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Allensbach-Analyse Schwere Zeiten für die Kirchen

23.06.2010 ·  Die eingehende Berichterstattung der Medien über die Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche hat zu einer Zunahme von Kirchenaustritten und zu einem deutlichen Ansehensverlust geführt. Insgesamt hält sie sich aber immer noch besser als die protestantische Kirche.

Von Professor Dr. Renate Köcher
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In den letzten Monaten kam es, parallel zur eingehenden Berichterstattung der Medien über Fälle von Kindesmissbrauch, zu einer Zunahme von Kirchenaustritten. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des moralischen Anspruchs der katholischen Kirche haben erkennbar gelitten. Der Anteil der Bevölkerung, der der Kirche allgemein zutraut, in moralischen Fragen Orientierung zu geben, ist seit 2005 von 35 auf 23 Prozent gesunken, allein zwischen März und Juni dieses Jahres von 29 auf 23 Prozent. Zugleich ist die Überzeugung schwächer geworden, dass von den Kirchen Antworten auf Sinnfragen zu erwarten sind. 2005 waren davon noch 50 Prozent der Bevölkerung überzeugt, im März dieses Jahres 45 Prozent, jetzt 38 Prozent. Solche Veränderungen sind binnen einer so kurzen Frist von nur knapp drei Monaten ungewöhnlich.

Auch die öffentliche Aufmerksamkeit war außerordentlich stark. In den ersten Wochen der dauernden Berichterstattung haben sich 69 Prozent der Bevölkerung mit anderen über das Thema Kindesmissbrauch unterhalten. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist nicht nur Ergebnis der Medienberichterstattung, sondern auch des Befremdens, dass ausgerechnet Vertreter der Kirche in mehreren Fällen die Schutzansprüche von Kindern missachteten und damit gegen alles verstießen, was einer christlichen Gemeinschaft heilig sein sollte. Zwar ist die große Mehrheit der Bevölkerung überzeugt, dass die Gefahr von Kindesmissbrauch überall groß ist, wo Kinder dauerhaft und in täglichem, engem Kontakt betreut werden. 66 Prozent halten das Risiko solcher Delikte in Kinderheimen für besonders groß, 62 Prozent in den Familien, 59 Prozent in Internaten. Jetzt zählen jedoch auch 58 Prozent kirchliche Einrichtungen zu den Risikofeldern - weit vor Jugendfreizeiten und Sportvereinen.

Die Sensibilisierung für das Thema Kindesmissbrauch ist groß

Eine eingehende mediale und öffentliche Erörterung von Delikten verschiebt in der Regel die Vorstellung von deren Häufigkeitsverteilung. Das lässt sich bei der Einschätzung der Entwicklung von Kindesmisshandlungen in der Gesellschaft beobachten. Die große Mehrheit der Bevölkerung geht abweichend von den Kriminalitätsstatistiken davon aus, dass dieses Delikt stark zugenommen hat. Dies spiegelt jedoch in erster Linie die gesellschaftliche Sensibilisierung für ein Thema, nicht eine objektive Veränderung der Lage.

Die breite Berichterstattung über Kindesmissbrauch hat in weiten Teilen der Bevölkerung zu dem Eindruck geführt, dass es sich um ein in der katholischen Kirche weitverbreitetes Phänomen handelt. Obwohl die berichteten Fälle eine kleine Minderheit der Priester betreffen und überwiegend Jahrzehnte zurückliegen, halten heute 47 Prozent der gesamten Bevölkerung Kindesmissbrauch durch katholische Priester für häufig, während nur 36 Prozent von einem Fehlverhalten einer Minderheit ausgehen.

Allein unter Katholiken geht eine relative Mehrheit davon aus, dass es sich um ein Minderheitsphänomen handelt, während Protestanten und insbesondere Konfessionslose von einem in der katholischen Kirche weitverbreiteten Problem ausgehen. Gleichzeitig ist das Vertrauen zu den Priestern am eigenen Ort in den Gemeinden völlig ungetrübt: Die überwältigende Mehrheit der Katholiken kennt ihren zuständigen Pfarrer und hat von ihm ein positives Bild. Die persönliche Erfahrung mit katholischen Priestern, das Nahbild, ist heute weitaus positiver als das Fernbild, die gesellschaftlichen Vorstellungen vom Priesterstand insgesamt.

Die Kirche war auf die Wucht der Aufmerksamkeit nicht vorbereitet

Die katholische Kirche wurde von der Wucht des Themas und der öffentlichen Aufmerksamkeit in Deutschland unvorbereitet getroffen, drang aber auch mit ihren Stellungnahmen kaum durch. So haben 72 Prozent der Bevölkerung den Eindruck gewonnen, dass sich der Papst unzureichend zu den Problemen geäußert hat. Dass Benedikt XVI. - anders als sein Vorgänger bei ähnlichen Schwierigkeiten in den Vereinigten Staaten - wiederholt und durchaus entschieden Stellung genommen hat, haben lediglich 12 Prozent der Bevölkerung und auch nur gut jeder fünfte Katholik bewusst wahrgenommen.

Eine Frage ist, wieweit das Ansehen der Kirche und das Vertrauen der Kirchenmitglieder nachhaltig beschädigt sind. Die persönliche Verbundenheit mit der Kirche ist heute im Durchschnitt schwächer als noch in der Mitte des Jahrzehnts. Gebeten, die eigene Verbundenheit mit der Kirche anhand einer Skala von 0 (keinerlei Bindung) bis 10 (starke Bindung an die Kirche) zu beschreiben, wählten Katholiken zwischen 2004 und 2006 konstant im Durchschnitt die Skalenstufe 5,5, heute wählen sie die Stufe 4,9. Dies ist jedoch kein ungewöhnlich niedriger Wert, sondern entspricht weitgehend dem Niveau vom Beginn der neunziger Jahre. Die Abwärtsentwicklung seit 2006 ist auch keine Besonderheit der katholischen Religionsgemeinschaft, sondern ist genauso unter Protestanten zu beobachten.

Mehr Kirchenmitglieder ziehen Trost aus ihrem Glauben

Die Gratifikationen der Konfessionsmitgliedschaft werden heute sogar zum Teil von Katholiken wie Protestanten stärker hervorgehoben als früher. So nennen Konfessionsmitglieder auf die Frage nach dem persönlichen Nutzen und Wert der Mitgliedschaft heute mehr als früher, dass ihnen diese die Möglichkeit bietet, die einschneidenden Daten im Leben gebührend zu feiern, sowie das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, Gelegenheit zur Meditation und Reflexion zu finden, die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen, aber auch Trost in schwierigen Lebenslagen.

Am Beginn der neunziger Jahre verbanden 52 Prozent der Konfessionsmitglieder mit ihrer Mitgliedschaft die Möglichkeit, zum Beispiel die Heirat und die Geburt eines Kindes gebührend zu feiern, heute 65 Prozent. Ruhe, Gelegenheit zu Reflexion und Meditation sahen zu Beginn der neunziger Jahre 25 Prozent als Gratifikation ihrer Kirchenmitgliedschaft, heute 39 Prozent. Der Anteil, der aus seiner Kirchenmitgliedschaft Trost in schwierigen Lebensmomenten zieht, hat sich von 25 auf 33 Prozent erhöht.

Dies ist auch das Ergebnis einer Auswahl. Da die Mitgliedschaft in einer Konfessionsgemeinschaft immer mehr zu einer Frage der bewussten Entscheidung geworden ist und weniger der gesellschaftlichen Konvention, verabschieden sich verstärkt diejenigen, die weder starke kirchliche noch religiöse Bindungen haben, aus den Konfessionsgemeinschaften. Zurzeit sind rund zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung Mitglied einer Konfessionsgemeinschaft. West- und Ostdeutschland unterscheiden sich in diesem Punkt wie in kaum einem anderen: Während in Westdeutschland die Kirchenmitgliedschaft mit 74 Prozent heute noch die Regel ist, sind nur 32 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung Mitglied einer Glaubensgemeinschaft.

Höchste Zahl der Austritte wurde Anfang der neunziger Jahre registriert

Die Mehrzahl derjenigen, die keiner Kirche angehören, war früher Mitglied: 19 Prozent der Konfessionslosen waren einmal katholisch, 35 Prozent evangelisch, 3 Prozent Mitglied einer anderen Kirche; 43 Prozent von ihnen waren nie Mitglied einer Glaubensgemeinschaft. Die höchste Zahl an Austritten wurde in Deutschland in der ersten Hälfte der neunziger Jahre registriert und bildete sich zwischen Mitte der neunziger Jahre und 2005 wieder deutlich zurück.

Von den heutigen Konfessionsmitgliedern hat jeder Dritte schon über einen Austritt nachgedacht. Dieser Anteil ist höher als in den neunziger Jahren und deutlich höher als in der Mitte des letzten Jahrzehnts. 1995 hatten 29 Prozent einen Austritt erwogen, 2006 25 Prozent. Doch jedes Mal war nur eine kleine Minderheit fest entschlossen, diesen Schritt zu vollziehen. Mitte der neunziger Jahre waren es 3 Prozent, 2006 2 Prozent, heute wieder 3 Prozent.

Nach wie vor ist die protestantische Kirche stärker von Austrittsüberlegungen betroffen als die katholische. Die katholische Kirche, die weitaus mehr Reibungsflächen bietet und in der Kritik steht, hält sich insgesamt weitaus besser als die protestantische. Aktuell sind 4 Prozent der Protestanten, obwohl deren Kirchen von Missbrauchsvorwürfen weitestgehend verschont geblieben sind, jedoch nur 2 Prozent der Katholiken entschlossen, ihrer Kirche den Rücken zu kehren.

Ob jemand einen Kirchenaustritt erwägt, hängt in erster Linie von seinen religiösen Bindungen ab. Konfessionsmitglieder mit starker religiöser Verankerung sind kaum für Austrittsgedanken anfällig, dagegen sehr wohl diejenigen, in deren Leben Religion eigentlich keine nennenswerte Rolle spielt. Von den Konfessionsmitgliedern, für die der Glauben eine große Rolle spielt, haben 9 Prozent schon einmal an einen Austritt gedacht, von den religiös völlig Indifferenten 69 Prozent. Der konfessionslose Religiöse ist nach wie vor eine ziemlich seltene Art wie auch der überzeugte Atheist, der trotzdem Mitglied einer Kirche ist.

Verbreitet ist die Kirchenmitgliedschaft ohne starke Religiosität

Weit verbreitet ist jedoch zumindest in Westdeutschland nach wie vor die Konfessionsmitgliedschaft ohne starke religiöse Bindung. 43 Prozent der Bevölkerung Deutschlands stufen sich als religiös ein, in Westdeutschland 47 Prozent, in Ostdeutschland 25 Prozent. Damit liegt der Anteil der Konfessionsangehörigen weit über dem Anteil, derer, die sich als religiös beschreiben. Von den protestantischen Konfessionsmitgliedern beschreiben sich 53 Prozent als religiös, von den Katholiken 64 Prozent.

Der Kreis, der dem Glauben im eigenen Leben große Bedeutung beimisst, ist noch einmal enger. Je weniger die Konfessionsmitgliedschaft anerkannte gesellschaftliche Norm ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich die erhebliche Diskrepanz zwischen Konfessionsmitgliedschaft und Religiosität durch Kirchenaustritte allmählich vermindert. Man mag dies bedauern, kann es aber auch als Bereinigungsprozess begreifen, der den Konfessionsgemeinschaften auch Chancen bietet. Bei der aktuellen Zunahme der Austrittsüberlegungen, die in erster Linie bei religiös Indifferenten zu beobachten ist, ist das Missbrauchsthema zum Teil der Anlass, aber in der Regel nicht die tiefer liegende eigentliche Ursache.

Altersgebundenheit von Religiosität ist das größte Problem

Das schwierigste Problem, mit dem beide Kirchen zu kämpfen haben, ist die seit Jahrzehnten ausgeprägte Altersgebundenheit von Religiosität und kirchlichen Bindungen. Die Konfessionsmitgliedschaft bildet dies bisher kaum ab. Der Anteil der Konfessionslosen ist bei den Personen unter dreißig Jahren nur tendenziell höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Deutlicher wird die starke Altersgebundenheit bei den Austrittsüberlegungen, vor allem jedoch bei den religiösen Bindungen.

Von Leuten über sechzig Jahren beschreiben sich 57 Prozent als religiös, von den Personen unter dreißig dagegen nur 28 Prozent. Alle Indikatoren für Religiosität - ob Glaubensinhalte, der subjektive Stellenwert von Religion im eigenen Leben, das Interesse an religiösen Fragen oder die religiöse Praxis - zeigen die ausgeprägte Altersgebundenheit. Dies verändert nicht nur die Kirchen und ihre Zukunftsperspektiven, sondern auch die Gesellschaft.

Die Minderheit der religiösen jungen Menschen unter 30 Jahren unterscheidet sich in vieler Hinsicht von den religiös indifferenten Altersgenossen: durch eine stärkere Familienhinwendung, ein überdurchschnittliches soziales Verantwortungsgefühl, Aufgeschlossenheit, Bildungsorientierung und eine signifikant größere Bereitschaft, sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie mit Fragen nach dem Lebenssinn auseinanderzusetzen, sowie unterdurchschnittlich ausgeprägten Materialismus.

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