19.07.2010 · In Oberharmersbach missbrauchte ein Pfarrer zwischen 1968 und 1991 mindestens 22 Kinder. Aber obwohl der Täter sich schuldig bekannte, wurde die Staatsanwaltschaft nicht eingeschaltet. Erzbischof Robert Zollitsch über seine damals getroffenen Entscheidungen und seine heutige Sicht der Dinge.
Herr Erzbischof, 1968 bis 1991 wirkte in Oberharmersbach der Pfarrer Franz B. Er hat während dieser Zeit zahlreiche Kinder missbraucht. Wann haben Sie davon erfahren?
Den ersten konkreten Hinweis bekamen wir 1992, als Pfarrer Franz B. schon nicht mehr in Oberharmersbach tätig, sondern bereits im Ruhestand war. Ich war damals Personalreferent. Die Mutter von zwei betroffenen Söhnen hat uns damals einen erschütternden Brief geschrieben. Und einer der Söhne hat detailliert geschildert, wie der langjährige Ortspfarrer von Oberharmersbach ihn missbraucht hat.
Was haben Sie zu diesem Zeitpunkt gewusst?
Dann wussten wir, dass dieses schon im Jahr 1991 kursierende Gerücht, Pfarrer Franz B. suche unsittlichen Kontakt zu Kindern, stimmte. Wir waren diesem Gerücht 1991 nachgegangen, hatten aber damals zunächst kein Opfer und keinen Zeugen gefunden. Der Pfarrer hatte diese Gerüchte zurückgewiesen. Trotzdem haben wir ihn vorsorglich vorzeitig in den Ruhestand versetzt - zu Ordensschwestern in ein Altenheim nach Titisee-Neustadt. Nicht nur wegen der Gerüchte, sondern auch wegen seiner schweren gesundheitlichen Probleme.
Wie haben Sie 1991 von dem Gerücht erfahren? Und was hat das Gerücht besagt?
Das war ein sehr allgemein formuliertes Gerücht - ohne Nennung von Zeugen oder Betroffenen -, der Pfarrer von Oberharmersbach suche unsittlichen Kontakt zu Kindern. Ein Seelsorger aus einem Nachbarort hatte den damaligen Erzbischof Dr. Oskar Saier über dieses Gerücht informiert, nannte aber keine Beweise oder Namen.
Sind Sie dem Gerücht nachgegangen?
Natürlich. Wir haben dann mehrfach dringend darum gebeten, die Vorwürfe zu konkretisieren und Beweise zu liefern. Das konnte der Seelsorger dann aber leider nicht. Trotzdem haben wir auch den Pfarrer mit den Gerüchten konfrontiert. Der wies die Beschuldigung zurück. Er verwies auf seine angeschlagene Gesundheit und bat um Versetzung in den Ruhestand. Das schien uns - mit Blick auf die Gesamtsituation - die damals richtige Lösung zu sein.
Warum haben Sie nicht die Staatsanwaltschaft eingeschaltet?
Es gab dafür - auf der Basis von Gerüchten - ja überhaupt keinen konkreten Anhaltspunkt.
Konnten Sie ausschließen, dass B. in Neustadt Kontakt zu Kindern und Jugendlichen herstellen kann?
Wir haben ihn in den Ruhestand versetzt mit der Auflage, eventuell vorhandene Probleme therapeutisch behandeln zu lassen und sich von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. Er lebte in einem Altenheim von Ordensschwestern. Kinder und Jugendliche sind dort normalerweise - wenn überhaupt - nur mit ihren Eltern zu Besuch.
Wie hat die Gemeinde darauf reagiert, dass Sie B. in den Ruhestand versetzt haben?
Mit Blick auf die erkennbar angeschlagene Gesundheit des Pfarrers hat die Gemeinde unsere Entscheidung akzeptiert. Aber viele waren traurig, dass der Pfarrer gehen und auch in eine andere Stadt umziehen musste. Denn er war in Oberharmersbach offenkundig sehr beliebt.
Haben Sie die Gemeinde denn nicht informiert, weshalb B. in den Ruhestand versetzt worden ist?
Die Gemeinde wusste um den Gesundheitszustand des Pfarrers. Das war ein von allen akzeptierter Grund für den Ruhestand. Wir konnten ihn doch nicht unter Hinweis auf Gerüchte, für die es nicht einmal Anhaltspunkte gab, verabschieden.
B. wurde nach der Versetzung Ehrenbürger der Gemeinde. Wie ist das möglich?
Das ist eines der Rätsel aus Oberharmersbach. Uns im 76 Kilometer entfernten Freiburg wird heute vorgeworfen, wir hätten damals mehr wissen müssen. Vor Ort, wo es - wie wir heute wissen - viele Opfer gab, hat man den Pfarrer zum Ehrenbürger ernannt. Es gab offensichtlich in dem kleinen Ort eine große Mauer des Schweigens - vielleicht typisch für die damalige Zeit, in der das Thema Missbrauch tabuisiert war und Kinder und Jugendliche sich offenbar jahrelang nicht getraut haben, über diese Verbrechen zu sprechen - bis dann 1992 ein Opfer erstmals sein Schicksal niederschrieb.
Was ist geschehen, als Sie 1992 den Bericht des Opfers erhalten hatten?
Wir haben Pfarrer B. unverzüglich mit dieser Schilderung konfrontiert. Er hat sie nicht abgestritten, aber auch kein Geständnis abgelegt. Er brach in Tränen aus. Er äußerte mehrfach, wie leid ihm alles tue und wie sehr er durch ein Leben des Gebets und der Buße möglichst vieles wiedergutmachen wolle. Wir hatten den Eindruck, dass er stark suizidgefährdet war, was uns dann eine Fachtherapeutin bestätigte. Er war dann später auch - bis zu seinem Suizid 1995 - immer in therapeutischer Behandlung.
Welche Konsequenzen wurden gezogen?
Wir haben auch das Opfer zum Gespräch eingeladen und ihm und weiteren Betroffenen das Angebot gemacht, therapeutisch zu helfen. Und wir haben dem Opfer dargelegt, wie wir die Situation damals gesehen haben: Zu diesem Zeitpunkt kannten wir das unglaubliche Ausmaß des Missbrauchs in Oberharmersbach ja noch nicht. Und nachdem Pfarrer B. nun schon zehn Monate im Ruhestand war und es sich um einen gebrochenen, suizidgefährdeten Mann handelte, glaubten wir, alles Notwendige getan zu haben.
Sie haben B. wieder nicht bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Warum nicht?
Wir wollten den Pfarrer nicht in den Tod treiben. Und wir waren davon überzeugt, dass wir mit einer Anzeige große Unruhe in die Gemeinde Oberharmersbach tragen würden - bis hin zur Entzweiung von Familien. Wir gingen damals von - nach heutiger Sicht zweifelsohne falschen - Überlegungen aus.
Ging diese Entscheidung nicht zu Lasten der Opfer? Ist es nicht eine Anmaßung der Kirche, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, wie mit solchen Kriminellen zu verfahren ist?
Wir haben uns gewissenhaft bemüht, der schwierigen Situation gerecht zu werden. All diese Fragen sind immer in enger Abstimmung mit dem Erzbischof und dem Generalvikar entschieden worden. Ziel war, den Schaden zu begrenzen und den Betroffenen therapeutisch zu helfen. Wir glaubten zu dieser Zeit, dies sei die beste Entscheidung, die auch zur Heilung der Wunden und zur Versöhnung in Oberharmersbach beitragen kann. Heute wissen wir es besser. Wir haben dazugelernt.
Wie bewerten Sie heute Ihre damals getroffenen Entscheidungen?
Die Missbrauchsfälle von Oberharmersbach liegen mir bis heute schwer auf der Seele. Wie tief die Wunden sind, die dieser Pfarrer den Opfern und ihren Familien vor Jahrzehnten zugefügt hat, ist mir kürzlich bei einem Gespräch mit Betroffenen noch einmal sehr deutlich geworden. Unsere damals getroffenen Entscheidungen sehe ich sehr selbstkritisch! Mit dem Blick von heute ist mir klar: Wir hätten konsequenter vorgehen und mit größerem Nachdruck nach weiteren Opfern suchen und suchen lassen müssen. Außerdem hätten wir die Staatsanwaltschaft einschalten sollen. Der Gedanke, von einer Einschaltung der Staatsanwaltschaft auch zum Schutz der Opfer abzusehen, war falsch. Deshalb habe ich die Opfer und ihre Angehörigen inzwischen mehrfach - auch persönlich - um Verzeihung gebeten.
Haben Sie nach Opfern von B. gesucht?
Nach dem Tod des Pfarrers im Jahr 1995 haben wir alle Opfer und Angehörigen aktiv aufgerufen, sich zu melden, und ihnen unsere Hilfe und therapeutische Unterstützung angeboten. Damals hatten sich 17 Opfer gemeldet - und zum Teil auch von uns finanzierte Therapien in Anspruch genommen. Inzwischen sind uns fünf weitere Opfer aus Oberharmersbach bekannt geworden - insgesamt also 22. Die tatsächliche Zahl der Opfer ist sicher höher.
In einer Stellungnahme vom März dieses Jahres haben Sie nicht erwähnt, dass 1992 die Aussage eines Opfers vorlag. Warum nicht?
Die Stellungnahme im März mussten wir unter enormem Zeitdruck formulieren - ohne die Unterlagen und Schriftwechsel, mit denen sich die zeitlichen Abläufe genau rekonstruieren lassen. Die Vorgänge von 1992 und die von 1995, als sich der Pfarrer später das Leben nahm, hatten sich nach so vielen Jahren in meinem Gedächtnis ineinander verschoben: Denn das Gespräch mit Pfarrer B. im Jahr 1992 und das Gespräch im Jahr 1995, als er erneut zur Rede gestellt wurde, waren einander sehr ähnliche Situationen. Nach dem Studium der Dokumente und dem Gespräch mit Opfern und Angehörigen haben wir das nun richtiggestellt. Und wir haben Vorkehrungen getroffen, dass uns ein solcher Fehler in Zukunft nach Möglichkeit nicht mehr passiert.
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie B. 1995 zur Rede gestellt haben?
Im Frühjahr 1995 erreichte uns das Schreiben einer Opfer-Hilfsorganisation, das bei uns neue Recherchen und Aktivitäten auslöste. Wir haben den Pfarrer dann mit den konkreten Anschuldigungen eines weiteren Zeugen konfrontiert und ihm verdeutlicht, dass wir die Tätigkeit der Staatsanwaltschaft aktiv unterstützen würden. Zugleich haben wir gespürt, wie groß seine Suizidgefahr war. Deshalb schien es beruhigend zu wissen, dass er in intensiver und ständiger psychologischer Behandlung war. Doch als ihm deutlich gemacht wurde, dass er sich nun auch den Fragen der Staatsanwaltschaft stellen müsste, setzte er seinem Leben ein Ende.
Ist es zwischen 1991 und 1995 zu Missbrauch durch B. gekommen?
Uns sind - seit Frühjahr 2010 - lediglich solche Vermutungen in Medienberichten bekannt. Konkrete Hinweise darauf liegen uns nicht vor. Wir gehen davon aus, dass wir seine pädophilen Aktivitäten 1991 gestoppt haben - als wir ihn in ein Altenwohnheim zu Ordensschwestern in den Ruhestand schickten - mit der Auflage, sich von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten.