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Papstbesuch in Österreich „Die rastlose Gier nach Leben endet in der Öde des verlorenen Lebens“

09.09.2007 ·  Bei seinem Besuch in Österreich hat Papst Benedikt XVI. im Wallfahrtsort Mariazell und in Wien zu begeisterten Menschen gesprochen. Er machte den Gläubigen, den Priestern und Ordensleuten Mut, sich wider den Zeitgeist zu stellen.

Von Heinz-Joachim Fischer
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Der Besuch des Papstes prägt das öffentliche Leben in Österreich. Das Fernsehen hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Alle Auftritte Benedikts XVI. von der Ankunft am Freitagvormittag auf dem Wiener Flughafen bis zu seinem Abflug am Sonntagabend werden lückenlos auf dem 2. ORF-Kanal übertragen. Die langen Zeiten, in denen der Papst wegen der Fahrten oder den Kleider- und Bühnenwechseln nicht gezeigt wird, werden durch Gespräche und Informationen überbrückt. Wenn jedoch in Gottesdiensten die Liturgie das Schweigen vorschreibt, werden diese Minuten, die den Zuschauern Zeit zum eigenen Nachdenken geben könnten, geradezu gnadenlos mit dem Befragen von Experten gefüllt.

Vor dem Stephansdom in Wien, wo die großen Einkaufszeilen der Stadt, der Graben, die Kärntner Straße, zusammenkommen, stehen Riesenschirme zur Betrachtung des päpstlichen Ereignisses. Das Oberhaupt der Katholiken findet auch auf den Straßen Beachtung. Doch als Benedikt XVI. am Samstag in dem Wallfahrtsort Mariazell in den Bergen am Ziel seiner Pilgerfahrt bei der „Gnadenstatue Unserer Lieben Frau“ angekommen ist, ist die Wirklichkeit außerhalb des festlichen Platzes ganz anders. Mühelos übersehen die eiligen Käufer und gelangweilten Touristen die päpstliche Gegenwart. Ihr Interesse streift ziellos vorbei. Das Leben geht weiter, mit oder ohne Papst. Auch im 1. ORF-Programm.

Häufig Zeit und Gelegenheit für persönliche Worte

Am Sonntag in Wien wechselt die Szene wieder. Da steht in der Kathedrale und außen herum eine gläubige Gemeinde, wohnt mit Andacht dem heiligen Geschehen am Altar bei, lauscht gebannt den Worten des Papstes – vorgetragen mit dieser sanften, gänzlich unaufgeregten, wenig modulierenden und dennoch nicht einschläfernden, seit dem Amtsantritt im April vor zweieinhalb Jahren unverkennbaren Stimme. Das Wissen über die Bedeutung des Theologen ist in der Hauptstadt greifbarer als weitab davon. Also ist die Öffentlichkeit hellhörig für die Worte des Mannes im weißen Gewand und mit dem freundlichen Lächeln, der in Wien so häufig Zeit und Gelegenheit findet für ein paar persönliche Worte mit diesem und jenem Bekannten.

Der Papst scheut sich auch nicht, Nichtchristen zu zitieren. So als er am Samstagabend in der Wiener Hofburg vor österreichischen Politikern, dem Diplomatischen Korps, Vertretern von internationalen Organisationen und der Kultur, vor Christen, Anders- und Nichtglaubenden, ausführlich den deutschen Philosophen Jürgen Habermas zitiert: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden.

Europa hat eine einmalige Verantwortung

Diese Botschaft ist für einen Papst selbstverständlich, doch nicht für den Theologen Joseph Ratzinger. Als dieser – 1927 in Marktl am Inn geboren und nicht weit von der österreichischen Grenze aufgewachsen, ein 31 Jahre alter Theologieprofessor war – wurde in dem Wiener Kaffeehaus „Prückel“ am Stubenring der „Winter“ für Religion, Christliches und Kirche ausgerufen, von dem deutschen Schriftsteller Reinhold Schneider; „im ermattenden Schein der Lampen“, wie er kurz vor seinem Tod in seinem Buch „Winter in Wien“ schrieb. Der Katholizismus deutscher Sprache war erschüttert. Ermattung und Untergang sah man voraus, sogar das Ende der Volkskirche, eine „Eiszeit“ für das Christentum. Um dies zu vermeiden, sannen viele Katholiken auf Neues, auch auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965). Ratzinger hielt unbeirrt an der Vitalität des Christlichen fest, war der Meinung, kleine Korrekturen anzubringen, aber ansonsten auf die Lehren der Christenheit zu vertrauen.

So erinnert jetzt der 80 Jahre alte Papst Europa an dessen universale Schätze aus den Wurzeln der vielgestaltigen Vergangenheit. Da sprach er, wenn auch wegen einer leichten Erkältung zuweilen mit leicht heiserer Stimme, nicht von drohendem Untergang Europas, sondern vom Zukunftswillen: „Aus der Einmaligkeit seiner Berufung erwächst Europa eine einmalige Verantwortung in der Welt. Dazu darf es sich vor allem selbst nicht aufgeben. Der demographisch rapide alternde Kontinent soll nicht ein geistig alter Kontinent werden. Europa wird seiner selbst auch dann besser gewiss werden, wenn es eine seiner einzigartigen geistigen Tradition, seinen außerordentlichen Fähigkeiten und seinem großen wirtschaftlichen Vermögen angemessene Verantwortung in der Welt übernimmt.“

Ohne Wahrheit gibt es kein Gut und Böse

In Wien hat Benedikt eine kurze Marien-Theologie vorgetragen, an der auch der protestantische Reformator Martin Luther nichts auszusetzen hätte, weil darin das Leitthema der päpstlichen „Pilgerfahrt“ bekräftigt wird: „Auf Christus schauen!“ In Mariazell, dem Wallfahrtsort im Norden der Steiermark, in dem seit 850 Jahren eine Marienstatue von Christen aus Österreich, Ungarn und den benachbarten slawischen Völkern verehrt wird, spricht der Papst während der Vesperfeier den Priestern und Ordensleuten Mut zu. Er wendet sich gegen eine weit verbreitete Resignation gegenüber der Wahrheit, die „der Kern der Krise des Westens, Europas ist. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig.“

Benedikt weiß, dass seine Kirche gegen den Zeitgeist angehen muss. „Ihr gebt Zeugnis für einen Sinn, der in der schöpferischen Liebe Gottes wurzelt und sich gegen allen Unsinn und alle Verzweiflung stellt. Ihr steht an der Seite jener, die um diesen Sinn ringen, an der Seite all derer, die dem Leben eine positive Gestalt geben möchten. Damit steht ihr auf der Seite aller, deren Rücken gekrümmt ist durch drückende Schicksale und die von ihren Lastkörben nicht mehr loskommen. Ihr steht auf der Seite jener, die nie Liebe erfahren haben, die an das Leben nicht mehr zu glauben vermögen. Ihr steht so gegen die vielfältigen Weisen von versteckter und offener Ungerechtigkeit wie gegen die sich ausbreitende Menschenverachtung“, sagt er zu den Priestern und Ordensleuten. Der Verzicht auf Geld, Sex und Macht, wie er von der Kirche als Armut, Keuschheit und Gehorsam gefordert wird, bedeute, so der Papst, eine Absage an Eigennutz und Selbstinteresse, erliege nicht der Illusion einer Selbstverwirklichung. Und im Wiener Stephansdom setzt er fort: „Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens.“

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