1957. Ein Jahr im Kalten Krieg. Man wird späteren Generationen vergeblich das elende Gefühl der kollektiven Angst zu vermitteln suchen, in deren Zwanghaftung während dieser langen Jahren die westliche wie die östliche Welt lebte. Die westliche wohl in noch nervöser geschärfter Bewusstheit. Jedoch nach Menschenart minderte die Gewöhnung zwar nicht die Gefahr, nahm ihr aber ein Teil ihrer Allgegenwärtigkeit. Es war aber dieses Kalten Krieges bedrückende Eigenart, dass er schlafend nicht als solcher bedrohlich war, aber erwachend umzuschlagen drohte in den anderen, in den „heißen“. Denn die beiden Großmächte spielten das Potential ihrer Atomwaffen mehr oder minder deutlich aus als Mittel ihrer hegemonialen Politik, und die Planung des „Erstschlags“ war ein fleißig erörterter strategischer Gedankengang in zuständigen Kreisen.
Dabei war das Jahr 1957 keines der umwälzenden politischen Ereignisse. Jedenfalls nicht auf der Erde. Denn die Machtpolitik wandte sich dem Weltraum zu und entdeckte die planetarische Dimension als instrumentalen Bereich ihrer Handlungsmöglichkeit. Das hatte seinen Grund in jenem technischen Monster, das nun als künstlicher Mond die Erde umkreiste und den befremdlichen Begriff „Sputnik“ zu einem Schlagwort des Jahres machte. Den schossen die Russen im Oktober ins Weltall - und feierten erfolgstrunken ihren Triumph im technischen Wettrüsten über das gedemütigte Amerika. Und ließen dem unbemannten Satelliten einige Wochen später noch einen bemannten folgen, - „bemannt“ mit einem armen Hund, und „Laika“ wurde weltberühmt. Denn sie bewies, dass auch organisches Leben diesem Gerät zugemutet werden konnte.
Erst einmal durchatmen
Nach den brutalen geschichtlichen Ereignissen des vorausgegangenen Jahres schien die Gewaltpolitik erst einmal durchatmen zu wollen. Das war nach dem Aufstand der heldenmütigen Ungarn, der von Moskau mit blutiger Gewalt niedergeschlagen worden war. Und nach den vorläufig disziplinierten Verhältnissen in Gomulkas Polen, die mit einer vorsichtigen Lockerung des Würgegriffs aus Moskaus Hand einhergingen. Die Politik des Wes-tens aber demonstrierte auf so riskante wie dilettantische Weise ihre durch den doch gerade überstandenen Weltkrieg noch wuchernde Unreife in Sachen der Handhabung ihres Geschäfts: Briten und Franzosen landeten ihre Truppen in Ägypten, um die Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Nasser gewaltsam rückgängig zu machen. Was ihnen schließlich nicht gelang - wohl aber gelang es ihnen, kraft ihrer Blamage zu beweisen, dass die Zeit Europas als Weltmacht endgültig vorbei war.
Das war die eine der beiden welthistorischen Linien, die sich im Spätherbst 1956 kreuzten. Die andere machte durch die Ereignisse in Ungarn und Polen offenkundig, dass Nationen stärker sind als Ideologien. Und dass der Prozess der Erosion des Kommunismus seinen Weg so langsam wie unaufhaltsam nahm, - zu spät bemerkt in Staaten wie etwa dem Ulbrichts.
In der „kleinen großen Stadt“
Nun der Schritt von der großen und weiten Welt in die kleine und enge: An einem Herbsttag des Jahres 1956 war auch ich einer gewesen von den tausend, die sich auf dem Marktplatz von Tübingen versammelt hatten, um zu protestieren gegen den kopflosen Waffengang der Briten und Franzosen am Suez. Dabei wohnte ich gar nicht in der „kleinen großen Stadt“, wie Walter Jens sie genannt hat, sondern in Heidelberg. Dessen Universität ich damals als Privatdozent angehörte. So aber war der Gang der eigenen Dinge gewesen:
Die Universität Heidelberg hatte uns ein Haus gebaut. Eines für rund zwei Dutzend Angehörige des sogenannten Lehrkörpers und ihre Familien. Also auch für Caroline und mich, die wir uns über einige karge Jahr hin hochgedient hatten aus dem Anfang in einem größeren Zimmer, der ersten „Wohnung“ der Jungverheirateten. Möbliert mit einem Schrank, einem Tisch (an dem auch eine Habilitationsschrift geschrieben werden sollte) und einem Schlafsofa, zwei Stühlen und zwei Waschbecken und einer elektrischen Kochplatte. Ein Handstaubsauger für die Sauberkeit dazu, auf Raten gekauft. Denn die Wohnungsnot war groß, auch und gerade in der nicht kriegszerstörten Stadt, und die alte behäbige Villa in Neckarnähe ächzte nun in ihren Fugen, als sie fast dreißig Bewohner aufnehmen musste, und durch ihre Verwinkelungen führte von uns aus ein langer gewundener Pfad hin zum Klo - das, was Wunder, allermeist besetzt war. Blieb aber gelegentlich ein Gast bei uns zur redlich geteilten Mahlzeit, schied er wohl selten froh gesättigt. Doch ging es ihm dann anders nicht als seinen Gastgebern.
Indes: Was heute recht erbärmlich klingt, erschien uns damals als ermutigende Chance - und das war sie ja auch. Fünf Jahre später dann waren wir eingezogen in das neue Haus, eine akademisch angemessene Adresse. Und lebten mit freundlichen, auch befreundeten Kollegen unter einem langgezogenen Dach, Wohnung neben Wohnung, fünf an der Zahl, auf drei oder vier Etagen: Hier der Archäologe, dort der Romanist, neben uns der Mathematiker, und dass auch ein Mediziner unter den Mietern war, erwies sich fallweise als nützlich.
Stadt und Universität Heidelberg taten uns wohl: 1954 hatte ich mich in der Philosophischen Fakultät habilitiert, und der vielgerühmte Ort erschien uns beinahe so lieblich, wie die sangfrohe Dichtung ihn überlieferte. Ein bisschen, um es nahezu herablassend zu sagen, ein bisschen rührend und spielzeughaft natürlich auch in unseren Augen, die wir aus Berlin kamen und aus Hamburg. Aber es zählte zu den einladenden Eigentümlichkeiten dieser Stadt, dass sie in hohem Maße gesellig war und zur Geselligkeit verlockte.
Anheimelnd wie die Stadt, so auch, leicht zu erwandern, ihre Umgebung mit den Wirtshäusern in Neckargemünd oder am Dilsberg und in Dossenheim oder einem anderen der Bergstraßen-Dörfer. Das menschenfreundlich-warme Klima brachte es auch mit sich, dass - wie mir der fast neunzigjährige Geheimrat Friedrich Panzer einmal anvertraute - man hier bereits für den Entschluss zum Arbeiten ebenjene Energie verbrauche, die man anderwärts zum Arbeiten selbst aufbringen müsse . . .
Bleibt noch zu erklären, was ich in Tübingen zu suchen hatte. Ein nicht unüblicher Vorgang im akademischen System: Der Tübinger Ordinarius der Alten Germanistik, Hermann Schneider, war emeritiert worden, die Nachfolge ungeklärt. So holte man sich aus der südwestdeutschen Nachbarschaft den Privatdozenten P. W. „zur Lehrstuhlvertretung“. Deutete auch raunend-vielversprechend an: „cum spe succedendi“. So pendelte ich denn während des Semesters zwischen Heidelberg und Tübingen hin und her und machte meinen Dienst, indem ich dreistündig über den Minnesang las und ein Althochdeutsches Proseminar abhielt. Unvergesslich der Antrittsbesuch bei jenem großen alten Hermann Schneider - unvergesslich lediglich der mir bisher fremden Sitte halber, nach Betreten des Hauses zum Anlegen unförmiger Filzpantoffeln genötigt zu werden; darüber hinaus bot die Begegnung keinen sonderlichen Anlass zur Erinnerung. Anders jener Vormittag, an dem ich dem alten großen Eduard Spranger meinen Besuch machte, dem ich mich aus Berliner Studententagen auch persönlich verbunden fühlte. Er und seine Frau nahmen sich des jungen Kollegen aufs gastfreundlichste an, verwöhnten ihn mit Schinkenbrot und Kakao, wie man es aus Szenen des bürgerlichen Romans kennt, wenn ein hungrig-blasser Eleve den Segen einer mütterlich-väterlichen Fürsorge erfahren darf. (Es verdient als imponierendes Relikt längst vergangener nobler Umgangsformen erwähnt zu werden, dass der große Eduard Spranger, eines Tages nach Heidelberg gereist, es für eine Selbstverständlichkeit erachtete, dem jungen Kollegen den allfälligen Gegenbesuch zu machen.)
Sinn für Humor
Das Tübinger Leibniz-Kolleg hatte mir großzügig ein Zimmer eingeräumt für meine jeweils zwei Übernachtungen in der Woche. Es gedieh unter dem väterlich-milden Regiment des Chemikers Ohlmeyer, - und die Institution als solche war mir vertraut, da ich in Heidelberg der vergleichbaren Einrichtung für einige Jahre vorgestanden hatte, dem Collegium Academicum, das Studenten aller Fakultäten die Gelegenheit bot, im Convivium kraft Selbstverwaltung die Spielregeln demokratischen Miteinanders zu verstehen und zu praktizieren.
Gelegentlich aber musste der Heidelberger Gast ausweichen und im Hotel übernachten. Da klingen mir immer noch die Verse im Ohr, die in der altehrwürdigen „Krone“ am Marktplatz ein Täfelchen neben dem Lichtschalter zierten. Sie verkündeten: „Lieber Gast, wir freuen uns, dass Sie bei uns wohnen/ und wolln es durch doppelte Fürsorge lohnen./ Doch bitten wir Sie nicht zu vergessen,/ von Zeit zu Zeit auch bei uns zu essen./ Leihen Sie unserer Bitte Ihr Ohr/ als moderner Mensch mit Sinn für Humor.“ So machte mir Tübingen, im letzten Nachklang schwäbischer Poesie-Tradition Hölderlins und Uhlands, das Geschenk einer lehrenden Begegnung mit der Temperamentsverfassung des Humors, der sich mir als Begriffsklärung bisher scheu entzogen hatte; sowie das einer Neubestimmung der Moderne.
Mittlerweile war ich Mitte der Dreißig alt - Zeit, sich einzurichten in gefestigter Zeitlichkeit. Das Tübinger Vertretungsmandat verlängerte sich - so dass der Heidelberger Rektor, der bedeutende evangelische Theologe Edmund Schlink, eines Tages Caroline sein Bedauern ausdrückte, die zeitweiligen Abwesenheiten des Gatten betreffend. Was sie munter replizierte: „Ach Magnifizenz, ich schiebe dann eine ruhige Kugel . . .“ Tatsache aber war, dass diese Unregelmäßigkeit der Lebensführung zur Regel auszuarten ansetzte. Nach drei Semestern war klar, dass jene Tübinger Hoffnung „succedendi“ sich auflöste, denn der anfangs Berufene nahm wider Erwarten doch noch an. Mir aber winkte Land aus ferner Welt, Harvard lud mich Ende September 1958 zur Gastprofessur und erwies mir ein halbes Jahr später die Ehre, mich auf den dortigen Lehrstuhl der Alten Germanistik zu berufen.
Staunen in Basel
Um von der kleinen Welt wieder zurückzukehren in die größere, vielleicht gar große. In die der neu angebotenen und entdeckten Fernreisen zur Urlaubszeit, der als sonnig geltende Süden wird erobert, und man erinnert sich mit Staunen, dass diese ausschweifenden Schritte, Fahrten in der Isetta oder im VW und Flüge hin zu Stranddörfern und Ferienwohnungen unternommen wurden in aller Zeitbeschränkung. Denn dem normalen Arbeitnehmer stand lediglich ein Urlaub von zwölf Tagen im Jahr zu (Jugendlichen das Doppelte). So machten denn auch wir uns auf den Weg, und zwar zu unserer ersten Auslandsreise. Sie führte nicht allzu weit, nämlich nur bis in die Schweiz, und der Weg war steinig dank der Schwierigkeit, sich die erforderlichen „Dokumente“ zu verschaffen - den ersten Pass also oder Pass-Ersatz. Und Basel lehrte uns das Staunen, eine unversehrte mittelalterliche Stadt im Gefüge selbstbewusster Gegenwärtigkeit, alles so sauber und geordnet, der Rhein grüßte die Chemie-Werke und wir die von Reichtum überquellenden Einkaufsstraßen. In unser Reisegepäck wanderten Konserven mit gestückelter Ananas und Käse und dazu Schokolade, und eine Bluse von Seiden fein und ein Paar Lederhandschuhe. All dies gekauft dank der Großzügigkeit naher Verwandter und ihrer blitzenden Fränkli.
In jenem Jahr auch erlebte ich meinen ersten Flug. „Erlebte“ ist korrekt formuliert, die DC 6 der Panam, die mich via Frankfurt nach Berlin brachte, hatte etwas so Stolzes wie Besorgniserregendes, die Flügel wackelten (ich wusste, das mussten sie), und die Auspuffrohre unter ihnen glühten (ich wusste, das durften sie), und die Maschine bockte und zitterte in Turbulenzen (ich hoffte, das überstehe sie) - Landung dann in Berlin-Tempelhof. Indes muss ich mich korrigieren: Es handelte sich eben nicht um meinen ersten Flug - den hatte ich 1942 weniger erlebt als überlebt, strohgebettet auf dem Bodenblech einer alten JU 52, die mich nebst einem Dutzend anderer Verwundeter von Taganrog am Schwarzen Meer nach Warschau brachte.
Wohlstand für alle
Das Jahr 1957, ich erwähnte es, war weltpolitisch gesehen kein aufgewühltes, kein dramatisches Jahr. Sein bedeutendstes außenpolitisch wirksames Ereignis war jener Sputnik, den die Russen ins Weltall schossen - und ihm nachfolgend am 3. November Sputnik II, sehr viel größer und höher als der erste, und seine Hundefracht überlebte den sechsten Tag nicht. Das Ereignis war von vorausdeutendem Bezug - eines Tages würde man vielleicht sogar eine planetarische Raumstation installieren . . .
Innenpolitisch aber war für die Verfassung der deutschen Bevölkerung hochsymptomatisch die Wahl zum Bundestag: Die CDU errang am 15. September die absolute Mehrheit, und das war die Konsequenz der gebetsformelartigen imperativen Bekenntnisse, die zu Adenauers und Erhards Kennmelodie geworden waren: „Keine Experimente!“, und „Wohlstand für alle!“. Das ließ sich hören, weithin, und entsprechend wurde auch gehandelt - oder nicht gehandelt. Die deutsche Teilung wurde rituell beklagt, sie aufzuheben war man schwerlich gerüstet und vielfach auch nicht bereit. Im Juni waren zu einer Konferenz in Princeton 18 Nato-Mitglieder zusammengekommen, zehn Tage beriet man, und zum Schluss resümierte ein „Sprecher“: „Seit Jahren sagen wir nun schon, dass Deutschland in nächster Zukunft wiedervereinigt werden müsse. Aber Tatsache ist - und ich sage dies schweren Herzens -, dass es vielleicht besser für uns ist, wenn dies nicht geschieht.“ Man vermerkt mit Staunen, dass dann nach erfolgter Vereinigung zweiunddreißig Jahre später man in London und Paris immer noch einer ähnlichen Meinung war.
Keine Experimente
„Keine Experimente“, es mag jedoch sein, dass der Wahl des Emigranten Willy Brandt am 3. Oktober etwas Experimentelles anhing: Regierender Bürgermeister der halben deutschen Hauptstadt. Auf anderem Felde erwies sich diese Forderung als in hohem Maße sinnvoll, ja notwendig: in dem honorigen „Göttinger Manifest“ vom 12. April, darin 18 bedeutende deutsche Physiker sich aussprachen gegen eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr (die der notorische Zivilist Adenauer immerhin nicht für ganz abwegig angesehen hatte). Denn es gab wieder eine Bundeswehr, nicht mehr aus Freiwilligen bestehend, sondern auf der Basis der allgemeinen Wehrpflicht, die das Parlament im Juli 1956 beschlossen hatte. Und es stellte sich nun allmählich auch heraus, dass die Vereinigten Staaten atomare Waffen auf deutschem Boden gelagert und bereithielten.
„Keine Experimente“ - es sei denn, man wolle als solche die Kessler-Zwillinge bezeichnen, die durch die deutschen Lande tingelten in froher Gemeinsamkeit; und dass eine Tanzart genannt „Rock'n' Roll“, nun auch deutsche Dielen erzittern ließ; und die Musik dazu erklang aus den neuen Tonmöbeln, die allseits begehrt waren. Man könnte es heute nicht für möglich halten, dass der deutsche Bundeskanzler anlässlich seines sechstägigen Staatsbesuchs in Persien dem Schah als Gastgeschenk „eine große Musiktruhe“ mitbrachte. Kaiserin Soraya hingegen bekam eine Berlin-Nymphenburger Porzellan-Kostbarkeit, das hört sich schon besser an. Die Wochenarbeitszeit betrug nunmehr in der Bundesrepublik gesetzlich 46 Stunden, weniger denn je in der Geschichte unserer Wirtschaft.
Homo faber
Und komplementär zu unseren Ferien-Badenden in Rimini kamen nun Italiener ins Land, als „Gastarbeiter“. Auch die Filmkunst scheute das künstlerische Experiment, jedenfalls in Deutschland, wo „Das Wirtshaus im Spessart“ mit Liselotte Pulver viele Kunden zufrieden stellte und Romy Schneider als Kaiserin Sissy Jung und Alt (wohl vor allem Mittelalt) bestrickte. Auch die Literatur machte mit Andeutungen oder Vorausdeutungen auf sich und ihre Autoren aufmerksam.
Es erschien Max Frischs zweiter großer Roman, „Homo Faber“, und Hans Magnus Enzensberger machte sich in heftig protestierenden Versen Luft inmitten der muffigen Atmosphäre hierzulande: mit seinem Erstling „Verteidigung der Wölfe“, Gedichte, die ihren Rang bewahrt haben über die Jahrzehnte hin. Und Martin Walser schenkte uns seinen ersten Roman, „Ehen in Philippsburg“. Der große Alfred Döblin aber starb, in seiner Heimat fast vergessen, am 26. Juni in Emmendingen. Die einzige literarische Sensation indes war antiliterarischer Art: Der deutsche Außenminister mit dem kulturträchtigen Namen Brentano brachte es doch immerhin fertig, am 9. Mai im Bundestag Bert Brecht und sein doppeltes „Lob“, eines „der Partei“, ein anderes „des Kommunismus“, mit den Machwerken eines Horst Wessel zu vergleichen.
Mir wurde unterdessen allmählich bewusst, dass ebendiese Zeitbegrenzung der „Alten Germanistik“ ihre Überwindung verlangte - da, wo nötig und möglich. So ahnte mir, dass ich, wenn das Mittelalter zu deuten versuchend, nicht den wirkungsmächtigsten Mittler des Mittelalters würde beiseite lassen dürfen: Richard Wagner. So besuchte ich denn in Mannheim - dessen Oper eine große Wagner-Tradition hat - eine Aufführung des „Tannhäuser“, ohne doch von ihr berührt worden zu sein. Den eigentlichen Weg zu Wagner fand ich erst zwanzig Jahr später, blieb ihm treu bis heute - der „Tannhäuser“ aber ist für mich von all seinen zehn „Opern“ immer noch die entbehrlichste.
Doktor Schiwago
Im übrigen blieb auch das Theater, blieb die Sprechbühne ihrer Zeit die großen Erlebnisse schuldig. Solche, wie sie uns erregt und verwandelt hatten, als wir nach dem Kriege Sartres „Fliegen“ sahen und Thornton Wilders „Our Town“ und vor allem „The Skin of our Teeth“ und dazu die anmutigen und erhabenen antikisierenden Schauspiele von Giraudoux und Anouilh. 1957 aber hielt eine deutsche Bühne sich schon für progressiv, wenn sie die „Carmina Burana“ auf ihren Spielplan setzte.
Eher regte uns derzeit der Film auf - nicht die erwähnten deutschen Produktionen, sondern die aus Frankreich (René Clair, Louis Malle) oder die des Briten Hitchcock und die Italiens mit Antonioni. Über ihnen allen aber war es der Marsch aus der „Brücke am Kwai“, der Luft und Erde zittern ließ und sich dem Film von David Lean verdankte und seinem Hauptdarsteller Alec Guinness.
Von größter politischer Bedeutung aber und einer der raren Fälle, wo Literatur ihrem Wesen gemäß Leben verändernd und Wirklichkeit verwandelnd wirkt: der Roman von Boris Pasternak, „Doktor Schiwago“. Das Buch kann 1957 nur in italienischer Sprache erscheinen, im folgenden Jahr wird es seinem Verfasser den Nobelpreis einbringen - den er auf Grund der wütigen Repressalien seiner Regierung verweigern muss. (Auch er wurde verfilmt, 1965 durch jenen David Lean und wieder mit Alec Guinness.) Unser Land angehend, so wurden in diesem Jahre zwei würdige Preisträger auf dem Felde der Literatur gekrönt: Thornton Wilder mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ und Erich Kästner mit dem Büchner-Preis. Stockholm aber verlieh den Nobelpreis dem großen Albert Camus.
Atembeklemmende Frostigkeit
Merkwürdig, sich erinnernd zu vertiefen in eine Zeit, von der man versucht ist, sie noch als „fern-nachbarlich“ zu empfinden - und doch lebt das Gedächtnis fast nur von Namen der Toten. Und wird dessen inne, wie schnell sie reiten, die Toten (die Lebenden aber auch). Merkwürdig, sich in eine Zeit zu versetzen, die Damen in Hosenkleidung den Eintritt ins Restaurant verwehrte (so hab' ich's 1957 erlebt) und in der die Konzertsäle die Musik Gustav Mahlers nicht kannten. Merkwürdig, sich die ersten Rekruten, jahrgangsgemäß in die Bundeswehr eingezogen, vorzustellen und einen deutschen General - nämlich Hans Speidel - als Oberbefehlshaber der europäischen Nato-Truppen und gleichzeitig den Ersten Sekretär der KPdSU Chruschtschow vor den paradierenden Kompanien der DDR in Berlin (Ost) grüßen zu sehen. Merkwürdig, den Kalten Krieg und seine atembeklemmende Frostigkeit noch einmal zu spüren - und sich ein halbes Jahrhundert danach mit untermischtem Behagen seines Lebens in seinem Staat zu freuen, dem freiesten, der je auf diesem Boden wuchs, und dessen Probleme heute gesellschaftlich benannt sind mit Rechtschreibreform und Kopftuchverbot und Nichtraucherschutz und Ladenschlusszeiten und Hartz IV und Migration.
Allüberall aber die Hydra des militanten Terrorismus, und darüber und darunter die Forderung „Dialog!“ - mit wem auch immer, vor allem aber mit dem Islam. Von ihm jedoch und seinem Propheten nahm das Jahr 1957 noch an, sie schliefen in Tausendundeiner Nacht . . .
