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Attentat auf Adenauer Im Auftrag des Gewissens

12.06.2006 ·  Am 27. März 1952 explodierte im Münchner Polizeipräsidium eine Paketbombe. Sie war an Bundeskanzler Adenauer adressiert. Die Ermittler kamen den Tätern schnell auf die Spur. Einer der fünf Israelis nannte später auch den Namen des Auftraggebers, Organisators und Geldbeschaffers: Menachem Begin.

Von Henning Sietz
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Anfang April 1952 nahm die französische Polizei in Paris fünf Israelis fest. Sie standen im Verdacht, an dem Attentat auf Bundeskanzler Konrad Adenauer am 27. März 1952 in München beteiligt gewesen zu sein. Die Tageszeitung „France Soir“ veröffentlichte am 5. April ihre Namen: Jakow Farshtej, Hermann Fekler, Itzchak Preger, Elieser Sudit und Elieser Shostak. Mit Ausnahme Feklers waren die Israelis ehemalige Aktivisten des Irgun Zwai Leumi oder Mitglieder der Partei Cheruth. Da man ihnen aber nichts nachweisen konnte, wurden vier von ihnen ausgewiesen. Doch der fünfte Israeli - bei ihm hatte die Polizei Waffen gefunden - wurde in Untersuchungshaft genommen. Sein Name: Elieser Sudit.

Mehr als vierzig Jahre nach diesen Ereignissen schrieb sich Sudit den Albtraum seiner Haftzeit in Paris von der Seele. In seinem Anfang der neunziger Jahre verfaßten Bericht erzählt er ohne Umschweife, warum er nach Paris gekommen war: Er wollte die Ehre des jüdischen Volkes retten. Mit Bomben. Stolz bekennt sich Sudit dazu, Urheber und Haupttäter des Anschlags auf Konrad Adenauer gewesen zu sein. Seiner in hebräisch verfaßten Schrift gab er den Titel „Im Auftrag des Gewissens“ und ließ sie 1994 im Umfang von 146 Seiten im Eigenverlag drucken. Sie hat keine Internationale Standard-Buchnummer (ISBN) und ist in keiner Bibliothek nachweisbar. Sie wäre wohl nie entdeckt worden, hätte es nicht jenen Anrufer gegeben, der das Buch „Attentat auf Adenauer“ gelesen hatte und sich vage an Sudits Schrift erinnern konnte. Er versprach, sie zu suchen. Drei Wochen später lag sie im Briefkasten.

„Im Auftrag des Gewissens“ ist in einem pathetischen Stil geschrieben, wie fast alle Erinnerungen der Etzel-Aktivisten. Doch in einem Punkt geht das Buch über das Genre hinaus: Es enthüllt ein altes Geheimnis, über das Sudits Mitstreiter von der „Nationalen Militärorganisation“ - so die Übersetzung von „Irgun Zwai Leumi“ - schwiegen bis ins Grab. Das Attentat auf Konrad Adenauer war ein Tabu, darüber wurde nicht geredet. Bezeichnend ist das Jahr der Veröffentlichung - 1994. Menachem Begin, der von Sudit bis zuletzt hochverehrte „Kommandant“ des Etzel, war im März 1992 gestorben; erst nach dessen Tod fühlte er sich berechtigt, Begins Täterschaft und die Umstände des Attentats einem kleinen Kreis von Kampfgefährten und Freunden mitzuteilen.

Die Vorgeschichte: Im September 1951 erklärte Konrad Adenauer im Bundestag die Bereitschaft der Bundesregierung „zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung“ gegenüber den Juden. Eine Einigung mit Israel sollte die Integration Deutschlands in das System der Westmächte und die Wiedergewinnung der politischen Souveränität des Landes erleichtern. Zu dieser Zeit drohte dem jungen Staat Israel der Bankrott, da die Integration Hunderttausender Einwanderer aus Europa die Wirtschaft lähmte. So blieb Ministerpräsident David Ben Gurion nichts anderes übrig, als von Deutschland Geld zu fordern. Sein stärkster innenpolitischer Gegner war die rechtszionistische Cherut-Partei, deren Vorsitzender Menachem Begin jede finanzielle Leistung Deutschlands als „Blutgeld“ des „Mördervolkes“ brandmarkte. Am 7. Januar 1952 rief Begin in einer Rede auf dem Zionsplatz in Jerusalem seinen Anhängern entgegen: „Das wird ein Krieg auf Leben und Tod. Es gibt keinen Deutschen, der nicht unsere Väter ermordet hat. Adenauer ist ein Mörder. Jeder Deutsche ist ein Mörder.“ Kurz darauf versuchten Tausende Anhänger der Cherut, die Knesset zu stürmen. Das Land stand am Rand eines Bürgerkriegs.

Unter diesen Vorzeichen sollten am 21. März 1952 in Wassenaar bei Den Haag die deutsch-israelischen Verhandlungen beginnen. Sudit beschloß, ein Zeichen des Protestes gegen das „Blutgeld“ aus Deutschland zu setzen. Ein Symbol des Zorns sollte der Weltöffentlichkeit zeigen, daß nicht alle Israelis das Geld des „Mördervolkes“ gutheißen würden.

Sudit hatte unter den Veteranen des Irgun Zwai Leumi einen guten Namen. Während der Mandatszeit hatte er gegen die Briten gekämpft und sich als Bomben- und Sprengstoffspezialist ausgezeichnet. Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, konnte aber 1947 bei einem Massenausbruch aus dem Gefängnis in Akkon entfliehen.

Im Frühjahr 1952 nahm er Kontakt mit Menachem Begin auf, seinem verehrten „Kommandanten“, der wegen der Shilumim-Verhandlungen sehr aufgebracht gewesen sei, wie Sudit schreibt. Begin wollte das Abkommen unter allen Umständen verhindern. „Er war sogar zu einer symbolischen Tat bereit, die unseren Zorn ausdrücken sollte, auch wenn wir nicht imstande sein sollten, das Abkommen zu verhindern.“ Wichtig sei nur, daß es auf diese Schande überhaupt eine Reaktion gebe.

Sudit brachte sich selbst als Attentäter ins Spiel, und Begin stimmte zu. „Ich war Bombenkonstrukteur im Irgun Zwai Leumi, seit ich 14 Jahre alt war, und hatte als Sprengstoffexperte im Bergbaubetrieb Itzchak Sadeh in Beit Nebala in Israel gearbeitet“, schreibt Sudit selbstbewußt. „Ich hatte kein Problem, an Sprengstoffe und Sprengkapseln heranzukommen.“ Begin organisierte ein Treffen Sudits mit den Knesset-Abgeordneten Jochanan Bader und Chaim Landau sowie mit Abba Scherzer, der eine Zeitlang Chef des Etzel-Nachrichtendienstes „Delek“ gewesen war. Auf der Sitzung dieses Organisationskomitees wurde vereinbart, „daß ich ins Ausland fahre und dort Briefbomben an die Mitglieder der deutschen Delegation für die Shilumim-Verhandlungen sowie eine Buchbombe an den deutschen Bundeskanzler verschicken würde“, schreibt Sudit. Ausgangsbasis sollte Paris sein, das ehemalige Zentrum des Irgun Zwai Leumi in Europa. Daß die Postsendungen ihr Ziel nicht erreichen würden, war allen Beteiligten klar. Aber man wollte „das Gewissen der Welt aufrütteln“. Nach der Tat sollte eine (nicht existierende) „Organisation Jüdischer Partisanen“ in einem Selbstbezichtigungsschreiben die Verantwortung für die Bombensendungen übernehmen, „um das Blut von Millionen Juden zu rächen, die durch Deutschland umgebracht worden waren“. Als Partner gewann Sudit einen Jugendfreund, der für den Etzel mehrere Jahre in Europa tätig gewesen war: Jakow Hewel, auch bekannt als „Lutan“, der später unter dem Namen Dan Nimrod in Kanada lebte.

Das größte Problem der geplanten „Aktion“ war die Finanzierung. Abba Scherzer berichtete Sudit, daß Begin seine goldene, mit einer Widmung versehene Uhr spenden wolle, um die Anschläge zu finanzieren - zumindest so lange, bis das benötigte Geld von Freunden im Ausland beschafft werden könne. Scherzer wollte das vermeiden und trieb 300 Lira auf, die für das Flugticket nach Paris reichten, wo Sudit auf seiner Reise nach Kolumbien einen längeren Zwischenaufenthalt einlegen sollte - ein kolumbianisches Visum diente als Tarnung. Da man knapp bei Kasse war, würde Jakow Hewel später selbständig nach Paris reisen. Sudit sollte in Paris Kontakt zu Etzel-Veteranen aufnehmen, die Bomben bauen, die Postsendungen vorbereiten - und auf Hewel warten.

Vor Sudits Abreise traf sich das Organisationskomitee ein letztes Mal. Menachem Begin, Jochanan Bader, Chaim Landau und Abba Scherzer legten fest, daß Jona Preger, der Repräsentant der revisionistischen Jugendorganisation Betar in Frankreich, Sudit unterstützen solle. Überdies würde Landau auf seinem Weg in die Vereinigten Staaten Sudit die Adressenaufkleber für die Bombensendungen übergeben, dazu die Briefe der „Organisation Jüdischer Partisanen“, die für die Nachrichtenagenturen bestimmt waren. Anschließend solle Landau in den Vereinigten Staaten für die „Aktion“ Geld auftreiben. Kurz darauf konnte Menachem Begin noch tausend Dollar beschaffen, die Sudit jedoch erst in der Schweiz erhalten sollte. Der Chef der Cherut-Partei gab ihm einen Zettel mit, den er dort als Berechtigung vorzeigen mußte.

Sudit bereitete die Abreise vor. Sprengstoff-Utensilien zu verpacken war eine Familienangelegenheit, wobei ihm seine Frau Dror und seine Schwägerin Na'ama halfen. „Die normalen Sprengkapseln verbargen sie in Zigarren, die elektrischen Sprengzünder steckten sie in Zigarrenhülsen, die sie in eine Zigarrenkiste legten.“ Den granulatartigen Sprengstoff TNT füllte seine Schwägerin, eine Laborantin, in zwei braune Flaschen eines Asthma-Medikaments, das TNT äußerlich ähnelte. Konstruktionspläne brauchte Sudit nicht: Wie man Bomben baute, hatte er im Kopf.

In Paris weihte Sudit Jona Preger in den Plan ein. Preger, der bereits Mitte Januar 1952 in anderer Angelegenheit nach Frankreich gekommen war, erklärte sich bereit, ihn zu unterstützen. Zunächst lieh er Sudit Geld, bis die tausend Dollar aus der Schweiz eintreffen würden. Daraufhin bereitete Sudit den Bau der Bomben vor. In der Passage des „Hotel de Ville“ erwarb er Batterien, Glühlämpchen, Umschläge und ein Buch. Dieses Buch sollte vor allem dick sein - zu dick für einen Briefkasten, so daß man es persönlich auf die Post bringen mußte. Er wählte den „Brockhaus“ aus, Buchstaben L bis Z - sein erster Fehler. Auf den Gedanken, daß kaum jemand Konrad Adenauer den zweiten Band eines Lexikons schicken würde, kam er nicht.

Alles in allem bestätigen seine Angaben die späteren Ermittlungsergebnisse der Münchner Kriminaltechniker, wonach die Bombe in Frankreich gebaut worden war. Eines der wichtigsten Indizien dafür waren die Batterien und der Lötzinn - französische Erzeugnisse. Eingehend beschreibt Sudit, wie er in seinem Hotelzimmer das Lexikon ausschachtete, um Platz für die Sprenganlage zu schaffen. Er mußte improvisieren: Die Spiralfeder für einen der beiden Selbstauslöser entnahm er der Matratze in seinem Zimmer. Als der Bomben-Brockhaus endlich im Pappschuber steckte, zog er die beiden Sicherungsdrähte heraus. Damit war die Bombe scharf. Anschließend machte Sudit sich an den Bau der wesentlich kleineren Briefbomben, die dem deutschen Delegationsleiter in Wassenaar zugedacht waren.

Der Bau der Bomben war für Sudit Routine. Probleme machten die Personen. Preger brachte Sudit mit einem Mann zusammen, der möglicherweise die in der Schweiz bereitliegenden tausend Dollar holen konnte. Er sei einer der Etzel-Kommandanten in Europa gewesen und im März 1952 viel in Europa gereist, schreibt Sudit, ohne seinen Namen zu nennen. Der Unbekannte sprach sich vehement gegen das Attentat aus, erklärte sich aber bereit, das Geld zu holen. Von der Schweiz machte er einen Abstecher nach Italien, wo er mit Arieh Ben Elieser, einem der engsten Mitarbeiter Begins, über das Attentat sprach. Nach seiner Rückkehr lieferte er nur fünfhundert Dollar ab, mit dem Rest des Betrages hatte er die Reise nach Italien finanziert. „Darum hatte ihn niemand gebeten“, schreibt Sudit verbittert. Der fehlende Geldbetrag sollte ihm später zum Verhängnis werden.

Sudit ließ sich nicht entmutigen. Inzwischen waren die Adressenaufkleber für die Bombensendungen sowie die Briefe an die Nachrichtenagenturen eingetroffen, die Landau vorbereitet hatte. Mit den Adressen hatte es Landau nicht so genau genommen: „An dem Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, Bundeshaus, Bonn“ hatte er geschrieben. Doch im Bundeshaus saßen die Abgeordneten, Adenauers Dienstsitz war das Palais Schaumburg. Sudit, der kaum Deutsch sprach, bemerkte den Fehler nicht.

Jakow Hewel traf verspätet in Paris ein. Gemeinsam legten sie nun fest, daß Hewel zunächst nach Österreich reisen werde, um von dort mit Hilfe eines ortskundigen Freundes nach München zu fahren. Auf demselben Weg sollte er zurückkommen. Mit dem Bomben-Brockhaus im Gepäck machte er sich auf den Weg. Welche Route er nach München nahm und ob Hewel mit jenem „Mario Mirelli“ identisch ist, der das Paket am Münchner Hauptbahnhof den beiden Buben übergab, die es auf der Leopoldpost in Schwabing aufgeben sollten, erwähnt Sudit nicht - ebensowenig, wer die Briefbomben nach Holland brachte.

Noch bevor Hewel nach Paris zurückgekehrt war, berichteten die Zeitungen über den Attentatsversuch auf Adenauer. Hewel wollte Frankreich sofort wieder verlassen, doch Sudit konnte nicht fliehen, ihm war das Geld ausgegangen. Jetzt rächte es sich, daß er den falschen Boten nach der Kriegskasse geschickt hatte. Notgedrungen mußte er nun auf das Geld warten, das Chaim Landau in den Vereinigten Staaten beschaffen sollte. In dieser Lage traf die Nachricht ein, daß die französische Polizei den Knesset-Abgeordneten Elieser Shostak festgenommen hatte. Jona Preger wurde unruhig: Im „Club Betar“ in der Rue de Lancry waren noch Pistolen und Munition aus der Zeit versteckt, da der Etzel in Europa Waffen für den Unabhängigkeitskrieg in Palästina gesammelt hatte. Unter keinen Umständen durfte die Polizei davon erfahren. Gemeinsam hoben sie nachts das Arsenal aus, schleppten die Waffen über den Place de la Republique und versenkten sie im Canal Saint-Martin. Aus unerfindlichen Gründen nahm Sudit eine Tasche mit einigen Pistolen und Munition mit in sein Hotel und versteckte sie unter der Matratze seines Bettes. Am nächsten Morgen wollte er auch den Rest loswerden. Ein schwerer Fehler, wie sich zeigte.

Am folgenden Tag wendete sich das Blatt. Sudit war mit Preger verabredet, doch der kam nicht. Zufällig beobachtete er bei der Rückkehr in sein Hotel, wie sich zwei Männer vom Portier seinen Zimmerschlüssel zeigen ließen. Sudit machte, daß er fortkam. Als er Preger anrief und mit dessen Sekretärin hebräisch sprach, wurde das Gespräch sofort unterbrochen. Dann warnte er Hewel und forderte ihn auf, das Hotel sofort zu verlassen. „Unsere Lage war heikel.“

Sudits unüberlegtes Verhalten zeigt, wie dilettantisch das Attentat auf Adenauer geplant war. Er hatte gegen den wichtigsten Grundsatz eines Kommandounternehmens verstoßen - nur die Arbeit zu erledigen und unauffällig zu verschwinden. In seinem Hotelzimmer lagen Waffen, die mit seinem Auftrag nichts zu tun hatten; fliehen konnte er nicht, weil er kein Geld hatte. Immerhin hatte er das Werkzeug und die Materialien für den Bau der Bomben beiseite geschafft.

Nach einer Nacht, die er im Freien verbrachte, verabredete sich Sudit am nächsten Tag mit Hewel an einem sicheren Ort. Sein Partner brachte den geschäftstüchtigen Geldboten mit - ein Freund Hewels, wie sich zeigte. „Er behauptete, er könne für uns kanadische Pässe für tausend Dollar beschaffen, mit denen man Paris mit dem Zug verlassen könne.“ Sudit nennt den Namen auch diesmal nicht, doch es ist erkennbar, um wen es sich handelte: Der Geschäftsmann war kein anderer als Jakow Farshtej, einer der engsten Kampfgefährten Menachem Begins, der bis 1948/49 die zweite Front des Etzel in Europa geleitet hatte und später unter dem Namen Eli Tavin in Israel lebte.

Seine Rolle beim Attentat war mehr als zwiespältig: Er war Mitwisser, er lehnte das Attentat ab, er beschaffte Geld in der Schweiz und zweigte einen Teil der Kriegskasse für sich ab. Am Ende bot er sich als Fluchthelfer an. Alles in allem ist das kein Ruhmesblatt.

Hewel ging auf Farshtejs Angebot ein, doch Sudit mußte ablehnen, er hatte kein Geld. Auf diese Weise konnte Hewel, nach dem die französiche Polizei inzwischen ebenfalls fahndete, Frankreich verlassen und nach Israel zurückkehren. Farshtej blieb - und wurde kurz darauf festgenommen.

Insgesamt zwei Tage lief Sudit ziellos durch die Straßen von Paris. Es war die einsamste Zeit seines Lebens. Erschöpft und durchgefroren kehrte er schließlich zu seinem Hotel zurück, wo französische Kriminalbeamte ihn festnahmen. Im Verhör verteidigte er sich geschickt, doch sank sein Mut, als er bemerkte, daß Israel die französischen Behörden genau über ihn informiert hatte. Nachdem die Polizei in seinem Hotelzimmer die Waffen entdeckt hatte, wurde seine Lage prekär. In letzter Minute gelang es ihm, mit einem Trick belastende Dokumente zu vernichten. Eine Beteiligung am Attentat konnten ihm die französischen Beamten daher nicht nachweisen. Am 1. Juli 1952 wurde Sudit zu vier Monaten Haft verurteilt. Über die Gerichtsverhandlung berichtete ein Korrespondent der jüdischen Zeitung „Yediot Ahronot“, der später weltberühmt werden sollte: Eli Wiesel, der Friedensnobelpreisträger von 1986. Da die Untersuchungshaft angerechnet wurde, war Sudit wenige Tage nach der Verhandlung wieder frei.

Der Widerstand gegen das deutsch-israelische Abkommen war damit keineswegs zusammengebrochen. Es ist in Deutschland kaum bekannt, wie zäh die Cherut gegen den Shilumim kämpfte. So unternahm Begin im Mai 1952 eine Reise nach Paris - sein Abgesandter Sudit saß damals noch in Untersuchungshaft -, um die öffentliche Meinung gegen die Zahlungsverhandlungen mit Deutschland zu mobilisieren und einen Boykott gegen deutsche Erzeugnisse zu organisieren. In den Vereinigten Staaten setzte er die Kampagne fort. Im Oktober 1952 marschierte der ehemalige Etzel-Aktivist Dov Shilansky mit einer Bombe in einer Aktentasche ins israelische Außenministerium. Mitglieder der Cherut-

Partei gingen wieder in den Untergrund und gründeten Zellen, die Aktionen gegen die aus Deutschland eintreffenden Schiffe mit Warenlieferungen vorbereiteten.

Die verantwortlichen Politiker sahen die Lage nüchtern. Beide Seiten brauchten einander: Adenauer wollte ein Gespräch mit Israel beginnen, um die Verständigung mit den westlichen Staaten zu erleichtern; Israel brauchte Geld und Waren aus Deutschland, um Hunger und Elend abzuwenden und die Wirtschaft in Gang zu bringen. Adenauer und Ben Gurion wurden deshalb keine Freunde, sie respektierten einander. Sie spielten das Attentat nicht hoch, sondern maßen ihm demonstrativ keine Bedeutung zu. Die potentiellen Gefahren, die im Hintergrund lauerten, übersahen sie jedoch nicht. Das Risiko für Deutschland lag darin, daß Ermittler, womöglich mit einer Nazi-Vergangenheit, zu erfolgreich sein könnten. Die Gefahr für Israel war jedoch viel größer: Die Aktivisten der Cherut waren kampferprobte Leute, die gewohnt waren, ihre Ziele mit Bomben durchzusetzen, und die bereit waren, wieder in den Untergrund zu gehen. Vermutlich liegt in diesem zähen, viele Jahre anhaltenden Widerstand der Cherut der eigentliche Grund für Ben Gurions Haltung gegenüber Begin. In der Knesset ließ er keine Gelegenheit aus, ihn zu isolieren und bloßzustellen. Er drohte ihm sogar offen mit Strafverfolgung.

Vielleicht ist diese Haltung des Nicht-zur-Kenntnis-Nehmens der tiefere Grund der vorherrschenden Sprachlosigkeit der Historiker gegenüber diesem Attentat. Auch in Israel spricht man nicht gern über die Anschläge, wie der frühere deutsche Botschafter in Israel Niels Hansen weiß. In seinem Buch „Aus dem Schatten der Katastrophe. Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben Gurion“ gibt er immerhin eine kurze Darstellung der Ereignisse und der Proteste in Israel. So bleibt zu fragen, was es für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in den Jahren 1977 bis 1983 bedeutete, daß der amtierende Ministerpräsident Menachem Begin einem deutschen Bundeskanzler mehrere Bomben hatte schicken lassen.

Das Attentat auf Adenauer steht für die gescheiterte Politik eines Mannes, der 25 Jahre später Israels Ministerpräsident wurde und 1978 den Friedensnobelpreis erhielt. Menachem Begin starb am 9. März 1993.

Elieser Sudit lebt heute in der Nähe von Tel Aviv. Er hat es gegenüber dieser Zeitung abgelehnt, sich zu diesem Thema zu äußern. Mit einem Deutschen wolle er nicht sprechen.

Der Verfasser ist Journalist und lebt in Berlin. Sein Buch „Attentat auf Adenauer. Die geheime Geschichte eines politischen Anschlags“ erschien 2003 im Siedler Verlag.

Quelle: F.A.Z., 13.06.2006, Nr. 135 / Seite 8
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