06.04.2010 · Der Missbrauch durch Pädophile kennt nicht nur Menschen als Opfer. Auch die Institution katholische Kirche ist von den Tätern missbraucht worden. Denn ihr verzeihendes Wesen bietet Unterschlupf.
Von Georg Paul HeftyWahrheit ist unteilbar, welcher Teil auch zuerst ans Licht kommen mag. Eine in sechs Jahrzehnten herangereifte kritische Öffentlichkeit in Deutschland reißt endlich den Mantel des Schweigens vom Kindesmissbrauch außerhalb von Familien, Verwandtschaften und Nachbarschaften. Nun kommt auch Licht in das Dunkel von Verbrechen, die in Institutionen mit pädagogischem Anspruch begangen worden sind.
Gerade die ehrwürdigste Einrichtung, die katholische Kirche, scheint durch Fehlentscheidungen ihrer Oberen Schuld auf sich geladen zu haben: Kindesmissbrauch in kirchlicher Umgebung ist der denkbar größte Widerspruch – ruft Enttäuschung, Verbitterung, Empörung und Zorn hervor. Freunde und Feinde der katholischen Kirche finden sich jetzt zusammen im harten Urteil über die Missstände und deren lange Vertuschung, aber auch in der Überzeugung, dass man den Opfern des sexuellen Missbrauchs Sympathie, Verständnis und Unterstützung schuldig ist – und zwar allen Opfern.
Der Missbrauch verjährt ausschließlich strafrechtlich, das hat die Rechtspolitik früherer Jahrzehnte so festgelegt. In der Erinnerung der Opfer aber vergeht er nicht. Vorhaltungen, es sei Zeit genug gewesen, die Fälle aus den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren bei der Justiz anzuzeigen, haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Jedes Missbrauchsopfer hat das Recht, mit traumatischen Erlebnissen so umzugehen, wie es am besten damit fertig wird; es hat das Recht, jahrzehntelang zu schweigen und dennoch eines Tages die Wahrheit ans Licht zu pressen.
Ausgerechnet die Kirche kann zum Unterschlupf werden
Der Missbrauch durch Pädophile, Päderasten, Pädosexuelle, oder wie die Umschreibungen lauten mögen, kennt aber nicht nur Menschen als Opfer. Auch die Institution katholische Kirche ist von den Tätern missbraucht worden. Schon in den Evangelien steht, dass die Kinder im Namen Jesu zu schützen sind; und von den Verführern heißt es, ihnen würde besser ein Mühlstein um den Hals gehängt. Darin unterscheidet sich die christliche Lehre von vermeintlich besonders freisinnigen Ideologien der Moderne.
Die Sexualmoral ist eine der Säulen der christlich geprägten Gesellschaftsordnung, und auch jene, die an dieser Strenge ansonsten Anstoß nehmen, wollen nun mit Recht die Kirchen an deren eigenen Maßstäben messen. Ausgerechnet eine Institution wie die Kirche kann jedoch wegen ihres verzeihenden Wesens zum Unterschlupf für Personen werden, die nach Gelegenheiten suchen, ihre sexuellen Neigungen an Kindern auszuleben.
Aufgrund ihres Alters sollte den meisten Priester- und Ordenskandidaten beim Eintritt in den hauptberuflichen kirchlichen Dienst die eigene sexuelle Veranlagung bekannt sein. Niemand vermag aber zu entscheiden, wie viele von denen, an deren Verhalten Zweifel aufkommen, vielleicht hoffen, dass die Einbindung in kirchliche Lebensumstände sie davor bewahrt, von ihrer Neigung übermannt zu werden, und wie viele darauf spekulieren, dass die Kirche sie schützen und halten werde, selbst wenn sie eine Straftat begehen. Das bringt die Verantwortlichen in ein Dilemma: Wen sie nicht durchschauen, der wird sie schlimmstenfalls Jahrzehnte lang ausnutzen. Wer aber durchschaut wird – kann man den dann einfach wegschicken? Denn das Ausweisen in einen anderen Beruf würde die Kinder ja nicht vor seinen perversen Neigungen schützen.
In weltlichen wie kirchlichen Stätten sind Untaten verheimlicht worden
Das Maß an sozialer Kontrolle, das die Kirche in den eigenen Reihen ausübt oder ausüben sollte, kann die Gesellschaft – außerhalb von Gefängnismauern – ohnehin nicht gewährleisten. Die Kirche könnte sich also vornehmen, die Pädosexuellen ebenso unter Kontrolle zu halten wie Hetero- oder Homosexuelle, die aus freien Stücken Ehelosigkeit gelobt haben, die Kirche allerdings in Verruf bringen, wenn sie ihre Sexualität nicht beherrschen können oder wollen. Auch ist die Kirche an das Gebot gebunden, dem „Bruder siebenmal am Tag zu verzeihen, wenn er schuldig wird und um Verzeihung bittet“ – was freilich Strafauflagen nicht ausschließt. Der Staat verhält sich ebenso, wenn er Strafen zur Bewährung aussetzt, und es war der Gesetzgeber, der den Missbrauch zum Teil nur als Vergehen klassifizierte. Andererseits ist auch die Kirche, wie jede andere Institution, auf ihren guten Ruf bedacht. So wie ein Unternehmen einem zudringlichen Abteilungsleiter selten unter Offenlegung seiner Zudringlichkeit kündigen wird, so haben auch kirchliche Instanzen oft versucht, die Wahrheit unter der Decke zu halten.
Wer jetzt der ihrerseits missbrauchten katholischen Kirche vorhält, der Zölibat ziehe bindungslose Männer und potentiell pädosexuelle Täter an, muss zugeben, dass Sportvereine oder staatliche Schulen ebenso wenig gegen Missbrauch unter ihren Dächern gefeit sind. In weltlichen wie in kirchlichen Einrichtungen sind Untaten verheimlicht worden, und man hat den Tätern oft mehr geglaubt als den Opfern. Es besteht also kein Grund, in erster Linie die katholische Kirche anzuprangern. Wer selbst schon vor Jahren offensiv gegen den Missbrauch gekämpft und niemals Forderungen erhoben oder geduldet hat, den sexuellen Umgang mit immer jüngeren Menschen zu legalisieren, der werfe den ersten Stein. Wer hingegen etwas grundsätzlich verbessern will, der muss sich den moralischen Normen der Kirche wieder annähern.
Ein Kommentar, so umfassend.........
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Georg Paul Hefty Jahrgang 1947, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Zeitgeschehen“.
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