24.01.2010 · In Malaysia wurden neun Kirchen mit Brandsätzen angegriffen. Auch in anderen asiatischen Ländern leben Christen gefährlich. Doch nicht nur Christen, auch Muslime, Buddhisten und Hindus sind in Asien Risiken ausgesetzt.
Von Jochen BuchsteinerNach den Anschlägen auf malaysische Kirchen werden nicht nur am Tatort Malaysia, sondern in vielen Teilen Asiens die jüngsten Angriffe auf christliche Gotteshäuser debattiert. Neun Kirchen wurden mit Brandsätzen angegriffen, darunter Malaysias ältestes Gotteshaus. Gerade Indonesien, Malaysias großer Nachbar im Süden, hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Erfahrungen gesammelt mit Angriffen fanatischer Muslime auf Kirchen.
In den beiden mehrheitlich muslimischen Staaten Südostasiens (das Sultanat Brunei fällt mangels Größe nicht ins Gewicht) bekennt sich etwa jeder Zehnte zum Christentum - ein Erbe der Kolonialzeit und ihrer Missionare. Schon warnen erste Stimmen, dass es auch in Indonesien zu Angriffen auf Christen kommen könnte. Dass dies - zumindest bislang - nicht geschehen ist, lässt sich aber auch als Zeichen dafür deuten, dass kein Flächenbrand zu befürchten ist. Zu unterschiedlich gestaltet sich die Lage der Christen in den Ländern Asiens.
Religionen, Ethnien und soziale Gegensätze
Auf den Philippinen und im kleinen Osttimor stellen die Christen die Mehrheit. In allen anderen Staaten der Region haben sie sich als Minderheiten unter recht verschiedenen Bedingungen eingerichtet. Bedrängt sind sie oft, aber mitnichten nur dort, wo Muslime den Takt angeben. Gefahren sehen sich Christen auch in Indien gegenüber, wo fanatische Hindus eine Hetzjagd begonnen haben. Schwer haben es Christen, vor allem Katholiken, aber auch in Vietnam und China und zunehmend in Kambodscha, wo ihre Freiheit von sozialistischen Regierungen eingeschränkt wird.
Leben Christen in Asien gefährlicher? Laut „Christian Safety Index“ tun sie dies. Das Ranking des Theologischen „Gordon-Conwell“-Seminars in den Vereinigten Staaten weist Asien den letzten Platz unter den Weltregionen zu. Verwundern kann dies kaum. Auf keinem anderen Kontinent prallen so viele Religionen, Ethnien und soziale Gegensätze aufeinander, und nirgendwo sind diese Faktoren derart miteinander verschränkt. Asien steht für Vielfalt und Harmonie wie für Abgrenzung und Gewalt. Es hat Europa und Amerika an Wirtschaftsdynamik überflügelt - und beherbergt zugleich die meisten Armen in der Welt.
Leben mit Risiken
Nicht nur Christen, auch andere Glaubensgemeinschaften in Asien leben mit Risiken. Buddhisten zittern im Süden Thailands vor muslimischen Aufständischen und im Norden Sri Lankas vor Racheakten tamilischer Hindus und Christen. Hindus müssen dort, wo sie (wie im indischen Teil Kaschmirs) in der Minderheit sind, ebenfalls auf der Hut sein. Auch Asiens Muslime kennen Angst. In Indien waren und sind sie Opfer von Angriffen, Anschlägen und sogar von Pogromen, hinter denen Hinduextremisten stehen. In Pakistan wiederum fürchten sich Muslime vor sich selbst, denn immer wieder töten sich Schiiten und Sunniten gegenseitig.
Kleinere Religionsgemeinschaften wie die Sikhs sehen sich ebenfalls zur Wachsamkeit gezwungen. In den achtziger Jahren, nachdem Premierministerin Indira Gandhi von einem ihrer Sikh-Leibwächter ermordet worden war, mussten Tausende sterben, nur weil sie Bart und Turban trugen. Nun fürchten sie sich abermals, denn die fanatischen Muslime Malaysias beschädigten nicht nur Kirchen, sondern auch einen Sikh-Tempel.
Auseinandersetzungen und Rechtsstreitigkeiten
Was die konservative islamische Gemeinde Malaysias (und eine opportunistische Regierung) so aufbringt, ist ein Gerichtsurteil, das Nichtmuslimen erlaubt, ihren Gott „Allah“ zu nennen. Im Grunde war dies nur die Bestätigung einer alten Praxis, denn „Bahasa Malay“ (in Indonesien wird dieselbe Sprache - „Bahasa Indonesia“ - gesprochen) ist die alte regionale Handelssprache der meist islamischen Seefahrer und kennt eine Reihe arabischer Vokabeln. Alle Malaysier und Indonesier bedienen sich ihrer, Muslime wie Christen, Hindus wie Buddhisten und Sihks.
Dass sich die Proteste überwiegend gegen Christen richten, mag auch mit dem Kläger zu tun haben, dem Malaysias High Court recht gab: dem „Herald“, einer katholischen Wochenzeitung. Anders als etwa die malaysischen Buddhisten, die überwiegend auf Chinesisch kommunizieren, erscheinen die meisten Zeitungen der Christen auf Englisch oder eben Bahasa.
Der für Außenstehende kaum nachvollziehbare Furor der malaysischen Muslime wird von diesen mit der Sorge begründet, das Wort Allah in einem nichtislamischen Umfeld könne ihre Glaubensbrüder „verwirren“ und zum Konvertieren verführen. Der Übertritt zu einer anderen Religion ist nach islamischem Recht verboten, auch wenn Malaysias Verfassung Religionsfreiheit garantiert. Immer wieder kommt es dieses Widerspruchs wegen zu Auseinandersetzungen und Rechtsstreitigkeiten.
Ein Austritt wird nicht geduldet
Der prominenteste Fall der jüngeren Vergangenheit dreht sich um Azlina Jailani, die sich Lina Joy nennt, seit sie sich zum Christentum bekennt. Ihr Bemühen, sich den Religionswechsel auch bescheinigen und den Eintrag „Muslima“ aus ihrem Pass zu entfernen zu lassen, scheiterte mehrmals vor Gericht. Als ethnische Malaiin, so das vorerst letzte Urteil, sei sie von Geburt an Muslima, weshalb ihr Begehren in die Zuständigkeit der Scharia-Gerichte falle. Diese wiederum dulden keinen Austritt aus dem Islam, womit sich Frau Joy in einen juristischen Knoten verstrickt fand, der bis heute nicht gelöst werden konnte.
Schon jenseits der Landesgrenze wäre ein solcher Fall undenkbar. In Indonesien, wo mehr als zehnmal so viele Menschen wie in Malaysia leben, sind Übertritte zum Christentum erlaubt. Professor Franz von Magnis-Suseno, einer der führenden katholischen Intellektuellen Indonesiens, will zwar nicht ausschließen, dass auch in seinem Land „Hardliner“ auf den malaysischen Zug aufspringen, aber die beiden großen Muslimorganisationen - die NU und die Muhammadiyah - haben schon Zurückhaltung signalisiert. Der Jesuitenpater erklärt sich die Überreaktion der malaysischen Nachbarn mit ihrem „Minderwertigkeitskomplex“. Malaysias Muslime, die nur eine knappe Mehrheit im Land stellen, seien sich ihrer Sache nicht sicher. Zudem litten sie darunter, dass sie trotz einer jahrzehntelangen Förderpolitik wirtschaftlich im Schatten der malaysischen Chinesen stünden.
„Wir haben hier keine Angst“
Von einer regionalen „Christenverfolgung“ will Magnis-Suseno, der seit den sechziger Jahren die Lage der asiatischen Katholiken beobachtet, nichts hören. Dies sei „stark übertrieben“. Auch in Indonesien gebe es Probleme, etwa bei der Genehmigung von Kirchenbauten, aber weder der Staat noch die islamische Gemeinschaft stelle die Existenzberechtigung der christlichen Gemeinde in Frage. „Wir haben hier keine Angst“, versichert er - im Gegensatz zu den Christen in Indien, wo es „brutaler“ zugehe.
Dort wurde unlängst traurige Bilanz gezogen. Allein für das vergangene Jahr zählte das „Evangelical Fellowship of India“ (Efi) 152 Gewalttaten gegen Christen und ihre Einrichtungen. Längst sind Angriffe auf Kirchen und Gemeinden nicht mehr auf den östlichen Bundesstaat Orissa beschränkt. Das Efi berichtete von Übergriffen im nördlichen Himachal Pradesh, im zentralindischen Madhya Pradesh und im westlichen Gujarat. Mehr als die Hälfte aller Gewaltakte wurden im Süden registriert, vor allem in Karnataka und Andhra Pradesh.
Religionswechsel als Befreiung
Die Zahl der Christen, die in den vergangenen zwei Jahren von radikalen Hindus getötet wurden, schwankt je nach Quelle und Schätzung zwischen 100 und 500. Zehntausende Christen flohen aus ihren Dörfern. Im vergangenen Herbst eskalierte die Lage derart, dass sich westliche Regierungen und Papst Benedikt XVI. einschalteten.
Bei allen Besonderheiten spielt auch in Indien der Religionswechsel eine Rolle. Wie im islamisch dominierten Teil Südostasiens erscheint manchen auf dem Subkontinent der Übertritt zum Christentum als Befreiung von religiösen und gesellschaftlichen Zwängen. Wo Muslime islamischer Aufsicht entkommen wollen, versuchen Hindus dem diskriminierenden Kastensystem zu entfliehen. Die „Dalits“, die in der indischen Hackordnung ganz unten stehen, konvertieren besonders oft.
Vorwand für Angriffe und Entführungen
Hinduorganisationen, aber auch offizielle Stellen bezweifeln nicht selten die Freiwilligkeit des Übertritts und kritisieren insbesondere die Praxis christlicher Missionare. Die Kirchen wiederum klagen über die Haltung mehrerer Bundesstaaten, insbesondere jener, die von der Indischen Volkspartei (BJP) regiert werden. Das Konvertierungsverbot, das in manchen Bundesstaaten gilt, diene radikalen Hindus als Vorwand für Angriffe und Entführungen, monierte das Efi in seinem Bericht.
Seit einigen Wochen ebbt die Gewaltwelle ab, und das neue Jahr begann sogar mit einem Hoffnungsschimmer. In Tamil Nadu startete der Wiederaufbau der im Sommer 2008 von Extremisten zerstörten Kapelle St. Anthony. Hindus und Muslime aus der Nachbarschaft unterstützten die Arbeiten und hätten gelegentlich schon vorbeigeschaut, versicherte Pfarrer Michael Raj der am Bau beteiligten Wohltätigkeitsorganisation „Aid to the Church in Need“ (ACN). Für alle Fälle gibt es dennoch eine Schutzmauer um das Gotteshaus.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
Jüngste Beiträge