Home
http://www.faz.net/-gcu-u6s2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Religion, Glaube, Kirche Ein Dialog mit dem Islam

 ·  Bischof Kamphaus kehrte von einer Afrika-Reise mit der Gewissheit zurück, das Problem dort sei nicht der Marxismus, sondern der Islam. In der Kirche wie im Westen wurden solche Warnungen noch lange überhört. Mittlerweile führt an einem Dialog mit dem Islam kein Weg vorbei.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Selten hat eine Vorlesung so viel Aufmerksamkeit gefunden in aller Welt wie die des Papstes am 12. September 2006 in Regensburg. Genau einen Monat später haben 38 muslimische Führer Benedikt XVI. in einem offenen Brief geantwortet. Sie sprechen für einen nicht unerheblichen Teil des Islams, ihr Wort hat Gewicht. Sie halten sich nicht bei unverbindlichen Höflichkeiten auf und scheuen bei allem Respekt nicht Widerspruch und Kritik. Sie erinnern sehr zu Recht an die globale Verantwortung, die Christen und Muslimen schon auf Grund ihres Anteils an der Weltbevölkerung zuwächst. Ihr können beide nur gerecht werden, wenn sie sich zumuten, über das zu sprechen, was sie im Innersten religiös bewegt, in gesellschaftlicher Verantwortung. Fünf Bereiche sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung.

Zunächst die Schriftauslegung. Nicht zufällig sagen Muslime seit alters über Juden und Christen anerkennend, sie seien wie sie „Leute der Schrift“. Diese Charakterisierung ist nicht falsch, doch sie bedarf aus christlicher Sicht einer wichtigen Einschränkung: Zwar verstehen Christen die Bibel als „Wort Gottes“. Dennoch steht im Zentrum des Glaubens nicht die Heilige Schrift, sondern die Person Jesu Christi.

Bibel und Koran

Das Christentum ist darum erst in zweiter Linie eine Schriftreligion. Die Offenbarung Gottes ist Jesus Christus, die Bibel enthält die Antwort der maßgebenden Glaubenszeugen darauf. Sie ist für Christen Gottes Wort in Menschenwort, während Muslime den Koran als direkte, von menschlichem Einfluss freie Offenbarung Gottes glauben. Was für sie der Koran ist, ist für Christen eher Christus als die Bibel.

Die menschliche Ausdrucksform des göttlichen Wortes darf nicht mit diesem selbst gleichgesetzt werden. Dieser Vorbehalt erlaubt es, die Geschichtlichkeit der Bibel ernst zu nehmen, ohne ihr Gewicht als Glaubensurkunde aufzugeben. So können die Christen zwischen dem bleibend verbindlichen Gehalt und der zeitbedingten Ausdrucksform unterscheiden, biblische Texte und Aussagen der Tradition von ihren Entstehungsbedingungen her historisch-kritisch analysieren und dadurch neu verstehen. Darin liegt ein Schlüssel zur Reformfähigkeit einer Religion, zur Eröffnung eines interreligiösen Dialogs, der mehr ist als eine höfliche Variante propagandistischer Überredungskunst.

Was heißt Fundamentalismus?

Das mag überraschen. Mancher mag denken, die dargelegte Unterscheidung im Schriftverständnis sei ein innertheologisches Problem, das für die Gesellschaft ohne Bedeutung sei. Weit gefehlt! Das zeigt die Entstehung des Begriffs Fundamentalismus. Er ist zunächst nicht, wie man denken könnte, zur Charakterisierung bestimmter Richtungen im Islam geprägt worden. Man hat damit bestimmte Kreise innerhalb des Protestantismus bezeichnet, die auf einem wortwörtlichen, zeitenthobenen Verständnis der Bibel bestanden. Im Verständnis von Schrift und Tradition werden die Weichen gestellt für die Fähigkeit einer Religion, sich zu verändern und in einen Dialog einzutreten. Hier entscheidet sich die Vereinbarkeit von Religion und moderner Kultur, die Möglichkeit einer Inkulturation. Ohne Klärung der hermeneutischen Grundfragen wird eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der modernen Welt nicht gelingen.

Von innen wie von außen ist der Islam gefragt, ob er eine historisch-kritische Betrachtung des Korans zulassen kann. Christen, speziell Katholiken, wissen sehr genau, dass das nicht einfach ist. Sie haben einen langen, leidvollen Weg zurückgelegt, bis die historisch-kritische Methode der Schriftsauslegung offiziell akzeptiert wurde. Doch die Erfahrung lehrt, dass das Säurebad historischer Kritik die Heilige Schrift nicht zerfressen muss, sondern den Zugang zu ihrem Verständnis reinigen kann.

Die Muslime, die dieses Wagnis nicht scheuen, sind noch in der Minderheit und brauchen Ermutigung. Sie gehen einen beschwerlichen Weg, der keiner Religion erspart bleibt, den auch Christen längst nicht ausgeschritten haben. Solange man sich gegen ihn sperrt, wird man weiterhin mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Schlagwörtern der heiligen Schriften aufeinander einschlagen oder Befreiungsschläge versuchen.

Menschenrechte hier und da

Sodann die Menschenrechte. Muslime stehen im Verdacht, im Namen des göttlichen Rechts die Menschenrechte nicht anzuerkennen. Das ruft in der westlichen Welt Unverständnis und Sorge hervor. Nicht ohne Grund! Auch Christen haben die Idee der Menschenrechte lange Zeit bekämpft. Das Lehramt der katholischen Kirche zählte sie noch im 19. Jahrhundert zu den unseligen Irrtümern der Moderne. Es verteufelte nicht wenige Theologen, die Kirche und Moderne auszusöhnen versuchten, als „Modernisten“ und entzog ihnen die Lehrerlaubnis. Katholiken haben also keinen Grund, die muslimische Position heute mitleidig zu belächeln. Es dauerte immerhin bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), ehe die katholische Kirche ihre Ablehnung des Menschenrechtsdenkens grundsätzlich und verbindlich revidierte. Seither ist sie zu einer entschiedenen Befürworterin und Verteidigerin der Menschenrechte geworden, zumal durch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005).

Nicht wenige Katholiken empfanden die Kehrtwende als Verrat an der überlieferten Lehre und warfen dem Konzil vor, sich dem Diktat des modernen Ungeistes unterworfen zu haben. Ihre Vorwürfe gleichen denen aus der islamischen Welt. Manches spricht dafür, dass sie auf ähnlichen Missverständnissen beruhen. Die Anerkennung der Menschenrechte bedeutet nicht, sie über das göttliche Recht zu setzen. Der vom Vatikanum II vollzogene Positionswechsel in dieser Sache kam nicht von ungefähr. In einer Neubesinnung auf die christlichen Quellen und unter dem Eindruck der „Zeichen der Zeit“ (säkulare Kultur) erkannte man, dass die Menschenrechte nicht einfach nur menschliches Recht sind. Gott selbst hat sie dem Menschen eingestiftet. Deshalb vor allem verdienen sie unbedingten Respekt sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Kirche.

Ein langer Lernprozess

Menschenrechte und göttliches Recht lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Die Menschenrechte bilden eine Mindestnorm, die die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf wahrt. Sie anzuerkennen und zu achten bedeutet also nichts anderes als Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Nur mangelnde Einsicht kann befürchten lassen, Glaube und Menschenrechtsethos stünden zueinander im Widerspruch. Umgekehrt ist zu fragen, ob sich der unbedingte Geltungsanspruch der Menschenrechte ohne religiöse Verankerung durchhalten lässt.

Wenn Christen sich heute in aller Welt für die Achtung der Menschenrechte einsetzen und auch von den Muslimen erwarten, dass sie die Menschenrechte uneingeschränkt anerkennen, dann nicht, um sie ihrer eigenen Kultur zu entfremden und sie zu verwestlichen. Sie tun das, weil sie dem Islam den gleichen Lernprozess zutrauen, den sie selbst leidvoll durchgemacht haben. Das Wort „Islam“ bedeutet bekanntlich „Hingabe an den Willen Gottes“. Wenn die Menschenrechte dem göttlichen Willen entsprechen, dann verpflichtet der Islam selbst dazu, sie gemeinsam mit allen Menschen guten Willens anzuerkennen.

Trennung von Religion und Staat

Drittens: Das Staatsverständnis. Im christlich-islamischen Dialog spielt die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat eine wichtige Rolle. Dem Islam wird weithin die Fähigkeit abgesprochen, beide Bereiche zu trennen. Umgekehrt ist die Trennung ein ganz wesentliches Kennzeichen der westlichen Moderne und wird - wie die Menschenrechte - als ein zivilisatorischer Fortschritt gewertet, der auf keinen Fall preisgegeben werden darf.

Wir Christen haben aus der Geschichte bittere Erfahrungen gewonnen und gelernt, aus den Konfessionskriegen nach der Reformation und nicht zuletzt aus den totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Beides liegt zeitlich weit auseinander, sachlich berührt es sich: Einmal werden der Religion Grenzen gesetzt, zum anderen dem Staat. Das geschieht aus der Überzeugung, diese wechselseitige Begrenzung diene beiden Seiten, vor allem dem friedlichen Zusammenleben der Menschen. Der Versuch, christliche Staaten zu errichten ist unter hohen Kosten gescheitert. Nichts spricht dafür, dass es islamischen Staaten anders ergehen wird.

Der springende Punkt dabei ist in diesem Fall das Verständnis der Menschenrechte. Es kann aus christlicher Perspektive nicht nachdrücklich genug betont werden, dass weder Kirche noch Staat die Menschenrechte gewähren. Es handelt sich um angeborene und unveräußerliche Rechte der menschlichen Person, wie zu Beginn aller Menschenrechtserklärungen und -konventionen immer wieder gesagt wird. Die Anerkennung der Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit meint deshalb mehr als die Duldung Andersgläubiger durch einen religiösen Staat. Der religiös und weltanschaulich neutrale Rechtsstaat hat die Freiheitsrechte aller Menschen nicht nur zu tolerieren, sondern zu achten und zu schützen. Er gewährt allen Weltanschauungen und Religionen Raum, ist aber selbst weltanschaulich neutral.

Eine Sache des Staates?

Daher ist es zumindest ungenau, wenn es im Koalitionsvertrag vom November 2005 heißt, „ein interreligiöser und interkultureller Dialog“ sei für die Bundesregierung ein wichtiger Bestandteil der Integrationspolitik. Der interkulturelle Dialog ist Sache des Staates, nicht aber der interreligiöse. Der moderne Staat vertritt als solcher keine religiöse Überzeugung.

Es ist zu unterscheiden zwischen der Gesellschaft, die mehr oder minder stark religiös geprägt ist, und dem Staat, der das Zusammenleben aller Menschen regelt und darum an keine bestimmte Religion oder Weltanschauung gebunden ist. Er kann den interreligiösen Dialog fordern und fördern, er kann und muss mit den Religionen einen intensiven Dialog führen. In beiden Fällen jedoch hat er seine religiöse Neutralität zu wahren. Sie schützt ihn vor pseudoreligiöser Selbstüberschätzung und die Religionen davor, die staatliche Gewalt zu ihren Gunsten zu missbrauchen. Dass bei klarer Trennung von Staat und Religion mannigfache Kooperationsformen möglich sind zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger, zeigt die Bundesrepublik Deutschland.

Christen wollen, dass Muslime sich in den westlichen Staaten heimisch fühlen können. Das erwarten sie aber auch für sich selbst, sie möchten in keinem Staat Bürger zweiter Klasse sein. Das sind sie in nicht wenigen islamischen Staaten derzeit leider immer noch, auch in der Türkei. Deswegen widersetzen sie sich den islamistischen und allen gleichartigen fundamentalistischen Staatsvorstellungen. Sie hoffen auf einen Islam, der den modernen Staat bejaht und ihn nicht nur als Übergangsphase zu einem islamischen Staat betrachtet. In diesem Punkt müssen die Muslime Farbe bekennen. Die Islamisten unter ihnen tun es auf ihre Weise ohnehin.

Gewalt im Namen der Religion?

Die Stellung zur Gewalt ist in der Weltgesellschaft zur Gretchenfrage für alle Religionen geworden. Zu Recht! Denn es trifft zu, was Hans Küng seit Jahren unermüdlich anmahnt: „Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden.“ Muslime beklagen sich immer wieder darüber, der Islam stünde ständig am Pranger und unter Generalverdacht. Das hat seinen Grund. Es ist leider so, dass die Seuche terroristischer Gewaltakte seit langem zum weitaus überwiegenden Teil von islamischen Gruppen ausgeht. Es sind islamische Staaten, in denen Christen benachteiligt oder gar verfolgt werden, nicht christlich geprägte Länder, die Muslime daran hindern, ihre Religion öffentlich zu gestalten. Der islamistische Terror fordert freilich die mit Abstand meisten Opfer unter den Muslimen selbst und richtet sich auch gegen islamische Staaten. Darum wehren sich Muslime zu Recht gegen die Gleichsetzung von Islam und Terror.

Doch es bleibt da ein Problem, das schon angedeutet wurde: Wie bewerten sie den islamistischen Griff nach der Staatsmacht? Verwerfen sie nur die Wahl der (terroristischen) Mittel, billigen aber das Ziel?

Christliche Gewaltgeschichte

Christen können solche Fragen nicht redlich stellen, ohne sich an die eigene Gewaltgeschichte zu erinnern. Die Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung von Juden bleibt auf immer eine Schande. Auf andere Weise belasten zurückliegende, verhängnisvolle Gewalttaten auch die Beziehung zwischen Christen und Muslimen bis heute. Oft scheint es, als präge die traumatische Erfahrung der Kreuzzüge unauslöschlich die muslimische Identität. Und selbst im Westen gelten sie vielen als Symptom für die Gewaltträchtigkeit des Christentums.

Nun gibt es an den Kreuzzügen nichts zu beschönigen, aber sie betrafen auch slawische Völker, jüdische Gemeinden und christliche Abweichler. Mit einem grundsätzlich antimuslimischen Hass hatten sie wenig zu tun. Die Muslime sollten nicht vergessen, dass lange vor dem ersten Kreuzzug arabisch-muslimische Heere jenes Land erobert hatten, das Christen als „Heiliges Land“ galt und gilt. Damals fiel ihnen auch die Heilige Stadt Jerusalem mit ihren vielen heiligen Stätten in die Hände.

Die Frage muss erlaubt sein, wie Muslime damals und heute auf die Einnahme Mekkas durch Christen reagieren würden. Wenn wir einen ehrlichen Dialog wollen, müssen wir uns an die Fakten halten und aufhören, sie mit zweierlei Maß zu messen. Man kann nicht das eigene ideale Selbstbild mit der wenig idealen Wirklichkeit der anderen Religion vergleichen. Man kann nicht die Kreuzzüge verdammen und die Heiligen Kriege verherrlichen.

Wille zur Wahrhaftigkeit

Der interreligiöse Dialog wird nicht von abstrakten Wesen geführt, sondern von Menschen und Gemeinschaften, die einander oft ein Übermaß an Leid zugefügt haben. Keine Religion kann sich davon freisprechen, dass in ihrem Namen Gewalt ausgeübt wurde oder wird. Die dadurch entstandene Erblast erledigt sich nicht von selbst. Es gibt Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen, schon gar nicht ohne den gemeinsamen Willen zu historischer Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Dazu gehört mehr, als sich über die Tatsachen zu verständigen, so schwer das oft auch ist. Auf der Tagesordnung aller Religionen steht die Aufgabe, in Anbetracht der Geschichte ihr Verhältnis zur Gewalt in der Gegenwart für die Zukunft zu klären.

Diese Frage reicht weit über die Problematik des Heiligen Krieges hinaus. Wie geht eine Religion mit den Menschen um, die sich von ihr abwenden? Wie mit solchen, die den Glauben verfälschen oder verspotten? Im christlichen Abendland wurden jahrhundertelang Apostasie, Ketzertum und Blasphemie mit dem Tod bedroht und geahndet. Das ist vorbei, hoffentlich für immer. Denn der wichtige Grundsatz, niemand dürfe zum Glauben gezwungen werden (vgl. Sure 2,256), kommt erst dann ganz zum Tragen, wenn er auch die Freiheit garantiert, den Glauben aufzugeben, ihn anders zu verstehen oder gar zu verachten. Es ist allein Gottes Sache, das Gewicht solcher Dinge zu beurteilen. Nur ER vermag in die Herzen der Menschen zu schauen. Wir sollten uns hüten, SEIN Gericht vorwegnehmen zu wollen.

Tatsächlich gibt es für wahrhaft Fromme keine wichtigere Sache auf der Welt als die Religion. Was sie freilich von religiösen Fanatikern trennt, ist die Tugend der Demut. Die Ehrfurcht gegenüber Gott untersagt es kategorisch, sich seine Rolle anzumaßen. ER allein ist Herr über Leben und Tod, niemand sonst. Religion besteht darin, Gott zu ehren, nicht darin, Gott zu spielen. Das sollten nicht zuletzt auch Regierungen beherzigen, die einer Religion nahezustehen meinen. Wer Gott wirklich die Ehre gibt, dem steht der Sinn weder nach Heiligen Kriegen noch nach Kreuzzügen - schon gar nicht in deren moderner Variante.

Glaube und Vernunft

Der Glaube kann, wie Papst Benedikt immer wieder hervorhebt, nicht auf die Vernunft des Menschen verzichten, sie ist ein wesentliches Element seiner Gottesebenbildlichkeit. Also muss auch das Wesen Gottes von Vernunft geprägt sein. Wer das bestreitet, landet schließlich bei einem Willkür-Gott. Gegen die Vorstellung eines absolut freien, aber gerade in seiner Freiheit willkürlich handelnden Gottes richtet sich ein gut Teil der philosophischen Religionskritik zu Beginn der Neuzeit. Führende Köpfe der Aufklärung waren vom Recht und der Notwendigkeit überzeugt, um der Würde des Menschen willen eine solche Gottesvorstellung bekämpfen zu müssen, um den Menschen auf seine eigenen Beine zu stellen. Wie anders könnte er sich gegenüber einem solchen Gott behaupten? Wie sollte der Mensch bestehen können, wenn er sich im Vollzug des Glaubens der Willkür Gottes ausliefern muss? Eine Religion, die das von ihm fordert, ist menschenunwürdig.

Insoweit wirbt der Papst aus guten, sehr guten Gründen für eine Versöhnung von Glaube und Vernunft. Aber dieses Ziel unter den Bedingungen der Neuzeit anzustrebe bedeutet unabdingbar, die untrennbare Verbindung von Freiheit und Vernunft ernst zu nehmen. Das gilt für das Verständnis Gottes ebenso wie für das Verständnis des Menschen. In dieser Sache hilft das griechische Denken wenig. Vielmehr ist die christliche Theologie von ihrem ureigenen Glaubensverständnis her der Frage nachgegangen, wie sich Gottes Vernunft mit Gottes Freiheit vereinbaren lässt. Sie hat, anders als die griechische Philosophie, Gott als Ursprung und Quell aller Freiheit verstanden und den Glauben als Befreiung. So gesehen stehen nicht die Freiheitsrechte des Menschen im Widerspruch zum Glauben, sondern deren Widersacher.

Wo bleibt die Freiheit?

Nicht nur Glaube und Vernunft gehören untrennbar zusammen, sondern Glaube, Vernunft und Freiheit. Es muss zu denken geben, dass die Gewalt, die von den meisten religiösen Fundamentalismen ausgeht, einem sehr konkreten Ziel dient: der Durchsetzung einer politischen Herrschaft, die alle modernen Freiheitsrechte beseitigt. Diesem Griff nach der Staatsmacht entgegenzuwirken, erfordert gewiss politischen Widerstand. Für die Religionen jedoch steckt darin eine theologische Herausforderung.

Wenn, wie der Papst befürchtet, viele religiöse Menschen die Moderne als eine Gefahr für ihren Glauben erfahren, dann ist es Sache der Theologie, diese Besorgnis auszuräumen. Sie kann das, wenn sie die Verteidigung der Freiheit als ein gemeinsames Anliegen von Vernunft und Glaube einsichtig macht. Das führt nicht vom Glauben weg, sondern führt in sein Zentrum, in das Gottesverständnis. In diesem Sinn hat die Vision des Papstes einen Horizont eröffnet, den es im Dialog zwischen den Religionen und im Dialog der Religionen mit der modernen Philosophie erst noch abzuschreiten gilt.

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen steht erst am Anfang. Er braucht Geduld und Vertrauen, langen Atem und offene Herzen. Um des Friedens willen gibt es keine Alternative zu ihm, auch nicht um des Glaubens willen. Man könnte leicht meinen, wir seien zum Dialog verdammt. Doch das wäre nicht einmal die halbe Wahrheit. Wir sind es zuerst und vor allem uns selbst und unserem Glauben schuldig, trotz aller bedrückenden Erfahrungen miteinander zu sprechen. Das ist es, was Gott uns zumutet, der Gott, den Christen gemeinsam mit den Muslimen den Gerechten nennen und den Barmherzigen.

Der Verfasser war Bischof von Limburg.

Quelle: F.A.Z., 02.02.2007, Nr. 28 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel