25.11.2010 · Mit Ralf Meister hat die größte deutsche Landeskirche einen alerten und rhetorisch versierten Pfarrer an ihre Spitze gewählt. Der Berliner Generalsuperintendent wird neuer Landesbischof von Hannover und somit Nachfolger der im Februar zurückgetretenen Käßmann.
Von Reinhard BingenerDie zahlreichen Unkenrufe, die hannoversche Landeskirche werde keinen hinreichend befähigten Geistlichen finden, der den Mut aufbringt, sich den ständigen Vergleichen mit seiner Vorgängerin Margot Käßmann auszusetzen, haben sich nicht bewahrheitet: Mit Ralf Meister hat die größte deutsche Landeskirche am Donnerstag einen alerten und rhetorisch versierten Pfarrer an ihre Spitze gewählt.
Der Generalsuperintendent des Sprengel Berlin zählt zu den wenigen Köpfen im deutschen Protestantismus, die sich nicht scheuen, die Zukunftsfragen – oder hieße es nicht besser: Überlebensfragen? – der Kirchen offen zu benennen, statt das kirchliche Milieu in seiner Selbstbespiegelung gewähren zu lassen. Als Sprecher des Worts zum Sonntag und in seinem Berliner Sprengel versucht Meister gerade, auf die große Mehrheit der Kirchenmitglieder zuzugehen, die nicht in den Gemeinden aktiv ist – und das nicht durch Anbiederung, sondern mit ernsthaften, religiösen Fragen. Ein inneres Abfinden mit dem Berliner „Gewohnheits-Atheismus“ war für den gebürtigen Hamburger zu keinem Zeitpunkt eine Option.
Er beherrscht die Sprache des Kernmilieus
Nur auf den ersten Blick sind in der ländlich geprägten hannoverschen Kirche die Herausforderungen geringer: Angesichts der wieder einsetzenden Landflucht steht sie vor der Frage, wie die Kirche die flächendeckende Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament künftig gewährleisten will. Dass ihm diese Aufgabe am Herzen liegt, hat Meister bereits in einem Fernsehduell mit seinem Mitbewerber Wolfgang Gern deutlich gemacht. Die Landeskirche wird erleben, dass Meister über die Bereitschaft verfügt, zum Erreichen eines solchen Zieles alte Zöpfe abzuschneiden und dabei auch, wenn nötig, selbst zur Schere zu greifen. Denn von den Lobeshymnen auf Margot Käßmanns zweifellos reichlich vorhandenes Charisma wurde überdeckt, dass diese Eigenschaft bei ihr nicht besonders ausgeprägt war. Unter Kirchenfunktionären zählt diese Erkenntnis freilich nicht erst seit ihrem Rücktritt im Februar zum Gemeingut.
Dass Meister im zweiten Wahlgang am Donnerstag von 76 Synodalen 64 Ja-Stimmen und keine Gegenstimme erhielt, belegt aber auch, dass er die Sprache des Kernmilieus beherrscht. Dazu gehört es in Hannover, die Atompolitik der Kanzlerin abzulehnen, wie Meister es während seiner Bewerbung getan hat. Es dürfte der sicherste Weg sein, sich aus dem Rennen um das Bischofsamt in Hannover zu katapultieren, sich als Geistlicher in der Gorleben-Frage für nicht zuständig zu erklären. Doch braucht man Meister dabei keine Anbiederung zu unterstellen: Er ist in erster Linie ein Kirchenreformer und mitnichten ein Konservativer, der das geistliche Regiment strikt vom weltlichen trennt.
Eine Eigenart der hannoverschen Kirchenordnung besteht noch immer darin, dass ein Landesbischof mindestens bis zu seinem 68. Lebensjahr gewählt ist. Für Meisters Frau und seine drei Kinder lohnt sich folglich der Umzug – und ihr 48 Jahre alter Mann wird es voraussichtlich selbst erleben können, ob sein Wirken Frucht trägt oder nicht.
So so.
Holger Sulz (H._Sulz)
- 25.11.2010, 19:25 Uhr
Ja und wo bleibt Jesus?
Josef Bujtor (Mramorak)
- 25.11.2010, 19:25 Uhr