Rabaukenjargon ins Bild setzt, um dann zum Abschluss wieder als brav gekleideter und wohlartikulierter Musterknabe aufzutreten. Es war ein erster Schritt in die Erwachsenenwelt, aber noch keine Abnabelung.

Die bislang vier im „Virginia Quarterly“ abgedruckten Episoden lassen bereits erkennen, dass da ein neues Meisterwerk entsteht. Spiegelman setzt trotz der formellen Strenge seine ästhetischen Experimente fort: Er montiert mit dem Computer Fotos in die Seiten, simuliert Farbverschiebungen wie in den billig gedruckten Comics der fünfziger Jahre oder wechselt innerhalb einer Sequenz den Zeichenstil, um Stimmungen zu erzeugen. „Es ist eine gute Zeit für Comics“, erzählt er. „Der Erfolg von Chris Ware hat eine ganze Reihe von großartigen Büchern möglich gemacht. Plötzlich hat man wieder das Gefühl, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren.“

Wohin dieser Fortschritt führen wird? Sofort wird Spiegelman wieder bitter: „Erst mal muss Bush weg, dann können wir übers einundzwanzigste Jahrhundert reden. Aber wer weiß, was danach kommt. In jeder ordentlichen demokratischen Nation gibt es anscheinend einen festen Anteil von Rechtsextremisten, der etwa bei zwanzig Prozent liegt - siehe Frankreich. Nur wir in Amerika haben 53 Prozent, wie die letzten Präsidentschaftswahlen gezeigt haben.“

Dennoch: Spiegelman setzt auf das Jahr 2008. Allerdings nur politisch. Sein „Portrait of the Artist as a Young %6ð*!“ wird dann gewiss noch nicht abgeschlossen sein. Nach Hause zurückgekehrt, habe ich den „Virginia Quarterly“ abonniert - für den längsten Zeitraum, der angeboten wurde: drei Jahre. Könnte trotzdem knapp werden.

Art Spiegelman wurde am 15. Februar 1948 in Stockholm geboren, wo seine Eltern, beide polnische Überlebende der Schoa, auf die Überfahrt nach Amerika warteten.

Berühmt wurde Spiegelman durch den 1992 abgeschlossenen Comic „Maus“, der die Geschichte seiner Eltern erzählt. 2003 erschien der Band „Im Schatten keiner Türme“ , der das Attentat vom 11. September 2001 zum Gegenstand hat.

In der Zeitschrift „The Virginia Quarterly Review“ erscheint Spiegelmans neues autobiographischer Comic „Portrait of the Artist as a Young %6ð*!“.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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