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Mensch und Natur Klimawandel ist nichts Neues

23.04.2007 ·  Die Geschichte der Erde ist auch eine Geschichte des Klimawandels. Welchen Anteil der Mensch daran hat, ist bis heute unklar. Nicht verstanden ist nach wie vor auch die Rolle des menschengemachten Kohlendioxids, meinen Dietrich Welte und Dietrich Böcker.

Von Professor Dr. Dr. h.c. Dietrich Welte und Dr. Dietrich Böcker
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Das menschengemachte Kohlendioxid (CO2) ist die Hauptursache für den beobachteten Klimawandel. So steht es in dem jüngsten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Das IPCC ist eine Gründung der World Meteorological Organisation und des United Nations Environment Programme (Unep) aus den achtziger Jahren. Ihm gehören heute mehrere hundert Wissenschaftler aus vielen Ländern der Erde an. Das IPCC ist vor allem darüber besorgt, dass die Zuwachsraten und die Konzentration des menschengemachten Kohlendioxids in der Atmosphäre noch nie so hoch gewesen seien und damit den Klimawandel deutlich verstärkten. Der Kohlendioxidgehalt der Luft hat sich im Zuge der Industrialisierung von etwa 280 ppm (Teile per Million) auf 380 ppm erhöht.

In Politik, Medien und Gesellschaft fordern nun viele einen raschen und drastischen Umbau der Energieversorgung und eine deutliche Verschärfung aller Maßnahmen, die den Wandel des Weltklimas verlangsamen. In diesem Sinne haben die EU-Staaten jüngst folgende Klimaschutzziele vereinbart: Der Anteil von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie sowie der Biomasse soll bis 2020 im EU-weiten Durchschnitt von derzeit knapp sechs Prozent der Primärenergie auf 20 Prozent steigen. Zugleich soll der Ausstoß von Treibhausgasen um 20, eventuell sogar 30 Prozent verringert werden.

Vorreiter Deutschland?

Es ist unklar, woher die EU ihre Zuversicht nimmt, dass sie diese Ziele auch erreichen kann. Zwischen 1990 und 2004 haben die (damals) 15 EU-Mitgliedstaaten den Ausstoß von Treibhausgasen entgegen allen Vereinbarungen nur um 0,9 Prozent vermindert. Die meisten Länder haben die Kohlendioxid-Emissionen in diesem Zeitraum erhöht. Großbritannien und Deutschland (minus 18 Prozent) bilden die Ausnahme. In Deutschland war das vor allem eine Folge eines Ereignisses, das sich so nicht wiederholen wird: des Zusammenbruchs der DDR-Industrie.

Die Vorreiterrolle im Klimaschutz, die deutsche Politiker gerne einnehmen, sollte daher mit Vorsicht betrachtet werden. Zudem zeigen die Kosten und die bisherigen Erfahrungen, dass viele Länder in der EU und in der Welt dem deutschen Vorbild nicht folgen wollen oder - im Fall der Entwicklungsländer - nicht folgen können. Aber gerade diese Länder werden für zwei Drittel des künftigen Zuwachses der Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich sein.

Ohne Strategie

Bedenklich stimmt aber auch, dass die Ziele der Bundesregierung zur Verminderung des Kohlendioxid-Ausstoßes und zum Ausbau sogenannter erneuerbarer Energien nicht auf einer in sich geschlossenen Energiestrategie basieren. Die letzte langfristige Energiestrategie wurde vor mehr als 20 Jahren durch das Bundeskabinett unter Bundeskanzler Schmidt (SPD) vorgelegt. Politische Entscheidungen über einen verstärkten Umbau der Energieversorgung sollten indes nicht nur eine solche Strategie voraussetzen. Unabdingbar sind auch Kenntnisse über die Ursachen des Klimawandels und seine finanziellen Folgen. Daran fehlt es zurzeit.

In der öffentlichen Diskussion wird in der Regel verschwiegen, dass das Erdklima schon immer Veränderungen unterworfen war, sogar zum Teil recht drastischen - auch vor dem Erscheinen der Menschheit. Die Paläoklimaforschung kennt sehr gut dokumentierte Wechselfolgen von Eis- und Warmzeiten. Forschungsergebnisse belegen, dass es auf der Nordhalbkugel allein in den zurückliegenden zwei Millionen Jahren mindestens 15 Eiszeiten und Zwischeneiszeiten gegeben hat.

Kleine Eiszeit

Betrachtet man einige dieser Klimawechsel im Detail, so zeigt sich, dass bei dem Auf und Ab in den letzten 400 000 Jahren zunächst die Durchschnittstemperatur stieg. Eine Erhöhung der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre war erst mit einer Verzögerung von etwa hundert Jahren zu beobachten. Vor und während der „kleinen Eiszeit“ (etwa 1600 bis 1800 nach Christus) begann der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre (im Bereich unter 300 ppm) sogar zu steigen. Während der sogenannten Dansgaard-Oeschger-Klimawechsel kam es in dem letzten Eiszeitzyklus (etwa vor 120 000 bis 11 000 Jahren) binnen weniger Dekaden mehr als 20 Mal zu abrupten Temperaturerhöhungen um etwa zehn Grad Celsius. Ein gutes Beispiel für Klimaschwankungen in jüngerer Zeit sind die Alpen. Sie waren auch in historischer Zeit schon nahezu frei von Gletschern.

Aus solchen und anderen Ereignissen ist bekannt, dass es, unbeeinflusst vom Menschen, in der jüngeren Klimageschichte Temperaturanstiege gegeben hat, die sowohl steiler als auch hinsichtlich des Temperaturniveaus höher waren als beim derzeitigen Klimawandel. Die Ursachen und das genaue Ausmaß solcher Klimaereignisse der Vergangenheit können aber bis heute nicht im Einzelnen erklärt werden. Natürliche Kohlendioxidschwankungen können als Hauptursache der abrupten Temperaturveränderungen ebensowenig wie menschliche Einflüsse ausgeschlossen werden.

Wechselwirkungen und andere komplexe Effekte

Jedes Klimageschehen wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt. Sie sind teils extraterrestrischer, teils terrestrischer Natur. Dazu gehören die schwankende Intensität der Sonneneinstrahlung und der kosmischen Strahlung, periodische Veränderungen von Umlaufparametern der Erde um die Sonne, die Verteilung von Land und Meer, Ozeanströmungen, Wolkenbildung und andere mehr. Die zeitliche Abfolge dieser Einflüsse kann sich überlagern und so zu Wechselwirkungen und anderen komplexen Effekten führen. Wesentliche Aspekte des Wettergeschehens und der Klimagestaltung werden auch heute noch nicht oder nur ungenügend verstanden. Dazu gehören die Wolkenbildung, die Wirkung von Ruß- und Staubpartikeln und die Rolle der Wolken selbst.

Eine entscheidende Größe für den Wärmetransport und die Temperaturverteilung ist der Wasserhaushalt der Atmosphäre. Durch ihn und den Energietransport von Meeresströmen wie dem Golfstrom, der sogenannten thermohalinen Zirkulation, wird das weltweite Klimageschehen maßgeblich gesteuert. Auch die thermohaline Zirkulation der Weltmeere wird nur ungenügend verstanden. Selbst hinsichtlich des Kohlenstoffkreislaufs der Erde, etwa in Bezug auf die Größe und die Wirkungsmechanismen der Kohlendioxidsenken und -quellen, gibt es immer noch offene Fragen.

Die Rolle des Kohlendioxids

Innerhalb des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs ist die Rolle des Kohlendioxids in der Atmosphäre nur schwer und bisher unzureichend zu beschreiben. Einerseits ist Kohlendioxid ein wichtiges Treibhausgas, das die Abfuhr der Wärme zurück in den Weltraum behindert und damit die Oberflächentemperatur der Erde erhöht. Es ist also ein „Klimatreiber“. Andererseits gibt es den Effekt, dass die Weltmeere als flexibler Kohlendioxidspeicher mit steigender Temperatur Kohlendioxid an die Luft abgeben. Warum die Temperatur der Meere steigt, ist indes nicht bekannt. Ebenfalls mit zunehmender Temperatur kommt es auf der Erde zu einer Verstärkung der Verbindung von organischem Kohlenstoff mit Sauerstoff (Oxidation). Auch dadurch entsteht Kohlendioxid, das somit in die Rolle eines „Mitläufers“ gerät. Diese ambivalente Rolle des Kohlendioxids, als Mitläufer oder Klimatreiber, ist bis heute schwer durchschaubar. Der auf langer geologischer Zeitskala beobachtete Zusammenhang zwischen Temperatur und Kohlendioxid-Konzentration in der Luft ist mit dieser Ambivalenz verknüpft.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Klimawandel auf der Erde ein natürliches Phänomen und nichts Neues ist. Auch abrupte Klimaänderungen, die sogar drastischer ausgefallen sind als das, was heute zu beobachten ist, sind aus der Vergangenheit wohlbekannt. Schließlich sei vermerkt, dass trotz relativ großen Wissens über das aktuelle Klimageschehen die Rolle der verschiedenen Klimafaktoren im Detail noch sehr unbestimmt ist. Auch an ein methodisches Problem sei erinnert - die Kalibrierung (Eichung) von Modellen und Simulationsrechnungen für hochkomplexe und variable Naturprozesse, insbesondere für die Simulation von Zukunftsszenarien. Alles in allem ist es nicht klar, wie sehr das menschengemachte Kohlendioxid den gegenwärtigen Klimawandel beschleunigt beziehungsweise verstärkt. Die Feststellung, das menschengemachte Kohlendioxid sei „Hauptursache für den beobachteten Klimawandel“, muss also aus Sicht der Paläoklimadaten und aufgrund von Unsicherheiten im Verständnis des gegenwärtigen Klimageschehens noch überprüft werden.

Unsicherheit und Unwissen

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die wissenschaftliche Leistung der Klimaforschung, die auf die Kohlendioxid-Problematik aufmerksam gemacht hat, muss ausdrücklich gewürdigt werden. Die politische und öffentliche Auseinandersetzung mit der Botschaft des IPCC und die Handlungsempfehlungen von Politik und Gesellschaft signalisieren jedoch viel Unsicherheit und Unwissen im Hinblick auf das untrennbar verbundene Gesamtproblem Klima und Energie. Nötig sind wohldurchdachte, realistische und bezahlbare Lösungsvorschläge zu Klimaschutz und Energieversorgung. Die sind jedoch nicht in Sicht.

Auswirkungen von Klimapolitik machen nicht an staatlichen Grenzen halt. Gleichwohl muss jedes Land selbst entscheiden, wie es unter Berücksichtigung seiner Lage und entsprechend seiner nationalen Eigenheiten eine sinnvolle Klima- und Energiepolitik entwickelt. Deutschland steht bei Klimaschutz und Energieeffizienz im Vergleich zu anderen Ländern relativ gut da. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass aufgrund einer sehr kontroversen Energiediskussion und mangels eines langfristigen Konzepts zur Versorgung mit Primärenergie in den kommenden 15 bis 20 Jahren eine Energielücke entstehen wird. Außerdem wird die deutsche Volkswirtschaft durch die schon eingeleiteten Klimaschutzmaßnahmen mit sehr hohen Abgaben und Steuern belastet. Diese staatlich veranlassten Zusatzkosten entsprechen mit circa 70 Milliarden Euro pro Jahr dem Preis, den Deutschland für die Einfuhr fossiler Energie zahlt. Durch die neuen, schärferen Klimaschutzziele der EU werden sich diese Kosten deutlich auf etwa 100 Milliarden Euro im Jahr erhöhen.

Weg von fossilen Energieträgern?

Daraus ergibt sich für Deutschland ein Klima- und Energiedilemma. Einerseits wurde mit hohem Aufwand sehr viel für den Klimaschutz getan und zugleich das globale Klimabewusstsein gestärkt. Die Politik hat es versäumt, eine Strategie zur sicheren, wirtschaftlichen und umweltverträglichen Energieversorgung zu erarbeiten.

Vielen Äußerungen zum Thema Klimawandel ist die Überzeugung gemeinsam, man müsse „weg von fossilen Energieträgern“. Nach Lage der Dinge wird das mehrere Jahrzehnte dauern. Alle seriösen Prognosen bis zum Jahr 2030 über die Struktur des globalen Energiemarktes kommen zu dem Ergebnis, dass „erneuerbare“ Energieträger bis dahin bestenfalls 15 bis 20 Prozent des Energieverbrauchs bereitstellen. Die Hauptlast der Versorgung mit Primärenergie muss also noch auf Jahrzehnte zwangsläufig durch Erdöl, Erdgas und Kohle gedeckt werden. Atomenergie, die eine gewisse Entlastung bringen könnte, soll aus politischen Gründen in Deutschland ausgeschlossen bleiben. Wie unter diesen Umständen schon bis zum Jahr 2020 in Deutschland der Kohlendioxid-Ausstoß noch einmal um 20 Prozent oder mehr gesenkt werden soll, ist völlig offen. Ebenso unklar sind die Folgen für Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze in Deutschland.

Die Belastungen für die Wirtschaft

Aufgabe deutscher Energiepolitik ist es indes, die Rahmenbedingungen für Energieversorgung und Klimapolitik so zu vereinen, dass eine Balance zwischen Verfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit entsteht. Diese Balance ist derzeit nicht zu erkennen. Ein Grund dafür ist die Zersplitterung der Energiepolitik auf zwei Bundesministerien - Umwelt- und Wirtschaftsministerium - mit unterschiedlichen Zielen. Die Frage, unter welchen Kostenbelastungen die deutsche Volkswirtschaft und der Bürger die Klimaschutzziele - noch dazu bei Verzicht auf die Kernkraft - erreichen können, bleibt offen.

Der weltweite Wettbewerb um fossile Energieträger wird in den kommenden Jahren drastisch zunehmen. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um 80 Millionen Menschen. Bevölkerungsreiche Länder wie China und Indien haben ehrgeizige Wirtschaftsziele und einen unstillbaren Hunger nach Energie. Sie kaufen schon längst weltweit Öl und Gas. Deutschland hat keine nennenswerten Ressourcen an Kohlenwasserstoffen, die vorhandenen Reserven an Erdgas werden schnell erschöpft sein. Nur die Braunkohle ist eine wirtschaftlich gewinnbare, nationale Energiereserve. Wichtige Öl- und Gas-Förderländer verwenden inzwischen ihren Rohstoffreichtum als politische Waffe. Angesichts dieser Gegebenheiten auf dem Markt für fossile Energie, der zusätzlich von politischen Unsicherheiten geprägt ist, ergibt es keinen Sinn, die Volkswirtschaft und die Bürger hierzulande durch zusätzliche Klimaschutzziele, die einseitig auf eine Kohlendioxid-Minderung zielen, weiter zu belasten.

Auf dem Weg in die Katastrophe?

Denn sollte der Ausstoß von menschengemachtem Kohlendioxid tatsächlich in eine Klimakatastrophe münden, so könnten Deutschland und Europa diese „mangels Masse“ ohnehin nicht verhindern. Deutschland hat einen Anteil von rund vier Prozent an den weltweiten Kohlendioxid-Emissionen, die dem Kyoto-Protokoll beigetretenen Staaten emittieren ein Drittel des Kohlendioxids weltweit. Der größte Teil der Welt geht bisher einen anderen Weg, beachtet die deutsche Vorreiterrolle nur mit begrenzter Aufmerksamkeit und denkt darüber nach, wie der eigene wachsende Energiebedarf gedeckt werden kann.

Erforderlich ist ein intensives Klima- und Paläoklimaforschungsprogramm, um Gewissheit über Ursachen des gegenwärtigen Klimawandels und früherer Klimawandel zu erhalten. Dann wird möglicherweise deutlich werden, dass die Änderung des Klimas nicht „bekämpft“ werden muss, sondern ein natürlicher Vorgang ist, der bewältigt werden muss. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssen sich sodann gemeinsam über eine realistische und langfristige Strategie für Klima- und Energiepolitik verständigen. Ferner müssen alle Maßnahmen zur Kohlendioxid-Verminderung einer Kosten-Nutzen-Analyse unterworfen werden. Die Wärmedämmung von Häusern, die Senkung des Energiebedarfs für individuelle Mobilität oder die Verbesserung des Wirkungsgrades von Energieanlagen hätten dann Vorrang vor dem Bau von Windrädern oder Solarfarmen. Schließlich muss der Vorsorge gegen die Auswirkungen einer Klimaveränderung mindestens so viel Aufmerksamkeit gewidmet werden wie dem Thema Kohlendioxid-Verminderung.

Aus der Kosten-Nutzen-Analyse und vielleicht auch aus ersten Ergebnissen der Forschungsprogramme wird sich eine zeitliche Staffelung der notwendigen Maßnahmen ergeben. Die deutsche und die europäische Politik sollten sich intensiv darum bemühen, mit einer größeren Rationalität und Entscheidungssicherheit den Rest der Welt zu mehr gemeinsamem Handeln zu bewegen. Vernunftgesteuerte und sachgemäße Vorsorge zur Bewältigung der Veränderungen ist die eigentliche Aufgabe der Politik. Eine vernünftige und bezahlbare Klima- und Energiepolitik sind untrennbar miteinander verbunden.

Dietrich Welte ist Emeritus für Geologie, Geochemie und Lagerstätten des Erdöls und der Kohle der RWTH Aachen.

Dietrich Böcker war Mitglied des Vorstands von RWE-Power.

Quelle: F.A.Z., 13.04.2007, Nr. 86 / Seite 8
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