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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Sexueller Missbrauch Hänseljagd an der Odenwaldschule

 ·  Andreas von Weizsäcker, Sohn des Bundespräsidenten, hasste die Odenwaldschule. Sicher, die dort herrschende „Freiheit“ genossen viele, doch die Ausnutzung einer jugendlichen Entwicklungsphase trüben das Bild. Wie passt das zusammen, Pfefferkuchenhaus und Hexe?

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Hänsel und Gretel verliefen sich nicht im Wald. Sie wurden dort ausgesetzt, von Vater und (Stief-)Mutter. Erst dadurch kommt die Hexe zum Zug. Sie sieht aus wie Stefan George auf seinen späten Fotografien, und sie interessiert sich eher für Hänsel. Die Hexe hat ihn zum Vernaschen gern, steckt ihn in den Käfig und mästet ihn. Statt des Fingergliedes steckt Hänsel ihr ein Knöchelchen hin, wenn sie seine Reife prüft. Das Märchen ist beliebt, vielfach gedeutet, auch, 1974, von Iring Fetcher als „präfaschistische Pogromstory“ - ihm ist die Hexe das Opfer, und so ist es jetzt auch bei Adolf Muschg, der die „antifaschistischen“ Pädagogen der Odenwald-Schule gegen eine Hexenjagd schützen will, auch die Päderasten unter ihnen.

Aber am Anfang stehen die Eltern, auch in der modernen Variante des Märchens. Da ist der Wald nicht finster und bitterkalt, sondern lieblich und licht: der Odenwald, ein naturkultivierter Höhenzug, der in die rebenbedeckten, sonnenverwöhnten Hänge der Bergstraße ausläuft. Die Eltern von Odenwaldschülern sind keine armen Holzhacker. Sie gehören, von denen der Stipendiaten abgesehen, zur Elite des Landes, tragen klangvolle, oft weithin bekannte Namen, sie sind wohlhabend, müssen es sein, schon um das Schulgeld aufbringen zu können, und mitunter sind sie reich. So einen reichen Vater hatte auch unser Hänsel, vulgo Johannes, Name geändert, dem die Eltern drei Wochen vor dem Stichtag mitteilten, dass er nun auf ein Internat käme.

Viele fürchten um den Ruf der Schule

Das war im Sommer 1968, der Bub war dreizehn Jahre alt, er wusste nicht einmal, was das war, ein Internat. Im Schloss seines Vaters gab es „die unten und die oben“, Johannes bewohnte mit seinen Geschwistern, wechselnden Gouvernanten und sonstigem Personal die untere Etage, nach oben wurden die Kinder nur selten, ungern vorgelassen, kaum zu den Mahlzeiten. Sie hatten nicht zu stören, Kontakt zu anderen Kindern aus schlichteren Verhältnissen ward ungern gesehen. Sonntags kam ein Diener herunter und sagte den Kindern: „Eure Eltern erwarten euch.“ Johannes nennt das Milieu die „großbürgerliche Eisigkeit“. Ins Internat brachten ihn nicht die Eltern, sondern ein Chauffeur, aber unauffällig, mit einem VW 1600. Der Bentley kam erst später zum Einsatz, wurde aber, ein gutes Stück entfernt von der Schule, gleichsam versteckt.

Video: Papst entschuldigt sich bei irischen Missbrauchsopfern

Johannes brauchte eine Weile, bis er seine Angst ablegte, in den ersten Monaten betrat er niemals, wie zu Hause, von sich aus die oberen Etagen der verstreut liegenden Pfefferkuchenhäuschen, in denen die Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern in sogenannten „Familien“ untergebracht waren. Aber es dauerte nicht Monate, sondern nur wenige Tage, bis ihm die Odenwaldschule geradezu als Paradies erschien. Die Lehrer waren zugewandt; man lebte miteinander und wurde ernst genommen. Johannes sagt, er habe damals zum ersten Mal erfahren, dass ihm auf Fragen wirklich geantwortet, dass ihm zugehört, mit Respekt begegnet wurde. Ein bisher ungekannter Freimut, wie geladen vom Sommerlicht dieser Augusttage. Bald fiel das ewige Gehorchen- und Gefallenmüssen wie eine Last von ihm.

Bis heute verbindet viele Odenwaldschüler die Geschwisterlichkeit von Internatszöglingen. Sie haben ihr Leben geteilt, jahrelang, Tag und Nacht. Die Aufregung über die aktuellen Enthüllungen schlägt sich in den unzähligen Mails, Anrufen und Internetbeiträgen nieder - viele fürchten, dass der Ruf der Schule zerstört wird, die sie lieben. Andere befürchten, das „Kainsmal des Missbrauchten“ auf die Stirn gemalt zu bekommen, wenn bekannt wird, dass Übergriffe auf Minderjährige an der Odenwaldschule endemisch waren. Manche haben verziehen. Wieder andere hassen die Schule ohne Pardon. Dieser Hass und diese Liebe sind ehrliche Gefühle, sie müssen sich nicht auf ihr Recht befragen lassen

Strip-Poker mit dem geilen Lehrer

Amelie Fried, die Schriftstellerin und Talkmasterin, hat vorletzte Woche in einem eindrucksvollen, klugen Aufsatz für die F.A.Z. darüber berichtet. Sie schwärmt von der Schule mit ihren aufgeklärten, fortschrittlichen Lehrern, die in den siebziger Jahren ihren „rebellischen Geist genährt“, ihr Mut und Widerständigkeit beigebracht hat, obwohl sie doch vor einem geilen Lehrer den Mut, ihre Schamgrenze zu verteidigen, beim Strip-Poker nicht aufbringen konnte (ein Lehrer, der jetzt am Telefon beklagt, wie sehr er unter den Vorwürfen leide - dem freilich viel Schlimmeres nachgesagt wird); Amelie Fried jedenfalls bekommt das nicht zusammen, den Mut und den Missbrauch, sie spricht von den „missbrauchten Schülern“, als gehöre sie nicht dazu. Sie müsse eigentlich zwei grundverschiedene Texte schreiben.

So empfinden viele. Gespalten. Es ist ein Riss, er ist uralt, hat sich schon damals aufgetan. Die Betroffenen spüren ihn, aber sie fühlen nicht, dass dieser Riss mitten durch sie hindurch geht, sie von sich selbst trennt. Wie kriegt man das zusammen, Pfefferkuchenhaus und Hexe? Süß und böse?

Freiheit! Das war es, was Johannes als Erstes spürte: „Ich kann mich breitmachen. Ich kann mich fallenlassen. Ich kann laufen, wohin ich will. Ich kann in den Wald gehen, ich kann runtergehen zum Bäcker Schmidt und mir ein Brötchen kaufen - keiner sagt mir, das darfst du nicht machen.“ Er war kein guter Schüler, sehr aufgeweckt, nicht besonders fleißig, und schon am ersten Tag traf er einen anderen Jungen, der mit ihm loszog, vom Schulgelände zum Bäckerladen, wo man bei der liebenswürdigen Oma Schmidt sein Brötchen bestellte und Saft dazu trank, wo die Älteren ihr Bier holten. Es wurde eine Freundschaft für das Leben, mit diesem anderen, der gleichfalls aus der Kälte kam, kein Jurist werden, sondern am liebsten mit den Händen arbeiten wollte: Andreas von Weizsäcker, Sohn des späteren Bundespräsidenten. Auf ihrem Rückweg vom Bäcker fielen Krumen herab, kleine Vögel flogen herbei und pickten sie auf.

Nichts von Zwang, Kommando und plumper Gewalt

Ein Schlüsselroman beschreibt das Milieu, in das die Kinder von Adel und Geldadel hier kamen: „Wie Kind und Mann, Lehrer und Schüler, alter Mann und fremder kleiner Kerl hier du und du zueinander sagten, sich gegenseitig halfen und erzogen, Wissen eintauschten gegen Heiterkeit, Weisheit gegen Schönheit, in freier, wundersamer Gleichordnung. Nichts von Zwang, Kommando und plumper Gewalt. Hier beruhte alles auf Freiheit des Willens, Freiheit des Gehorchens, Freiheit des Befehlens; es war wie das erstaunliche Triebwerk einer edlen und einfachen Maschine, alles griff ineinander, lautlos, glatt, schweigend, die kleinen Räder halfen den großen, kein großes schleifte das kleinere. So viel Licht.“

Andreas und Johannes kamen bald in dasselbe Haus, Andreas in die „Familie“ des späteren Schulleiters Gerold Becker im Erdgeschoss - Becker war ein Gefährte Hartmut von Hentigs (heute leben beide in Berlin zusammen); Hentig war mit Richard von Weizsäcker gut bekannt und stand bei ihm in hohem Ansehen, auf dem Umschlag von Hentigs Autobiographie rühmt Weizsäcker dessen „Lebensweg und Pädagogik“ als einzigartig. Auch Johannes war wegen des Kontakts seiner Eltern zu Hellmut Becker, einem der einflussreichsten Bildungsforscher und -politiker der jungen Bundesrepublik (nicht verwandt mit Gerold) auf die Odenwaldschule gekommen, denn Becker hatte das dringend empfohlen. Als Jurist hatte er, gemeinsam mit Richard von Weizsäcker, dessen Vater im Wilhelmstraßen-Prozess verteidigt, zuvor, in der Kriegszeit, mit Andreas' Onkel Carl-Friedrich von Weizsäcker zusammen in Straßburg gewohnt. Und Hellmut Becker gehörte auch zu den Gönnern Gerold Beckers, er hatte ihn zur Einstellung an der Odenwaldschule empfohlen.

Ausnutzung einer jugendlichen Entwicklungsphase

Johannes kam zum Musiklehrer Held unter das Dach. Auch der war mit seinen Eltern bekannt, über seinen „Adoptivvater“ - eine in den Zeiten der Strafbarkeit von Homosexualität nicht unübliche Form der Legalisierung -, den Zwölftonmusiker Wolfgang Fortner, der seinen „Sohn“ gelegentlich auch in der Odenwaldschule besuchte. Held war dort seit 1966. Er hatte Johannes, der als hübscher, dunkeläugiger Junge dem „griechischen“ Ideal entsprach, bald angesprochen und zu sich gezogen.

Nach dem Mittagessen mussten die Knaben ihr Knöchelchen hinhalten. Held suchte sich einen aus: „Kommst du mit zu mir?“ Die Anwesenheit anderer Jungen war kein Hindernis, denn sie waren ohnehin einer nach dem anderen dran. Und gingen mit. Was der Sinn der Sache war, machte Held in seinem Bett auch Johannes schnell klar. Er zeigte dem Kind, wie es ihn mit der Hand zum Höhepunkt bringen konnte. Mitunter befriedigte man sich gegenseitig, doch meist bedienten die Schüler, die dabei selbst keine Lust verspürten, ihren Lehrer. Die Tradition dieses „Mittagsschlafes“ lässt sich bis in den George-Kreis zurückverfolgen.

Johannes sagt, es sei ihm zunächst nicht seltsam vorgekommen - aus heutiger Sicht sieht er darin die Ausnutzung einer jugendlichen Entwicklungsphase, in der sich der Lehrer an die Stelle eines Gleichaltrigen setzt, als Junge unter Jungs agiert. Noch mehr als vierzig Jahre später erinnert Johannes sich an dieses erste Mal, dem viele weitere folgten, an den charakteristisch unangenehmen Geruch. Anderen prägte sich Helds Standard-Frage vor dem Höhepunkt ein: „Soll ich kommen?“, mit denen er sich den Knaben zum Knaben machte. Oder die benutzten Kleenex-Tücher, die haufenweise unter dem Bett des Pädagogen lagen.

Mindestens 3000 einzelnen Straftaten

„Ich mochte nicht, dass er an mir rummacht“, sagt Johannes heute. „Aber dass ich an ihm rummachte, hab' ich nicht als was Schlimmes empfunden.“ Erwachsen, fühlt er sich ausgenutzt. Warum hat er es nicht seiner Mutter erzählt? „Weil wir sowieso nicht gesprochen haben.“ Es hatte ihn niemand zur Geheimhaltung verpflichtet. Das ist banal - über Intimitäten spricht man nicht, auch das schützt Päderasten.

Held benutzte nur Kinder in den Anfangsjahren der Pubertät. Im Chor suchte er die Jungs, die noch vor dem Stimmbruch waren, hatten sie etwa das 16. Lebensjahr erreicht, ließ er sie. Aber für die Kleineren in dieser sogenannten „Familie“ galt das nicht, und wenn man sich, bei einer Dienstzeit von einem knappen Vierteljahrhundert, die Zahl der allein von dem Musiklehrer missbrauchten Schüler hochrechnet, kommt man, zurückhaltend, auf etwa 60 Jungen und eine Mindestzahl von wenigstens 3000 einzelnen Straftaten. Abends verlebte Held, seiner Hässlichkeit wegen „der Frosch“ genannt, mit seinen Jungs berauschende Abende mit sinfonischer Musik, die ein silbernes Revox-Tonbandgerät riesigen Boxen eingab. Wenn es dann zu Bett ging, blieb mitunter einer der Jungen in Helds Zimmer zurück. Manche hingen ihm zärtlich an, ehemalige Schüler nahmen ihn im Alter in eine Wohngemeinschaft auf und pflegten ihn bis zum Tode.

Held verwandte die Kinder nicht nur für sich, sondern führte einzelne Knaben auch einem befreundeten Verleger zu. Johannes selbst beobachtete das bei einer gemeinsamen Wanderung nachts in der Hütte. Und nicht nur er begleitete den Lehrer, natürlich mit Einwilligung der Eltern, auf private Griechenland-Reise. „Eine kleine schar zieht stille bahnen“: Auch auf den Fahnen der Päderasten an der Odenwaldschule stand Georges Motto: „Hellas ewig unsre liebe“. Die Knabenliebe der alten Griechen gehörte zum Unterrichtsstoff, früh wurde den Kindern beigebracht, dass alle Menschen zumindest bisexuell seien; man sah gemeinsam Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“.

Einer nach dem anderen kam an die Reihe

Johannes gefiel die Situation, in der er lebte, bald nicht mehr. Nach anderthalb Jahren „floh“ er förmlich aus der Held-“Familie“ zu einem Lehrer, von dem er wusste, dass er mehr an Mädchen interessiert war, und der, ohne namentlich genannt zu werden, in Amelie Frieds Text auftaucht: Er habe später eine Schülerin geheiratet, die „sicher nicht als Jungfrau in die Ehe ging“. Sie selbst habe „beobachtet, wie sie nachts ihr Zimmer verließ und im Nachthemd in die Lehrerwohnung schlich“. Johannes stellte er nicht nach. Nach weiteren anderthalb Jahren bekam Johannes eine eigene „Familie“, zwei jüngere Schüler, denen er als Oberhaupt vorstand. So sollten die Älteren Verantwortung üben. Johannes, immer sozial engagiert, tat das gern, kam aber dadurch zurück ins Herderhaus und unterstand nun der Supervision des Schulleiters Gerold Becker, der im Stockwerk darunter lebte.

Becker pflegte seine Schützlinge, mit eiserner Disziplin jeden Morgen um halb sieben, durch Manipulation des Genitals oder notfalls auch Tätscheln des nackten Hinterns zu wecken, denn manche drehten sich auf den Bauch, um „Gerolds“ Griff ans Gemächt zu entgehen; mit ihm war jeder per du. Einer nach dem anderen kam an die Reihe, es war einfach Beckers selbstverständlicher Anspruch, sie derart zu wecken - auch das bestätigen Schüler aus verschiedenen Generationen.

Becker lehnte eine Psychotherapie ab

Insgesamt sind es inzwischen mindestens acht Lehrer, die von ehemaligen OSO-Schülern beschuldigt werden. Und es gibt Hinweise auf noch mehr Täter. Die Zahl der an der Odenwaldschule betroffenen Schüler beträgt womöglich das Hundertfache der bisher namentlich erfassten gut dreißig. Für solche Schätzungen spricht, dass die Päderasten unter den Lehrern ihre Taten gewohnheitsmäßig ausübten und auf Scharen von Schülern ausdehnten, im Schonraum eines geschlossenen Systems, allerdings durchweg beschränkt auf die jüngeren, arglosen Knaben. Die Jungen und Mädchen wurden dabei wie allerliebste Spielzeuge oder Haustiere gehalten, zum Teil auch als Götzen der Schönheit verehrt - bemäntelt durch eine Verherrlichung der Toleranz und Nähe, die vielen Odenwald-Schülern das anhaltende Gefühl beschert hat, Teil einer großen, guten Sache zu sein.

Becker, als Lehrer nicht besonders geschätzt, glänzte umso mehr wie eine Art Priester. Vor allem Mütter lagen ihm zu Füßen. Er war durchaus kein schöner Mensch, aber wie viele andere empfand auch Johannes, dass er eine „schöne Seele“ hatte. Er war charismatisch, ein Missionar, predigte mit warmer, tiefer Stimme ein Evangelium der Menschlichkeit. Seine Tür stand immer offen, jeder durfte in die Obstschale greifen oder ein Bier trinken, und er schenkte jedem, der zu ihm kam, ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein Meister der Vertrauensbildung; vielleicht auch deshalb mögen manche, die ihn verehren, sich nicht ausdenken, wie er sich benahm, wenn er mit den Kindern allein war. Auch manche der Knaben von damals deuten bis heute sein Verhalten als Zuneigung, sie halten zu ihm. Andere zerbrachen und nahmen sich das Leben.

Einen der Jungen befingerte Becker im Winter 1970, als dieser nachts allein in seinem Zimmer war, trotz anhaltenden und deutlich ausgesprochenen Widerstands, hartnäckig. Erst nach „gefühlten zehn Minuten“, in denen das Kind sich auf den Bauch gedreht und stocksteif gemacht hatte, akzeptierte Becker endlich das „Nein“. Der Junge berichtete von dem Überfall bald darauf seinem Paten-Onkel: Hellmut Becker. Der auch zusagte, sich dieser Sache anzunehmen. Er nahm Gerold wohl auch tatsächlich ins Gebet, versuchte, ihn zu einer Therapie zu bewegen: „Das ist gefährlich für die ganze Schule - Sie müssen etwas unternehmen.“ Doch Gerold Becker unternahm nichts, unterzog sich nur einer Schlafkur. Eine Psychotherapie lehnte er mit der Begründung ab, dass Psychoanalytiker Vorurteile gegen Homosexuelle hätten.

„Steckschlüssel“ gegen den aufdringlichen Becker

Auch einer Lehrerin der Schule, Christine Klimek, erzählte der Junge von dem Übergriff. Sie sagte ihm: „Das finde ich prima, dass du das gesagt hast. Das macht man so.“ Dann ließ sie den Vorfall auf sich beruhen. Es gab auch Eltern, die es so hielten: Sie ließen auf sich beruhen, was die Kinder berichteten.

Nun hat Becker für seine „Annäherungsversuche oder Handlungen“ um Entschuldigung gebeten; übrigens, wenn man Unveröffentlichtes hinzunimmt, nicht zum ersten Mal; manche seiner früheren Opfer sehen darin einen mutigen Schritt, andere wieder nur die Sprache des „gläsernen, glasharten Triebtäters“. Der Doyen der deutschen Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, hatte den Spieß gleich ganz umgedreht und behauptet, falls es überhaupt zu Vorfällen gekommen sei, dann, weil der Lehrer von Schülern verführt worden wäre.

Dabei war Becker so aufdringlich, dass die älteren Schüler zur Abwehr des Schulleiters ihre Türen abschlossen und - weil Becker über Nachschlüssel verfügte - mit sogenannten Steckschlüsseln sicherten. So einen besorgte sich auch Johannes in Heppenheim: „Das war das Einzige, was geholfen hat.“ Wenn es ihn fortan auch das Frühstück kostete. Unter den Schülern in Beckers „Familie“, sagt Johannes, kann es niemanden geben, der von alledem nichts mitbekommen habe - jedenfalls nicht, wenn er vor seinem 16. Lebensjahr dort hineingeriet.

Hentig will von nichts gewusst haben

Hentig, heute ein uralter Mann, dem man seinen Frieden eigentlich schon deshalb gönnen möchte, will von alldem nichts gewusst haben, kaum je in der Odenwaldschule gewesen sein - aber Johannes und andere Mitglieder der Becker- „Familie“ erinnern sich seiner als häufigem Gast, der dort ein- und ausgegangen sei und auch am allmorgendlichen gemeinsamen Nacktduschen mit den Jungen teilgenommen habe; was in der damaligen Zeit und überhaupt in der Reformbewegung freilich als weniger anstößig gegolten haben mag. Aber Hentig habe durchaus auch bei Becker und nicht etwa nur im Gästehaus übernachtet, sogar gemeinsam mit mindestens einem von Beckers Favoriten.

Der lud 2008 Hentig und Becker zur Beisetzung Andreas von Weizsäckers ein. Aus Andreas war kein Jurist, sondern ein Künstler und Hochschullehrer geworden; er formte mit nassem Papierbütten Alltagsgegenstände ab, darunter das elterliche Wohnzimmer als „Spielhölle“. Er fiel mit 51 Jahren dem Lungenkrebs zum Opfer. Auf der Trauerfeier setzte sich Hentig nicht zu den Alten, sondern mit der Selbstverständlichkeit eines ganzen Lebens unter seine Kinder, die Schüler von damals, die nun Männer in den Fünfzigern waren. Als Mann hatte Andreas von Weizsäcker die Odenwaldschule gehasst, so erzählt sein Freund Hänsel, er hasste Becker, er hasste Hentig.

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Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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