01.04.2010 · Der Augsburger Bischof Mixa hat erstmals persönlich Vorwürfe zurückgewiesen, in seiner Zeit als Stadtpfarrer im oberbayrischen Schrobenhausen „in irgendeiner Form Gewalt gegen Kinder und Jugendliche angewandt zu haben“.
Der Augsburger Bischof Walter hat die gegen ihn erhobenen Prügelvorwürfe weiter strikt zurückgewiesen „Ich bin zutiefst erschüttert über die Anschuldigungen, die mir gegenüber erhoben werden. Ich versichere nochmals, dass ich zu keiner Zeit gegen Kinder und Jugendliche körperliche Gewalt in irgendeiner Form angewandt habe“, heißt es in einer am Donnerstag verbreiteten ersten persönlichen Erklärung Mixas.
Er sei „gerne bereit, mit Männern und Frauen, die in ihrer Jugendzeit im Kinderheim St. Josef in Schrobenhausen gelebt haben, über ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Vorwürfe zu sprechen, um zuzuhören und zu erfahren, was sie in ihrer Kindheit belastet hat. Die Sorge um das Wohl und die Zukunft von Kindern, Jugendlichen und Familien ist ein vorrangiges Anliegen meiner seelsorglichen Arbeit seit eh und je“, heißt es in Mixas Erklärung. Die von seinem Bistum erhobene Drohung mit juristischen Konsequenzen wegen der Beschuldigungen wiederholte Mixa nicht. Mixa ist bisher der einzige Bischof, der in Deutschland persönlich mit Misshandlungsvorwürfen konfrontiert wird.
Eidesstattliche Erklärungen
Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ liegen deren Redaktion nun sechs eidesstattliche Versicherungen vor, wonach Mixa in seiner Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen in den siebziger und achtziger Jahren mehrere Kinder gezüchtigt haben soll. Die Betroffenen werfen dem Geistlichen Ohrfeigen, Fausthiebe und Schläge auf das Gesäß mit Stock oder Teppichklopfer vor.
In seiner Zeit als Stadtpfarrer im oberbayerischen Schrobenhausen soll der heutige Bischof Walter Mixa Mädchen und Jungen wiederholt geschlagen haben. Das Bistum Augsburg weist die Anschuldigungen mehrerer ehemaliger Heimkinder zurück.
Am Donnerstag ging ein sechstes ehemaliges Heimkind aus Schrobenhausen an die Öffentlichkeit. Eine heute 47 Jahre alte Frau aus Augsburg berichtete der Nachrichtenagentur dpa, dass Mixa sie gezüchtigt habe. Sie sei als Mädchen von dem damaligen Stadtpfarrer in dem Kinderheim in Schrobenhausen mehrmals kräftig geschlagen worden. „Das waren Schläge mit der flachen Hand und Faust ins Gesicht.“ Vier damaligen Freundinnen sei es ähnlich ergangen. „Immer wenn wir unartig waren, haben uns die Nonnen mit dem Stadtpfarrer gedroht.“ Sie selbst sei wiederholt mit einem Besenstil und einem Stock geschlagen worden. Einmal habe ihr eine Nonne ein Schlüsselbund an den Kopf geworfen und sie dadurch verletzt. „Ich habe ein Loch im Kopf gehabt, das war schon grausam, was ich da erlebt habe“, sagte die Frau. Eine der beschuldigten Nonnen soll bis heute in dem Heim tätig sein.
Bistum: Mixa wird diffamiert“
Das Augsburger Ordinariat hatte am Mittwoch die Vorwürfe als „absurd und erfunden“ zurückgewiesen. Mixa habe in seinen jeweiligen Wirkungsbereichen „zu keinem Zeitpunkt körperliche Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche angewendet“, hieß es. Zudem habe er als Stadtpfarrer von Schrobenhausen keine erzieherischen oder pädagogischen Funktionen in dem Heim innegehabt. Man behalte sich rechtliche Schritte gegen entsprechende Behauptungen vor, die „offenbar in der Absicht erfunden“ worden seien, Mixa „persönlich zu diffamieren“, hieß es in einer Erklärung des Bistums.
Der Sprecher der Regierung Oberbayern sagte, über die angeblichen Vorfälle sei in den Akten von damals nichts zu finden. Damit sei die Angelegenheit erledigt. Die Regierung prüft inzwischen als Heimaufsichtsbehörde Misshandlungs-Vorwürfe in dem Kinder- und Jugendhilfezentrum aus jüngerer Zeit. Dabei geht es um mögliche Fälle, die noch nicht verjährt sind.Bekannt sei ein Fall aus dem Jahr 1999. Ein Heim-Mitarbeiter habe damals einem Kind einen Kinnhaken verpasst und sei daraufhin entlassen worden. Vorwürfe, es habe noch vor fünf Jahren Züchtigungen in dem Heim gegeben, würden jetzt überprüft. Träger des Kinder- und Jugendhilfezentrum in Schrobenhausen ist eine kirchliche Stiftung unter staatlicher Aufsicht. Zu den neu erhobenen Vorwürfen äußerte sich die Diözese bisher nicht.
Das Haus in Schrobenhausen war bis 1990 von Franziskanerinnen der Mallersdorfer Kongregation geführt worden und befindet sich jetzt unter weltlicher Leitung. Ehemalige Heiminsassen haben neben Mixa auch Nonnen beschuldigt, in der siebziger und neunziger Jahren geprügelt zu haben.
Papst geht nicht auf Missbrauchsskandal ein
Die Deutsche Bischofskonferenz nahm Mixa gegen die jüngsten Vorwürfe in Schutz: „Ich glaube ihm“, sagte der Sekretär der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, am Donnerstagmorgen im Deutschlandfunk. Es stehe „Behauptung gegen Behauptung“. Das Bistum Augsburg habe „die richtigen Schritte gemacht“ , um einen klärenden Prozess einzuleiten.
Papst Benedikt XVI. ging zu Beginn der Osterfeierlichkeiten in Rom in seiner Predigt vor vielen Kardinälen, Bischöfen und Priestern nicht auf den Missbrauchsskandal ein, der in Irland und Deutschland die katholische Kirche in eine tiefe Krise gestürzt hat. Priester seien berufen, „in der Gemeinschaft mit Jesus Christus Menschen des Friedens zu sein, der Gewalt entgegenzustehen und der größeren Macht der Liebe zu vertrauen“, sagte der Papst.
21 von 27 Diözesen wollen die vorgeschlagene Fürbitte des Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, des Trierer Bischofs Stephan Ackermann, unverändert übernehmen. Das ergibt sich aus Angaben der Bischofskonferenz und einer dpa-Umfrage. In dem von Ackermann vorgelegten Text wird gebetet „für die Kinder und Jugendlichen, denen inmitten des Volkes Gottes, in der Gemeinschaft der Kirche, großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden“.
Laienorganisation: Mixa soll Amt ruhen lassen
Die katholische Laienorganisation „Wir sind Kirche“ forderte Mixa auf, solange sein Amt ruhen zu lassen, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt sind.
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx sagte am Donnerstag bei einer Messe in der Münchner Frauenkirche, die Missbrauchsfälle hätten das Antlitz der Kirche entstellt. Die Kirche sei aufgerufen, einen „Weg der ständigen Erneuerung“ zu beschreiten, betonte Marx nach Angaben des Ordinariats. An die Priester gewandt sagte Marx: „Helfen Sie jetzt und in den kommenden Monaten und Jahren mit, das Vertrauen in die Kirche und in einen menschenfreundlichen Gott, das bei vielen zerbrochen ist, durch Demut und durch Hinhören wieder zu gewinnen.“
Der protestantische Theologe und Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München, Friedrich Wilhelm Graf, kritisierte den Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk, das am Ostersonntag gesendet werden soll, sagte Graf über die Kirche: „Sie hat gelogen, sie hat verdrängt, sie hat ignoriert, sie hat vorsätzlich Opfer betrogen. Das alles kann man nicht schönreden.“
In Österreich bezichtigte sich der Wiener Kardinal Christoph Schönborn im Missbrauchsskandal zur Schuld der katholischen Kirche. In einem Bußgottesdienst im Wiener Stephansdom sagte der Geistliche am Mittwochabend: „Wir bekennen, dass wir die Wahrheit nicht erkennen wollten, dass wir vertuscht und falsches Zeugnis gegeben haben.“ Der Bußgottesdienst, zu dem 3000 Menschen gekommen waren, wurde von der kirchenkritischen Organisation „Wir sind Kirche“ mitgestaltet, die sich für Reformen wie die Abschaffung des Zölibats einsetzt. Opfer oder deren Vertreter schilderten vor dem Altar ihre Erlebnisse.