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Krisenherd Naher Osten Das Albtraumszenario

05.12.2006 ·  Seit Jahren versucht der Westen, das von radikalen Islamisten regierte Iran davon abzuhalten, in den Besitz atomwaffenfähigen Urans zu gelangen. Doch was wäre, so gibt Hans Rühle zu bedenken, wenn Iran über eine zweite Nuklearoption verfügte?

Von Dr. Hans Rühle
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Seit Jahren hat die internationale Gemeinschaft Iran im Verdacht, Atomwaffen herstellen zu wollen. Und das, obwohl Iran durch seine Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag (Nonproliferation Treaty - NPT) hierauf dauerhaft verzichtet hat. Da der klassische Weg zur Atomwaffe über die Anreicherung von Uran führt, hat der UN-Sicherheitsrat dies Iran durch eine Resolution untersagt. Doch Teheran zeigt sich unbeeindruckt, beruft sich auf sein „unveräußerliches Recht“ der zivilen Nutzung der Kernenergie und reichert weiterhin Uran an - wenn auch angeblich nur in kleinen Mengen. Dementsprechend weist Iran auch nach wie vor alle Angebote der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates und Deutschlands zurück, über Verzicht oder auch nur Aussetzung der Anreicherung ernsthaft zu verhandeln.

Würde es der Staatengemeinschaft tatsächlich gelingen, Iran dauerhaft die Anreicherung von Uran zu verwehren, so wäre das ein beträchtlicher Fortschritt. Denn aus dem bisherigen Verhalten Irans ergibt sich zweifelsfrei, daß das Mullah-Regime schon seit zwanzig Jahren zielstrebig die Option verfolgt, sich waffenfähiges Uran über den herkömmlichen Weg der Anreicherung in Zentrifugen zu beschaffen. Nimmt man ihm folglich diese Option, so die weitverbreitete Annahme, dann wäre Teheran der Weg zur Bombe versperrt.

Option Plutoniumbombe

Doch was wäre, wenn Iran einen ganz anderen Weg zur Nuklearwaffe beschreiten würde, als der Westen ihm gegenwärtig unterstellt? Was wäre, wenn Teheran auf die Plutoniumbombe setzte und damit die Anreicherungsproblematik schlicht umginge? Diese Möglichkeit existiert durchaus.

Zum einen läßt sich auch durch den Betrieb eines auf der Basis von Roh-Uran arbeitenden Schwerwasserreaktors, wie ihn Iran in Arak bis 2009 fertigstellen will, waffenfähiges Plutonium gewinnen - allerdings wäre die Ausbeute gering. Ganz anders verhält es sich hingegen mit einer zweiten Möglichkeit, die der amerikanische UN-Botschafter John Bolton schon vor zwei Jahren eindringlich beschrieben hat: „Eine andere Quelle für waffenfähiges Plutonium ist der Leichtwasserreaktor von Buschehr, der gegenwärtig im Bau ist. Dieser Reaktor wird von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) überwacht. Rußland hat zugestimmt, den Reaktor mit Brennstoff zu versorgen. Darüber hinaus verhandeln Rußland und Iran über ein Abkommen zur Rückführung der verbrauchten Brennelemente nach Rußland. Sollte Iran jedoch aus dem Atomwaffensperrvertrag austreten und sein Abkommen mit Rußland kündigen, würde der Reaktor genug Plutonium für jährlich etwa 30 Nuklearwaffen produzieren.“

Das klassische „Ausbruchsszenario“

Das wäre ein Albtraum - das klassische „Ausbruchsszenario“ eines Staates, der im Ringen um seine Nuklearbewaffnung alles auf eine Karte setzt. Warum aber spielt dieses Szenario in der Diskussion über die nuklearen Ambitionen Irans bisher keine Rolle? Die Antwort ist ebenso einfach wie besorgniserregend. Die Plutonium-Option durch Leichtwasserreaktoren wird nicht umfassend erörtert, weil sie eine Reihe liebgewonnener Mythen in Frage stellt, die der Westen aus eigennützigen Gründen selbst geschaffen hat.

Der zentrale Mythos, verbreitet bis weit hinein in die populärwissenschaftliche Literatur, lautet: Leichtwasserreaktoren sind faktisch „proliferationsresistent“, weil das im Normalbetrieb anfallende Plutonium für den Bau von Atomwaffen ungeeignet ist. Begründet wird letzteres mit dem großen technischen und finanziellen Aufwand, über ein notwendiges Isotopen-Trennverfahren das durch das tendenziell instabile Plutonium-240 verunreinigte Reaktorplutonium in waffenfähiges Plutonium-239 zu verwandeln. Doch das ist falsch. Schon seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts steht fest, daß Reaktorplutonium für Nuklearwaffen aufbereitet werden kann - ohne Isotopen-Trennverfahren, nur durch die ungleich einfachere chemische Separation. Der Beweis hierfür war schon 1962 durch einen unterirdischen Atomtest in Amerika erbracht worden, bei dem das üblicherweise verwendete waffenfähige Plutonium durch erheblich verunreinigtes Plutonium ersetzt worden war. Der Test war erfolgreich.

Graduell, nicht prinzipiell

Bestätigt wird all dies durch die tatsächliche Konfiguration des amerikanischen Nuklearwaffenpotentials. Zwar wurde für die erste Plutoniumbombe 1945 fast reines Plutonium-239 verwendet. Doch schon in den siebziger Jahren waren im amerikanischen Arsenal reichlich Waffen, die eine Verunreinigung mit Plutonium-240 von acht Prozent aufwiesen. General Groves, einer der Verantwortlichen des Manhattan-Projekts, schrieb schon damals, daß angesichts der begrenzten Ressourcen und eines steigenden Bedarfs an Atomwaffen die Vereinigten Staaten dazu übergehen müßten, Plutonium mit einem Verunreinigungsgrad von 12 bis 20 Prozent zu verwenden.

Das bedeutet, alles in allem, daß der Unterschied zwischen normal verunreinigtem Reaktorplutonium und dem als waffenfähig bezeichneten Plutonium-239 hinsichtlich einer möglichen Verwendung in Nuklearwaffen graduell und nicht prinzipiell ist. Schon deshalb ist die Aussage irreführend, Leichtwasserreaktoren seien faktisch proliferationsresistent. Der Reaktor in Buschehr wird im Normalbetrieb 250 Kilogramm verunreinigtes Plutonium im Jahr produzieren. Dieses Plutonium ist nach chemischer Separation für den Bau von Atomwaffen geeignet - für 30 bis 40 im Jahr. Daß die Sprengkraft eines aus verunreinigtem Plutonium hergestellten Gefechtskopfes vorher nicht genau kalkuliert werden kann, ist kein ernsthaftes Gegenargument. Ob der Gefechtskopf einer Nuklearwaffe 10 oder 15 Kilotonnen TNT beträgt - und um solche Größenordnungen handelt es sich -, fällt nicht ins Gewicht.

Mythos Leichtwasserreaktor

Wie aber konnte es dann überhaupt zum Mythos vom „proliferationsresistenten Leichtwasserreaktor“ kommen? In der hoffnungsvollen Frühphase „Atome für den Frieden“ hatte man zwar gewisse Risiken des Leichtwasserreaktors eingestanden; doch die Möglichkeit, durch diesen Reaktortyp den steigenden Energiebedarf dauerhaft, preiswert und sauber befriedigen zu können, ließ die problematische Seite dieser Lösung in den Hintergrund treten. Hinzu aber kam, daß die schnell wachsende Reaktorindustrie ihr Produkt um so besser vermarkten konnte, je geringer die Aussicht auf seine militärische Nutzbarkeit war. Daher wurde seit Beginn der Diskussion stereotyp verkündet, der Leichtwasserreaktor sei „proliferationsresistent“, da sein Endprodukt, verunreinigtes Plutonium, nicht waffenfähig sei.

Ein iranisches Albtraumszenario bezieht sich jedoch nicht nur auf die mögliche Verwendung von erheblich verunreinigtem Plutonium, wie es beim Normalbetrieb eines Leichtwasserreaktors anfällt. Es geht auch - und vor allem - um die Möglichkeit, durch nicht „normalen“ Betrieb schneller und in großem Stil nur gering verunreinigtes Plutonium-239 zu erzeugen. Ist ein Leichtwasserreaktor auf maximale Energieproduktion eingestellt - wird er also wirtschaftlich betrieben -, bleiben die Brennelemente bis zu 60 Monate im Reaktor. Entnimmt man jedoch die Brennelemente bereits nach wenigen Monaten, ist die Verunreinigung gering und das Endprodukt nur leicht verunreinigtes Plutonium-239. Ein eher zufälliges Ereignis hat hierfür den Praxistest erbracht. In den siebziger Jahren mußte eine britische Firma einen Reaktor vorzeitig herunterfahren. Das Ergebnis: rund 450 Kilogramm Plutonium mit einem Verunreinigungsgrad von nur fünf bis zehn Prozent - waffenfähiges Plutonium für etwa 70 Bomben.

Unwirtschaftlich, aber effektiv

Natürlich ist die vorzeitige Entnahme von nur schwach verunreinigtem Plutonium unwirtschaftlich, da ein ständiger Bedarf an neuen teuren Brennelementen besteht. Wenn allerdings ein Staat bereit ist, den Nachteil eines kostenträchtigen Betriebs seines Leichtwasserreaktors in Kauf zu nehmen, dann läßt sich in relativ kurzer Zeit die wichtigste Voraussetzung für den Bau einer Atomwaffe schaffen: waffenfähiges Plutonium in erheblichen Mengen.

Man wird in diesem Zusammenhang schwerlich argumentieren können, daß Iran sich den unökonomischen Betrieb der Reaktors in Buschehr nicht leisten könne; der Reaktor ist so ausgelegt, daß er im Vollbetrieb etwa drei Prozent des iranischen Bedarfs an Elektrizität liefern kann. Im übrigen ist für einen Staat, der mit aller Macht und unter Inkaufnahme größter politischer Risiken seine militärische Nuklearisierung betreibt, der unwirtschaftliche Betrieb eines Reaktors eine Bagatelle.

Für Iran ergäbe sich daraus: Nach dem Beginn des Reaktorbetriebs in Buschehr verblieben die Brennelemente nur 12 bis 15 Monate im Reaktor. Dann würden sie entnommen, das Plutonium chemisch separiert und anschließend in Metall umgewandelt. Für die chemische Separation und die Konversion wären drei bis vier Monate ausreichend. So betrachtet würde Iran in weniger als zwei Jahren über 300 Kilogramm waffenfähiges Plutonium (mit einem Verunreinigungsgrad von nur 15 Prozent) verfügen - genug für 40 bis 50 Bomben. Sollte es Iran noch eiliger haben und auch qualitativ noch hochwertigeres Plutonium gewinnen wollen, könnte der Reaktor zum Beispiel schon nach acht Monaten heruntergefahren werden. Das Ergebnis für Buschehr: 150 Kilogramm Plutonium mit einem Verunreinigungsgrad von nur zehn Prozent - ausreichend für etwa 25 Nuklearwaffen.

Voraussetzung hierfür wäre allerdings, daß der Reaktor in Buschehr in Betrieb geht. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge soll das im Herbst 2007 der Fall sein. Offenbar haben sich Rußland und Iran Ende September über die bisher strittige Rückführung abgebrannter Brennelemente geeinigt - wie auch immer; der Text des Vertrags ist öffentlich nicht zugänglich. Schon im Frühjahr 2007 wird Rußland daher 80 Tonnen Brennelemente liefern.

Zwei Einwände

Natürlich gibt es gegen dieses Albtraumszenario Einwände. So wird darauf hingewiesen, daß Iran bisher über keine Anlage zur chemischen Separierung von Plutonium verfügt. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß eine entsprechende Anlage sehr schwer zu entdecken ist. Designstudien, die seit 1977 in Amerika gemacht wurden, kommen zu dem Ergebnis, daß eine Anlage zur chemischen Separation von Plutonium in einem kleinen Gebäude untergebracht werden und nach einer Bauzeit von sechs Monaten täglich fünf Kilogramm Plutonium produzieren könnte. Wenn daher bislang keine solche Anlage entdeckt wurde, bedeutet das gar nichts. Wenn sie gebraucht werden sollte, könnte sie kurzfristig gebaut werden. Die Vorbereitungen hierfür sind in jedem Fall getroffen. Seit Jahren kauft Iran nachweislich weltweit Materialien auf, die nur in Anlagen zur chemischen Separation von Plutonium Verwendung finden können.

Ein weiterer Einwand ergibt sich aus den Zweifeln, ob Iran in der Lage wäre, die sehr komplizierte Konstruktion eines aus Plutonium gefertigten Implosionssprengkörpers zu bewältigen. Niemand kann hierzu Verbindliches sagen. Man sollte sich jedoch daran erinnern, daß Iran seit der Zeit des Schahs Tausende junger Atomwissenschaftler im Ausland ausbilden ließ. Spätestens zu Beginn der siebziger Jahre hat Iran die Planungen eines Schwerwasserreaktors begonnen und sich damit notwendigerweise auch mit der Verwertung des Endprodukts Plutonium intensiv befaßt.

Konkursmasse Sowjetunion

Entscheidend dürfte aber sein, daß es Iran nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wohl gelungen ist, Spezialisten für den Bombenbau in Rußland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu rekrutieren. Der Preis dürfte hierbei keine Rolle gespielt haben. Schon 1992 meldete ein westlicher Geheimdienst, Iran habe aus der „Konkursmasse“ der ehemaligen Sowjetunion vierzehn Atomfachleute verpflichtet. Heute arbeiten in Iran weit mehr als tausend Nuklearspezialisten - Russen, Chinesen, Nordkoreaner und möglicherweise auch Südafrikaner. Viele davon beansprucht Buschehr, sie sitzen aber auch in fast allen Labors, Forschungsanlagen und einschlägigen Spezialbetrieben.

Dennoch: Es könnte sein, daß Iran gegenwärtig und in absehbarer Zeit nicht in der Lage ist beziehungsweise sein wird, die Herstellung einer Plutoniumbombe zu bewältigen. Was aber, wenn doch? Die Geschichte der Atomwaffen steckt voller Überraschungen - üblicherweise negativen. Im übrigen wird Iran den Ausbruch aus dem gegenwärtigen Nichtverbreitungssystem durch die vorzeitige Entnahme waffenfähigen Plutoniums nicht in Szene setzen, solange es den Bau eines nuklearen Sprengkörpers nicht mit Aussicht auf Erfolg angehen kann.

Natürlich würde eine vorzeitige Unterbrechung des üblichen Betriebs eines Leichtwasserreaktors bemerkt werden. Doch das ist ohne Belang. Ein Staat, der das Ausbruchsszenario wählt, braucht darauf keine Rücksicht mehr zu nehmen. Dabei ist noch nicht einmal sicher, ob ihn der Ausbruch dauerhaft beschädigen würde. Im vorliegenden Fall dürften Rußland und China wenig Neigung verspüren, auf den wichtigen Handelspartner und Öllieferanten Iran zu verzichten. Im übrigen beweist das Beispiel der neuen Politik Washingtons gegenüber Indien, daß nuklearen Sündern sogar auf lukrative Weise vergeben werden kann.

Operation Zeitgewinn

Vor diesem Hintergrund einer separaten nuklearen Option auf der Basis vorzeitig entnommener Brennelemente aus dem Reaktor von Buschehr wird deutlich, daß die gegenwärtige Diskussion, die das Risiko ausschließlich in der Anreicherung von Uran durch Iran sieht, zu kurz greift. Denn das schwach angereicherte Uran, das zum Betrieb von Buschehr erforderlich ist, erhält Iran ohnehin von Rußland. Hinzu kommt, daß selbst eine Aussetzung der Anreicherung durch Iran sich nur auf die der IAEA notifizierten Anlagen beziehen würde, das heißt konkret auf die Forschungsanlage von Natanz, deren Kapazität bei rund 1000 Zentrifugen liegt. Die Anreicherung in den von fast allen einschlägigen Experten inzwischen vermuteten - noch - geheimen Anlagen würde dagegen weiterlaufen.

Die „Operation Zeitgewinn“, die sich dem Verhalten Irans unschwer entnehmen läßt, ist daher durchaus rational. Einerseits versetzt sie Iran in die Lage, möglichst viel Uran - offen und geheim - anzureichern, um die Uranbombe realisieren zu können. Andererseits verkürzt sie die Zeit bis zum Hochfahren des Reaktors in Buschehr - die Voraussetzung für die vergleichsweise kurzfristige Produktion einer zweistelligen Zahl von Nuklearwaffen auf Plutoniumbasis. Es steht fest, daß Iran dieses Szenario als Teil seiner nuklearen Gesamtplanung sieht. Anderenfalls wäre es unsinnig, daß Iran sich in den Verhandlungen mit Rußland jahrelang beharrlich geweigert hat, die abgebrannten Brennelemente nach Rußland zurückzuschicken.

Nicht ohne Grund hat der UN-Sicherheitsrat in seiner Resolution 1696 vom 31. August 2006 Iran nicht nur aufgefordert, die Anreicherung von Uran sofort auszusetzen, sondern auch - was vielfach übersehen wurde - alle Wiederaufarbeitungsaktivitäten vorläufig zu unterlassen. Das läßt zwar erkennen, daß zumindest in Washington ein Problembewußtsein hinsichtlich der anstehenden Inbetriebnahme des Reaktors von Buschehr besteht; allen Beteiligten ist aber klar, daß eine „Zweckentfremdung“ der Brennelemente von Buschehr durch Iran de facto nicht verhindert werden könnte.

Der Verfasser war Ministerialdirektor im Bundesministerium der Verteidigung.

Quelle: F.A.Z., 05.12.2006, Nr. 283 / Seite 8
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